„Zusätzliche Verwirrung zur bereits herrschenden Verwirrung“ zu Amoris laetitia

Rocco Buttigliones neues Buch mit einem Vorwort von Kardinal Gerhard Müller, das noch "zusätzliche Verwirrung zur bereits herrschenden Verwirrung hinzufügt".
Rocco Buttigliones neues Buch mit einem Vorwort von Kardinal Gerhard Müller, das noch "zusätzliche Verwirrung zur bereits herrschenden Verwirrung hinzufügt".

Von Rober­to de Mattei*

Prof. Roc­co But­tiglio­ne schlägt sich seit Mona­ten mit den Kri­ti­kern von Amo­ris lae­ti­tia, um den Inhalt des nach­syn­oda­len Schrei­bens von Papst Fran­zis­kus zu recht­fer­ti­gen. Nun hat er sei­ne Arti­kel in einem Buch mit dem Titel „Ris­po­ste ami­che­vo­li ai cri­ti­ci dell’Amoris lae­ti­tia“ (Freund­schaft­li­che Ant­wor­ten an die Kri­ti­ker von Amo­ris lae­ti­tia) und einem uner­war­te­ten Vor­wort von Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler ver­öf­fent­licht.

Andrea Tor­ni­el­li hat bei Vati­can Insi­der vor­ab grö­ße­re Aus­zü­ge die­ses Vor­wor­tes abge­druckt, das zusätz­li­che Ver­wir­rung zur bereits herr­schen­den Ver­wir­rung hin­zu­fügt. Der ehe­ma­li­ge Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on hat­te im Gegen­satz zu Prof. But­tiglio­ne immer eine gewis­se Sym­pa­thie für die vier Kar­di­nä­le der Dubia (Zwei­fel) gezeigt, ist aber der Mei­nung, daß es zur „Neu­tra­li­sie­rung“ von Amo­ris lae­ti­tia bes­ser sei, die­ses Doku­ment in der Kon­ti­nui­tät des kirch­li­chen Lehr­am­tes zu lesen, als es offen zu kri­ti­sie­ren. Um den offen­sicht­li­chen Wider­spruch zwi­schen Amo­ris lae­ti­tia und den kirch­li­chen Dog­men zum Ehe‑, Altar- und Buß­sa­kra­ment zu erklä­ren, macht sich der Kar­di­nal die Grund­the­se von Roc­co But­tiglio­ne zu eigen, die die­ser in zwei Zei­len zusam­men­faßt:

„Wor­um es geht, ist eine objek­ti­ve Situa­ti­on der Sün­de, die auf­grund von mil­dern­den Umstän­den sub­jek­tiv nicht ange­rech­net wird.“

Das Pro­blem sei nicht die Objek­ti­vi­tät des Moral­ge­set­zes, son­dern die „Zure­chen­bar­keit“ des Sün­ders, bzw. die sub­jek­ti­ve Ver­ant­wort­lich­keit für sei­ne Hand­lun­gen. Der Aus­gangs­punkt der Über­le­gung ist eine bekann­te mora­li­sche Wahr­heit, laut der es für die mora­li­sche Zure­chen­bar­keit einer Hand­lung not­wen­dig ist, daß das Sub­jekt wis­sent­lich und frei gehan­delt hat, also bei vol­lem Bewußt­sein und mit wil­lent­li­cher Zustim­mung. Der Ankunfts­punkt aber, der die­se Wahr­heit in einen Sophis­mus ver­wan­delt, besteht dar­in, daß die Umstän­de die Ver­ant­wort­lich­keit des­sen, der sich im Stand der schwe­ren Sün­de befin­det, annul­lie­ren könn­te. Und in der Tat kön­nen wir, laut But­tiglio­ne, jene wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen nicht für „zure­chen­bar“, also schul­dig hal­ten, die ihre Lebens­si­tua­ti­on ändern möch­ten, es aber wegen einer kon­kre­ten Situa­ti­on nicht kön­nen, die ihre Hand­lun­gen bedin­ge und eine freie und bewuß­te Ent­schei­dung unmög­lich mache. Eben­so­we­nig kön­ne von ihnen ver­langt wer­den, daß sie wie Bru­der und Schwe­ster zusam­men­le­ben, weil das ver­hee­ren­de psy­cho­lo­gi­sche Fol­gen für das Paar und für ihre Kin­der haben könn­te. In einem sol­chen Fall sei es not­wen­dig, klu­ge „Unter­schei­dung“ zu üben, und die „Barm­her­zig­keit“ soll­te so weit gehen, den Zusam­men­le­ben­den den Zugang zum Sakra­ment der Eucha­ri­stie zu gewäh­ren, auch wenn ihre irre­gu­lä­re Situa­ti­on nicht alle Bedin­gun­gen des Moral­ge­set­zes erfüllt.

Um eine Spitz­fin­dig­keit han­delt es sich des­halb, weil die­se Über­le­gung nichts mit der katho­li­schen Leh­re über die Zure­chen­bar­keit der Hand­lun­gen zu tun hat, son­dern sich von der „Situa­ti­ons­ethik“ her­lei­tet, die von Pius XII. und von Johan­nes Paul II. wie­der­holt ver­ur­teilt wur­de:

„Das Unter­schei­dungs­merk­mal die­ser Moral besteht dar­in, daß sie sich in kei­ner Wei­se auf das all­ge­mei­ne Moral­ge­setz stützt wie zum Bei­spiel die Zehn Gebo­te, son­dern auf rea­le und kon­kre­te Bedingt­hei­ten und Umstän­de, unter denen man han­deln muß, und denen ent­spre­chend das indi­vi­du­el­le Gewis­sen urtei­len und ent­schei­den muß; die­ser Zustand der Din­ge ist ein­ma­lig und gilt nur ein ein­zi­ges Mal für jede ein­zel­ne mensch­li­chen Hand­lung. Des­halb kann die Gewis­sens­ent­schei­dung, behaup­ten jene, die die­se Ethik ver­tre­ten, nicht durch Ideen, Grund­sät­ze und all­ge­mei­ne Geset­ze bestimmt wer­den“ (Anspra­che an die Teil­neh­mer des Kon­gres­ses der Katho­li­schen Welt­fö­de­ra­ti­on der weib­li­chen Jugend, 18. April 1952).

Die „vol­le Acht­sam­keit“ bedeu­tet gemäß katho­li­scher Moral nicht das ein­deu­ti­ge und aus­drück­li­che Bewußt­sein, daß man mit der eige­nen Hand­lung Gott auf schwer­wie­gen­de Wei­se belei­digt. Wenn die­ses Bewußt­sein gege­ben wäre, wür­de zur Sün­de auch noch die Bos­heit hin­zu­kom­men. Um eine Tod­sün­de zu bege­hen, genügt es, einem Ver­hal­ten zuzu­stim­men, das sich in einem schwer­wie­gen­den Bereich dem Gött­li­chen Gesetz wider­setzt (Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, Erklä­rung Per­so­na huma­na, 29. Dezem­ber 1975, Nr. 10). Jeder Mensch hat die Pflicht, zu ken­nen, was für sein See­len­heil not­wen­dig ist. Die Unwis­sen­heit über grund­le­gen­de, ethi­sche Wahr­hei­ten recht­fer­tigt nicht die Sün­de, son­dern stellt selbst bereits eine Sün­de dar. Des­halb sag­te Johan­nes Paul II.:

„Man fin­det die Wahr­heit nicht, wenn man sie nicht liebt; man ver­steht die Wahr­heit nicht, wenn man sie nicht ver­ste­hen will“ (Gene­ral­au­di­enz, 24. August 1983, Nr. 2).

Seit unvor­denk­li­cher Zeit hat das Lehr­amt die Behaup­tung ver­ur­teilt:

„Allem, was durch Unwis­sen­heit geschieht, ist kei­ne Schuld zuzu­schrei­ben“ (Syn­ode von Sens, 2. Juni 1140, Irr­tü­mer des Peter Abael­ard, Den­zin­ger-Hüner­mann, 730).

Die Zurech­nungs­un­fä­hig­keit, ob teils oder ganz, redu­ziert sich damit auf sel­te­ne Fäl­le wie Trun­ken­heit oder eine ähn­lich gear­te­te Gei­stestrü­bung ohne Ver­nunft­ge­brauch (Demenz, psy­chi­sche Krank­hei­ten, Hyp­no­se, Schlaf oder Schlaf­wan­del). In die­sen Fäl­len feh­len die Vor­aus­set­zun­gen für einen frei­en Wil­lens­akt, weil die Per­son kei­ne wirk­li­che Kon­trol­le mehr über die Hand­lun­gen sei­nes Intel­lekts oder sei­nes Wil­lens besitzt.

Was hin­ge­gen die wil­lent­li­che Zustim­mung betrifft, um unse­ren Hand­lun­gen einen mora­li­schen Cha­rak­ter zuzu­spre­chen, genügt eine unvoll­kom­me­ne Zustim­mung. Alle unse­re Hand­lun­gen wer­den auf ver­schie­de­ne Wei­se durch exter­ne Din­ge bedingt (Erzie­hung, Umwelt, sozia­le Struk­tu­ren), so wie sie auch von gene­ti­schen Fak­to­ren oder den Lebens­wan­del (Tugen­den, Laster) bestimmt wer­den. Jede Hand­lung, die nicht durch phy­si­sche Gewalt erzwun­gen wur­de, und wo zumin­dest eine teil­wei­se Kennt­nis des Natur­rech­tes vor­han­den ist, ist als vor­sätz­lich und zure­chen­bar ein­zu­stu­fen. Die mora­li­sche Gewalt (die zum Bei­spiel durch Mas­sen­me­di­en oder durch die Ver­brei­tung von unmo­ra­li­schen Ver­hal­tens­mo­del­len aus­ge­übt wird) besei­tigt nicht die Frei­wil­lig­keit der Hand­lung, weil die wil­lent­li­che Zustim­mung durch kei­ne dem Wil­len frem­de, äuße­re Kraft bestimmt wer­den kann. Damit vol­le Zustim­mung gege­ben ist, genügt es, daß der Wil­le, unab­hän­gig von den Bedingt­hei­ten, die Hand­lung will. Der Wil­lens­akt erfolgt inner­lich und kann nie gezwun­gen wer­den (Ramón Garcà­a de Haro, La vita cri­stia­na. Cor­so di teo­lo­gia mora­le fon­da­men­ta­le, Ares, Mai­land 1995, S. 253).

Die wirk­li­che mora­li­sche Unter­schei­dung erfor­dert zudem eine objek­ti­ve Norm für die Bewer­tung. Des­halb ist für das Urteil über die Mora­li­tät einer Hand­lung, wie ein ande­rer, bekann­ter Moral­theo­lo­ge anmerk­te, vom Objekt und nicht vom Sub­jekt aus­zu­ge­hen (Joseph Maus­bach, Katho­li­sche Moral­theo­lo­gie, Bd. 2, 10. Aufl., Mün­ster 1954). Für die Güte einer Hand­lung ist aus­schlag­ge­bend, ob sie dem Moral­ge­setz in drei­fa­cher Hin­sicht ent­spricht, die zusam­men eine untrenn­ba­re Ein­heit bil­den: Objekt, Umstand, Zweck. Damit eine Hand­lung als unmo­ra­lisch zu betrach­ten ist, genügt es, daß eines die­ser drei Ele­men­te nach dem Grund­satz bonum ex inte­gra cau­sa, malum ex quo­cum­que defec­tu (Sum­ma theo­lo­già¦, I‑IIae, q. 18, a. 4, ad 3) schlecht ist. Die geschicht­li­chen oder sozia­len Umstän­de kön­nen die Mora­li­tät einer schlech­ten Hand­lung erschwe­ren oder mil­dern, aber nicht die ihr inne­woh­nen­de Bos­heit ver­än­dern, außer man wür­de grund­sätz­lich die Exi­stenz von Hand­lun­gen leug­nen, die in sich selbst schlecht sind.

Veri­ta­tis sple­ndor bekräf­tigt die Exi­stenz einer „mora­li­schen Abso­lut­heit“, wäh­rend Amo­ris lae­ti­tia sie, ohne sie zu leug­nen, fak­tisch bedeu­tungs­los macht, indem die mora­li­sche Bewer­tung der mensch­li­chen Hand­lun­gen einer Unter­schei­dung über­las­sen wird, die das Moral­ge­setz dem Gewis­sen des Sub­jekts unter­ord­net, und damit jede Hand­lung und jede Situa­ti­on für in sich ein­zig­ar­tig und unwie­der­hol­bar erklärt:

„Im Hin­blick auf die sitt­li­chen Nor­men, die das in sich Schlech­te ver­bie­ten, gibt es für nie­man­den Pri­vi­le­gi­en oder Aus­nah­men“ (Veri­ta­tis sple­ndor, 96).

Die Befol­gung des Moral­ge­set­zes kann Schwie­rig­kei­ten, Äng­ste, Furcht und inne­re Kon­flik­te bedeu­ten. In die­sen Fäl­len umge­hen in der Kir­chen­ge­schich­te die wirk­li­chen Chri­sten das Moral­ge­setz nicht durch Schleich­we­ge einer „nicht Anre­chen­bar­keit“, son­dern neh­men die unbe­sieg­ba­re Hil­fe der Gna­de in Anspruch – ein Wort, das den Ver­tei­di­gern von Amo­ris lae­ti­tia unbe­kannt scheint.

Als vom hei­li­gen Tho­mas Morus ver­langt wur­de, den Ehe­bruch Hein­richs VIII. anzu­er­ken­nen, hät­te der Druck, der durch sei­ne Fami­lie, durch sei­ne Freun­de und durch den König auf ihn aus­ge­übt wur­de, ihn dazu drän­gen kön­nen, sich auf eine nicht Zure­chen­bar­keit sei­ner Apost­asie zu beru­fen. Er wähl­te aber wie die Chri­sten der ersten Jahr­hun­der­te den Weg des Mar­ty­ri­ums. Die­sen Weg skiz­ziert die Enzy­kli­ka Veri­ta­tis sple­ndor mit fol­gen­den Wor­ten:

„Die Mär­ty­rer und, im wei­te­ren Sin­ne, alle Hei­li­gen der Kir­che erleuch­ten durch das bered­te und fas­zi­nie­ren­de Bei­spiel eines ganz von dem Glanz der sitt­li­chen Wahr­heit umge­form­ten Lebens jede Epo­che der Geschich­te durch das Wie­der­be­le­ben des sitt­li­chen Emp­fin­dens. Durch ihr her­vor­ra­gen­des Zeug­nis für das Gute sind sie ein leben­di­ger Vor­wurf für all jene, die das Gesetz über­schrei­ten (vgl. Weish 2, 12 ), und las­sen in stän­di­ger Aktua­li­tät die Wor­te des Pro­phe­ten neu erklin­gen: »Weh euch, die ihr das Böse gut und das Gute böse nennt, die ihr die Fin­ster­nis zum Licht und das Licht zur Fin­ster­nis macht, die ihr das Bit­te­re süß macht und das Süße bit­ter« (Jes 5, 20)“.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Edi­zio­ni Ares (Screen­shot)