Pierre Chaunu – Die demographische Rückeroberung und der jakobinische Völkermord

Pierre Chaunu, Historiker und Demograph, der als einer der Ersten Europa vor den Gefahren des demographischen Niedergangs warnte.
Pierre Chaunu, Historiker und Demograph, der als einer der Ersten Europa vor den Gefahren des demographischen Niedergangs warnte.

von Mar­co Respin­ti*

Es gibt in der uni­ver­si­tä­ren Welt des heu­ti­gen Frank­reichs eine Kon­stan­te. Bestimm­te, nam­haf­te Demo­gra­phen waren oder sind auch renom­mier­te Histo­ri­ker sowohl im aka­de­mi­schen Sinn des Wor­tes als auch in einem wei­te­ren, aber des­halb nicht weni­ger ernst­zu­neh­men­den Sinn. Das gilt vor allem für Alfred Sau­vy, der 1952 den Begriff „Drit­te Welt“ präg­te, indem er eine ande­re berühm­te Wort­schöp­fung para­phra­sier­te, der„Dritte Stand“, die vom jako­bi­ni­schen Abbé Emma­nu­el-Joseph Siey­ès erfun­den wor­den war. Sau­vy, nach dem im 15. Pari­ser Arron­dis­se­ment ein Platz benannt ist, war der Mann, den Gene­ral Charles de Gaul­le als Mini­ster für die Fami­lie und die Bevöl­ke­rung haben woll­te, und den er 1945 zum Direk­tor des neu­errich­te­ten Insti­tut natio­nal d’é­tu­des démo­gra­phi­ques (Ined, Natio­nal­in­sti­tut für Demo­gra­phi­sche Stu­di­en) mach­te, und der Frank­reich in der Sta­ti­stik­kom­mis­si­on der Ver­ein­ten Natio­nen (STATCOM) ver­trat. Eben­so Gérard-Fran­çois Dumont, Jahr­gang 1948, Spe­zia­list für „Human­geo­gra­phie“ sowie Begrün­der einer neu­en aka­de­mi­schen Dis­zi­plin, der „Poli­ti­schen Demo­gra­phie“, die sich auf die Geo­po­li­tik der Bevöl­ke­rung stützt. Und schließ­lich der gro­ße Pierre Chau­nu.

Joseph de Maistre: "contre-révolution" (Gegen-Revolution)
Joseph de Maist­re: „cont­re-révo­lu­ti­on“ (Gegen-Revo­lu­ti­on)

Eine zwei­te Kon­stan­te, die Demo­gra­phen-Histo­ri­ker-Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler-Geo­gra­phen eint, ist ihre offe­ne und unver­blüm­te Zuge­hö­rig­keit zu einer kon­ser­va­ti­ven Kul­tur, aus der sie kein Geheim­nis mach(t)en. Gemeint ist nicht eine Zuge­hö­rig­keit ein­fach nur zur Rech­ten des libe­ra­len Kon­for­mis­mus, wie es in Frank­reich, aber auch anders­wo häu­fig der Fall ist, son­dern eine umfas­sen­de Welt­sicht, die ihre Geg­ner so schnell als mög­lich aus­lö­schen möch­ten, indem sie sie als „Reak­ti­on“ abstem­peln. Der grand père Joseph de Maist­re nann­te sie „cont­re-révo­lu­ti­on“ (Gegen-Revo­lu­ti­on). Er mein­te damit nicht eine Revo­lu­ti­on unter umge­kehr­ten Vor­zei­chen, son­dern das Gegen­teil der Revo­lu­ti­on. Er dach­te dabei natür­lich an die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on, mein­te aber auch alle ihre Töch­ter. Genau dar­auf beru­fen sich, mehr oder weni­ger direkt, die Sau­vys, die Dumonts und die Chau­nus (die zu den Ersten gehör­ten, die bereits vor Jahr­zehn­ten mit dem Fin­ger auf das schwar­ze Loch zeig­ten, das durch die gebur­ten­feind­li­che Poli­tik des kom­mu­ni­sti­schen Chi­nas auf­ge­ris­sen wur­de), was ihnen als Fran­zo­sen, ja sogar gro­ße Fran­zo­sen, nicht wenig an Lei­den abver­langt haben dürf­te. Die Wahr­heit for­dert aber ihren Tri­but, und die Wis­sen­schaft steht dabei ganz vor­ne.

Pierre Chau­nu ist am 22. Okto­ber 2009 in Caen im Cal­va­dos in der Nor­man­die gestor­ben. Er wur­de am 17. August 1923 in Bel­le­vil­le-sur-Meu­se in Loth­rin­gen gebo­ren, andert­halb Kilo­me­ter vom furcht­ba­ren Schlacht­feld von Ver­dun ent­fernt. Seit sei­ner Jugend wur­de er stark von der histoire évé­ne­men­ti­el­le von Fer­nand Brau­del und der Pari­ser Anna­les-Schu­le geprägt, die von Luci­en Feb­v­re und Marc Bloch gegrün­det wor­den war. Sie ver­stan­den es wie kaum ande­re, die Rol­le des mate­ri­el­len Lebens der Men­schen in das Stu­di­um der Geschich­te ein­zu­füh­ren, und das auch mit Blick auf demo­gra­phi­sche und wirt­schaft­li­che Aspek­te, aber auch Sit­ten. So gelang es Chau­nu, Jahr um Jahr, Gesamt­schau­en und Exper­ti­sen über Spa­ni­s­ch­ame­ri­ka und das sozia­le und reli­giö­se Leben vom 16. – 18. Jahr­hun­dert zu erstel­len, der Zeit zwi­schen pro­te­stan­ti­scher Refor­ma­ti­on und katho­li­scher Erneue­rung, zwi­schen Tra­di­ti­on und Auf­klä­rung, die noch heu­te kaum Riva­len haben. Nach­dem er ab 1948 an der Éco­le des Hau­tes Étu­des His­pa­ni­ques ange­nom­men wur­de, konn­te er bis 1951 sei­ne erste Lie­be, durch ein Leben zwi­schen Madrid und Sevil­la, direkt ver­tie­fen.

Centre de recherche d'histoire quantitative
Cent­re de recher­che d’hi­stoire quan­ti­ta­ti­ve

Ab 1951 unter­rich­te­te er am Lycée Jules Miche­let von Van­ves. 1956 erreich­te ihn der Ruf an die Facul­té des lettres von Paris. Par­al­lel war er bis 1959 Atta­ché de recher­che am Cent­re natio­nal de la recher­che sci­en­ti­fi­que (CNRS). Das Ergeb­nis sei­ner For­schun­gen, sei­ne monu­men­ta­le Dis­ser­ta­ti­on Sévil­le et l’Atlantique (1504–1650), ver­öf­fent­lich­te er zwi­schen 1955 und 1960 in zwölf Bän­den. Damit ver­än­der­te er die Geschichts­schrei­bung in die­sem Bereich für immer. 1960 habi­li­tier­te er bei Fer­nand Brau­del und erhielt 1962 eine Pro­fes­sur in Caen. Zwi­schen Sozi­al­wis­sen­schaf­ten und Wirt­schaft, zwi­schen Infor­ma­tik und Sta­ti­stik ange­sie­delt, grün­de­te er dort 1966 das Cent­re de recher­che d’hi­stoire quan­ti­ta­ti­ve (CRHQ), und zwar nach einer prä­zi­sen Vor­stel­lung vom Men­schen und sei­nen Din­gen, denn er sag­te:

„Die Geburts­gra­phi­ken erschei­nen mir mit Sicher­heit pro­phe­ti­scher als alle Trends des Dow Jones.“

Radio Courtoisie
Radio Cour­toi­sie

1970 wur­de er Pro­fes­sor für Geschich­te der Neu­zeit an der Sor­bon­ne (Paris IV). 1982 erfolg­te sei­ne Auf­nah­me in die Aca­dé­mie des sci­en­ces mora­les et poli­ti­ques.

Seit den 80er Jah­ren schrieb er regel­mä­ßig im Le Figa­ro. Von 1994 – 2005 mode­rier­te er wöchent­lich die Sen­dung Les mar­dis de la mémoi­re bei Radio Cour­toi­sie „dem Radio Maria der fran­zö­si­schen Rech­ten“. (Radio Cour­toi­sie ent­stand 1987 als Nach­fol­ge­sen­der von Radio Soli­da­ri­té, das 1981 von Ber­na­det­te d’An­ge­vil­liers und Phil­ip­pe Mal­aud, bei­de Mini­ster unter De Gaul­le und Pom­pi­dou, nach dem Wahl­sieg von Fran­çois Mit­ter­rand gegrün­det wor­den war, um dem sozia­li­sti­schen Ein­fluß ent­ge­gen­zu­tre­ten.) Ein Sen­der, der in sei­ner Spra­che aus­rei­chend frank und frei und (laut Eigen­an­ga­be) offen für die gesam­te Rech­te ist, sich aber auf kul­tu­rel­ler Ebe­ne immer streng rechts vom Front Natio­nal posi­tio­nier­te. Ein Radio, das fähig ist zu einem Info­tain­ment auf hohem Niveau, das bekann­ten Namen anver­traut wur­de wie dem fran­ko­pho­nen Histo­ri­ker von Über­see Ber­nard Lug­an, dem „öster­rei­chi­schen“ Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler Jac­ques Garel­lo, dem Histo­ri­ker der Neu­zeit Jean-Paul Bled, dem Maler Phil­ip­pe Lejeu­ne (Bru­der des bekann­te­ren Jero­me Lejeu­ne, den Pro-Life-Grün­der der moder­nen Gene­tik) und natür­lich unse­rem Chau­nu.

Chaunu: Die verhütete Zukunft (1981)
Chau­nu: Die ver­hü­te­te Zukunft (1981)

Sei­ne Bücher waren inzwi­schen zur Legi­on ange­wach­sen. Les Phil­ip­pi­nes et le Paci­fi­que des ibé­ri­ques (Sev­pen, 2 Bd., 1960–1966); La civi­li­sa­ti­on de l’Europe clas­si­que (Art­haud, Paris 1966); L’Espagne de Charles Quint (Sedes, Paris, 2 Bd. 1973); Démo­gra­phie histo­ri­que et système de civi­li­sa­ti­on (EFR, Rom 1974); Le temps des Réfor­mes (Fay­ard, Paris 1975); De l’histoire à  la pro­spec­ti­ve (Laf­font, Paris 1975); Histoire quan­ti­ta­ti­ve, histoire séri­el­le (Colin, Paris 1978); Histoire et ima­gi­na­ti­on. La tran­si­ti­on (PUF, Paris 1980); Histoire et déca­dence (Per­rin, Paris 1981); Apo­lo­gie par l’histoire (Å’il, Paris 1988); Charles Quint (con Michè­le Esca­mil­la, Fay­ard, Paris 2000) sind nur eini­ge sei­ner bekann­te­sten Titel. Nur weni­ge Arbei­ten Chau­nus sind auch auf deutsch erschie­nen. In meh­re­ren Auf­la­gen ab 1968 sei­ne mehr als 800 Sei­ten umfas­sen­de, von Alfred P. Zel­ler über­setz­te Gesamt­dar­stel­lung „Euro­päi­sche Kul­tur im Zeit­al­ter des Barock“. Zu nen­nen sind aber vor allem die von Her­mann Kuste­rer über­setz­ten Bücher: 1996 „Der Mensch“ im Zür­cher The­sis Ver­lag; „Die Wur­zeln der Frei­heit“ 1982 bei Uni­ver­si­tas und nicht zuletzt 1981 „Die ver­hü­te­te Zukunft“ bei See­wald und „Die wei­ße Pest. Ist der Selbst­mord des Westens noch zu ver­hin­dern?“ bei Nes­ke. Der heu­te 86 Jah­re alte Her­mann Kuste­rer war als Chef­dol­met­scher im Aus­wär­ti­gen Amt „das Ohr und die Stim­me von Kon­rad Ade­nau­er und Charles de Gaul­le“ (Gene­ral-Anzei­ger).

Vor allem sein Buch L’Ex­pan­si­on euro­péen­ne du XIIIe et XVe siè­cles (Paris. 1969) ver­mit­telt die Idee von einem Euro­pa auf hoher See, zunächst mit den Kara­vel­len des Zufalls eines Chri­stoph Kolum­bus, aber auch der „Vor­se­hung“, wie Chau­nu in sei­nem Buch Colomb ou la logi­que de l’imprévisible (Paris 1993) beton­te, dann mit Tau­sen­den von ande­ren Schif­fen spa­ni­scher, por­tu­gie­si­scher, fran­zö­si­scher, nie­der­län­di­scher, eng­li­scher Pro­ve­ni­enz, den Bug fest nach Westen gerich­tet, mit Kurs auf Ame­ri­ka. Und von dort mit einem wei­te­ren Sprung dar­über hin­aus in einen noch fer­ne­ren Westen, unse­ren Osten, über den sie nach einer Welt­um­se­ge­lung wie­der zurück­kehr­ten.

L'expansion européenne (Erstausgabe 1969)
L’ex­pan­si­on euro­péen­ne (1969)

Auf dem Weg mach­ten sie Begeg­nun­gen, kämpf­ten, evan­ge­li­sier­ten und – ja – sie haben auch ver­west­licht. Chau­nu stellt, als Pio­nier in sei­nem Fach, den gan­zen Pio­nier­geist eines Abend­lan­des dar, das für ihn nicht nur ein geo­gra­phi­sches Kon­zept war, son­dern auch die geo­gra­phi­sche und vor allem kul­tu­rel­le Aus­deh­nung jenes „Kon­ti­nents sui gene­ris“ mein­te, der Euro­pa ist und der wesent­lich aus einem Ethos besteht, wie Papst Johan­nes Paul II. sag­te.

Chau­nu fühl­te sich daher ganz zu Hau­se zwi­schen päpst­li­chen Intui­tio­nen, legi­ti­mi­sti­schen Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren und poli­ti­schen und kul­tu­rel­len, katho­li­schen Krei­sen. Außer­ge­wöhn­lich, denn er selbst war nicht ein­mal Katho­lik. Chau­nu war Huge­not­te, Ange­hö­ri­ger jener ein­fluß­rei­chen Min­der­heit fran­zö­si­scher Cal­vi­ni­sten, die wahr­schein­lich vie­le nur mit der tra­gi­schen Bar­tho­lo­mä­us­nacht in Ver­bin­dung brin­gen. Chau­nu war in Cours­eul­les-sur-Mer im Cal­va­dos sogar Lai­en­pre­di­ger für die Refor­mier­te Kir­che von Frank­reich. Als „ent­schie­den rechts und auch der Pole­mik nicht abge­neigt“, cha­rak­te­ri­sier­te die katho­lisch-demo­kra­ti­sche Tages­zei­tung La Croix den fran­zö­si­schen Histo­ri­ker-Demo­gra­phen, der immer ein stol­zer Geg­ner des theo­lo­gi­schen Libe­ra­lis­mus war, dem er durch sei­ne Mit­ar­beit an der kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren, pro­te­stan­ti­schen Zeit­schrift Tant qu’il fait jour des Pastors Jean Geor­ges Hen­ri Hoff­mann ent­ge­gen­trat.

Vom Big Bang zum Kind (1987)
Vom Big Bang zum Kind (1987)

Chau­nu, Vater von sechs Kin­dern und Kom­man­dant der Ehren­le­gi­on, war ein sehr gläu­bi­ger Mann und zugleich ein gro­ßer Wis­sen­schaft­ler. Er war imstan­de, sich mit größ­tem Ernst mit den gött­li­chen Plä­nen und intel­li­gen­tem Design zu befas­sen, mit dem Sinn der Geschich­te und der Ver­ant­wor­tung des Men­schen. Wer könn­te – der sie gele­sen hat – die Vor­le­sun­gen ver­ges­sen, die er in klei­nen Per­len wie Du big-bang à  l’en­fant oder Dieu. Apo­lo­gie vor­leg­te. Bei­de ver­öf­fent­lich­te er zusam­men mit dem katho­li­schen Prie­ster, Theo­lo­gen und Histo­ri­ker Charles Chau­vin.

Wie nur weni­ge ver­stand es die­ser von der Demo­gra­phie fas­zi­nier­te Histo­ri­ker den Ter­ror der „wei­ßen Pest“ zu inter­pre­tie­ren. Gemeint sind die Abgrün­de der Mensch­heit, die sich durch die neo­mal­thu­sia­ni­schen Ideo­lo­gien auf­ge­tan haben und die – nicht sel­ten ver­mischt mit tota­li­tä­ren Ideo­kra­tien – die Welt zu über­wäl­ti­gen dro­hen. Chau­nu hat­te die Zeit der Men­schen auf­merk­sam stu­diert und wuß­te daher nur zu gut, was geschieht, wenn die Men­schen glau­ben, kei­ne Zeit mehr zu haben.

Emma­nu­el­le Giu­lia­ni bezeich­ne­te ihn in La Croix als „Anwalt der demo­gra­phi­schen Rück­erobe­rung“. Alles begann mit dem Buch „Die wei­ße Pest“, das 1976 bei Gal­li­mard in Paris her­aus­ge­bracht wur­de. Es folg­ten 1979 eine „Zukunft ohne Zukunft, orig. Un futur sans ave­nir: histoire et popu­la­ti­on (Cal­mann-Lévy, Paris), 1990 „Der Mensch“ (Laf­font) und 2003 bei Fay­ard Essai de pro­spec­ti­ve démo­gra­phi­que (mit Huguette Chau­nu und Jac­ques Renard).

"Die weiße Pest. Ist der Selbstmord des Westens noch zu verhindern?"
„Die wei­ße Pest. Ist der Selbst­mord des Westens noch zu ver­hin­dern?“

Der letz­te beau geste von Chau­nu krönt wür­dig die lan­ge, glück­li­che Ver­bin­dung zwi­schen Geschich­te und Demo­gra­phie. Für den Gelehr­ten gibt es näm­lich einen beson­de­ren Kno­ten, den es zu lösen gilt, das gro­ße Übel, das aus­ge­trie­ben wer­den muß, der Ursprung aller Pro­ble­me der Moder­ne: die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on.

Er schrieb es offen im Zuge des Bicen­ten­aire, der 200-Jahr­fei­ern der Revo­lu­ti­on, in sei­nem Werk Le grand déclas­se­ment. À pro­pos d’une com­me­mo­ra­ti­on (Laf­font, 1989), und er bekräf­tig­te es kurz vor sei­nem Tod in sei­nem Bei­trag zum umfang­rei­chen, rund 900 Sei­ten star­ken „Schwarz­buch der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on“ (Le liv­re noir de la Révo­lu­ti­on Fran­çai­se, Cerf, Paris, 2008), das vom Domi­ni­ka­ner­pa­ter Ren­aud Escan­de her­aus­ge­ge­ben wur­de und unter ande­rem Bei­trä­ge von Jean Tulard, Emma­nu­el LeRoy-Ladu­rie, Jean Sévil­la und Jean-Chri­sti­an Petit­fils ent­hält sowie von Sté­pha­ne Cour­tois, der 1997 Her­aus­ge­ber von „Das Schwarz­buch des Kom­mu­nis­mus“ war. (Wäh­rend „Das Schwarz­buch des Kom­mu­nis­mus“ bereits 1998 ins Deut­sche über­setzt wur­de, liegt „Das Schwarz­buch der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on“ bis heu­te nicht in deut­scher Über­set­zung vor.)

Wäh­rend er in den jako­bi­ni­schen Abgrün­den forsch­te, über­kam Chau­nu plötz­lich ein uner­war­te­ter, beklem­men­der Gedan­ke, der zu wei­te­ren For­schun­gen dräng­te und sich in ihm zu einer ver­tie­fen­den For­schungs­idee ver­dich­te­te.

Das Schwarzbuch der französischen Revolution
Das Schwarz­buch der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on

Die Arbei­ten dazu ver­trau­te er sei­nem jun­gen Schü­ler Reynald Secher, einem Bre­to­nen aus Nan­tes, an. Secher, Jahr­gang 1955, leg­te sei­ne Dis­ser­ta­ti­on Ana­to­mie d’un vil­la­ge ven­déen: La Cha­pel­le-Bas­se-Mer (Ana­to­mie eines Ortes in der Ven­dée) im Fach Histo­ri­sche und Poli­ti­sche Wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Paris IV — Sor­bon­ne vor. Dok­tor­va­ter war der aus­ge­wie­se­ne Fach­mann Jean Mey­er. In der Prü­fungs­kom­mis­si­on saß auch Chau­nu. Die Stu­die wur­de dann unter dem Titel La Cha­pel­le-Bas­se-Mer, vil­la­ge ven­déen. Révo­lu­ti­on et cont­re-révo­lu­ti­on (Per­rin, 1986) und mit einem Vor­wort von Mey­er in Buch­form her­aus­ge­bracht. 1985 leg­te Secher an der­sel­ben Uni­ver­si­tät eine Dis­ser­ta­ti­on in Human­wis­sen­schaf­ten vor. Das The­ma: Con­tri­bu­ti­on à  l’étude du géno­ci­de fran­co-fran­çais: la Ven­dée-Ven­gé (Bei­trag zum Stu­di­um des fran­zö­si­schen Völ­ker­mor­des: Ven­dée-Ven­gé). Dok­tor­va­ter war erneut Mey­er. Chau­nu saß mit ande­ren, dar­un­ter auch Tulard, in der Prü­fungs­kom­mis­si­on. Die Dis­ser­ta­ti­on sorg­te für frank­reich­wei­te Auf­re­gung.

Secher doku­men­tier­te erst­mals auf streng wis­sen­schaft­li­che Wei­se und mit den Waf­fen der Sta­ti­stik, die metho­do­lo­gisch von Chau­nus Schu­le zur Ver­fü­gung gestellt wur­den, die bewuß­te Geno­zid-Absicht des fran­zö­si­schen Jako­bi­nis­mus. Mit kal­ter Ent­schlos­sen­heit plan­ten und beschlos­sen die Revo­lu­tio­nä­re den ersten Völ­ker­mord der Mensch­heits­ge­schich­te. Sie führ­ten ihn durch gegen die Bevöl­ke­rung des fran­zö­si­schen Westens, der soge­nann­ten Ven­dée mili­taire, die weit über das heu­ti­ge Depar­te­ment Ven­dée hin­aus­reich­te. Die­se hat­te sich nach jah­re­lan­gen Schi­ka­nen erdrei­stet, sich im Namen des ent­thron­ten katho­li­schen Got­tes und des guil­lo­ti­nier­ten Königs zu erhe­ben.

Reynald Secher: Der französische Völkermord in der Vendée
Reynald Secher: Der fran­zö­si­sche Völ­ker­mord in der Ven­dée

Es war offen­sicht­lich, daß es sich dabei nicht um ein Der­by zwi­schen Repu­blik und Mon­ar­chie han­del­te, wie Maxi­mi­li­an Robes­pierre behaup­te­te. Es ging viel­mehr dar­um, Lud­wig XVI. zu eli­mi­nie­ren, um dadurch sei­nen „Auf­trag­ge­ber“ zu tref­fen, den All­mäch­ti­gen Herrn aller Him­mel, und um dann sei­ne from­men, wider­spen­sti­gen Anhän­ger auf Erden zu ver­nich­ten.

Secher lie­fer­te die Bewei­se: drei Geset­ze, die 1793 vom Wohl­fahrts­aus­schuß ein­stim­mig beschlos­sen und in den Archi­ven auf­be­wahrt wur­den. Mit ihnen wur­de zuerst die phy­si­sche Ver­nich­tung der „ver­fluch­ten Ras­se“ der Ven­dée dekre­tiert (so nann­te sie der Hen­ker von Nan­tes, Jean-Bap­ti­ste Car­ri­er), dann auch der histo­ri­sche Name der Regi­on aus­ge­tilgt und durch „Ven­gé“ ersetzt, um damit zum Aus­druck zu brin­gen, daß sich die jako­bi­ni­sche Repu­blik gerächt hat­te, indem sie die „Krank­heit“ aus­ge­merzt hat. Kurz­um: Das Fun­da­ment der ideo­lo­gi­schen und rela­ti­vi­sti­schen Demo­kra­tie, die von Frank­reich aus ihren Sie­ges­zug in der Welt antritt, ist eine Kata­stro­phe.

Auf die The­sen Sechers folg­te ein Geschrei. Sei­ne berühm­te Dok­tor­ar­beit wird ihm weni­ge Tage vor sei­nem Rigo­ros­um gestoh­len. Damit wer­den aber Ver­la­ge auf das Werk auf­merk­sam, das eini­ge Mona­te spä­ter mit einer Ein­lei­tung sei­ner Leh­rer Mey­er und Chau­nu mit dem Titel Le géno­ci­de fran­co-fran­çais: la Ven­dée-Ven­gé (PUF, 1986) als Buch erscheint. (Das Buch erschien 1989 in ita­lie­ni­scher Über­set­zung, 2003 in eng­li­scher und pol­ni­scher, und erleb­te in Frank­reich 2006 eine Neu­auf­la­ge. Secher wur­de für die Arbeit mit meh­re­ren Prei­sen aus­ge­zeich­net: 1987 mit dem Prix Geor­ges-Goyau der Aca­dé­mie fran­çai­se; 2012 mit dem Prix Com­bourg und dem Prix lit­tér­ai­re des droits de l’Hom­me. Ins Deut­sche wur­den sei­ne Wer­ke bis­her nicht über­setzt.) In sei­nem Buch Le grand déclas­se­ment schrieb Chau­nu: „Das Buch ist von Reynal Secher, aber der Titel ist seit 1983 mein Eigen­tum.“

Juden und Vendéaner
Juden und Ven­déa­ner: von einem Geno­zid zum ande­ren (1991)

Secher traf in sei­nem Fol­ge­werk Juifs et Ven­déens. D’un géno­ci­de à  l’autre. La mani­pu­la­ti­on de la mémoi­re (Orban, Paris 1991; Juden und Ven­déa­ner. Von einem Geno­zid zum ande­ren. Die Mani­pu­la­ti­on des Gedächt­nis­ses) die Fest­stel­lung, daß einem Adolf Hit­ler nur mög­lich war, die Ver­bre­chen in Deutsch­land an einem ande­ren „Fremd­kör­per“, den Juden, in noch grö­ße­rem Aus­maß zu wie­der­ho­len, weil die fran­zö­si­schen Ver­bre­chen aus dem kol­lek­ti­ven Gedächt­nis des Westens ver­drängt wur­den. Hit­ler sei zudem nicht so naiv gewe­sen wie die Jako­bi­ner und hin­ter­ließ kei­ne schrift­li­chen Befeh­le sei­ner „End­lö­sung“.

Gegen Secher und sei­ne Lehr­mei­ster wur­de der Vor­wurf erho­ben, den Begriff „Geno­zid“ ana­chro­ni­stisch zu gebrau­chen, indem auf die Ver­gan­gen­heit pro­ji­ziert wer­de, was erst spä­ter gesche­hen sei.

Secher ent­deck­te jedoch ein vom Pro­to­kom­mu­ni­sten Jean-Nöel „Grac­chus“ Babeuf unter­zeich­ne­tes Libell Du système de dépo­pu­la­ti­on, ou La vie et le cri­mes de Car­ri­er (Das System der Ent­völ­ke­rung oder Das Leben und die Ver­bre­chen von Car­ri­er), das er zusam­men mit dem Lokal­hi­sto­ri­ker Jean-Joël Bré­ge­on in einem Buch glei­chen Titels (Tal­lan­dier, 1987) ver­öf­fent­lich­te. (2008 erfolg­te in Frank­reich eine Neu­auf­la­ge mit einer Ein­füh­rung von Sté­pha­ne Cour­tois.) Der Genos­se Grac­chus ver­tei­dig­te dar­in die Bevöl­ke­rung der Ven­dée, ent­setzt von der bour­geoi­sen Revo­lu­ti­on der Städ­ter, die unge­straft das Land­volk dezi­mier­te. Im Dezem­ber 1794 publi­ziert, wur­de es sofort ver­bo­ten und danach sogar syste­ma­tisch ver­nich­tet. Eini­ge weni­ge Exem­pla­re über­dau­er­ten jedoch den revo­lu­tio­nä­ren Furor, eini­ge davon sogar in der Sowjet­uni­on.

Die Originalausgabe von Gracchus Babeuf (1794)
Die Ori­gi­nal­aus­ga­be von Grac­chus Babeuf (1794)

Babeuf, ein Zeit­ge­nos­se der Ereig­nis­se, selbst über­zeug­ter Revo­lu­tio­när, präg­te sogar einen Neo­lo­gis­mus, um die Höl­le zu beschrei­ben, der er bei­wohn­te: „dépo­pu­la­ti­on“ (Ent­völ­ke­rung), ein Begriff, den es vor­her nicht gab und der den spä­te­ren Begriff „Geno­zid“ vor­weg­nahm. (Der eng­li­sche Begriff „geno­ci­de“ wur­de erst­mals 1944 vom pol­nisch-jüdi­schen Juri­sten Rapha­el Lem­kin gebraucht, der 1943 für einen Gesetz­ent­wurf der pol­ni­schen Exil­re­gie­rung im Zusam­men­hang mit natio­nal­so­zia­li­sti­schen Ver­bre­chen in Polen den pol­ni­schen Begriff „ludo­bó­jst­wo“ schuf, der einer wört­li­chen Über­set­zung des deut­schen Begriffs „Völ­ker­mord“ ent­spricht. Der deut­sche Begriff „Völ­ker­mord“ war erst­mals 1831 von August Graf von Pla­ten im Zusam­men­hang mit Polen gebraucht wor­den, das damals sei­ner Selb­stän­dig­keit beraubt war.) Die Jako­bi­ner, die schnell in die Kri­se gerie­ten, erfan­den ein nicht exi­sten­tes, aus­län­di­sches Kom­plott. Sie behaup­te­ten das Mär­chen von Geheim­agen­ten, die unter dem Bett ver­steckt sei­en, um sich im Sep­tem­ber 1792 unge­hemmt dem Mas­sa­ker an Gei­stes­kran­ken, Pro­sti­tu­ier­ten, poli­ti­schen Gefan­ge­nen und all den ande­ren, die ihnen gera­de in die Hän­de kamen, hin­zu­ge­ben. Eini­ge Exper­ten spre­chen sogar von einem euge­ni­schen Mas­sa­ker. Dann stürz­ten sie sich auf die Ven­dée, die es gewagt hat­te, inmit­ten des all­ge­mei­nen Elends, das durch die von Paris erklär­ten Krie­ge gegen die euro­päi­schen Mäch­te pro­vo­ziert wor­den war, den Erleuch­tun­gen der Revo­lu­ti­on zu wider­spre­chen. Die Jako­bi­ner reagier­te ver­äng­stigt und vor allem zor­nig und beschlos­sen den Holo­caust, indem sie  auf einen bri­ti­schen Zeit­ge­nos­sen berie­fen, ohne ihn gele­sen zu haben – den angli­ka­ni­schen Rever­end Tho­mas Robert Mal­thus, der pre­dig­te, daß sich die Men­schen der Fort­pflan­zung ent­hal­ten soll­ten, um einer angeb­li­chen (aber irrea­len) Nah­rungs­mit­tel­knapp­heit zu begeg­nen. Die mon­ar­chi­sti­schen Katho­li­ken der Ven­dée waren über­flüs­si­ger Bal­last. Im Früh­ling 2009 ent­deck­ten For­scher in der Nähe von Le Mans Mas­sen­grä­ber von einem der letz­ten Mas­sa­ker die­ses Völ­ker­mor­des.

Pierre Chaunu (1923-2009)
Pierre Chau­nu (1923–2009)

Seit­her weiß die Welt dank des „cal­vi­ni­sti­schen Ven­déa­ners“ Chau­nu Bescheid, der das The­ma per­sön­lich in Des curés aux entre­pre­neurs: la Ven­dée au XXe siè­cle behan­delt, 1994 vom Cent­re Ven­déen de Recher­ches Histo­ri­ques di La Roche sur Yon ver­öf­fent­licht, einer Ein­rich­tung, die aus einer Idee von Le Roy-Ladu­rie ent­stan­den ist und von Alain Gérard gelei­tet wur­de.

Als Chau­nu im Okto­ber 2009 gestor­ben ist, sag­te Frank­reichs Staats­prä­si­dent Nico­las Sar­ko­zy, daß er „einer der Ersten war, der mit Nach­druck die Auf­merk­sam­keit der öffent­li­chen Mei­nung in Frank­reich und in Euro­pa auf die Gefah­ren des Nie­der­gangs gelenkt hat, zu denen die Schwä­che der euro­päi­schen Demo­gra­phie füh­ren“. Er erwies damit einem Mann die Ehre, „des­sen Leben und Werk […] den Kampf gegen den demo­gra­phi­schen Nie­der­gang bezeu­gen“.

*Mar­co Respin­ti, Jahr­gang 1964, Jour­na­list, Publi­zist und Über­set­zer; For­schungs­schwer­punkt: das anglo­ame­ri­ka­ni­sche, kon­ser­va­ti­ve Den­ken; Seni­or Fel­low des Rus­sell Kirk Cen­ter for Cul­tu­ral Rene­wal di Meco­sta; Mit­glied der Alle­an­za Cat­to­li­ca; Grün­der des Cen­ter for Euro­pean Rene­wal de L’Aia in den Nie­der­lan­den; Lehr­be­auf­trag­ter am The Lea­dership Insti­tu­te (Arling­ton); Über­set­zer von Wer­ken ins Ita­lie­ni­sche von Edmund Bur­ke, Rus­sell Kirk, John R.R. Tol­ki­en, Charles Dickens, Regi­ne Per­noud, Gust­ave Thi­bon, Ale­jan­dro Ber­mu­dez u.a.m.

Über­set­zung und Fuß­no­ten: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Alle­an­za Cat­to­li­ca/­Cont­re-revo­lu­ti­on/ZV­A­B/­Goog­le Books/Centro San Gior­gio (Screen­shots)

2 Kommentare

  1. Deut­sche Über­set­zun­gen der Wer­ke zu den Gräu­eln der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on sind über­fäl­lig und wären ver­dienst­voll und so drin­gend not­wen­dig! Wir waren im Som­mer­ur­laub an eini­gen histo­ri­schen Orten des Völ­ker­mor­des an den königs­treu­en Katho­li­ken der Ven­dee und der Bre­ta­gne. Wir waren tief beein­druckt, sind aber auch ent­täuscht, wie wenig, gera­de in Deutsch­land, über die grau­sa­men, oft gera­de­zu sadi­stisch voll­zo­ge­nen Ver­bre­chen der Revo­lu­ti­on bekannt gemacht wird. Der Mut und die Hin­ga­be der Ven­deeaner und auch der Bewoh­ner der Bre­ta­gne für ihren Glau­ben nötigt gera­de heu­te Bewun­de­rung ab.

  2. Es sei auch auf das Buch von Horst Geb­hardt „Liber­té, Ega­li­té, Bru­ta­li­té. Gewalt­ge­schich­te der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on“ hin­ge­wie­sen.

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