Die Zerstörung des sakralen Raums

Abbruch des Hochaltares der Kathedrale von Oristano, im Bild festgehalten von einem entsetzten Gläubigen. Der neue Erzbischof ließ nicht nur einen Volksaltar aufstellen, sondern "sicherheitshalber" den Hochaltar zum teil abbrechen und zurückbauen. Damit wurde er für die Zelebration unbrauchbar gemacht und dient nur mehr als Tabernakel.
Abbruch des Hochaltares der Kathedrale von Oristano, im Bild festgehalten von einem entsetzten Gläubigen. Der neue Erzbischof ließ nicht nur einen Volksaltar aufstellen, sondern "sicherheitshalber" den Hochaltar zum teil abbrechen und zurückbauen. Damit wurde er für die Zelebration unbrauchbar gemacht und dient nur mehr als Tabernakel.

Wie sich die Amts­kir­che mit dem gei­sti­gen und mate­ri­el­len Bil­der­sturm der Welt pro­sti­tu­iert und die Welt sich der Kir­chen bemächtigt.

Ein Gast­bei­trag von Prof. Dr. med. Eber­hard Gross, Hamburg.

Nie­mand täu­sche euch auf irgend­ei­ne Weise.

Denn zuerst muss die Apost­asie kom­men und offen­bar wer­den der Mensch der Ano­mie, der Sohn der Zer­stö­rung, der sich wider­setzt und über alles erhebt, was Gott genannt wird oder Gegen­stand der Ver­eh­rung ist, bis er sich als Gott aus­ge­bend, im Tem­pel Got­tes sitzt (2 Thess 2, 3 – 4).

Sind die Kir­chen eigent­lich noch Stät­ten des Gebets und der Anbe­tung? Gibt es noch die Atmo­sphä­re der Andacht, die hei­li­ge Stil­le, den lei­sen Schau­er, das Ergrif­fen­sein von  der Gegen­wart Chri­sti, des­sen Zei­chen sich der Gläu­bi­ge mit der Geste der Ver­eh­rung nähert? Gibt es über­haupt noch den Raum des Sakra­len? Dem Besu­cher einer belie­bi­gen „amts­kirch­li­chen Kir­che“ wird sol­ches kaum wider­fah­ren. Er wird sicher auch nur sel­ten eine Geste der Ver­eh­rung wie eine Knie­beu­ge sehen. Dabei spielt es kei­ne Rol­le, ob er in eine „moder­ne“ Kir­che geht, eine im Bau­haus­til gebau­te Nach­kriegs­kir­che wie St. Bern­hard im Ham­bur­ger Nor­den, oder in eine älte­re, wie den am Ende des 19. Jahr­hun­derts im neu­ro­ma­ni­schen Stil errich­te­ten Ham­bur­ger Mariendom.

Zerstörung der sakralen Architektur …

Was den moder­nen Kir­chen fehlt, eine äuße­re Archi­tek­tur, deren Stil­ele­men­te christ­li­che Sym­bo­le sind oder die­se zitie­ren, haben die alten Kir­chen zwar noch. Sie sind ein Sym­bol des Him­mels, wenn auch nicht jede in der voll­ende­ten Form der goti­schen Kathe­dra­le. Ihre Archi­tek­tur ver­weist auf den Sehn­suchts­ort und will dem Besu­cher das Ver­spre­chen ein­lö­sen, einen Raum zu betre­ten, der mit den all­täg­li­chen Beschäf­ti­gun­gen und Geschäf­ten, der Betrieb­sam­keit und der Unter­hal­tung, der Aus­bil­dung und des Erwerbs nichts zu tun hat. Sie ver­spricht gleich­sam eine „himm­li­sche Gegen­welt“, ein Got­tes­haus im eigent­li­chen Sinn. Doch die­ses Ver­spre­chen wird heu­te kaum mehr ein­ge­löst. In der Regel ist es eine Täuschung.

Altar in der "Jugendkirche" von München
Altar in der „Jugend­kir­che“ von München

Denn die inne­re Archi­tek­tur die­ser Kir­chen unter­schei­det sich in ihren Ele­men­ten nicht von denen der moder­nen Kir­chen: Ein regel­rech­ter Bil­der­sturm, mit­un­ter blind­wü­tig und ohne Rück­sicht auf die künst­le­ri­sche Gestal­tung, hat die­se älte­ren Kir­chen ent­kernt und ihre inne­re Har­mo­nie zer­bro­chen. Das Ergeb­nis ist die Funk­tio­na­li­tät eines blo­ßen Ver­samm­lungs­rau­mes mit Stil­ele­men­ten einer Sym­bo­lik, die eigent­lich kei­ne christ­li­che mehr sein will. Sie ist in ihrem Aus­druck stark redu­ziert, undeut­lich, miss­ver­ständ­lich oder mit­un­ter ohne jeden christ­li­chen Bezug oder die­sen Bezug leug­nend. Es ist eine Poin­te in der Geschich­te des Glau­bens­ab­falls in Deutsch­land, dass die Kir­che sich gera­de durch ihren Reich­tum kei­ne Zurück­hal­tung auf­er­le­gen muss­te, nicht nur ihre gei­sti­ge reli­giö­se Sub­stanz der Belie­big­keit preis­zu­ge­ben, son­dern auch man­che Kir­chen, wah­re sakra­le Kunst­wer­ke, unter dem Eti­kett der Moder­ni­sie­rung mit beson­de­rem Eifer zu beschä­di­gen, schlimm­sten­falls sogar zu zerstören.

… als sichtbare Verneinung der Realpräsenz

Altar und Taber­na­kel sind dis­so­zi­iert und dis­lo­ziert. Der Taber­na­kel ist nicht nur vom Altar getrennt, son­dern auch räum­lich mar­gi­na­li­siert und so aus dem Blick der Gläu­bi­gen genom­men. Er ist so zu einem blo­ßen Auf­be­wah­rungs­ort gewor­den, der über­all sein kann und der sich damit als eine sicht­ba­re Ver­nei­nung der Real­prä­senz präsentiert.

Der Volks­al­tar stellt den größ­ten und fol­gen­schwer­sten Bruch mit der inne­ren Archi­tek­tur des sakra­len Rau­mes dar. In Kir­chen mit Apsis und Hoch­al­tar ist die­ser Volks­al­tar nicht nur von der inne­ren Har­mo­nie her ein Stein des Ansto­ßes, er schafft auch mit dem „über­flüs­si­gen Hoch­al­tar in der Apsis“ eine kul­ti­sche Leer­stel­le. Die­se aus­zu­fül­len oder im eigent­li­chen Wort­sinn zu beset­zen, muss natur­ge­mäß, da immer unan­ge­mes­sen, ins Lee­re gehen.

Mahltisch statt Altarstein

Kapelle des Priesterseminars von Mainz. Der Altar ist wo?
Kapel­le des Prie­ster­se­mi­nars von Mainz. Der Altar ist wo?

Im Volks­al­tar fokus­sie­ren sich gleich­sam wesent­li­che Aspek­te der Theo­lo­gie der Neu­en Kir­che: der Altar ist zu einem ein­fa­chen gro­ßen Tisch gewor­den, ganz im pro­te­stan­ti­schen Sinn umge­wid­met zu einem Mahltisch((Ein Zitat aus einem Glos­sar eines aktu­el­len Gemein­de­briefs der evan­ge­lisch – luthe­ri­schen Kir­chen­ge­mein­de Pop­pen­büt­tel Ham­burg vom August — Sep­tem­ber 2017, Kir­che von A bis Z für Jugend­li­che, beschreibt bei­spiel­haft die­se Auf­fas­sung, dazu noch eine in pein­li­cher Bana­li­tät. […] Er (der Altar) sieht aus wie ein Tisch, weil Jesus mit sei­nen Freun­den so ger­ne geges­sen und getrun­ken hat. Sie waren sich ganz nah und haben sich alles erzählt. Des­halb fei­ern Chri­sten heu­te das Abend­mahl im Got­tes­dienst. Sie tei­len sich das Brot und trin­ken Wein aus dem Kelch. So etwas machen nur beste Freun­de. Jesus hat ver­spro­chen immer bei uns zu sein. Wie ein unsicht­ba­rer Gast, der mit am Tisch sitzt, wenn sich Freun­de tref­fen. […] Auf dem Altar fin­dest du immer ein Kreuz und eine Bibel, und häu­fig ist er geschmückt mit Tüchern, Ker­zen und Blu­men. Wie der fei­er­lich gedeck­te Geburts­tags­tisch bei Oma.)), um den man sich, der Bedeu­tung des Wor­tes fol­gend, zu einem Mahl ver­sam­melt, was nicht nur in der Kon­ze­le­bra­ti­on sei­nen Aus­druck fin­det, die kürz­lich von Rom als regu­lä­re Kult­form ver­ord­net wur­de, wenn meh­re­re Prie­ster die Hl. Mes­se fei­ern wol­len, son­dern auch in der häu­fi­gen Pra­xis, vor der Kom­mu­ni­on „eini­ges Volk“ um den Mahl­tisch zu ver­sam­meln. Das Volk hat so nicht nur sym­bo­lisch die Rol­le eines Mit­re­gis­seurs über­nom­men, son­dern bestimmt auch hand­fest als Kom­mu­ni­on­hel­fer die Gescheh­nis­se am Mahl­tisch mit. Die­se Rol­len­ver­mi­schung von Lai­en und Prie­stern ist beab­sich­tigt im Sin­ne des all­ge­mei­nen Prie­ster­tums mit dem letzt­end­li­chen Ziel, das Wei­he­prie­ster­tum zu besei­ti­gen. Die Wort­got­tes­dien­ste erset­zen zuwei­len schon die Hl. Mes­se am Sonntag.

Das Mysterium der Öffentlichkeit preiszugeben führt zu …

An einem sol­chen Tisch mit dem Blick zum Volk das Myste­ri­um zu ver­ge­gen­wär­ti­gen, das Kreu­zes­op­fer Chri­sti auf unblu­ti­ge Wei­se zu wie­der­ho­len, ist eine Ent­my­sti­fi­zie­rung und schlim­mer noch, eine Bana­li­sie­rung. Der Prie­ster gibt das Myste­ri­um der Öffent­lich­keit preis und kon­ter­ka­riert es so. In die­ser kul­ti­schen Pra­xis kann der Glau­be an die Real­prä­senz kei­nen Platz mehr haben. Den ent­spre­chen­den Unglau­ben offen­ba­ren gele­gent­lich moder­ne Prie­ster. Eigen­mäch­ti­ge Ver­än­de­run­gen des Kanon und die übli­che Ver­fäl­schung der Wand­lungs­wor­te, die Hand­kom­mu­ni­on und der Kom­mu­nion­emp­fang nahe­zu aller Got­tes­dienst­be­su­cher, die Pra­xis, jedem nach des­sen Gusto die Hostie aus­zu­hän­di­gen, sind sicht­ba­rer Aus­druck die­ser Theo­lo­gie der Neu­en Kir­che: Alles ist nur Sym­bo­lik, auch das Altarsakrament.

Der Prie­ster am Volks­al­tar ver­sus popu­lum ist gezwun­gen, sich selbst zu insze­nie­ren, auch wenn er es nicht woll­te. Der Novus ordo, der ohne Volks­al­tar ver­sus popu­lum nicht „funk­tio­niert“, hat zwei schwer­wie­gen­de Kon­se­quen­zen. Eine ist die religionssoziologische:

…Banalisierungen und Anbiederung ans Gewöhnliche

Jede ernst­zu­neh­men­de reli­giö­se Kult­hand­lung hat ihre eige­ne Spra­che, ihren eige­nen Raum und ihre eige­ne Zeit. Mit dem gewoll­ten Ver­schwin­den der Kult­spra­che Latein wird dem Kult, hier der Hl. Mes­se, als hei­li­ges Spiel zu Ehre Got­tes, in dem jeder sei­nen unver­rück­ba­ren Platz hat, das sprach­li­che Her­aus­ge­ho­ben-Sein aus dem All­tag genom­men. Der Novus ordo ist somit auch eine Pro­fa­nie­rung des Kul­tes, indem er sich dem Gewöhn­li­chen anbie­dert und es in sich auf­nimmt. Wenn als Argu­men­te für den Novus ordo der „rei­che­re Tisch“ des Wor­tes, die bes­se­re Nach­voll­zieh­bar­keit der Riten und die Kon­zen­tra­ti­on auf das Wesent­li­che der Lit­ur­gie ange­führt wer­den, wie kürz­lich von einem Theo­lo­gen, dann wird der Sinn die­ses hei­li­gen Spiels nicht ver­stan­den und man kann nur fra­gen, was man denn für über­flüs­sig hal­ten wür­de, z. B. die acht der neun Anru­fun­gen Kyrie elei­son und Chri­ste elei­son, und war­um ein Myste­ri­um, das ritu­ell ver­ge­gen­wär­tigt wird, nach­voll­zieh­bar sein muss und ver­stan­den wer­den muss und ob es über­haupt begrif­fen wer­den kann.

Volksaltar aversus Hochaltar: Schubertkirche in Wien
Volks­al­tar aver­sus Hoch­al­tar: Schu­bertkir­che in Wien

Das Ver­sus-Popu­lum impli­ziert ein Aver­sus Deum, eine Abwen­dung von Gott als zwei­te Kon­se­quenz: Der Prie­ster ver­steht sich nicht mehr als Mitt­ler zwi­schen Gott und dem gläu­bi­gen Volk, son­dern ist dem Volk zuge­wandt als Vor­ste­her einer Mahl­fei­er. Die Bezeich­nung Volks­al­tar offen­bart die­se moder­ne Funk­ti­on des Prie­sters ganz unver­hoh­len: Es geht um das Volk, um sein mate­ri­el­les und see­li­sches Wohl­erge­hen, nicht um das See­len­heil, Am deut­lich­sten wird die­se Sor­ge in den Für­bit­ten arti­ku­liert: Es wird nie um das ewi­ge Heil, son­dern immer um ganz irdi­sche Din­ge wie z. B. Frie­den und Gesund­heit gebe­tet. Zum Wohl­erge­hen gehört auch die see­li­sche Befind­lich­keit ganz im Sin­ne des guten Gewis­sens, eines Gewis­sens, das als letz­te Instanz über dem Lehr­amt steht, wie von Rom in der Zei­tung La Repu­bli­ca((Eine Zusam­men­fas­sung eines Inter­views von E. Scal­fa­ri mit Papst Fran­zis­kus, erschie­nen am 1.Oktober 3013)) ver­kün­det wur­de. Was könn­te die see­li­sche Befind­lich­keit mehr stö­ren als Sün­de und Schuld, Buße und Opfer, Ver­damm­nis und Höl­le, alle­samt Wor­te, die als Unwor­te aus dem Wort­schatz der Neu­en Kir­che gestri­chen wur­den. So hat die Beich­te besten­falls noch eine Bedeu­tung als Psy­cho­the­ra­pie. Die Kir­che berück­sich­tigt die­se nichtsa­kra­men­ta­le Bedeu­tung mit dem Wort Beichtgespräch.

Kirchen als Konzertsäle

Spie­len sich die­se Zer­stö­run­gen des sakra­len Rau­mes und ihre Fol­gen vor aller Augen ab und sind ihre Instru­men­te bekannt, so gibt es eine wei­te­re Zer­stö­rung, deren Instru­men­te wohl­mög­lich ein noch grö­ße­res Zer­stö­rungs­po­ten­ti­al haben, weil sie geräusch­los und schlei­chend wir­ken und sich zunächst nur im posi­ti­ven Kon­text prä­sen­tie­ren: Ein­mal die Kir­che als bedeu­ten­der Kul­tur­trä­ger, dann als sinn­stif­ten­de Insti­tu­ti­on, die ihr Poten­ti­al mit moder­nem Mar­ke­ting an die Öffent­lich­keit brin­gen soll und drit­tens die Kir­che als Groß­or­ga­ni­sa­ti­on mit poli­ti­schem Einfluss.

Neue Kirche für den heiligen Pater Pio (S. Giovanni Rotondo): Mehrzweckhalle mit Altar
Neue Kir­che für den hei­li­gen Pater Pio (S. Gio­van­ni Roton­do): Mehr­zweck­hal­le mit Altar

Die Kir­chen­mu­sik hat sich weit­ge­hend ihrer eige­nen Wur­zeln ent­le­digt. Dass sie genu­in ein Bestand­teil eines reli­giö­sen Kul­tes ist, wird all­ge­mein nicht mehr wahr­ge­nom­men. Denn sie wird viel­fach als säku­la­re Musik, von ihrer reli­giö­sen Sub­stanz abge­löst, dar­ge­bo­ten. Die­ser Pro­zess ist an sich nicht unge­wöhn­lich, da die Musik ihren Eigen­wert auch ohne reli­giö­sen Unter­bau behält. So fin­det die­se reli­gi­ös neu­tra­li­sier­te Musik gera­de in einer reli­gi­ös unmu­si­ka­li­schen Gesell­schaft ihre Zuhö­rer­schaft, da sie sich ohne das „reli­giö­se Stör­po­ten­ti­al“ prä­sen­tiert. Nur kommt die Auf­füh­rungs­pra­xis nicht ganz ohne christ­li­ches Sub­strat aus. Sie kann viel­fach nicht auf die Kir­chen als die eigent­lich ori­gi­nä­ren Auf­füh­rungs­or­te mit ihren mit­un­ter hoch­wer­ti­gen Orgeln und einer abge­stimm­ten Aku­stik ver­zich­ten. Die Kir­chen fun­gie­ren hier – da steht die katho­li­sche der pro­te­stan­ti­schen in nichts nach – als Trä­ger einer geho­be­nen Musik­kul­tur und stel­len ihre Kir­chen als Kon­zert­sä­le zur Ver­fü­gung, so auch den Ham­bur­ger Mari­en­dom. Ein­tritts­geld, Applaus und Unter­hal­tung der Kon­zert­be­su­cher sind untrüg­li­che Zei­chen, dass die Kir­che vom Kon­zert­be­su­cher nicht mehr als Sakral­raum wahr­ge­nom­men wird. Dass im Dom auch Kon­zer­te statt­fin­den aus Anlass eines Geburts­ta­ges des Dom­or­ga­ni­sten oder mitt­ler­wei­le Musik auf­ge­führt wird ohne jeden reli­giö­sen Bezug wie in St. Bern­hard mit der Ankün­di­gung „Som­mer­se­re­na­de“, zeigt dar­über hin­aus, dass auch hier die Zer­stö­rung des Sakral­rau­mes von der katho­li­schen Kir­che selbst eif­rig betrie­ben wird. Offen­kun­dig sind der­zeit schon man­che Däm­me gebro­chen wie eine Auf­füh­rung eines Bal­letttan­zes im Osna­brücker Dom mit dem Titel „Tan­zen ist Beten“ belegt. Ein Bericht über die Schluss­pha­se der Auf­füh­rung spricht für sich: „[…] tanz­ten sie neo-klas­si­sches Bal­lett zum Psalm 30 und zur Sere­na­de von Tschai­kow­sky. Das Rei­ben der Bal­lett­schu­he auf dem Stein­bo­den war in lei­sen Musik­pas­sa­gen durch die Stil­le des andäch­ti­gen Publi­kums zu hören. Spä­te­stens als das Bon­ner Tanz­ensem­ble sei­ne Cho­reo­gra­fie zu pop­pi­gen Klän­gen prä­sen­tier­te und danach der Segen für Musi­ker und Tän­zer aus­ge­spro­chen wur­de, war das Bild vom star­ren Beten durchbrochen((Bericht in der Neu­en Osna­brücker Zei­tung vom 10.11.2011)).“

Kirchliche Verschränkung mit säkularen Sinnstiftungen

Augustinerkirche-Würzburg: das entleerte Presbyterium.
Augu­sti­ner­kir­che-Würz­burg: das ent­leer­te Presbyterium.

Dass die Kir­chen als sinn­stif­ten­de Insti­tu­tio­nen sich heu­te der­sel­ben Metho­den bedie­nen wie ande­re Groß­or­ga­ni­sa­tio­nen, um ihre Sinn­stif­tung der All­ge­mein­heit ins Gedächt­nis zu rufen, über­rascht nicht. Sind ihre Anlie­gen doch ähn­lich denen der eta­blier­ten Par­tei­en: ‚sozia­le Gerech­tig­keit’, ‚Umwelt­schutz’ unter der reli­gi­ös auf­ge­la­de­nen Sen­tenz Bewah­rung der Schöp­fung und ‚Soli­da­ri­tät’ durch die reli­gi­ös grun­dier­ten cari­ta­ti­ven Akti­vi­tä­ten. Da sich gro­ße Tei­le der Kir­che in ihrem Selbst­ver­ständ­nis rela­ti­vie­ren und sich nur noch als reli­gi­ons­so­zio­lo­gi­sche Grö­ße ver­ste­hen, zer­brö­selt das Fun­da­ment, aus dem die­se sozio­lo­gi­sche Grö­ße abge­lei­tet ist: der Glau­be, gegrün­det auf dem Evan­ge­li­um und dem Lehr­amt. Wird die Reli­gi­ons­ge­mein­schaft nur wegen ihres Kol­la­te­ral­nut­zens für die Gesell­schaft in Anspruch genom­men, hat sie prin­zi­pi­ell eine pre­kä­re, also gefähr­de­te Exi­stenz wie jede ande­re Orga­ni­sa­ti­on. So agiert die Kir­che mit Nacht der Kir­chen, Licht und Ton­in­stal­la­tio­nen, diver­sen Events vom Thea­ter bis zum bana­len Kla­mauk auf der­sel­ben Ebe­ne wie ande­re gesell­schaft­li­che Insti­tu­tio­nen und im Wett­be­werb mit die­sen. Sie ver­hö­kert damit den letz­ten Rest ihres Sacrum und macht aus ihm ein Objekt der Unter­hal­tung und zuwei­len einen qua­si voy­eu­ri­sti­schen Gegen­stand. Der Rela­ti­vis­mus und der sakra­le Raum sind eben nicht kom­pa­ti­bel, der Rela­ti­vis­mus ver­langt gera­de­zu die Zer­stö­rung des Sacrum.

Das Lehramt bleibt vage, klar dagegen sind die politischen Weisungen

So nagt der Rela­ti­vis­mus unab­läs­sig wei­ter am Gerüst der Glau­bens­über­zeu­gun­gen. Sie wer­den von der Kir­che selbst ins Vage und in Fra­ge gestellt und wer­den so zu blo­ßen Mei­nun­gen. So hört man von den Bischö­fen mit weni­gen Aus­nah­men kei­ne auf dem Lehr­amt beru­hen­de kla­re Aus­sa­gen zum Zöli­bat, der Frau­en­or­di­na­ti­on, der Gen­der­ideo­lo­gie und der Abtrei­bung. Das Koor­di­na­ten­sy­stem der Über­zeu­gun­gen ist selbst in Bewe­gung gera­ten. Die Barm­her­zig­keit als pasto­ra­les Para­dig­ma hält es in Bewe­gung und lässt jeden, der es in Fra­ge stellt, als unbarm­her­zig erschei­nen. Amo­ris lae­ti­tia ist gleich­sam die Chif­fre des Para­dig­men­wech­sels und zugleich die prak­ti­sche Anlei­tung zu sei­nem Voll­zug, der nicht bei der Ehe­mo­ral auf­hö­ren wird.

Modernen Kirchenbau: steriler Betonkubus in Foligno
Moder­nen Kir­chen­bau: ste­ri­ler Beton­ku­bus in Foligno

Wäh­rend die Amts­kir­che in den Glau­bens­über­zeu­gun­gen nicht mehr für Klar­heit und Ver­bind­lich­keit steht, zeigt sie in den rele­van­ten poli­ti­schen Fel­dern wie z. B. euro­päi­sche Uni­on, Migran­ten – und Asyl­pro­ble­ma­tik, Umwelt — und Ener­gie­po­li­tik und mili­tä­ri­sche Inter­ven­tio­nen eine gera­de­zu feste Hal­tung im Schul­ter­schluss mit den eta­blier­ten Par­tei­en. Die Zustän­dig­kei­ten von Kir­che und Par­tei­en­staat erschei­nen ver­tauscht. Die Din­ge sind gleich­sam auf den Kopf gestellt: In ihrem genui­nen „Reich“ regiert nicht mehr das Evan­ge­li­um und das Lehr­amt, son­dern die Welt, wenn auch nicht offen lega­li­stisch. Die Kir­che prä­sen­tiert sich dage­gen als Teil des poli­ti­schen Kar­tells und ver­steht sich in dem poli­ti­schen System als rele­vant und kon­ser­vie­rend und wird auch so wahr­ge­nom­men und behan­delt. Schein­bar ohne Zwang unter­stützt sie die Agen­da der poli­ti­schen Klas­se und signa­li­siert durch ihr bered­tes Schwei­gen Zustim­mung zu den poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen in ande­ren Poli­tik­fel­dern wie der all­ge­mei­nen gesell­schaft­li­chen Imple­men­tie­rung der Gen­der­ideo­lo­gie, der Früh­se­xua­li­sie­rung oder der Will­fäh­rig­keit gegen­über den Fol­gen der Islamisierung.

Die politische Klasse führt Regie in der Kirche – die Bischöfe spielen mit

Der Schul­ter­schluss der Kir­che mit der poli­ti­schen Klas­se wird regel­mä­ßig bei Bedarf ins Bild gesetzt und gehört schon zum Bestand des kol­lek­ti­ven Bewusst­seins: die Got­tes­dien­ste mit der Anwe­sen­heit von Poli­ti­kern aus ver­schie­den Anläs­sen, ins­be­son­de­re bei Kata­stro­phen, die die Öffent­lich­keit bewe­gen, wie zuletzt der Ter­ror­akt auf dem Ber­li­ner Weih­nachts­markt. Ähn­li­ches ist von Ereig­nis­sen zu sagen, die bestimm­te öffent­li­che Per­so­nen betref­fen, wie die Ver­ab­schie­dung von Kar­di­nal Leh­mann oder das Requi­em für Hel­mut Kohl. Der sakra­le Raum wird als Ver­samm­lungs­raum von Kir­che und poli­ti­scher Klas­se miss­braucht. Er dient ihnen bei­den als Zei­chen der Ver­ge­wis­se­rung ihrer Nähe. Dazu ver­leiht ihnen das Sacrum eine gewis­se Aura der Legi­ti­mi­tät. Die Lit­ur­gie ver­kommt aller­dings zur rei­nen Staf­fa­ge, da das Sacrum all­ge­mein nicht mehr ver­stan­den wird. Auch wenn die poli­ti­sche Klas­se auf den unbe­que­men und unschein­ba­ren Kir­chen­bän­ken Platz nimmt, bestimmt sie doch die Agen­da und ist unge­fragt Mit­ver­fas­ser der Rede­tex­te der kirch­li­chen Reprä­sen­tan­ten. Wenn sie dann selbst, eigent­lich regel­ver­sto­ßend, am Red­ner­pult steht, wird noch kla­rer, wer sich des sakra­len Rau­mes, des Tem­pels des christ­li­chen Got­tes bemäch­tigt hat. Es sind dies die gei­sti­gen Tem­pel­räu­ber, die sich auf ihre Hel­fers­hel­fer in der Kir­che ver­las­sen können.

Text: Prof. Dr. med. Eber­hard Gross, Hamburg
Bild: MiL/Erzbistum München/Bistum Mainz/Schubertkirche.at (Screen­shots)

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