Noch einmal Louis Billot – höchst aktuelle Klärungen über „Tradition und Moderne“

Louis Kardinal Billot SJ (1846-1931)
Louis Kardinal Billot SJ (1846-1931)

von Wolf­ram Schrems*

Obwohl die­ses Werk hier schon ein­mal in einer sehr brauch­ba­ren Rezen­si­on bespro­chen wur­de, möch­te ich es ein zwei­tes Mal, dies­mal mit einer ande­ren Schwer­punkt­set­zung, der geschätz­ten Leser­schaft die­ser Sei­te prä­sen­tie­ren. Denn erstens ist das Buch wich­tig und zwei­tens soll die ver­dienst­vol­le Arbeit des Car­t­hu­sia­nus-Ver­la­ges gewür­digt wer­den.

Wie bekannt brach­te die­ser den Trak­tat Tra­di­ti­on und Moder­nis­mus – Über die Unver­än­der­bar­keit der Tra­di­ti­on gegen die neue Häre­sie des Evo­lu­tio­nis­mus (1929) des fran­zö­si­schen Jesui­ten­kar­di­nals Lou­is Bil­lot (1846 – 1931) erst­mals auf Deutsch her­aus. In einer Zeit, in der von der kirch­li­chen Hier­ar­chie in ver­ant­wor­tungs­lo­ser Wei­se das Glau­bens­gut im Zei­chen einer moder­ni­stisch inter­pre­tier­ten „Ent­wick­lung“ ver­fälscht wird und in der die­sel­be Hier­ar­chie ver­meint, den 500. Jah­res­tag der Kata­stro­phe einer fälsch­lich so genann­ten „Refor­ma­ti­on“ fei­ern zu müs­sen, sind die Aus­füh­run­gen eines bril­lan­ten Kir­chen­man­nes von nicht zu über­schät­zen­dem kor­ri­gie­ren­dem Wert.

Daher hier noch ein­mal Lou­is Bil­lot und die ver­han­del­te Pro­ble­ma­tik.

Der Autor

Bil­lot stamm­te aus Sierck-les-Bai­nes in Loth­rin­gen (in der Nähe der deutsch-luxem­bur­gi­schen Gren­ze) und wur­de 1869 zum Prie­ster geweiht. Im sel­ben Jahr trat er in die Gesell­schaft Jesu ein. Er wur­de Dog­ma­tik­pro­fes­sor an der Gre­go­ria­na und Kon­sul­tor der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on. Er wur­de 1911 vom hl. Pius X. zum Kar­di­nal kre­iert. Im Streit mit Papst Pius XI. über des­sen Ver­bot der Action Fran­çai­se ließ er sich 1927 vom Kar­di­na­lat ent­bin­den und starb hoch­be­tagt im Jesui­ten­no­vi­zi­at in Aric­cia (in der Nähe von Rom).

Bil­lots Ein­fluß auf die lehr­amt­li­che Ver­kün­di­gung war erheb­lich: Er unter­stütz­te Pius X. bei der Kon­zep­ti­on von Pas­cen­di (1907), der maß­geb­li­chen Enzy­kli­ka gegen die zer­stö­re­ri­schen – und häu­fig kon­spi­ra­tiv agie­ren­den – Strö­mun­gen des Moder­nis­mus. Er war Kon­sul­tor des Hl. Offi­zi­ums (spä­ter Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on) und war als Autor und Leh­rer im Sin­ne der klas­si­schen tho­mi­sti­schen Theo­lo­gie, die von Papst Leo XIII. als für die katho­li­sche Theo­lo­gie und Phi­lo­so­phie maß­geb­lich erklärt und geför­dert wor­den war, sehr ein­fluß­reich („Römi­sche Schu­le“).

Alfred Loisy, „Säulenheiliger“ des Modernismus – überraschend aktuell

Der äuße­re Anlaß zur Abfas­sung des vor­lie­gen­den Trak­ta­tes war die zer­set­zen­de Tätig­keit des vom Glau­ben abge­fal­le­nen Prie­sters Alfred Loi­sy (1857 – 1940). Die­ser griff damals schon kur­sie­ren­de Ideen über die Ent­ste­hung der Bibel und die „Ent­wick­lung“ des Glau­bens auf (in „Das Evan­ge­li­um und die Kir­che“, 1902, und der pole­mi­sche Fol­ge­band Autour d’un petit liv­re). Loi­sy bestritt die histo­ri­sche Zuver­läs­sig­keit der neu­te­sta­ment­li­chen Tex­te und die Legi­ti­mi­tät der kirch­li­chen Tra­di­ti­on. Er ging von einer Ver­än­der­bar­keit des christ­li­chen Glau­bens unter den Vor­zei­chen einer falsch ver­stan­de­nen „Evo­lu­ti­on“ aus.

Louis Billot
Lou­is Bil­lot, Prie­ster­wei­he 1869

Etwas ver­ein­facht gesagt bot Alfred Loi­sy (mit ande­ren Autoren) die theo­re­ti­schen Grund­la­gen für das, was sich heu­te „Geist des Kon­zils“, „Kir­che von unten“, „Pfar­re­rinitia­ti­ve“, „Wir sind Kir­che“ u. dgl. nennt. Auch die Irrun­gen von Kar­di­nal Wal­ter Kas­per und des­sen Adep­ten ste­hen in einem unter­grün­di­gen Zusam­men­hang mit die­sen Grund­la­gen (vgl. dazu die groß­ar­ti­ge Stu­die von Tho­mas H. Stark Histo­ri­zi­tät und Deut­scher Idea­lis­mus im Den­ken Wal­ter Kas­pers).

Damit kann Loi­sy als einer der Urvä­ter der „moder­nen“ inner­kirch­li­chen Zer­set­zung gel­ten.

Loi­sys Ein­fluß war schon zu Leb­zei­ten groß, konn­te aber auf­grund der Wach­sam­keit der Hier­ar­chie ein­ge­dämmt wer­den.

Bil­lot nahm nun das Werk Loi­sys zum Anlaß, um in der Ent­geg­nung dar­auf eini­ge grund­sätz­li­che Fra­gen zu erör­tern (ohne sich aber auf Loi­sys Publi­ka­tio­nen zu beschrän­ken). In sechs Kapi­teln (Der katho­li­sche Begriff der hei­li­gen Tra­di­ti­on; Die Ursa­che der schein­ba­ren Wider­sprü­che in den Zeug­nis­sen der Tra­di­ti­on; Der Feh­ler der histo­ri­schen Metho­de bei der Kri­tik der Tra­di­ti­ons­zeug­nis­se; Der Irr­tum der rela­ti­ven Wahr­heit bei den Leh­ren der Tra­di­ti­on; Der mora­li­sche Dog­ma­tis­mus als Weg in den tota­len Ruin [gemeint ist die Kant­sche Nor­men­be­grün­dung]; Die Anhäu­fung von Irr­tü­mern im System des ‚leben­di­gen Glau­bens‘) erklärt er die inne­re Logik der katho­li­schen Tra­di­ti­on und ana­ly­siert ent­ge­gen­ste­hen­de Mei­nun­gen, neben Loi­sy den Pro­te­stan­tis­mus und den ver­hee­ren­den Ein­fluß Kants.

Und all das sind bekannt­lich kei­ne aka­de­mi­schen Spe­ku­la­tio­nen ohne Bezug auf die mensch­li­che Wirk­lich­keit. Denn wenn es so wäre, hät­ten die kon­spi­ra­tiv arbei­ten­den Moder­ni­sten nicht so viel Zeit und Ener­gie in ihre sub­ver­si­ve Arbeit gesteckt. Die Gegen­sei­te wuß­te ganz genau, wie die Ver­än­de­rung des Glau­bens und des Den­kens die Kir­che und die Welt ver­än­dern muß.

Und „Ver­än­de­rung“ kann hier nur „Ver­fäl­schung“ bedeu­ten. Und wo die Wahr­heit ver­schwin­det, ver­schwin­den die Gebo­te Got­tes. Damit ver­schwin­det die Frei­heit, die bekannt­lich nur Frei­heit ist, wenn sie zum Guten ver­wen­det wird (vgl. KKK 1733). Damit ver­schwin­det auch das gegen­sei­ti­ge Wohl­wol­len und „die Lie­be erkal­tet“ (vgl. Mt 24,12).

Kommt uns das nicht bekannt vor?

Gegen das protestantische Sola Scriptura-Prinzip

Da man der­zeit auch auf katho­li­scher Sei­te die unglück­li­che Ein­ge­bung hat­te, die irri­ger­wei­se so genann­te „Refor­ma­ti­on“ anläß­lich deren 500. Geburts­ta­ges fest­lich bege­hen zu wol­len, soll hier zunächst auf die Bil­lot­sche Bestrei­tung des Sola Scrip­tu­ra — Prin­zips Luthers ein­ge­gan­gen wer­den.

Luther hat­te bekannt­lich gegen die gesam­te Über­lie­fe­rung der Kir­che und gegen jeden gesun­den Men­schen­ver­stand aus­schließ­lich den Wort­laut der hl. Schrift als Glau­bens­quel­le aner­kannt und damit die gan­ze Tra­di­ti­on aus­ge­schlos­sen. Kon­se­quen­ter­wei­se wur­de er zum ein­zig legi­ti­men Inter­pre­ten der Bibel – und wehe dem „Co-Refor­ma­tor“, der zu ande­ren Auf­fas­sun­gen als der unfehl­ba­re „Refor­ma­tor“ selbst gelang­te! End­lo­se Spal­tun­gen – und Krie­ge – waren vor­pro­gram­miert.

Louis Billot: Tradition und Modernismus
Lou­is Bil­lot: Tra­di­ti­on und Moder­nis­mus

Hin­ter der Hal­tung Luthers und ande­rer Revo­lu­tio­nä­re steck­te (häu­fig unein­ge­stan­den) die blas­phe­mi­sche Irr­leh­re, daß Jesus Chri­stus nicht „alle Tage“ bei sei­ner Kir­che gewe­sen sein soll, viel­leicht sogar 1500 Jah­re lang nicht:

„Was soll das hei­ßen, ‚alle Tage‘? Das soll hei­ßen, in der gewöhn­li­chen und täg­li­chen Aus­übung des Lehr­am­tes, wie auch in ihrer fei­er­li­chen Aus­übung. Wenn Chri­stus näm­lich ‚alle Tage‘ sagt, dann schließt er jede Unter­bre­chung völ­lig aus, sei sie auch kurz, nur einen Tag wäh­rend, und läßt für ein Abwei­chung kei­nen Raum. Was bedeu­tet ‚alle Tage‘ noch? In jedem Jahr­hun­dert, in jeder Genera­ti­on“ (72f).

Bil­lot weist dann dar­auf hin, daß das eigent­li­che Organ der Glau­bens­ver­kün­di­gung nicht die Bibel son­dern die Kir­che ist:

„Es stellt sich die Fra­ge, wo es in der bibli­schen Exege­se der Pro­te­stan­ten einen Platz für die­ses bestän­di­ge, ordent­li­che und ewi­ge Organ gibt, dem Chri­stus alle Tage und bis an das Ende der Zei­ten sei­nen fort­wäh­ren­den Bei­stand geben soll­te? Nir­gend­wo [nach pro­te­stan­ti­scher Auf­fas­sung], da ja der Schatz der himm­li­schen Leh­re, der ein für alle Mal von den Hörern im fest­ge­füg­ten Instru­ment der Schrift nie­der­ge­legt wor­den ist; und seit­dem blieb nichts mehr zu tun, und der gesam­te Auf­trag ‚alles zu leh­ren, was ich euch auf­ge­tra­gen habe‘, muß­te zwangs­läu­fig mit der Genera­ti­on der Apo­stel oder ihrer Schü­ler ein Ende neh­men“ (73f).

Die Chri­sten sind aber nicht „Leu­te des Buches“ (wie es gemäß einer Fremd­zu­schrei­bung heißt, die lei­der heu­te auch in die Kir­che der Dhim­mis ein­ge­drun­gen ist)! Die Chri­sten sind die Leu­te der leben­di­gen Glau­bens­wei­ter­ga­be, also der „Tra­di­ti­on“:

„Fügen wir noch gleich­falls mit Robert Bel­l­ar­min hin­zu, daß die Apo­stel, wenn sie von Amts wegen eine schrift­li­che Fixie­rung ihrer Leh­re inten­diert hät­ten, zwei­fels­oh­ne einen Kate­chis­mus oder ein ver­gleich­ba­res Werk mit einer Samm­lung der Lehr­tex­te zusam­men­ge­stellt hät­ten. (…) Wir haben hier ein unab­weis­ba­res Indiz dafür, daß die Apo­stel von Chri­stus mit der Auf­ga­be betraut waren, die durch das Evan­ge­li­um geof­fen­bar­te Wahr­heit zu über­lie­fern und wei­ter­zu­ge­ben, indem sie zuerst und vor allem die münd­li­che und per­sön­li­che Ver­kün­di­gung aus­üb­ten“ (74f).

Und die­se Ver­kün­di­gung geht wei­ter und wird über die Jahr­hun­der­te kul­tur­prä­gend. Dabei wird die Bibel in höch­sten Ehren gehal­ten – und auf dem Hin­ter­grund des gesam­ten kirch­li­chen Glau­bens rich­tig ver­stan­den und aus­ge­legt. Sola Scrip­tu­ra hat die Aus­le­gung aber zur Pri­vat­sa­che gemacht und zu end­lo­ser Frag­men­tie­rung im Pro­te­stan­tis­mus geführt.

Die­se Men­ta­li­tät schwappt nun im Zuge einer „moder­nen“ Abkop­pe­lung von der Tra­di­ti­on zwangs­läu­fig in die Kir­che hin­ein.

Daher zu einer ande­ren Fra­ge:

Wann beginnt die „Moderne“ – und was ist sie überhaupt?

In der Ver­wir­rung, die durch den „Moder­nis­mus“ aus­ge­löst wur­de, ist man offen­sicht­lich gar nicht mehr auf die Fra­ge gekom­men, was die „Moder­ne“ über­haupt ist und wann sie allen­falls begon­nen haben soll­te. Sie wird häu­fig mit einem „Erwa­chen des Sub­jek­tes“ und einer neu­ge­fun­de­nen „Frei­heit“ (o. ä.) iden­ti­fi­ziert und mit Des­car­tes und/oder der „Auf­klä­rung“ ange­setzt.

Bil­lot iden­ti­fi­ziert die „Moder­ne“ aber mit dem Unglau­ben, mit dem Wider­stand, der der gött­li­chen Offen­ba­rung ent­ge­gen gebracht wird:

„Es ist zwei­fels­oh­ne wahr, daß sich der moder­ne Geist in sei­ner Ungläu­big­keit Wun­dern wider­setzt, eher das Unmög­li­che ver­sucht, als ihre Rea­li­tät zuzu­ge­ben, und bereit­wil­lig die Augen ver­schließt, um sich nicht von ihrem unwi­der­leg­ba­ren Zeug­nis aus der Fas­sung brin­gen zu las­sen. Aber abge­se­hen davon, daß es hier bei Gott nichts Neu­es und Moder­nes gibt, außer man läßt die moder­ne Ära zur Zeit der Schrift­ge­lehr­ten und Pha­ri­sä­er begin­nen, wäre die Schluß­fol­ge­rung zu jener, die sie erwei­sen wol­len, dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt“ (144).

Es ist viel­leicht nicht über­flüs­sig hier zu ergän­zen, daß eine pro­mi­nen­te jüdi­sche Stim­me eben­falls Juden­tum und „Moder­ne“ mit­ein­an­der iden­ti­fi­ziert und damit einen jüdi­schen Buch­preis gewon­nen hat (Yuri Slez­ki­ne, The Jewish Cen­tu­ry, 2006).

Die „Moder­ne“ löst damit in pha­ri­säi­scher Logik auch die Gebo­te Got­tes auf und erfin­det eige­ne (vgl. Mk 7,8): Gegen den schon zur Zeit Bil­lots und beson­ders heu­te infla­tio­när und miß­bräuch­lich ver­wen­de­ten „moder­nen“ Gewis­sens­be­griff erklärt Bil­lot daher, daß hin­ter dem Anspruch des Gewis­sens etwas steht, das unver­han­del­bar und objek­tiv ist. Das Gewis­sen kann nicht will­kür­li­chen Lau­nen und Moden unter­wor­fen wer­den, es „ent­wickelt“ sich auch nicht in ein „Nicht-Gewis­sen“ oder in eine arro­gan­te Will­kür, die heu­te all­ge­gen­wär­tig ist. Das Gewis­sen kor­re­spon­diert mit der Fül­le der – katho­li­schen – Wahr­heit:

„Tat­säch­lich ist nichts offen­kun­di­ger, als daß die Ver­pflich­tung, die das Gewis­sen bin­det und den Men­schen (ob er will oder nicht) mit einem unlös­ba­ren Band an sich zieht, in ihrem Begriff die Abhän­gig­keit von einer abso­lut not­wen­di­gen Regel ein­schließt, und die­se ist von etwas Höhe­rem auf­er­legt, das real bzw. in der Wirk­lich­keit wahr­haft exi­stiert“ (192).

Wir kön­nen also sagen, daß die „Moder­ne“ letzt­lich die Abwen­dung von Gott ist oder die „Flucht vor Gott“ (Max Picard). Denn recht viel mehr an Inhalt wird man im Begriff der „Moder­ne“ kaum fin­den kön­nen. Sie ist ein Irr­licht.

Das Martyrium – bei evolutionistisch verstandener Dogmenentwicklung sinnlos

Ein letz­ter Punkt, der wie­der stär­ker mit Loi­sy zu tun hat. Die­ser behaup­te­te ja, daß die Leh­r­ent­wick­lung der Kir­che inhalt­lich in stän­di­gem Fluß sei. Damit wider­spricht er aber dem katho­li­schen Ver­ständ­nis von Dog­men­ent­wick­lung, wonach ein ein­mal defi­nier­tes Dog­ma selbst­ver­ständ­lich auch sei­nem Wort­laut nach fixiert ist. Frei­lich kann die­ses Dog­ma immer tie­fer erfaßt wer­den, aber man kann nicht mehr hin­ter den fixier­ten Wort­laut zurück. Die­ser tran­szen­diert die Dog­men­ent­wick­lung in der Geschich­te. Die Mär­ty­rer ver­gos­sen ihr Blut eben auch für einen bestimm­ten Wort­laut. Das mag über­spitzt klin­gen, trifft aber die Sache. Denn nur im defi­nier­ten Wort­laut ist die gött­lich geof­fen­bar­te Wahr­heit ent­hal­ten:

„Doch wür­de man sein Blut ver­geb­lich ver­gie­ßen und sein Leben nicht sei­nem wah­ren Wert nach ein­schät­zen, wenn es hier ledig­lich um mensch­li­che For­meln gin­ge, die heu­te beliebt und mor­gen außer Mode sind! Und wenn man sich jetzt vor­stel­len darf, daß die ‚Wesens­gleich­heit‘ der Fach­ter­mi­nus einer bestimm­ten Schu­le ist und daß man sie eines Tages gegen einen ande­ren Begriff und eine ande­re Bedeu­tung aus­tau­schen kann! Und wenn man der Ansicht sein kann, daß Jesus viel­leicht nicht Gott ist, außer in dem Sinn, daß sei­ne See­le eine Umwand­lung durch­ge­macht hat und er sich einer gewis­sen Ver­ei­ni­gung mit dem Vater bewußt gewor­den wäre!“ (168)

Zusammenfassung

Bil­lot legt dar, wie ver­läß­lich der wah­re Glau­be in der römi­schen Kir­che über­mit­telt und den Völ­kern und Ein­zel­per­so­nen ver­kün­digt wur­de. Dabei wur­de das Glau­bens­gut theo­lo­gisch ent­fal­tet, durch­aus auch auf ver­schlun­ge­nen Pfa­den, aber nicht ver­än­dert.

Der zur Zeit Bil­lots in vol­ler Blü­te ste­hen­de Dar­wi­nis­mus ver­mein­te, daß sich ein Ding in ein ande­res „ent­wickeln“ kön­ne. Im Bereich der Welt­an­schau­ung und Reli­gi­on führ­te das bei Loi­sy und ande­ren zur fata­len Absur­di­tät, daß das depo­si­tum fidei, das Glau­bens­gut, sich je nach Epo­che zu sei­ner eige­nen Ver­nei­nung „ent­wickeln“ könn­te oder müß­te.

Alle die­se The­men sind heu­te von größ­ter Rele­vanz. Kar­di­nal Kas­per etwa ist die­sen Weg gegan­gen. Kar­di­nal Schön­born auch. Papst Fran­zis­kus begün­stigt die­se Ten­denz.

Der Abfall vom Glau­ben brach­te den Abfall von der Ver­nunft. Das kann nur in die Unfrei­heit füh­ren. Die Zei­chen ste­hen an der Wand.

Resümee zum Buch

Das Lek­tü­re­er­leb­nis ist erfreu­lich. Ein sym­pa­thi­scher Autor ver­sucht, theo­lo­gi­sche Fra­gen zu klä­ren, ohne all­zu weit­schwei­fig zu wer­den. Obwohl der Trak­tat gut les­bar und nicht nur für pro­mo­vier­te Theo­lo­gien gedacht ist, setzt er natür­lich ein hohes Maß an Pro­blem­be­wußt­sein und theo­lo­gi­schem Wis­sen vor­aus.

Bil­lot scheint auch Sinn für Humor gehabt zu haben (wit­zi­ge Anspie­lung auf Joh 9,21; 203), anti­pla­to­ni­sche Spit­zen sind aller­dings ent­behr­lich (173). –

Wie im Car­t­hu­sia­nus-Ver­lag üblich, gibt es eine gründ­li­che Ein­lei­tung ins The­ma und in den Zeit­hin­ter­grund, umfang­rei­che Anmer­kun­gen im lau­fen­den Text, ein­schließ­lich vie­ler Ori­gi­nal­zi­ta­te Loi­sys, Biblio­gra­phie und Regi­ster. –

Jeder, der für sich eini­ge Hin­ter­grün­de der der­zei­ti­gen kirch­li­chen Ver­wer­fun­gen einer­seits und die Prin­zi­pi­en der Tra­di­ti­on ande­rer­seits klä­ren will, wird hier fün­dig wer­den. Reli­gi­ons­leh­rer, Pro­fes­so­ren und Geist­li­che soll­ten erwä­gen, den — anspruchs­vol­len — Inhalt für ihre Schü­ler auf­zu­be­rei­ten. Auch Papst und Jesui­ten­or­den soll­ten das tun.

Lou­is Bil­lot SJ, ‚Tra­di­ti­on und Moder­nis­mus‘ – Über die Unver­än­der­bar­keit der Tra­di­ti­on gegen die neue Häre­sie des Evo­lu­tio­nis­mus, ein­ge­lei­tet und über­setzt von Clau­dia & Peter Bar­thold, Car­t­hu­sia­nus-Ver­lag, Foh­ren-Lin­den 2014, 236 S. www.carthusianus-verlag.de

*Wolf­ram Schrems, Mag. theol., Mag. phil., Kate­chist

1 Kommentar

  1. Per­sön­lich wür­de ich die sog. Moder­ne nicht so nega­tiv sehen. Die Moder­ne gehört nicht den Pro­te­stan­ten und „Moder­ni­sten“. Gera­de das Gegen­teil ist doch wahr: die­se bei­den Grup­pen oder Lager sind un-modern, denn sie wol­len ja frei­wil­lig nicht katho­lisch-christ­gläu­big sein, son­dern ver­tre­ten eine eige­ne eng­ge­ripp­te Ideo­lo­gie, ver­gleich­bar dem Islam.
    Modern ist für mich die wah­re, die römisch-katho­li­sche und apo­sto­li­sche Kir­che mit all ihren Leh­ren und Dog­men und der Tra­di­ti­on.

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