Michael Fiedrowicz: „Die überlieferte Messe“ – Eine Empfehlung

Rezen­si­on von Wolf­ram Schrems*

Eine autobiographische Vorbemerkung

Vor etwa vier­zehn Jah­ren wur­de Micha­el Fied­ro­wiczs Theo­lo­gie der Kir­chen­vä­ter von einer katho­li­schen Zei­tung bewor­ben. Ich erwarb das Werk und las es mit Inter­es­se. Auf­grund man­geln­der Ver­traut­heit mit dem The­ma konn­te ich es nicht gebüh­rend wür­di­gen. Immer­hin habe ich noch in Erin­ne­rung, daß es soli­de gear­bei­tet war und daß es die Kir­chen­vä­ter in ihrer eige­nen Aus­sa­ge­ab­sicht dar­stell­te – und nicht etwa femi­ni­stisch, mar­xi­stisch oder sozi­al­kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­re­tisch oder sonst irgend­wie inter­pre­tier­te bzw. miß­in­ter­pre­tier­te. Für Zei­ten wie die­se ist das durch­aus bemer­kens­wert.

Vor etwa vier Jah­ren nun wur­de mir das gegen­ständ­li­che Buch als Geschenk über­reicht. Ich war davon sehr ange­tan.

Mitt­ler­wei­le erschien es in drit­ter Auf­la­ge (2014).

Also haben es offen­sicht­lich auch ande­re gut gefun­den.

Da es sich um ein sehr gutes und wich­ti­ges Buch han­delt, hier etwas aus­führ­li­cher – wenn­gleich immer noch zu wenig.

Der Autor und sein Ansatz

Micha­el Fied­ro­wicz, geb. 1957 in Ber­lin, ist Prie­ster des Erz­bis­tums Ber­lin, Theo­lo­ge, Phi­lo­soph und Phi­lo­lo­ge und der­zeit Lehr­stuhl­in­ha­ber für Kir­chen­ge­schich­te, Patro­lo­gie und Christ­li­che Archäo­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Trier.

Buch
Micha­el Fied­ro­wicz: Die über­lie­fer­te Mes­se. Geschich­te — Gestalt — Theo­lo­gie

Er ist offen­sicht­lich gläu­bi­ger Katho­lik.

Er bekennt sich zum her­me­neu­ti­schen Grund­satz des hl. Augu­sti­nus, dem­ge­mäß man sich hei­li­ge Tex­te nicht von den­je­ni­gen erklä­ren las­sen darf, „die ihren Ver­fas­sern aus irgend­ei­nem Grun­de den erbit­tert­sten Kampf ange­sagt haben“ (10). (Für unhei­li­ge, lügen­haf­te Tex­te wäre natür­lich der gegen­tei­li­ge Ansatz erfor­der­lich.)

Fied­ro­wicz hält an der kirch­li­chen Tra­di­ti­on fest, daß „die Eucha­ri­stie ihre ein­heit­li­che Grund­ge­stalt im Krei­se der Apo­stel emp­fing, noch bevor die­se aus­ein­an­der­gin­gen, um aller Welt das Evan­ge­li­um zu ver­kün­den“, und also auch, bevor sich die ver­schie­de­nen Meß­ri­ten in West und Ost ent­wickel­ten (11).

Schließ­lich wird das gan­ze Werk von der Ein­sicht getra­gen, daß der vol­le Glau­be nur in der tra­di­tio­nel­len Lit­ur­gie bewahrt ist: „Unmiss­ver­ständ­lich und unver­kürzt bekun­det die über­lie­fer­te Form der Mess­fei­er, was die Kir­che glaubt, seit jeher geglaubt hat und stets glau­ben wird“ (289).

Der Ansatz des Autors besteht also in der Ein­sicht, daß die wah­re Wis­sen­schaft den alt­her­ge­brach­ten, katho­li­schen Glau­ben immer för­dert.

Das Buch

Auf­grund der Fül­le des Mate­ri­als hier nur eine sum­ma­ri­sche Dar­stel­lung und eini­ge aus­ge­wähl­te The­men. Bei den vie­len zitier­wür­di­gen Stel­len sind Zita­te unver­meid­li­cher­wei­se will­kür­lich und „sub­jek­tiv“.

Das Werk teilt sich in drei Haupt­tei­le.

Der erste behan­delt die Geschich­te der Ent­wick­lung von den (histo­risch greif­ba­ren) Anfän­gen im 2. und 3. Jahr­hun­dert bis zu den (sehr behut­sa­men) Refor­men des römi­schen Meß­buchs 1570 und spä­ter (zuletzt 1962).

Heilige Liturgie
Hei­li­ge Lit­ur­gie

In der Kon­fu­si­on unse­rer Zeit ist der­je­ni­ge Unter­ab­schnitt von größ­ter Bedeu­tung, der ganz beschei­den mit „Ter­mi­no­lo­gie“ beti­telt ist. Er klärt prä­zi­se die Aus­drücke „Alte Mes­se“, „Triden­ti­ni­sche Mes­se“, „usus anti­qui­or“ u. dgl und deckt deren all­fäl­li­ge ideo­lo­gi­sche Impli­ka­tio­nen auf. Gleich­zei­tig deu­tet er über die Fuß­no­ten einen gewis­sen Zwei­fel an, daß man wirk­lich sinn­vol­ler­wei­se von einem Ritus in zwei Aus­drucks­for­men (näm­lich usus ordi­na­ri­us und usus extra­or­di­na­ri­us) spre­chen kön­ne, wie es in Summorum pon­ti­fi­cum geschieht. (Wenn das also nicht bloß eine „kir­chen­dis­zi­pli­na­ri­sche For­mu­lie­rung“ (51) sein, son­dern auch Wirk­lich­keit benen­nen soll, wie man als loya­ler Katho­lik immer anzu­neh­men geneigt ist, dann wird man die­se Ter­mi­no­lo­gie als nicht ganz auf­rich­tig und besten­falls als kir­chen­po­li­ti­schen Kon­stel­la­tio­nen geschul­de­te Fik­ti­on emp­fin­den.)

Eine gute Idee des Autors (von vie­len) ist wei­ters die Her­an­zie­hung der sie­ben Kri­te­ri­en, die der seli­ge John Hen­ry New­man für die (legi­ti­me) Ent­wick­lung der Glau­bens­leh­re for­mu­liert hat. Er wen­det sie auf die kon­ti­nu­ier­li­che Ent­wick­lung der hl. Mes­se über die Jahr­hun­der­te (exklu­si­ve des Meß­bu­ches von Paul VI.) an, um zu schluß­fol­gern:

„Der klas­si­sche römi­sche Mess­ri­tus hat sich in sei­nem Kern­be­stand über 1500 Jah­re orga­nisch und kon­ti­nu­ier­lich ent­fal­tet. Sei­ne fort­dau­ern­de Lebens­kraft zeig­te sich nicht zuletzt dar­in, dass noch am Vor­abend des Vati­ka­num II tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen der Lit­ur­gie weder vom Kir­chen­volk noch vom Pfarrk­le­rus oder von den Bischö­fen ver­langt wur­den“ (63).

Damit ist en pas­sant auch die Pro­pa­gan­da­lü­ge wider­legt, mit der Katho­li­ken und Nicht-Katho­li­ken seit fünf­zig Jah­ren zum Nar­ren gehal­ten wer­den, näm­lich, daß es am Vor­abend des Kon­zils einen star­ken Wunsch nach einer Ände­rung des Meß­ri­tus gege­ben hät­te.

Der zwei­te Haupt­teil behan­delt in der Tra­di­ti­on älte­rer Meß­er­klä­run­gen detail­reich die Gestalt der Mes­se und ihrer Tei­le, sowie den Auf­bau des Kir­chen­jah­res und Fra­gen der Gebets­rich­tung, der Sakral­spra­che und von Ritua­li­tät und Sakra­li­tät im all­ge­mei­nen.

Sehr prä­gnant etwa Grund­sätz­li­ches zur Sakral­spra­che:

„Gegen den Gebrauch einer Sakral­spra­che wird oft ein­ge­wandt, sie erschwe­re das Ver­ständ­nis der lit­ur­gi­schen Tex­te und beein­träch­ti­ge die par­ti­ci­pa­tio actuo­sa der Gläu­bi­gen. Dem ist ent­ge­gen­zu­hal­ten, dass die Lit­ur­gie nicht Aus­druck pri­va­ter Fröm­mig­keit, son­dern der öffent­li­che Kult der Kir­che ist. Die Lit­ur­gie zielt pri­mär auf die Ver­herr­li­chung Got­tes und die Hei­li­gung des Men­schen. (…) Die For­de­rung nach einer ver­ständ­li­chen Volks­spra­che ver­kennt zudem, dass sich in der hl. Mes­se unaus­sprech­li­che Geheim­nis­se voll­zie­hen, die kein Mensch voll­kom­men ver­ste­hen kann. (…) Dage­gen täuscht die Umgangs­spra­che eine Ver­ständ­lich­keit vor, die in die­ser Wei­se gar nicht gege­ben ist“ (162).

Über­aus wert­voll ist auch der sub­ti­le Abschnitt über den Reich­tum der lit­ur­gi­schen Sym­bo­lik und deren Her­kunft (204ff.). Wir ler­nen aus ihm, daß jeder („ratio­na­li­sti­sche“) Ver­such, die Gel­tung sym­bo­li­scher Hand­lun­gen auf deren histo­ri­sche Gene­se zu redu­zie­ren, ein Irr­tum ist. Wäre die Scho­la­sti­sche Logik heu­te noch wei­ter ver­brei­tet, dann wür­de man um die Gefahr des Gene­ti­schen Trug­schlus­ses eben Bescheid wis­sen – oder aber die Lit­ur­gie­re­for­mer der 60er Jah­re hat­ten ohne­hin bewuß­te Zer­stö­rungs­ab­sich­ten. Die­ser Irr­tum mün­de­te jeden­falls in den Kahl­schlag, der die heu­ti­ge Lit­ur­gie des Westens (usus ordi­na­ri­us) aus­zeich­net, näm­lich beson­ders in die Abschaf­fung vie­ler Gesten, die die inne­re Hal­tung von Prie­ster, Meß­die­ner und Gläu­bi­gen auch äußer­lich aus­drücken und wie­der­um ver­stär­ken. Dar­um ist die Mes­se phä­no­ty­pisch zu einer Art Vor­le­sung oder eher noch Sit­zung gewor­den.

Der drit­te Haupt­teil geht auf die theo­lo­gi­schen Impli­ka­tio­nen der Mes­se ein, da – selbst­ver­ständ­lich – die Lit­ur­gie „gefei­er­tes Dog­ma“ ist, was heu­te aber teil­wei­se expli­zit bestrit­ten wird.

In die­sem Teil wer­den zunächst die for­mal kunst­vol­len jedoch inhalt­lich nüch­tern-rea­li­sti­schen Ora­tio­nen aus­führ­lich auf ihren Gehalt unter­sucht und mit deren Bana­li­sie­rung im Neu­en Meß­ri­tus kon­tra­stiert. Dar­aus geht bei­spiels­wei­se etwa her­vor, daß die Kir­che auf Erden nicht ein­fach „das Volk Got­tes auf dem Weg“ ist, wie es heut­zu­ta­ge harm­los-platt heißt, son­dern „strei­ten­de Kir­che“, eccle­sia mili­tans, da die böse Macht eben nicht zu wir­ken auf­ge­hört hat – ganz im Gegen­teil.

Dar­le­gun­gen zum theo­lo­gi­schen Gehalt der Lesun­gen, des – von den „Lit­ur­gie­re­for­mern“ beson­ders gehaß­ten – Offer­to­ri­ums und des Römi­schen Kanon gehö­ren — wei­ters — zur Kern­the­ma­tik des Buches.

Das gan­ze Buch wird durch die Betrach­tun­gen zum Grund­satz lex oran­di lex creden­di gleich­sam resü­miert: „Die über­lie­fer­te Mes­se ist der in Jahr­hun­der­ten geform­te Aus­druck und bewähr­te Garant die­ses unver­sehr­ten Wis­sens der Got­tes­ver­eh­rung“ (293).

Tiefe Verwirrung bezüglich der „Abschaffung“ der Alten Messe

Inter­es­sant ist die Fest­stel­lung des Autors, daß das römi­sche Meß­buch nir­gend­wo aus­drück­lich abro­giert wur­de. Auch Papst Paul VI. hat offen­bar kei­nen der­ar­ti­gen Rechts­akt gesetzt. Dar­um konn­te Bene­dikt XVI. 2007 fest­stel­len, daß die „Alte Mes­se“ nie­mals abge­schafft war. Vie­le Zeit­ge­nos­sen der „Lit­ur­gie­re­form“ wer­den die­se Aus­sa­ge als Hohn emp­fun­den haben, da ja die kirch­li­chen Auto­ri­tä­ten den klas­si­schen Meß­ri­tus tat­säch­lich ver­bo­ten (so nach Roma­no Ame­rio etwa die fran­zö­si­schen Bischö­fe) und tra­di­ti­ons­treue Gläu­bi­ge und Prie­ster mas­siv schi­ka­niert hat­ten, letz­te­re bis zum Ver­lust ihrer Anstel­lung.

Im übri­gen wird sich jetzt, nach dem wie „frei­wil­lig“ auch immer voll­zo­ge­nen Rück­tritt von Papst Bene­dikt XVI. und der kon­trä­ren Poli­tik von Papst Fran­zis­kus, zei­gen, wie auf­rich­tig und nach­hal­tig die Hin­wen­dung von Prie­stern und Gläu­bi­gen zur „Alten Mes­se“ in den Jah­ren nach 2007 gewe­sen war.

Fied­ro­wicz meint es für sei­ne Per­son offen­bar ernst, wie das Fak­tum der drit­ten Auf­la­ge in inop­por­tu­ner Zeit zeigt.

Sehr ein­präg­sam – und gleich­sam als per­sön­li­ches Bekennt­nis:

„Mit der klas­si­schen Mes­se ist es wie mit dem Betre­ten eines alten Got­tes­hau­ses: wer ein­mal eini­ge Stu­fen empor­ge­stie­gen ist, das schwe­re Ein­gangs­por­tal geöff­net hat, d.h. wer trotz man­cher Wider­stän­de, Vor­be­hal­te oder son­sti­ger Schwie­rig­kei­ten einen Zugang gesucht hat, wird sich in einem hei­li­gen Raum wie­der­fin­den, der mit dem Eben­maß sei­ner Pro­por­tio­nen, mit der Kost­bar­keit sei­ner Mate­ria­li­en, mit der zen­tra­len Stel­lung von Hoch­al­tar und Taber­na­kel den Beter ein­fügt in eine vor­ge­ge­be­ne Ord­nung, die Halt ver­leiht, ihn her­aus­führt aus dem Bereich des Pro­fa­nen und Bana­len, um die Nähe des Hei­li­gen ver­spü­ren zu las­sen, schließ­lich den Blick zen­triert auf den, dem alle Lit­ur­gie letzt­lich gilt, auf Gott, wie er sich im Kreu­zes­op­fer sei­nes Soh­nes zu erken­nen gibt und im Sakra­ment des Alta­res unter den Men­schen gegen­wär­tig bleibt“ (67).

Ein brisantes Spezialthema: Warum eine neue Bibelversion?

Von gro­ßer Trag­wei­te ist im Zusam­men­hang mit den Bibel­über­set­zun­gen des Mis­sa­le Roma­num der Hin­weis des Autors auf die Sep­tu­ag­in­ta.

Die schö­ne Rezen­si­on auf Summorum-Pontificum.de schreibt hier­zu mit Blick auf ideo­lo­gi­sche Mani­pu­la­tio­nen:

Beson­ders lehr­reich in die­ser Hin­sicht sind auch die Aus­füh­run­gen zur Pro­ble­ma­tik der Psal­men­über­set­zung, für die sich die Moder­ni­sten bekannt­lich lie­ber an der (jün­ge­ren) hebräi­schen Ver­si­on der maso­reti­schen Tra­di­ti­on ori­en­tie­ren als an der in grie­chi­scher Spra­che auf­ge­zeich­ne­ten Sep­tu­ag­in­ta, die im 2. vor­christ­li­chen Jh. ent­stan­den ist und dem Glau­ben der Juden zur Zeit Jesu in vie­lem näher steht. Sie spie­gelt nach Fied­ro­wicz […] „ein fort­ge­schrit­te­nes Offen­ba­rungs­sta­di­um wider“, „das eine aus­ge­präg­te Mes­si­as-Erwar­tung, eine uni­ver­sa­le Heils­per­spek­ti­ve sowie eine ver­tief­te Escha­to­lo­gie bzw. Auf­er­ste­hungs­hoff­nung besaß und daher eine Art ‚Vor­be­rei­tung des Evan­ge­li­ums’ dar­stell­te. (…) Viel­fach läßt allein der Wort­laut der Sep­tu­ag­in­ta ver­ste­hen, war­um und in wel­chem Sinn Sin­ne die Kir­che einen bestimm­ten Text rezi­piert und inter­pre­tiert hat. Nicht sel­ten bil­det gera­de die Abwei­chung vom hebräi­schen Text den Grund für Ver­wen­dung eines Psalms an einer bestimm­ten Stel­le der Lit­ur­gie.“ (S. 173 f)

Es wäre loh­nend, der Fra­ge nach­zu­ge­hen, war­um um alles in der Welt die nach­kon­zi­lia­re Kir­che in der neu­en latei­ni­schen Ver­si­on von Bibel und Bre­vier den über­lie­fer­ten Text geän­dert hat – ein­schließ­lich die aus der Lit­ur­gie bekann­ten und ver­trau­ten Ver­se. Aus­ge­rech­net.

In Psalm 43,4 [42 Vg] der Nova Vul­ga­ta (zit. nach der Aus­ga­be Novum Testa­men­tum et Psal­te­ri­um iux­ta Novae Vul­ga­tae edi­tio­nis text­um, Libre­ria Edit­ri­ce Vati­ca­na 2002, mit einem Vor­wort von Kar­di­nal Joseph Ratz­in­ger und der Apo­sto­li­schen Kon­sti­tu­ti­on zur Pro­mul­ga­ti­on der Nova Vul­ga­ta von Papst Johan­nes Paul II. vom 25. April 1979) heißt es jetzt z. B.: „Et introi­bo ad alta­re Dei, ad Deum lae­ti­tiae exsul­ta­tio­nis meae“ und in Ps 85,7 [84] steht plötz­lich eine Fra­ge: „Non­ne tu con­ver­sus vivi­fi­ca­bis nos (…)?“

Offen­bar woll­te man hier bewußt die Kon­ti­nui­tät bre­chen. War­um?

Es stellt sich die Fra­ge, war­um man auf den hebräi­schen Text der Maso­re­ten zurück­greift (Ein­heits­über­set­zung) und damit das Ver­hei­ßungs-/Er­fül­lungs­sche­ma, also die Kon­ti­nui­tät zwi­schen Altem und Neu­em Testa­ment, gera­de abschwächt (!). Die Fra­ge ist ja, was im ursprüng­li­chen hebräi­schen Text wirk­lich geschrie­ben steht. Die­sen Text haben wir eben nicht. Wir haben nur den maso­reti­schen Text (Biblia hebrai­ca stutt­gar­ten­sia) und eini­ge Schrift­rol­len von Qum­ran, die aber die Sep­tu­ag­in­ta unter­stüt­zen.

Die unab­weis­ba­re Fra­ge ist also, ob die mit­tel­al­ter­li­chen Rab­bi­ner mehr als nur die Voka­li­sie­rung des Kon­so­nan­ten­tex­tes durch­ge­führt haben. Denn – um ein rele­van­tes Bei­spiel zu nen­nen – zwi­schen „Grab“ (Ps 16,10 nach der Ein­heits­über­set­zung) und „Ver­we­sung“ (diaphthorá, cor­rup­tio – der­sel­be Psalm­vers in Apg 2,27.31 nach der Sep­tu­ag­in­ta bzw. Vul­ga­ta zitiert und dem­entspre­chend inter­pre­tiert!) ist doch ein rele­van­ter Unter­schied (ganz abge­se­hen von der neu­en Nume­rie­rung, die zu Kon­fu­sio­nen führ­te). Stand „Grab“ ursprüng­lich im Text – oder han­delt es sich um eine bewußt anti­christ­lich moti­vier­te Fäl­schung durch die Maso­re­ten, um die Bezie­hung von Ps 16 [15 Vg] auf Jesus Chri­stus zu unter­mi­nie­ren? Und war­um brei­tet sich genau die­se Ten­denz plötz­lich in der Kir­che aus?

Die Beweis­last trägt selbst­ver­ständ­lich der Ver­än­de­rer. Wir wür­den also die kirch­li­che Obrig­keit um eine schlüs­si­ge Begrün­dung für die­se Neue­run­gen ersu­chen.

Kla­rer­wei­se wür­de eine erschöp­fen­de Dar­stel­lung die­ses Pro­blem­fel­des den Rah­men des Buches spren­gen. Auch der Rezen­si­on.

Aber klar ist auch, daß die Lit­ur­gie ein ideo­lo­gi­sches Schlacht­feld ist. Die Ein­mi­schung in die Fra­ge der Kar­frei­tags­für­bit­te für den „Außer­or­dent­li­chen Usus“ im Jahr 2008 von jüdi­scher Sei­te mach­te das schlag­licht­ar­tig deut­lich.

In die­sem Sinn muß es als ver­dienst­voll gewer­tet wer­den, daß der Autor das Pro­blem the­ma­ti­siert. Als inter­es­sier­ter Leser hofft man auf des­sen aus­führ­li­che­re Erklä­run­gen in der nähe­ren Zukunft.

Resümee

Das Buch ist ein Fach­buch, was aber nicht bedeu­tet, daß es nicht popu­la­ri­sier­bar wäre. Mit über 900 Fuß­no­ten und fremd­spra­chi­gen Zita­ten setzt es beim Leser zwar Geläu­fig­keit in der Lek­tü­re wis­sen­schaft­li­cher Abhand­lun­gen vor­aus. Ande­rer­seits ist es in gutem und flüs­si­gem Deutsch gehal­ten, immer inter­es­sant und ohne unnö­ti­ge Kom­pli­ka­tio­nen.

Das Buch ent­hält sich jeder Pole­mik (die jedoch bekannt­lich fall­wei­se durch­aus ange­bracht sein kann) und läßt den Glanz der Wahr­heit auf spi­ri­tu­ell und wis­sen­schaft­lich hoch­ste­hen­de Wei­se auf­strah­len.

Es greift unbe­fan­gen auch auf in offi­zi­el­len Kir­chen­krei­sen nicht immer wohl­ge­lit­te­ne zeit­ge­nös­si­sche Autoren (Wal­ter Hoe­res, Robert Spa­e­mann, Heinz-Lothar Barth, Rober­to de Mattei, Mar­tin Mose­bach) zurück und bringt ver­dienst­voller­wei­se einen der bedeu­tend­sten Hagio­gra­phen des 20. Jahr­hun­derts, den pro­te­stan­ti­schen Schwei­zer Kir­chen­hi­sto­ri­ker und Mei­ster der deut­schen Spra­che Wal­ter Nigg („  1988), ins Spiel, der bekannt­lich in der nach­kon­zi­lia­ren Ver­wü­stung auch vie­le Katho­li­ken mit den Hei­li­gen ver­traut mach­te (so auch den Rezen­sen­ten).

Ein sehr sorg­fäl­tig gear­bei­te­tes und umfang­rei­ches Lite­ra­tur­ver­zeich­nis sowie Per­so­nen- und Sach­re­gi­ster machen das Werk zum Hand­buch und Nach­schla­ge­werk.

Wenn man als Rezen­sent auch aus Grün­den der Voll­stän­dig­keit nach Kri­tik­wür­di­gem suchen muß, wird man nicht fün­dig. Sicher könn­te man fra­gen, war­um Fied­ro­wicz die von ihm her­an­ge­zo­ge­ne Kon­zils­kon­sti­tu­ti­on über die hei­li­ge Lit­ur­gie Sacro­sanc­tum Con­ci­li­um nicht kri­ti­scher ana­ly­siert. Oder war­um er den Bruch der Lit­ur­gie Bugni­nis und das Kom­plott der „Lit­ur­gie­re­for­mer“ nicht the­ma­ti­siert. Die Ant­wort dar­auf wird lau­ten: Weil das nicht The­ma des Buches ist. Allen­falls wird man den Aus­druck „erneu­er­te Gestalt“ (10) als etwas unglück­lich for­mu­liert emp­fin­den – zumal im Kon­text der wei­te­ren Aus­füh­run­gen.

Man wird das Buch allen emp­feh­len kön­nen, die gewillt sind, etwas Mühe auf sich zu neh­men, um sich das nöti­ge Wis­sen über die wah­re cul­tu­ra, über die von Gott selbst gestif­te­te und gewünsch­te, somit auch dem Men­schen ange­mes­se­ne und ihn gei­stig erfül­len­de Got­tes­ver­eh­rung, zu ver­schaf­fen. Es sei beson­ders Geist­li­chen und Theo­lo­gie­stu­den­ten ans Herz gelegt, damit sie die Kata­stro­phe der „erneu­er­ten Lit­ur­gie“ bzw. „Lit­ur­gie­re­form“ von 1969/70 in ihrer vol­len Trag­wei­te erfas­sen und zu über­win­den hel­fen.

Schließ­lich sei es den Bischö­fen des deut­schen Sprach­raums ans Herz gelegt, in deren Diö­ze­sen Tri­via­li­sie­rung, Lit­ur­gie­miß­brauch und nack­te Apost­asie nicht nur „von selbst“ wuchern, son­dern von diö­ze­sa­nen Gru­sel­ka­bi­net­ten ver­brei­tet und ange­ord­net wer­den. Viel­leicht fin­det der eine oder ande­re Ober­hir­te doch noch auf den rech­ten Weg. –

Dank und Aner­ken­nung gebüh­ren daher dem Autor, sowie dem Ver­le­ger, der sich in die­sem Apo­sto­lat ja immer auch einem wirt­schaft­li­chen Risi­ko aus­setzt, und dem Lek­to­rat, das wie­der­um her­vor­ra­gend gear­bei­tet hat.

Dank schließ­lich an Hoch­wür­den M., dem ich die Kennt­nis die­ses Buches über­haupt ver­dan­ke.

Deo gra­ti­as.

Micha­el Fied­ro­wicz, Die über­lie­fer­te Mes­se – Geschich­te, Gestalt, Theo­lo­gie des klas­si­schen römi­schen Ritus, 3., aktua­li­sier­te Auf­la­ge, Car­t­hu­sia­nus-Ver­lag, Mühlheim/Mosel 2014 (www.carthusianus.de), 312 S.; 38,- [A]

*MMag. Wolf­ram Schrems, Linz und Wien, katho­li­scher Theo­lo­ge, Phi­lo­soph, Kate­chist, erst vor weni­gen Jah­ren zur Über­lie­fer­ten Lit­ur­gie gelangt

Bild: Una Fides

5 Kommentare

  1. Pas­send zum Arti­kel eine Schil­de­rung von Hw Pater Dene­ke von der Petrus-Bru­der­schaft FSSP aus dem Jah­re 2007 über sei­ne erste Begeg­nung mit der hl. Mes­se der Jahr­hun­der­te – der Alten Mes­se. Es ist gleich­zei­tig ein lei­den­schaft­li­ches Plä­doy­er für die­ses Wun­der­werk des Glau­bens, der über­lie­fer­ten Mes­se:

    -
    „Erste Begeg­nung mit der „alten Mes­se“

    Es sind allem vor­an bestimm­te Begeg­nun­gen,
    die unse­rem Leben Rich­tung und Prä­gung geben. Begeg­nun­gen,
    die aus dem flüch­ti­gen Grau-in-Grau des All­tags her­vor­ste­chen.
    Die ihr Zei­chen tief in See­le und Herz drücken.
    Und die uns wie ver­wan­delt ent­las­sen.
    Rück­blickend erken­nen wir sie als Fügun­gen gött­li­cher Vor­se­hung;
    als Wege der Gna­de hin zum Leben in Fül­le.
    Die beschei­de­ne Begeg­nung, von der hier die Rede sein soll,
    ereig­ne­te sich vor nun etwa 22 Jah­ren in einer Kapel­le.
    Deren Beson­der­heit liegt nicht in hohem Alter und bedeu­ten­den Kunst­schät­zen,
    son­dern dar­in,
    daß sie zur Ver­samm­lungs­stät­te jener Katho­li­ken gewor­den ist,
    die die hei­li­ge Mes­se im „alten Ritus“ besu­chen wol­len.

    Der Ver­fas­ser die­ser Zei­len hat­te eigent­lich kei­ne Ver­an­las­sung,
    sich in den Kreis sol­cher Außen­sei­ter zu bege­ben.
    Selbst Mini­strant in sei­ner Pfar­rei und aktiv in deren Jugend­grup­pen,
    war er im „nor­ma­len“ kirch­li­chen Leben zuhau­se
    und ver­traut mit der Form des Got­tes­dien­stes,
    die er von Kin­der­ta­gen an als ein­zi­ge ken­nen­ge­lernt hat­te.
    War­um etwas Neu­es, auch wenn es das Älte­re wäre?
    Aber eini­ge Vor­komm­nis­se, teils abschrecken­der,
    teils erfreu­li­cher Art, trie­ben zur Suche an und dräng­ten
    mit wach­sen­der Ein­deu­tig­keit auf den Pfad der Tra­di­ti­on.

    So erleb­te er auf der einen Sei­te die offe­ne In-Fra­ge-Stel­lung
    von Glau­bens­wahr­hei­ten im Reli­gi­ons­un­ter­richt
    und Absto­ßen­des in der Jugend­ar­beit und in Jugend­got­tes­dien­sten,
    an deren Gestal­tung er selbst Anteil hat­te.

    Auf der ande­ren Sei­te stan­den Bege­ben­hei­ten,
    die neue Hori­zon­te eröff­ne­ten:
    eine inten­siv reli­giö­se Wall­fahrt,
    die Ent­deckung und Pfle­ge „alter­tüm­li­cher Fröm­mig­keits­for­men“
    (beson­ders des Rosen­kranz­ge­be­tes)
    sowie die Lek­tü­re wahr­haft katho­li­schen Schrift­tums.
    Zum ersten Mal wur­de der Glau­be hier in sei­ner erre­gen­den Grö­ße und Schön­heit,
    in sei­nem bin­den­den und ban­nen­den Anspruch erfah­ren.
    Schwin­del­erre­gend hoch und abgrund­tief,
    erha­ben und innig zugleich erschien
    die Leh­re von der eucha­ri­sti­schen Gegen­wart Jesu
    und von der
    unblu­ti­gen Ver­ge­gen­wär­ti­gung Sei­nes Lie­bes- und Lebens­op­fers
    in der hei­li­gen Mes­se.

    War­um nur waren dem prak­ti­zie­ren­den und enga­gier­ten Jugend­li­chen
    alle die­se Wahr­hei­ten so lan­ge bei­na­he voll­stän­dig vor­ent­hal­ten geblie­ben?
    Und wo fan­den sie über­haupt einen ange­mes­se­nen Aus­druck?
    Im gewohn­ten got­tes­dienst­li­chen Leben jeden­falls war davon wenig aus­zu­ma­chen.
    Trotz – oder viel­mehr: wegen? – der viel­ge­prie­se­nen „Ver­ständ­lich­keit“ der neu­en Lit­ur­gie.

    So wur­de der Wunsch unab­weis­lich, das, was bis­her nur vom Hören­sa­gen her bekannt war,
    mit eige­nen Augen und Ohren mit­zu­er­le­ben:
    die „alte Mes­se“.
    War sie, die von den Bau­leu­ten Ver­wor­fe­ne,
    nicht schon durch die blo­ße Kun­de zum Eck­stein im Her­zen des Suchen­den gewor­den?
    Fast immer erspäht der jun­ge Mensch in neu­er Umge­bung zuerst,
    was er denn da für Leu­te um sich habe.
    Erfreu­lich war die Ent­deckung, daß sich in der Kapel­le alle Alters­stu­fen ein­fan­den;
    und daß es sich kei­nes­wegs um lau­ter reli­giö­se Fana­ti­ker
    und fröm­meln­de Exzen­tri­ker (die es natür­lich auch gab) han­del­te.
    Die For­men der Ehr­furcht, im pfarr­li­chen Leben
    auf ein kaum noch zu unter­bie­ten­des Mini­mum redu­ziert
    und nur von weni­gen Rand­exi­sten­zen bei­be­hal­ten,
    hat­ten bei die­sen Gläu­bi­gen so gar nichts Über­trie­be­nes an sich.
    Rei­ne Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten.
    Und dann die hei­li­ge Mes­se selbst.
    Der Neu­ling sah sich einer eige­nen Welt gegen­über.
    Die war ihm noch weit­hin ver­schlos­sen.
    Aber in ihrer erfüll­ten Stil­le und im erahn­ten Tief­sinn der Zei­chen übte sie
    eine unauf­dring­li­che und zugleich kraft­vol­le Anzie­hung aus.
    Bis auf die Pre­digt, weit und wogend wie das Meer,
    mach­te die­ser Got­tes­dienst nicht den Ein­druck eines Vor­tra­ges von Mensch zu Mensch,
    son­dern einer Hand­lung, genau­er noch: einer Begeg­nung.
    Die Hal­tung und Aus­rich­tung des Zele­bran­ten, der Mini­stran­ten und Gläu­bi­gen
    lie­ßen kei­nen Zwei­fel mehr dar­über, wer da im Mit­tel­punkt stand.
    Es fiel gar nicht schwer,
    an die wirk­li­che und per­sön­li­che Gegen­wart des Erlö­sers in Sei­nem Opfer zu glau­ben.
    Alles rede­te ja davon.
    Alles lenk­te die Auf­merk­sani­k­eit auf Ihn hin.
    Anstatt sei­ne Per­son her­vor­zu­he­ben,
    ver­schwand der Prie­ster nahe­zu.
    Er tauch­te gleich­sam in dem lit­ur­gi­schen Voll­zug unter und ging völ­lig auf
    in der Stell­ver­tre­tung des einen Hohen­prie­sters Jesus Chri­stus.
    Aus der Hin­wen­dung zum „Geheim­nis des Glau­bens“ her­aus wand­te er sich dann
    auch den Gläu­bi­gen zu.
    Aber ohne den Blick auf den Herrn zu ver­stel­len.
    Kei­ne stö­ren­den sub­jek­ti­ven Ein­la­gen.
    Die hei­li­ge Mes­se hat­te nicht das Gesicht ihres mensch­li­chen Zele­bran­ten.
    Sie war theo­zen­trisch, chri­sto­zen­trisch.
    End­lich hat­te der Sucher den Aus­druck jenes eucha­ri­sti­schen Glau­bens,
    der aus den Wor­ten und Gebe­ten der Hei­li­gen spricht, gefun­den!
    Wohl waren die Zele­bra­ti­ons­rich­tung, die latei­ni­sche Kult­spra­che
    und die lang emp­fun­de­nen Pha­sen des Schwei­gens für den an Ver­ständ­lich­keit
    und Abwechs­lung gewöhn­ten Meß­be­su­cher zunächst fremd­ar­tig.
    Durch den Ent­zug äuße­rer Beschäf­ti­gun­gen
    sah er sich plötz­lich auf sein eige­nes,
    armes Inne­res zurück­ge­wor­fen:
    auf die Lee­re, den schwa­chen Glau­ben, die ver­küm­mer­te Fähig­keit zur Anbe­tun­g…
    Doch gera­de dadurch kam auch die Ein­sicht:
    Die hei­li­ge Mes­se ist eben ein Myste­ri­um;
    ein Geheim­nis,
    das nicht dem Fas­sungs­ver­mö­gen des Men­schen ange­paßt wer­den darf,
    son­dern dem sich die­ses Fas­sungs­ver­mö­gen durch die Gna­de und eige­nes Bemü­hen
    mehr und mehr anpas­sen soll.
    Der inner­ste Mit­tel­punkt des Glau­bens­le­bens
    kann nicht nach den Maß­stä­ben Fern­ste­hen­der gestal­tet wer­den.
    Nur dem gläu­bi­gen Mit­voll­zug erschließt er sich nach und nach.
    In das wahr­haft Gro­ße wächst man erst mit der Zeit hin­ein.
    Der Blick muß geläu­tert, das über­na­tür­li­che Sen­so­ri­um geschärft wer­den.
    Dann beginnt das Aben­teu­er immer neu­er, immer noch herr­li­che­rer Ent­deckun­gen.
    Die­se erste Begeg­nung läu­te­te für den Ver­fas­ser eine Ent­deckungs­rei­se ein,
    die bis heu­te kein Ende gefun­den hat.

    Auch die spä­te­re „Gewöh­nung“ an den tra­di­tio­nel­len Meß­ri­tus im Prie­ster­se­mi­nar
    und als Prie­ster hat dar­an nichts geän­dert.
    Wäh­rend das Moder­ne in sei­ner Aus­rich­tung auf den „Men­schen von heu­te“ ver­al­tet,
    offen­bart das Alte sich in ewi­ger Jugend,
    Pdenn es ist in erster Linie ein
    „Hin­tre­ten zum Alta­re Got­tes, zu Gott, der mei­ne Jugend erfreut“ (Stu­fen­ge­bet der hl. Mes­se).
    In der Begeg­nung mit die­sem Wun­der­werk des Glau­bens
    fin­det das aben­teu­er­li­che Herz, was es sucht:
    den uner­schöpf­li­chen Reich­tum des Lebens
    in der Begeg­nung mit dem Herrn.“
    -

  2. Und war­um hat dann Pius X. geglaubt, er müs­se eine lit­ur­gi­sche Reform durch­füh­ren? Und noch schlim­mer: War­um stand Pius XII. unter einem sol­chen Druck durch die „lit­ur­gi­sche Bewe­gung“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Liturgische_Bewegung), dass er sogar in „Media­tor Dei“ mein­te dazu etwas sagen zu sol­len, näm­lich die grund­sätz­li­che Mög­lich­keit, die alte Lit­ur­gie zu ver­än­dern signa­li­sier­te?

    Eben­so hat Paul VI. sehr wohl „Gehor­sam“ ver­langt, als er die neu­en Mes­se ein­führ­te. Ein for­mel­les „Abro­gie­ren“ war nicht not­wen­dig ange­sichts sei­ner kla­ren Wor­te — sei­ne Wor­te sind Abro­ga­ti­on an sich selbst:

    „Schließ­lich muss man sich bewusst wer­den, dass die lit­ur­gi­sche Erneue­rung, die das Kon­zil beschlos­sen hat, Sache der gan­zen Kir­che ist. (…)
    Das lit­ur­gi­sche Gebet der Kir­che ist ent­stan­den aus leben­di­ger geist­li­cher Über­lie­fe­rung, die in die älte­sten Zei­ten zurück­reicht. Die gegen­wär­ti­ge Reform zielt dar­auf hin, die­se Tra­di­ti­on fort­zu­set­zen. Indem das geschieht, muss jedoch offen­bar wer­den, dass die Erneue­rung des Got­tes­dien­stes ein Werk des gan­zen Got­tes­vol­kes in sei­nen ver­schie­de­nen Ord­nun­gen und Dien­sten ist. Nur im ein­mü­ti­gen Zusam­men­wir­ken aller gemäß der vor­ge­ge­be­nen ekkle­sia­len Struk­tur liegt die Garan­tie für die Authen­ti­zi­tät und den Erfolg der Reform. (…)

    Daher sol­len vor allem die Seel­sor­ger, getra­gen vom Geist des Glau­bens, bereit­wil­lig die kirch­li­chen Geset­ze und Vor­schrif­ten befol­gen. Sie sol­len Eigen­wil­lig­kei­ten auf­ge­ben, per­sön­li­che Nei­gun­gen zurück­stel­len und Die­ner der gemein­sa­men Lit­ur­gie sein…“ (http://www.kathpedia.com/index.php?title=Liturgicae_instaurationes_%28Wortlaut%29)

    Es ist nicht sach­dien­lich, hier Wort­klau­be­rei zu betrei­ben und nun die Illu­si­on zu näh­ren, auch Bene­dikt hät­te den alten Ritus als nach wie gebräuch­lich-gül­ti­gen hin­ge­stellt.

    Das hat er defi­ni­tiv nicht! Er sieht den NOM in Kon­ti­nui­tät zum alten Ritus, bei­de sei­en „ein und der­sel­be Ritus“. Das heißt, Bene­dikt sieht wie Paul VI. gewis­ser­ma­ßen „hin­ter“ den Riten eine Art „Gei­st­ri­tus“, der jeder Reform zugrun­de lie­ge. In dem Sin­ne kann also — das ist die Logik die­ses Den­kens — ein älte­rer Ritus nicht abro­giert wer­den oder als ungül­tig erklärt wer­den wie ein abge­lau­fe­ner Aus­weis! Hier beruft sich Paul eben­so wie Bene­dikt auf die tra­di­tio­nel­le „regu­la fidei pro­xi­ma“, was grund­sätz­lich ja rich­tig, hier aber miss­bräuch­lich in der Sache ist: gemacht wird in der gan­zen Kir­che nicht irgend­et­was, nur weil es alt oder „Tra­di­ti­on“ ist, son­dern weil das aktu­el­le Lehr­amt es vor­schreibt. Das ist tat­säch­lich so auch Leh­re der Kir­che.

    Allei­ne aber die­se Vor­stel­lung des zeit­lo­sen „Gei­st­ri­tus“ hin­ter ver­schie­de­nen Riten qua­li­fi­ziert das Den­ken bei­der als cha­ris­ma­tisch und nicht mehr katho­lisch. Denn gera­de die lex oran­di als Aus­druck der lex creden­di unter­liegt eben nicht der regu­la fidei pro­xi­ma, son­dern der Papst muss sich hier selbst unter­wer­fen — und hier lie­gen die Miss­bräuch­lich­keit und der Haken an der Sache…

  3. Die Fra­ge stellt sich doch wohl, war­um aus­ge­rech­net im abge­lau­fe­nen 20 Jh. der über­lie­fer­te Ritus so weit­hin fal­len gelas­sen wor­den ist. Wenn er ja so rich­tig und gut war (und ist), war­um die­se Distan­zie­rung und Abnei­gung dage­gen?
    Hat der Mensch, haben sich die Men­schen ver­än­dert? Das kann man doch ver­nei­nen. Der Mensch und sei­ne Erlö­sungs­be­dürf­tig­keit haben sich nicht geän­dert, auch wenn das von inter­es­sier­ten Krei­sen anders gese­hen wer­den mag. Das betrifft ja auch deren Argu­men­ta­tii­on für die Auf­wei­chung und Abschaf­fung von Sakra­men­ten in der aktu­el­len „Dis­kus­si­on“ bzg. der Ehe usw.

    Ganz gewiß ist, daß sich gei­sti­ge Ver­än­de­run­gen voll­zo­gen- auch gera­de in der Kir­che selbst. Und die Über­lie­fer­te Mes­se war offen­kun­dig nicht ganz ein Heil­mit­tel dage­gen.

    Die Ver­än­de­run­gen in der Kir­che hat­te­nen ihren Ursprung vor allem bei Theo­lo­gen und Geweih­ten. Die Mes­se wur­de ideo­lo­gi­siert, schon im 19. Jh. und wird auch heu­te ideo­lo­gi­siert sowohl von den einen wie auch von den „ande­ren“, den Strei­tern für den „NO“. Irgend­was ist schief gelau­fen und läuft wei­ter­hin schief. Die Kri­se ist ja noch nicht über­wun­den.

    Ein neu­es Bewußt­sein müß­te sich in der Kir­che Platz ver­schaf­fen: ein „ein­fa­ches“, „armes“ Chri­sten­tum. Eine demü­ti­ge Hal­tung eines „Domi­nus non sum dignus“ und dann wür­de auch der Über­lie­fer­te Ritus wie­der wirk­lich auf­blü­hen kön­nen zum Heil aller Men­schen m. Er.

    • Sie schrei­ben:

      „Die Mes­se wur­de ideo­lo­gi­siert, schon im 19. Jh. und wird auch heu­te ideo­lo­gi­siert sowohl von den einen wie auch von den „ande­ren“, den Strei­tern für den „NO“.“

      Wür­de mich inter­es­sie­ren, wie Sie das mei­nen — zumal der Kampf um die Hl. Mes­se bzw. das hl. Mess­op­fer ja an sich im 16. Jh (im Zsh. mit der Refor­ma­ti­on) geführt wur­de.

      Wenn man z.B. Bene­dikt liest, gewinnt man den Ein­druck, der moder­ni­sti­sche Katho­li­zis­mus wol­le sagen: Die Refor­ma­ti­on hat­te wohl doch recht, jeden­falls ein biss­chen, und ab heu­te beto­nen auch wir das Lie­bes­mahl und wei­sen das Süh­ne­op­fer in sei­ne Gren­zen. Das kann man als per­fek­ten Weg zur öku­me­ni­schen Ver­ei­ni­gung anse­hen.

      Wenn es aber „nur“ ein Lie­bes­mahl ist, gibt es kei­nen rech­ten Sinn mehr, an die Trans­sub­stan­tia­ti­on zu glau­ben. Letz­te­re ist logisch begrün­det in der unblu­ti­gen Erneue­rung des Opfers, das aber real, zen­tral und kon­kret gedacht sein muss — nicht igrend­wie „im über­tra­ge­nen“ Sinn.

      Was wur­de dann im 19. Jh Ihres Erach­tens zur „Ideo­lo­gie“?

  4. Vie­len Dank Herr Schrems für die­se wun­der­ba­re Bespre­chung. Ich habe mit das Buch soeben bestellt.

    Falls es noch jemand bestel­len möch­te: bei Ama­zon ist es anschei­nend schon wie­der ver­grif­fen, beim Sar­to-Ver­lag ist es noch erhält­lich.

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