Engelbert Dollfuß – Zum 80. Todestag

„Ehre, wem Ehre gebührt“

Österreichs Bundeskanzler Engelbert Dollfuß
Österreichs Bundeskanzler Engelbert Dollfuß

von Wolf­ram Schrems*

„Dol­lfuß war kei­ne domi­nie­ren­de Gestalt in einem Euro­pa, das von Hit­ler und Mus­so­li­ni über­schat­tet wur­de und von einem auf­stei­gen­den Sta­lin und einem ver­schla­fe­nen Bald­win. Aber unter all die­sen Män­nern brach­te er den edel­sten Cha­rak­ter in sein hohes Amt mit, trat er der frucht­bar­sten Über­macht mit dem größ­ten Mut ent­ge­gen und fand er das tra­gisch­ste Ende. Er fand auch die übel­ste Nach­re­de. (…) Die­se Ver­zer­rung hat des­halb statt­ge­fun­den, weil das, was als Geschich­te einer ver­wor­re­nen Zeit gilt, tat­säch­lich eine ein­sei­ti­ge Geschichts­schrei­bung ist. (…) Aber fast alle sei­ne ehe­ma­li­gen Geg­ner ver­brei­te­ten im Westen ihre Argu­men­te gegen ihn mit der Sua­da, die den Intel­lek­tu­el­len der Lin­ken eig­net, und mit jener auf­ge­reg­ten Ener­gie, die bei Flücht­lin­gen begreif­lich ist.“ (Gor­don She­pherd, Engel­bert Dol­lfuß, Graz: Sty­ria, 1961, 9f.)

Anläß­lich des 80. Jah­res­ta­ges der Ermor­dung des Hel­den­kanz­lers und ange­sichts der viel­fäl­ti­gen und dau­er­haf­ten Beschmut­zung sei­nes Andenkens durch welt­li­che und kirch­li­che Stel­len eini­ge Wor­te der Ehrung dem, der Ehre ver­dient, und Zurecht­wei­sung denen, die Zurecht­wei­sung verdienen.

Beschmutzung des Andenkens

Die Beschmut­zung des Andenkens eines der bedeu­tend­sten öster­rei­chi­schen Staats­män­ner wur­de in dem Farb­beu­t­el­an­schlag auf das Dol­lfuß-Reli­ef in der Turm­ka­pel­le der Wie­ner Michael­er­kir­che vor etwa vier Jah­ren auf dra­sti­sche Wei­se ver­sinn­bild­licht. Die Ordens­ge­mein­schaft der Sal­va­to­ria­ner, die die Kir­che betreut, ist mit die­ser Kir­chen­schän­dung nicht an die Öffent­lich­keit gegan­gen – aus wel­chen Grün­den auch immer. Lei­der hat es sich ein­ge­bür­gert, bei Kir­chen­schän­dun­gen ein­fach zur Tages­ord­nung über­zu­ge­hen. Viel­leicht will man mit der Unter­las­sung des Gan­ges an die Öffent­lich­keit kei­ne Nach­ah­mungs­tä­ter ermutigen.

Das ist aber ein Fehl­kal­kül. Anschlä­ge auf Kir­chen wer­den immer schlimmer.

Im Fall der Sal­va­to­ria­ner wird auch mit­ge­spielt haben, daß man – auch das sinn­bild­lich für den Wahn­sinn der der­zei­ti­gen Kir­chen­sze­ne – sehr stark mit der Wie­ner Sozi­al­de­mo­kra­tie ver­bun­den ist. Immer­hin hat der Sal­va­to­ria­ner P. Albert Gabri­el am 12. April 2013 die Prof. Dr. Juli­us Tand­ler – Medail­le aus den Hän­den der Stadt­rä­tin Son­ja Weh­se­ly über­reicht bekom­men (mit der Frau Stadt­rä­tin).

Für die Leser, die mit der öster­rei­chi­schen Zeit­ge­schich­te weni­ger ver­traut sind, zur Infor­ma­ti­on: Juli­us Tand­ler, 1869 – 1936, war ein aus Mäh­ren gebür­ti­ger Arzt jüdi­scher Her­kunft, der als Medi­zin­pro­fes­sor und sozi­al­de­mo­kra­ti­sches Mit­glied der Wie­ner Lan­des­re­gie­rung sozi­al­me­di­zi­ni­sche Pio­nier­lei­stun­gen erbrach­te, aber gleich­zei­tig für die Ste­ri­li­sie­rung bzw. Ver­nich­tung „lebens­un­wer­ten Lebens“ ein­trat und somit die „Eutha­na­sie“ des NS-Regimes begün­stig­te. Er starb als Bera­ter für Spi­tals­re­for­men in Mos­kau, man beach­te: zur Zeit Sta­lins [!]. Man ist sich also im Mar­xis­mus über die ideo­lo­gi­schen Nuan­cen hin­aus nicht so fremd. Die Wie­ner Stadt­rä­tin Weh­se­ly ist sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Poli­ti­ke­rin und vehe­men­te Befür­wor­te­rin von Abtrei­bung und Fristenlösung.

Sinn­bild­lich für die Beschmut­zung des Andenkens an Dol­lfuß sind die schänd­li­chen Zusatz­ta­feln an der Christ­kö­nigs-Kir­che in Wien-Fünf­haus und am Nord­por­tal des Lin­zer Doms (letz­te­res im Jahr 2006). In letz­te­rem Fall hat­te die Gemein­de­rats­lin­ke im Dom­pfar­rer einen will­fäh­ri­gen Befehls­emp­fän­ger gefun­den. Beson­ders ver­werf­lich ist die auf jung­so­zia­li­sti­schen Druck hin erfolg­te Über­ma­lung des von Gläu­bi­gen finan­zier­ten Fres­kos in der St. Pöl­te­ner Prand­tau­er­kir­che (im Jahr 2007).

Schließ­lich wur­de das Ehren­grab der Stadt Wien am Hiet­zin­ger Fried­hof vor weni­gen Jah­ren auf die Stu­fe eines „histo­ri­schen Gra­bes“ abge­wer­tet (bzw. man sag­te, es habe sich ohne­hin nie um ein Ehren­grab gehandelt).

Die per­ma­nen­te Umschrei­bung der Geschich­te, wie sie Geor­ge Orwell in 1984 pro­phe­zeit hat, ist zur geläu­fi­gen Pra­xis geworden.

Wor­um geht es denen, die das Andenken des Mär­ty­rerkanz­lers beschmutzen?

Vom Wahn des Marxismus und der Verwandtschaft aller Sozialismen

Offen­sicht­lich soll auf kei­nen Fall sicht­bar wer­den, wie sehr Schutz­bund­füh­rer und Nazis über den gemein­sa­men Sozia­lis­mus und vor allem über den gemein­sa­men Haß auf die Katho­li­sche Kir­che und das Alte Öster­reich ver­bun­den waren.

Auf kei­nen Fall soll sicht­bar wer­den, daß alle tota­li­tä­ren und damals „moder­nen“ Ideo­lo­gien am Anfang des 20. Jahr­hun­derts inhalt­lich und metho­disch ein­an­der sehr ähn­lich waren.

Es soll um jeden Preis ver­schlei­ert wer­den, daß bis zum Jahr 1934, das zwei Umsturz­ver­su­che in Öster­reich sah, unfaß­ba­re Greu­el­ta­ten im Namen des Mar­xis­mus ver­übt wor­den waren. Im Jahr 1934 war bekannt, daß seit der „Okto­ber­re­vo­lu­ti­on“ in Ruß­land es Mil­lio­nen Men­schen waren, die auf Ver­an­las­sung von Mar­xi­sten ver­schie­den­ster Cou­leur ihr Leben las­sen muß­ten: Bau­ern, Arbei­ter, Bür­ger, Beam­te, Prie­ster, Mön­che. Die bewußt orga­ni­sier­ten Hun­gers­nö­te, von denen der ukrai­ni­sche Holo­do­mor 1932/33 nur der bekann­te­ste ist, for­der­ten Mil­lio­nen (!) von Opfern. Die blut­rün­sti­gen kom­mu­ni­sti­schen Revo­lu­tio­nen in Ungarn und Bay­ern jeweils 1919 und der „moder­ne“ rote Ter­ror in Spa­ni­en mit sei­nem Geno­zid an den Katho­li­ken ab 1931 waren bekannt und lösten – berech­tig­te – Angst vor allem aus, was sich als mar­xi­stisch ver­stand. Übri­gens ist es ein wenig bekann­tes Fak­tum, daß nach der Aus­ru­fung der Räte­re­pu­blik in Mün­chen, der dama­li­ge Nun­ti­us Erz­bi­schof Euge­nio Pacel­li, spä­ter Papst Pius XII., am 29. April 1919 von Bol­sche­wi­ken mit dem Tod bedroht wur­de und sie durch sei­ne Tap­fer­keit beeindruckte.

Alles in allem wird man also sagen müs­sen, daß „Demo­kra­tie“ nicht das Ziel des Mar­xis­mus, auch nicht des Aus­tro-Mar­xis­mus, war und ist. Der ver­sier­te poli­ti­sche Beob­ach­ter kennt ja den belieb­ten Slo­gan: „Demo­kra­tie – das ist nicht viel/Sozialismus ist das Ziel“. Er kennt auch die Lenin-Fah­nen, die bei den kul­ti­schen Auf­mär­schen am 1. Mai von Jung­so­zia­li­sten her­um­ge­tra­gen wer­den. Inso­fern ist „Sozi­al­de­mo­kra­tie“ ein etwas irre­füh­ren­der Name (etwa so wie „Volks­de­mo­kra­tie“ u. dgl.), da es hier nicht um „Demo­kra­tie“ geht.

„Arbeitermörder?“

Gegen­über Dol­lfuß wird seit Jahr­zehn­ten ad nau­seam der ver­lo­ge­ne Vor­wurf geäu­ßert, er sei ein „Arbei­ter­mör­der“ gewe­sen. Die Begrün­dung dafür ist nicht ganz genau zu erhe­ben. Man sagt einer­seits, er habe im Febru­ar 1934, also beim Putsch­ver­such des Repu­bli­ka­ni­schen Schutz­bun­des bzw. der Sozi­al­de­mo­kra­ten, auf „Arbei­ter“ schie­ßen las­sen. Ande­rer­seits, er habe die vom Gericht ver­häng­ten Todes­ur­tei­le gegen die Revo­lu­tio­nä­re eben­je­nes Febru­ar nicht auf­ge­ho­ben (o. ä.).

Also, zum ersten hät­ten Poli­zei und Bun­des­heer nicht auf die Her­ren „Arbei­ter“ schie­ßen müs­sen, wenn die­se gear­bei­tet hät­ten. Das haben sie aber nicht, son­dern sie haben ihrer­seits und zuerst auf staat­li­che Sicher­heits­or­ga­ne geschos­sen. Danach haben ande­re „Arbei­ter“ in Wien und anders­wo einen Putsch ver­sucht. Kei­ne legi­ti­me Auto­ri­tät kann sich so etwas bie­ten las­sen. Schon gar nicht, wenn es lang­jäh­ri­ges Erfah­rungs­wis­sen über den aus- und inlän­di­schen mar­xi­sti­schen Ter­ror gibt – ein­schließ­lich Justiz­pa­last­brand 1927. Die Rhe­to­rik des Sozi­al­de­mo­kra­ten­füh­rers Otto Bau­er war ja durch­aus mar­tia­lisch gewe­sen. Mit ihr hat­te er vie­le Tau­send Anhän­ger auf­ge­sta­chelt. Auch wenn man über ihn liest, daß er doch im Han­deln zöger­lich gewe­sen sei, so ist das in die­sem Zusam­men­hang uner­heb­lich: Die Wor­te Bau­ers waren aus­ge­spro­chen, sie hin­gen in der Luft und bestimm­ten das Kli­ma. Vie­le fühl­ten sich durch sie zu Klas­sen­kampf und Bür­ger­krieg moti­viert. Es han­delt sich bei dem Ein­satz des Bun­des­hee­res im Febru­ar 1934 somit moral­phi­lo­so­phisch auch nicht um „Mord“ son­dern um legi­ti­me Selbst­be­haup­tung bzw. kol­lek­ti­ve Notwehr.

Und zum ande­ren ist es so, daß die Justi­fi­zie­rung von gesetz­mä­ßig und gericht­lich ver­ur­teil­ten Revo­lu­tio­nä­ren zwar kein Akt der Mil­de ist, aber eben kein „Mord“.

Daß es sich bei den Schutz­bünd­lern zumeist um „Arbei­ter“ han­del­te, ist somit rein akzi­den­tell. Es ist zudem lächer­lich, eine gut orga­ni­sier­te Wehr­for­ma­ti­on bzw. indok­tri­nier­te Revo­lu­tio­nä­re, die den Tod vie­ler Men­schen in ihre Plä­ne ein­kal­ku­lie­ren, ein­fach als „Arbei­ter“ zu bezeichnen.

„Arbei­ter“ zu sein ist auch kei­ne beson­de­re Qua­li­fi­ka­ti­on, die den Betref­fen­den z. B. unter Natur­schutz stel­len wür­de. Umso bedau­er­li­cher ist es, wenn sich ech­te und ehren­wer­te Arbei­ter von Revo­lu­tio­nä­ren in gro­ßes Unglück hin­ein­rei­ten lassen.

Ein Staatsmann guten Willens

Dol­lfuß war ein Mensch, der sich für sein Tun zutiefst vor Gott ver­ant­wort­lich fühl­te. Sei­ne ursprüng­li­che Berufs­op­ti­on, näm­lich das Prie­ster­amt (dem er sich nach kur­zer Zeit im Semi­nar dann aber nicht gewach­sen fühl­te), zeigt die­sen Ernst deut­lich auf. Sein Wir­ken als Front­of­fi­zier, als Beam­ter und als Mini­ster und Bun­des­kanz­ler demon­striert Ein­satz­be­reit­schaft, Fleiß und Gemein­wohl­ori­en­tie­rung. Er war aber kla­rer­wei­se nicht vollkommen.

Man mag daher zu Aspek­ten des Wir­kens von Engel­bert Dol­lfuß ver­schie­de­ner Auf­fas­sung sein, man mag die Mai­ver­fas­sung (vom 1. Mai 1934) als umständ­lich und wenig prak­ti­ka­bel oder auch als zu restrik­tiv für die Wirt­schaft emp­fin­den, man mag die gericht­li­chen Todes­ur­tei­le oder doch eini­ge von ihnen (näm­lich ein im Fall einer Brand­stif­tung ver­häng­tes) als unver­hält­nis­mä­ßig kri­ti­sie­ren (wie es der katho­li­sche Phi­lo­soph und Kon­ver­tit Diet­rich von Hil­de­brand gegen­über Dol­lfuß selbst getan hat), man mag sei­ne Per­so­nal­aus­wahl als teil­wei­se unglück­lich emp­fin­den (Major Fey z. B. bleibt eine zwie­lich­ti­ge Gestalt, er wird von man­chen sogar des Kanz­ler­mor­des ver­däch­tigt), aber man darf die­sem Gro­ßen der öster­rei­chi­schen Geschich­te, der eben auch in man­chen nicht zu ändern­den Zeit­um­stän­den und Bedingt­hei­ten agie­ren muß­te, nicht den guten Wil­len absprechen.

Der Tod – Stunde der Wahrheit

Schließ­lich offen­bart die Stun­de des Hin­über­gangs in die Ewig­keit die Wahr­heit des Lebens:

Nach­dem die natio­nal­so­zia­li­sti­schen Atten­tä­ter auf Dol­lfuß geschos­sen hat­ten (was nicht der ursprüng­li­che Plan gewe­sen sein dürf­te) und ihm ärzt­li­che Hil­fe und prie­ster­li­chen Bei­stand ver­wehrt hat­ten, gab es noch eine letz­te Diskussion:

„Sti­astny berich­tet eine merk­wür­dig fried­li­che poli­ti­sche Dis­kus­si­on zwi­schen ihm und den grim­mi­gen Rebel­len, die um ihn her­um stan­den. Einer von ihnen, den das Gewis­sen ein wenig gedrückt zu haben scheint, warf dem Kanz­ler vor, er habe schließ­lich selbst vie­le öster­rei­chi­sche Natio­nal­so­zia­li­sten in Not und Elend gebracht. Dol­lfuß ant­wor­te­te: ‚Ich habe immer getrach­tet, das Beste zu tun, und was ich tun konn­te, und ich habe immer den Frie­den gewollt.‘ Da misch­te sich ein ande­rer SS-Mann ins Gespräch und erwi­der­te, es sei in des Kanz­lers Macht gestan­den, Frie­den mit Deutsch­land her­bei­zu­füh­ren. Dol­lfuß blick­te zu den gespann­ten jun­gen Gesich­tern auf und sag­te ruhig: ‚Kin­der, das ver­steht ihr halt nicht.‘ Hier­auf kam, wie es scheint, kei­ne Ant­wort“ (She­pherd, 309f).

Sei­ne letz­ten Wor­te waren: „Ich habe ja nur den Frie­den haben wol­len. Wir haben nie ange­grif­fen. Wir muß­ten uns immer weh­ren. Der Herr­gott soll ihnen ver­ge­ben“ (ebd., 311).

Die­ser vor­bild­li­che Hin­über­gang gereicht dem Ver­stor­be­nen zur Ehre. Er zeigt uns auch, daß er sein Leben im Dienst am Guten gestal­tet hat­te. Nie­mand kann auf die­se Wei­se und im Frie­den ster­ben, der nicht das Gute gewollt hat und nicht mit Gott ver­bun­den war.

Noch eine rele­van­te Infor­ma­ti­on in die­sem Zusammenhang:

Nach münd­li­cher Infor­ma­ti­on von Pfar­rer Josef Bau­er, Hohen­zell (Ober­öster­reich), sei Dol­lfuß nicht lan­ge vor sei­ner Ermor­dung in Maria­zell einer Visi­on der Got­tes­mut­ter bzw. einer inne­ren Ein­spre­chung gewür­digt wor­den. Er sei im Anschluß zutiefst erschüt­tert und in Eile mit dem Taxi nach Wien gefah­ren. Der Inhalt der Visi­on sei dem Ver­neh­men nach die Bit­te gewe­sen, sein Leben für Öster­reich anzubieten.

Die­ses Opfer wäre dem­nach ange­nom­men wor­den und hät­te Öster­reich noch vier Jah­re der Frei­heit gebracht. Es wäre sicher ange­zeigt, dem noch näher nachzugehen.

Denn unse­re drin­gen­de Peti­ti­on an die kirch­li­che Obrig­keit ist die

Seligsprechung

Mei­nes Wis­sens wur­de nach der Ermor­dung von Dol­lfuß ein Selig­spre­chungs­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet, aber nach 1945 nicht wie­der auf­ge­nom­men. Bald danach wan­del­te sich die Stim­mung beträcht­lich. Die Kir­che geriet wäh­rend des II. Vati­can­ums in einen opti­mi­sti­schen Rausch und begann, sich mit ihren alten Fein­den gera­de­zu zu fra­ter­ni­sie­ren. In Öster­reich rück­te die Kir­che unter dem Ein­fluß des sini­stren Kar­di­nals König in die Nähe der Sozia­li­sten und Frei­mau­rer. Nur mehr weni­ge hät­ten eine Selig­spre­chung des „ana­chro­ni­sti­schen“ Katho­li­ken Dol­lfuß unterstützt.

Dar­um wäre es jetzt höch­ste Zeit, eine Selig­spre­chung ernst­haft zu prü­fen! Aus mei­ner Sicht spricht auch nichts gegen einen posi­ti­ven Abschluß.

Es wäre pas­send, wenn Franz Jäger­stät­ter nur der Beginn einer Serie von Selig­spre­chun­gen gro­ßer öster­rei­chi­scher Patrio­ten gewe­sen ist. Neben Dol­lfuß feh­len im gegen­ständ­li­chen histo­ri­schen Zusam­men­hang etwa auch der Semi­na­rist, Wider­stands­kämp­fer und Dich­ter Hanns-Georg Heint­schel-Hein­egg, Mini­ster Hans-Karl Frei­herr von Zess­ner-Spit­zen­berg und andere.

Ehre, wem Ehre gebührt

Als Öster­rei­cher kön­nen wir stolz auf Dol­lfuß sein. Wir ver­dan­ken ihm viel. Wäre der Febru­ar­auf­stand erfolg­reich gewe­sen, dann hät­te sich ver­mut­lich der mar­xi­sti­sche Kir­chen­haß aus­ge­tobt wie in Spa­ni­en zur sel­ben Zeit. Man soll sich eine „aus­tromar­xi­sti­sche“ Dik­ta­tur nicht zu gemüt­lich vorstellen.

Hät­te Dol­lfuß dem Druck aus Ber­lin nach­ge­ge­ben wie die glor­rei­chen „Demo­kra­ten“ („Peace in our time“ sag­te einer die­ser Schwach­köp­fe, „lie­ber Hit­ler als Habs­burg“ ein ande­rer), stün­de Öster­reich heu­te viel schlech­ter da.

Nein, Dol­lfuß hat die Ehre Öster­reichs gerettet.

Es war das Opfer sei­nes Lebens, das aller histo­ri­schen Wahr­schein­lich­keit nach den Nazi­putsch zusam­men­bre­chen ließ. Öster­reich wur­de noch vier Jah­re der Frei­heit gewährt.

Der glor­rei­che „Westen“ ließ Öster­reich hin­ge­gen im Stich. Katho­li­sche Staats­män­ner wie Dol­lfuß und sein Nach­fol­ger Kurt von Schu­sch­nigg gin­gen in ihrem ver­meint­li­chen „Ana­chro­nis­mus“ den maß­geb­li­chen poli­ti­schen Figu­ren dies- und jen­seits des Atlan­tiks offen­sicht­lich bei wei­tem mehr gegen den Strich als die „moder­nen“ und „zeit­ge­mä­ßen“ Poli­ti­ker Hit­ler und Sta­lin (bei­de „Man of the Year“ von Time).

Dol­lfuß ist nicht davon­ge­lau­fen. Er hat sich nicht ins Exil ver­kro­chen. Er hat kei­nen Kuh­han­del mit Hit­ler abge­schlos­sen. Er hat sei­ne Über­zeu­gun­gen nicht ver­ra­ten. Er hat bei­de dik­ta­to­ri­schen Wahn­sy­ste­me bekämpft.

„Dol­lfuß gebührt die Unsterb­lich­keit als dem ersten Aus­län­der, der Hit­ler offen ent­ge­gen­ge­tre­ten ist – und als des­sen erstem aus­län­di­schen Opfer“ (She­pherd, S. 10).

Und schließlich:

Daß die Lin­ke in ihrer selbst­ver­ur­sach­ten Ver­blen­dung das bis heu­te nicht wahr­ha­ben will, ist mir klar.

Daß aber auch die kirch­li­chen Amts­trä­ger der­ma­ßen schä­big und ver­rä­te­risch gehan­delt haben, ist ein gro­ßes Ärger­nis. Ich for­de­re sie daher auf, die oben genann­ten Maß­nah­men rück­gän­gig zu machen, in Linz, in St. Pöl­ten und in Wien. Ich for­de­re sie auch auf, end­lich den Selig­spre­chungs­pro­zeß für Dol­lfuß ein­zu­lei­ten und ihre son­sti­ge aber­wit­zi­ge Poli­tik zu revidieren.

Damit sie umso siche­rer die Selig­keit erreichen.

*MMag. Wolf­ram Schrems, Linz und Wien, katho­li­scher Theo­lo­ge und Phi­lo­soph, kirch­lich gesen­de­ter Katechist

7 Kommentare

  1. Ein aus­ge­zeich­ne­ter Bei­trag! Zu der ein­gangs erwähn­ten Schän­dung in der Michael­er­kir­che wäre noch zu erwäh­nen, dass nicht nur der zustän­di­ge Sal­va­to­ria­ner­or­den dazu geschwie­gen hat, son­dern auch jene Par­tei, wel­che als die poli­ti­sche Hei­mat gro­ßer Töch­ter wie Maria Rauch-Kal­lat und Ger­tru­de Bri­nek gilt…

  2. ein gro­sses Ver­gelts Gott für die­sen enga­gier­ten Bei­trag-ein gewal­ti­ges Glau­bens­zeug­nis! Mögen doch Dol­lfuss mit all den tap­fe­ren Gläu­bi­gen, die sich der sata­ni­schen Tyran­nei ent­ge­gen­stell­ten bald zur Ehre der Altä­re erho­ben wer­den-mäch­ti­ge Für­spre­cher sind sie schon jetzt für das sosehr gebeu­tel­te hei­li­ge Oesterreich.Gebeutelt durch die furcht­ba­re Krise,welche die Kir­che zZ durchlebt.Die Situa­ti­on in den Klö­stern und deren Füh­rern steht dafür.Aber Got­tes Schutz­macht ist stär­ker, Sein Auge schaut auf all die treuen,ganz in der Ver­bor­gen­heit des All­tags leben­den, beten­den und lei­den­den Haus­ge­nos­sen des Herrn.

  3. Die Wahr­heit ins Licht gestellt — sehr guter Beitrag!
    Der Arti­kel sei jeder Per­son mit Regie­rungs- bzw. Lei­tungs­ver­ant­wor­tung im öffent­li­chen Amt zur Lek­tü­re sehr empfohlen.

  4. Dank! Tau­send Dank Herr Schrems, für die­sen groß­ar­ti­gen Auf­satz über den gro­ßen öster­rei­chi­schen Kanz­ler Dol­lfuß, dem schon lan­ge mei­ne Bewun­de­rung und Ver­eh­rung gilt. Ins­be­son­de­re sein Ethos gegen­über dem schwe­ren Amte in einer schwe­ren Zeit war vor­bild­lich. Sein Kampf gegen die gott­lo­sen sozia­li­stisch-kom­mu­ni­sti­schen Kräf­te kann man wahr­haft hero­isch nen­nen. Die Nie­der­schla­gung des Febru­ar Auf­stan­des von 1934 war eine rich­ti­ge und not­wen­di­ge Ent­schei­dung. Die Fol­gen eines Sie­ges der „Arbei­ter­klas­se“ hät­ten Öster­reich zum Sat­eli­ten­staat der Sowjet­uni­on gemacht. Dol­lfuß war ein Kämp­fer für die Ein­heit von Staat und katho­li­scher Kir­che. Sei­ne ruch­lo­se Ermor­dung war ein gro­ßes Unglück für Öster­reich und auch für das dama­li­ge Euro­pa. Er ist wahr­haf­tig wür­dig eines Tages in das Ver­zeich­nis der Seli­gen auf­ge­nom­men zu wer­den. Beten wir dar­um. Den Glo­ri­en­kranz für sei­ne Ver­dien­ste auf Erden hat er im Him­mel sicher schon erhal­ten. Lei­der wird er in Öster­reich immer noch von inter­es­sier­ten links­li­be­ra­len Krei­sen übel dif­fa­miert. In was für Zei­ten müs­sen wir leben??

  5. Guter Bei­trag! Inter­es­san­te Aus­sa­ge von Pfr. Bau­er. Eini­ge Wochen vor sei­nem Tod, hat Dol­lfuß mei­nem Groß­va­ter erzählt, er wer­de nicht mehr lan­ge leben (könn­te sich auf das Maria­zell-Erleb­nis bezo­gen haben).

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