Von Antonello Cannarozzo*
Bevor ich diesen Artikel geschrieben habe, habe ich ich bewußt länger gewartet, um festzustellen, wie das historische Datum des 20. September 1870, das an die Einnahme Roms und das Ende des Kirchenstaates und damit der weltlichen Herrschaft der Päpste erinnert, seit einigen Jahren immer mehr verblaßt und inzwischen weitgehend totgeschwiegen wird.
Ein Gedenktag, der seine einstige Sprengkraft verloren hat – nicht nur, weil seit den genannten Ereignissen mehr als 150 Jahre vergangen sind. Wenn wir jedoch die Geschichte Italiens aufmerksam, ohne Filter, Zensur oder ideologische Scheuklappen, erneut betrachten, stoßen wir auf Vorgänge, die keineswegs rühmlich sind. Gewalt und Korruption waren – neben zahlreichen heroischen Taten – wesentliche Bestandteile des Risorgimento, der italienischen nationalen Einigungsbewegung. Um so mehr, als es sich bei der Entstehung Italiens nicht um eine nationale Einigung im eigentlichen Sinne handelte, sondern um die gewaltsame Annexion souveräner Staaten durch das Haus Savoyen und dessen Staat. Damit wurde gegen jede Norm dessen verstoßen, was wir heute als Völkerrecht bezeichnen würden.
Um zu verdeutlichen, daß die Einnahme Roms angeblich auch für die Kirche ein Segen gewesen sei, wird häufig der unglückliche Ausspruch von Papst Paul VI. zitiert, wonach die „Vorsehung dem Papsttum die Sorgen der weltlichen Macht genommen habe, damit es seine geistliche Sendung in der Welt besser erfüllen könne“. Zu behaupten, die weltliche Macht des Papstes sei damit jedoch beendet worden, wäre ungenau.
Die päpstliche Herrschaft ist gewiß auf ein winziges, im wesentlichen symbolisches Territorium reduziert. Gerade dieses Territorium aber bewahrt die Freiheit der Kirche und des Papstes davor, der Macht irgendeines anderen Staates unterworfen zu sein. Der Papst ist im Vatikan souverän.
Im 19. Jahrhundert störte diese Macht jedoch viele „Patrioten“, die mit der Freimaurerei, den verschiedenen intellektuellen Zirkeln jener Zeit und auch mit internationalen Wirtschaftsinteressen verbunden waren.
Kriege werden – damals wie heute – nicht allein mit Waffen gewonnen, sondern auch mit dem, was wir heute Fake News nennen. Und die italienischen Staaten, insbesondere der bourbonisch regierte Staat Beider Sizilien und der Kirchenstaat, waren bevorzugte Ziele solcher Kampagnen.
Aus diesem Grund sahen Päpste wie Pius IX. und Leo XIII. im Risorgimento auch den Versuch, „die Religion Jesu Christi auszurotten“. Und leider wird auch mehr als 160 Jahre nach der Einigung Italiens diese historische Realität noch immer nicht anerkannt, obwohl die Quellen entsprechende Hinweise liefern. Statt dessen wird bisweilen sogar behauptet, die gemeinsame katholische Identität der Italiener sei – anstatt eine Bereicherung darzustellen – gar ein Hindernis für die nationale Einigung gewesen.
Tatsächlich war der Kirchenstaat, entgegen den Legenden seiner damaligen wie heutigen Gegner, im Verhältnis zu den Maßstäben seiner Zeit ein gut verwalteter Staat. Die Städte bis hin zu den kleinsten Ortschaften legen davon Zeugnis ab. Eine Reise durch Umbrien, die Marken oder Latium genügt, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie das Leben im Kirchenstaat organisiert war: Krankenhäuser, Kunstwerke, öffentliche Bauvorhaben, Wohlfahrtseinrichtungen und Schulen.
Gewiß handelte es sich um eine einfache Wirtschaftsordnung, aber sie ermöglichte den Menschen ein Auskommen. Von Auswanderung wußte man im Kirchenstaat kaum etwas – ganz anders als im Piemont und anderen Gegenden der Halbinsel. Doch die Welt jener Kräfte, die man heute als „starke Mächte“ bezeichnen würde, stand den Katholiken und ihrem Staat – oder, genauer gesagt, Gott selbst – feindlich gegenüber.
Die Idee der Einheit Italiens
Zum Schutz des Papstes standen die katholischen Mächte nicht mehr zur Verfügung. Und diejenigen Staaten, die noch als katholisch bezeichnet wurden, waren es vielfach nur noch dem Namen nach, nicht aber in ihrem tatsächlichen Handeln.
Von diesem Zeitpunkt an war die Vorstellung eines geeinten Italiens nicht mehr aufzuhalten, und alles bewegte sich auf dieses Ziel zu. Dabei sei ausdrücklich festgestellt: Unser Vaterland hatte durchaus das Recht und sogar die Pflicht, zu einer geeinten Nation zu werden. Daran besteht kein Zweifel. Was wir jedoch kritisieren, ist die Art und Weise, wie dieses Ziel erreicht wurde – durch Gewalt und Täuschungsmanöver –, obwohl die Situation auch auf wesentlich friedlichere Weise hätte gelöst werden können.
Zunächst ein kurzer Rückblick.
Die Mehrheit der italienischen Staaten strebte bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach irgendeiner Form staatlicher Einheit. Angesichts der sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Unterschiede wurde vor allem ein föderales Modell mit Interesse betrachtet – man denke etwa an Vincenzo Gioberti.1
Pius IX. stand dieser Vorstellung eines solchen Staatswesens wohlwollend gegenüber, ebenso die Kirche insgesamt. So sehr, daß ihn manche sogar als Liberalen bezeichneten. Als jedoch die Idee eines geeinten Italien zunehmend von antikatholischen Kräften wie dem Hause Savoyen übernommen wurde und in der Revolution von 1848 mündete, distanzierte sich der Papst davon und wurde zu einem entschlossenen Gegner dieser Entwicklung. Von diesem Zeitpunkt an wurde Pius IX. zum „Erzfeind“ der liberalen Revolutionäre.
Was das Haus Savoyen, das vor der Einigung im Königreich Sardinien-Piemont regierte, betrifft, so sei daran erinnert, daß es 1848 den Jesuitenorden aufhob und deren Besitz enteignete – und das durch ein Königreich, das bis dahin den Katholizismus als Staatsreligion bezeichnet und dies in der Albertinischen Verfassung festgeschrieben hatte. Damit nicht genug: 1855 wurden auch die Bettelorden und die klausurierten Frauenklöster aufgehoben – insgesamt 35 religiöse Orden.
Doch die antikatholische Maschinerie kam damit nicht zum Stillstand.
1873 wurden diese Verfolgungen der Katholiken auch auf das „befreite“ Rom ausgeweitet. Nicht weniger als 57 000 Ordensleute waren seit 1855 durch die Ordens- und Klosteraufhebungen in ganz Italien betroffen. Ihr Besitz wurde enteignet. Und alles geschah stets im Namen der Freiheit. Letztlich aber bereicherte die Enteignung die neuen Besitzer, ganz im Sinne Cavours von einem „freien Staat in einer freien Kirche“. Und ebenfalls im Namen der Freiheit wurden zahlreiche Priester ins Gefängnis gesteckt, weil sie gegen diese ungerechten und freiheitsfeindlichen Gesetze protestiert hatten.
Man kann feststellen, daß sich zwischen 1848 und 1929, dem Jahr der Lateranverträge, in Italien etwas ereignete, das noch schwerwiegender war als die Beschlagnahmung von Eigentum oder Maßnahmen, welche die Religionsfreiheit einschränkten: Es bestand der Wille, die tiefen Wurzeln der italienischen Nation zu durchtrennen – Wurzeln, die eng mit der Kirche und der katholischen Tradition verbunden waren.
Die Rhetorik des Risorgimento
Hinzu kommt eine der großen Legenden, auf denen ein erheblicher Teil der Risorgimento-Rhetorik aufgebaut wurde: Die italienischen Völker, die den verschiedenen Staaten und Kleinstaaten der Halbinsel unterworfen waren, insbesondere unter der angeblich schlechten Herrschaft des Papstes und der Bourbonen, von den Habsburgern ganz zu schweigen, hätten in einer geradezu tragischen Lage gelebt.
Doch – so lautet die hagiographische Erzählung – zum Glück gab es den guten König von Sardinien, Viktor Emanuel II., der mit überaus großzügigem Herzen bereitstand, sie vom fremden Joch zu befreien. Dabei sprach er selbst nur Französisch und kaum Piemontesisch, geschweige denn Italienisch. Seine Großzügigkeit soll jedoch, wie zahlreiche Quellen vermuten lassen, weniger von der Sorge um das angebliche Volk „in Ketten“ angetrieben gewesen sein als vom Interesse an den Reichtümern der verschiedenen Staaten – insbesondere des Königreichs Beider Sizilien. Dessen Schatzkammern waren im Gegensatz zu den erschöpften piemontesischen Staatsfinanzen reichlich mit Gold gefüllt. Die piemontesischen Finanzen wiederum waren durch zwei „Befreiungskriege“ mit enormen Kosten belastet und befanden sich seit längerer Zeit in der Hand internationaler Banken.
In diesem rhetorischen Umfeld steht ein Satz, der sich als Beginn der späteren nationalen Einigung tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Viktor Emanuel II. sagte am 10. Januar 1859: „Ich bin nicht unempfindlich gegenüber dem Schmerzensschrei, der sich aus so vielen Teilen Italiens an mich richtet.“
Damit rechtfertigte er den sogenannten Zweiten Italienischen Unabhängigkeitskrieg – auch gegenüber den europäischen Regierungen und ihren diplomatischen Vertretungen.
Dem vermeintlich „heiligen Feuer“ des Patriotismus steht jedoch ein Auszug aus einem Brief entgegen, den Giuseppe La Farina, der Sekretär von Camillo Graf Cavour2, an Don Filippo Bartolomeo, einen liberal gesinnten Priester aus Messina, schrieb: „Es ist notwendig, daß das Werk von den Völkern selbst begonnen wird; das Piemont wird dann gerufen werden, aber niemals vorher.“ Mit anderen Worten: Erst wird das Feuer gelegt, danach ruft man die Feuerwehr.
Der Brief fährt fort: „Wenn es dies selbst tun würde, würde man von Eroberung sprechen und eine europäische Koalition gegen uns aufbringen.“ Damit begründete er zugleich die Haltung des savoyischen Herrschers: „König Viktor Emanuel hat erklärt, daß er seine Diktatur nicht über Völker ausdehnen könne, die nicht nach ihm rufen. Wenn sie jedoch ruhig bleiben, geben sie der Diplomatie Anlaß zu behaupten, daß sie mit der Regierung zufrieden seien, die sie haben.“
Es mußte also gehandelt werden: Man mußte einen Konflikt erzeugen, um anschließend eingreifen zu können.
Doch trotz des erheblichen organisatorischen und finanziellen Aufwandes waren die anfänglichen Ergebnisse dürftig. Die Halbinsel geriet nicht so in Brand, wie man es sich in den besseren Salons Turins vorgestellt hatte. Den Revolutionären gelang es lediglich, in Florenz, Perugia und in den emilianischen Herzogtümern einige sogenannte „Volksaufstände“ zu organisieren – obwohl die Mehrheit der Bürger daran überhaupt nicht teilnahm.
Die eigentliche Frustration aber lag in Neapel und Rom. Dort gab es praktisch nichts, was man hätte tun können, um das Volk aufzuwiegeln: Der Papst und der König erfreuten sich bei ihren Untertanen großer Beliebtheit.
Trotzdem wurden unabhängige Staaten, die niemals jemandem den Krieg erklärt hatten, überfallen und dem savoyischen Herrschaftsgebiet einverleibt – und die europäischen Staaten sahen diesem Vorgehen gleichgültig zu. Eine der vielen beschämenden Episoden der Geschichte.
Nachdem die verschiedenen Staaten erobert waren, konnte König Viktor Emanuel – da er ja, wie erwähnt, von so überaus „großzügigem“ Charakter war – selbstverständlich nicht über künftige Untertanen herrschen, ohne deren Zustimmung einzuholen.
Daher wurden Plebiszite einberufen, bei denen das „endlich von seinen Ketten befreite Volk“ – um die damalige pathetische Sprache zu verwenden – mit großer Mehrheit entschied, unter der savoyischen Fahne Italiener sein zu wollen.
Zuerst geschah dies in der Emilia, also im Herzogtum Parma und Piacenza, bis dahin regiert vom Haus Bourbon-Parma, und im Herzogtum Modena, Reggio und Guastalla, bis dahin regiert vom Haus Österreich-Este, sowie im Großherzogtum Toskana, das bis dahin ebenfalls von einer habsburgischen Linie regiert war. Am 21. Oktober folgte das ehemalige bourbonische Staatsgebiet Beider Sizilien.
Hier lohnt sich ein kurzer Blick auf die Doppelzüngigkeit des Hauses Savoyen. Vor den Plebisziten wandte sich der König an die Bevölkerung des Südens: „Meine Truppen rücken unter euch vor, um die Ordnung wiederherzustellen. Ich komme nicht, um euch meinen Willen aufzuzwingen, sondern um den euren zur Geltung zu bringen. Ihr könnt ihn frei zum Ausdruck bringen. Die Vorsehung, die gerechte Anliegen schützt, wird die Stimme lenken, die ihr in die Urne legt.“
Dabei „vergaß“ man die Massaker auf Sizilien und in Kampanien, die von seiner Armee – offiziell noch eine Invasionsarmee – häufig an der armen Bevölkerung verübt worden waren.
Die Plebiszite wurden am 4. und 5. November in den Marken und in Umbrien fortgesetzt, die beide zuvor zum Kirchenstaat gehört hatten.
Die „spontanen“ Aufstandsbewegungen
Dieser Aufruf zur Abstimmung war tatsächlich ein großer Erfolg, was die Beteiligung betraf – ein wenig wie in Nordkorea. Allerdings nur auf dem Papier. In vielen Fällen gab es nämlich mehr abgegebene Stimmen als überhaupt Wähler. Das sagt viel über die Abstimmung und die zahlreichen Manipulationen aus, die dabei stattgefunden haben sollen.
Gestützt auf das plebiszitäre Ergebnis erklärte der König feierlich: „Das allgemeine Wahlrecht verleiht mir die souveräne Herrschaft über diese edlen Provinzen. Ich nehme diesen hohen Beschluß des nationalen Willens an – nicht aus Herrschsucht, sondern aus dem Bewußtsein, Italiener zu sein.“
Auf diesem traurigen Schauspiel entstand das Königreich Italien.
Denn angesichts dieser überwältigenden Ergebnisse gab es, wie bereits angedeutet, zahlreiche Merkwürdigkeiten: etwa die außergewöhnlich hohe Wahlbeteiligung. Die Mehrheit der Bevölkerung war damals Analphabeten, für die eine Wahl eine völlig neue Erfahrung darstellte. Dennoch war das plebiszitäre Ergebnis angeblich eindeutig.3
In Wirklichkeit war es das Ergebnis einer großen Verwirrung – allerdings einer Verwirrung, die gezielt erzeugt und entsprechend inszeniert worden war.
Nehmen wir als Beispiel die Vorgänge in der Toskana, wie sie sich in ähnlicher Weise auch in anderen Teilen der Halbinsel abspielten. Kurz vor dem Plebiszit setzte eine massive Pressekampagne ein. Sie ging so weit zu behaupten, daß jeder, der gegen die Annexion stimmen würde, als Feind des Vaterlandes betrachtet werde. Um mit Sicherheit ein Ergebnis zugunsten des Anschlusses zu gewährleisten, wurden sämtliche Druckereien gezwungen, Stimmzettel für die Vereinigung mit Piemont zu drucken. Wer sich weigerte oder – schlimmer noch – seine Druckmaschinen Gegnern der Annexion zur Verfügung stellte, riskierte buchstäblich sein Leben.
Die savoyische Propaganda erzählte derweil weiterhin von einem stets uneigennützigen und ehrenhaften König, der den Willen der Völker respektiere.
Nach diesem langen Vorlauf kehren wir nun zur Eroberung Roms und zur Ankunft der neuen Herren zurück. Wie in den anderen Gebieten organisierten auch sie hier ein Plebiszit – kaum einen Monat nach der Eroberung der Stadt. Es sollte beweisen, daß die Stadt, nun von den „Ketten“ des Kirchenstaates befreit, geradezu darauf gewartet habe, Teil des neuen Königreichs Italien zu werden – und zwar selbstverständlich ohne irgendeine „Anregung“ aus Piemont.
Für das Plebiszit mußte eine Formulierung gefunden werden, die den Eindruck von Einheit und Freiheit vermittelte. Der Ministerrat schlug deshalb folgende Formel für die Stimmzettel vor: „In der Gewißheit, daß die italienische Regierung die Unabhängigkeit der geistlichen Autorität des Papstes gewährleisten wird, erklären wir unseren Anschluß an das Königreich Italien unter der konstitutionell-monarchischen Regierung König Viktor Emanuels II. und seiner königlichen Nachfolger.“
Doch es gab ein wirklich großes Hindernis: Pius IX.
Nach der Besetzung Roms und während seiner sogenannten „Gefangenschaft im Vatikan“ hatte er den Katholiken verboten, an diesem von den Invasoren gewünschten Plebiszit teilzunehmen. Er hoffte dadurch, die Abstimmung faktisch ungültig zu machen.
Die offiziellen, von den piemontesischen „Siegern“ verwalteten Zahlen behaupteten jedoch, daß 98 Prozent der 135.291 abgegebenen Stimmen für den Anschluß an Italien gewesen seien. Nur 1,11 Prozent, also knapp 1.507 Stimmen, seien beim Papst geblieben. Insgesamt waren nur etwa 20 Prozent der Bevölkerung wahlberechtigt, da ausschließlich Männer über 21 Jahren wählen durften.
Die Annexion wurde schließlich durch königlichen Erlaß vom 9. Oktober 1870 formalisiert. Artikel 1 bestimmte, daß Rom und die römischen Provinzen Bestandteil des neuen Königreichs Italien werden sollten.
Die Schatten über der Abstimmung
Doch welche unabhängige und vertrauenswürdige Autorität hatte die heikle Organisation dieser Abstimmungen überwacht?
Ausgerechnet der erst wenige Tage zuvor ernannte Polizeichef Filippo Curletti wurde damit betraut, ein Vertrauensmann Cavours. Seine Biographie zeugt allerdings keineswegs von tadelloser moralischer Integrität. In der Schweiz war er als Drahtzieher einer Bande piemontesischer Krimineller in Abwesenheit verurteilt worden, die sich dem Diebstahl, der Plünderung und weiteren Straftaten gewidmet hatte. Darauf veröffentlichte er seine „Enthüllungen“, in denen er bekanntgab, ein Agent Cavours gewesen zu sein.
Nicht gerade die ideale Besetzung für einen Polizeichef!
In einem Memorandum, das eigentlich geheim bleiben sollte und sich mit den vorausgegangenen Plebisziten befaßte, schrieb er unter anderem: „Was Modena betrifft, kann ich aus eigener Kenntnis sprechen, denn alles geschah unter meinen Augen und unter meiner Leitung. Im übrigen verliefen die Dinge in Parma und Florenz nicht anders.“
Weiter berichtete er, man habe sich die Kirchenregister von den Pfarrgemeinden geben lassen, um daraus die Wählerlisten zusammenzustellen. Gleichzeitig rühmte sich Curletti, sämtliche Stimmzettel für die Abstimmung über die Annexion selbst vorbereitet zu haben.
Wie bereits erwähnt, wurden nach Schließung der Wahllokale zusätzliche Stimmzettel in die Urnen gelegt, um die Zahl der abgegebenen Stimmen zu erhöhen – selbstverständlich zugunsten Piemonts. Dafür habe man die Stimmzettel derjenigen verwendet, die der Abstimmung ferngeblieben waren. „Wenn man schlecht denkt, begeht man zwar eine Sünde, aber oft liegt man damit richtig“, sagte der Christdemokrat Giulio Andreotti einmal, der zwischen 1972 und 1992 sieben Mal italienischer Ministerpräsident war.
So scheint es auch bei den Geschichtsvorgängen des geeignten Italiens zu sein.
Es ist daher keine böswillige Unterstellung, wenn man sich fragt, wie solche Ergebnisse in Städten und Dörfern überhaupt zustande kommen konnten. Die geringe Erfahrung mit Wahlen, verbunden mit bewußter Wahlenthaltung und Gleichgültigkeit, erleichterte die Manipulation und beseitigte praktisch jede wirksame Kontrolle.
So entstand eine derartige Verwirrung, daß Curletti weiter berichten konnte: „… man ging dabei so rücksichtslos vor, daß die Auszählung eine größere Zahl von Wählern ergab als überhaupt eingeschriebene Wahlberechtigte vorhanden waren.“
Das Gesetz der Garantien
Der Papst fühlte sich als Gefangener – und war nach eigener Auffassung auch tatsächlich ein Gefangener – der piemontesischen Besatzer. Diese stellten ihn als hartnäckiges Hindernis für die nationale Freiheit dar.
Doch stimmt es tatsächlich, daß Pius IX. die neue Zeit nicht verstanden hatte, die inzwischen über seinen ehemaligen Staat hereingebrochen war?
Vielmehr hatte der Papst früher und klarer als andere erkannt, wohin diese piemontesische Politik führen würde.
Am 21. März 1871 verabschiedete die Abgeordnetenkammer mit 185 gegen 106 Stimmen den Entwurf des sogenannten „Gesetzes der Garantien“ (Legge delle Guarentigie). Am 20. Mai stimmte auch der Senat dem Gesetzentwurf mit 150 gegen 20 Stimmen zu. Anschließend wurde er vom König unterzeichnet.
Abgesehen von den darin enthaltenen Zugeständnissen an die katholische Kirche hätte eine Annahme dieses Gesetzes durch den Papst faktisch bedeutet, daß er den neuen italienischen Staat und das Ende seiner eigenen staatlichen Eigenständigkeit und Souveränität anerkannt hätte.
Das Gesetz bestand aus 19 Artikeln und war in zwei Teile gegliedert.
Der erste Teil regelte die Vorrechte des Papstes, dem weiterhin alle souveränen Ehren sowie bestimmte Eigentumsrechte zugesichert wurden. Der zweite Teil regelte die Beziehungen zwischen dem Staat und der katholischen Kirche.
Der Papst akzeptierte das Gesetz jedoch nicht. Er vertrat die Auffassung, daß er als Stellvertreter Christi ein Recht sowohl auf die geistliche als in seinem Staat auch auf die weltliche Macht habe und daß ihm letztere allein durch Gewalt genommen worden sei. Er bezeichnete das Gesetz als ein „monströses Erzeugnis der revolutionären Rechtswissenschaft“.
Pius IX. weigerte sich, das Gesetz anzuerkennen, und erklärte dies in seiner Enzyklika Ubi nos vom 15. Mai 1871. Darin schrieb er unter anderem:
„Die subalpine Regierung [sic] bemühte sich, die Katholiken zu täuschen und ihre Ängste zu beruhigen, indem sie einige wertlose Privilegien und Immunitäten zusammenstellte und fabrizierte, die gemeinhin ‚Garantien‘ genannt werden … Wir sind gezwungen, erneut zu bekräftigen, was wir bereits mehrfach feierlich erklärt haben: daß die weltliche Herrschaft des Heiligen Stuhls dem Römischen Pontifex durch einen besonderen Ratschluß der göttlichen Vorsehung verliehen wurde und daß sie notwendig ist, damit der Papst als souveräner Pontifex keinem Fürsten und keiner weltlichen Macht unterworfen ist.“
Das Verhältnis zwischen den beiden Seiten verschlechterte sich weiter. 1874 verbot die römische Kurie den Katholiken ausdrücklich, sich am politischen Leben des neuen Staates zu beteiligen. Dieses Verbot wurde unter der Formel „Non expedit“ bekannt.
Erst am 11. Februar 1929, mit den Lateranverträgen, sollte ein wirklich tragfähiges und dauerhaftes Abkommen erreicht werden, das die jeweiligen politischen und zivilen Zuständigkeiten respektierte.
Zum Abschluß dieses Artikels sei noch auf eine historische Ironie hingewiesen: Etwas mehr als 70 Jahre nach diesen Ereignissen fand 1946 ein weiteres Plebiszit statt – diesmal zwischen Monarchie und Republik. Es sollte der vom Krieg völlig erschöpften Nation eine neue institutionelle Ordnung geben.
Auch dieses Plebiszit war von zahlreichen Schatten begleitet.
Schließlich setzte sich die Republik durch und verabschiedete sich damit endgültig vom Haus Savoyen – ganz so, wie es der heilige Johannes Bosco ein Jahrhundert zuvor prophezeit hatte.
*Antonello Cannarozzo ist ein italienischer Journalist, er arbeitete unter anderem als Vatikanist und Chefredakteur der Tageszeitung Il Popolo, von 1923 bis 2003 das offizielle Organ der Christdemokraten (DC); seit 1995 ist er freier Publizist. Sein Schwerpunkt liegt auf Geschichte, Kirche und gesellschaftlichen Themen.
Übersetzung/Fußnoten: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons
- Vincenzo Gioberti (1801–1852) war ein italienischer Philosoph und Politiker des Risorgimento. In seinem Werk Del primato morale e civile degli Italiani (1843) entwarf er ein föderales Modell für Italien: Die verschiedenen italienischen Staaten sollten in einer Föderation unter dem Ehrenvorsitz des Papstes verbunden werden, während ihre politische Selbstständigkeit weitgehend erhalten bliebe. Damit wollte Gioberti die Einheit Italiens ohne revolutionären Bruch und ohne zentralistischen Einheitsstaat erreichen. Das Modell war dem Deutschen Bund vergleichbar. ↩︎
- Camillo Benso, Graf von Cavour (1810–1861) war piemontesischer Staatsmann und einer der wichtigsten Architekten der italienischen Einigung. Als Ministerpräsident Sardinien-Piemonts förderte der Freimaurer Cavour Liberalismus, Wirtschaftsentwicklung und eine Trennung von Kirche und Staat. ↩︎
- Im Roman „Il Gattopardo“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa und dessen Verfilmung wurden dies Wahl-Merkwürdigkeiten bzw. der Betrug literarisch thematisiert. ↩︎
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