Das Zisterzienserstift Heiligenkreuz im Wienerwald gehört zu den wenigen wirklichen Erfolgsgeschichten des Katholizismus, die sich in jüngster Zeit im deutschen Sprachraum nachweisen lassen. Berufungen, Klostergründungen, eine florierende Hochschule und ein überregional ausstrahlendes geistliches Profil machen die Abtei zu einem Gegenbild zur allgemeinen kirchlichen Krise. Gerade deshalb stellt sich nach der Causa Waldstein, der Apostolischen Visitation und dem angekündigten Rücktritt von Abt Maximilian Heim die Frage: Was geschieht in Heiligenkreuz – und wohin soll das Stift geführt werden?
Die Frage drängt sich gerade deshalb auf, weil das 1133 gegründete Zisterzienserstift etwas verkörpert, das im deutschsprachigen Katholizismus selten geworden ist: echte Lebendigkeit, Wachstum und Berufungen.
Während altehrwürdige Klöster in der Bundesrepublik Deutschland, in Österreich und in der Schweiz schrumpfen oder aussterben, ist Heiligenkreuz in den vergangenen Jahrzehnten aufgeblüht. Im Jahr 2025 gehörten mehr als 100 Mönche der Gemeinschaft an, mehr als je zuvor in der bald 900jährigen Existenz des Klosters.
Das Stift konnte sogar daran denken, neue Klöster zu gründen beziehungsweise alte monastische Orte wiederzubeleben. Eine solche Entwicklung fällt auf: Was die frommen Katholiken begeistert, weckt bei anderen Neid und Mißgunst.
Die Wurzeln für diese Blüte reichen in die Nachkriegszeit zurück. Die Äbte jener Jahrzehnte legten, auch über das Zweite Vatikanische Konzil hinaus, besonderen Wert auf die Pflege der Heiligen Liturgie. Das Latein wurde nicht als Relikt einer vergangenen Epoche beseitigt. Das Chorgebet blieb Bestandteil des klösterlichen Lebens. Das Kloster bewegte sich innerhalb des nachkonziliaren Rahmens, aber nicht auf dessen progressiver Seite, auch nicht in der mediokren Mitte, sondern auf der konservativen Seite.
Die Konsequenz war langfristig bemerkenswert: Heiligenkreuz wurde zu einem Berufungsmagneten. Das ist im deutschen Sprachraum das genaue Gegenteil von selbstverständlich.
Rudolphinum und Leopoldinum
Eine wichtige Rolle spielte dabei die Priesterausbildung. 1802 war von den Zisterziensern in Heiligenkreuz eine ordensinterne Hochschule errichtet worden. Diese wurde 2007 von Papst Benedikt XVI. zu einer Hochschule päpstlichen Rechts erhoben. Einige Monate später besuchte der deutsche Papst Stift und Hochschule persönlich und machte damit seine Wertschätzung sichtbar. Er zeigte auf Heiligenkreuz als Vorbild. Heiligenkreuz erwiderte diese Verbindung, indem die Hochschule zu Ehren des deutschen Papstes seinen Namen erhielt. 2018 besuchte Abt Heim, mitten im bergoglianischen Pontifikat, Benedikt XVI. im Kloster Mater Ecclesiae. Jede noch so kleine Positionierung, und sei es durch eine bescheidene Geste, scheint im unerbittlichen kircheninternen Kampf jedoch unentschuldbar.
Und darin spiegelt sich auch schon wider, warum es Kräfte gibt, die dem Stift und seiner akademischen Bildungsstätte nicht gewogen sind. Es sind dieselben Kräfte, die bereits Benedikt XVI. feindselig gegenüberstanden und sein Pontifikat sabotierten, wo immer es ihnen möglich war. Und im deutschen Sprachraum war es ihnen in sehr hohem Maße möglich.
Im Vergleich zum Mainstream der sich selbstauflösenden Kirche ist Heiligenkreuz nur eine kleine Insel, doch sie stört.
Um die Bedeutung von Heiligenkreuz zu verstehen, ist auch an Bischof Rudolf Graber von Regensburg zu erinnern, der 1975 in Heiligenkreuz das Collegium Rudolphinum errichtete, um Seminaristen ausbilden zu lassen. Später wurde das Collegium in veränderter Form weitergeführt, erhielt den Namen Leopoldinum und dient österreichischen Diözesen als überdiözesanes Priesterseminar. Konservativere Seminaristen können auf diese Weise in Heiligenkreuz studieren, um dem apostatischen Klima der theologischen Fakultäten zu entgehen. Damit ist zugleich auch schon viel über das ambivalente Verhalten der österreichischen Bischöfe ausgesagt.
Diese Entwicklung im Ausbildungsbereich ist kirchenpolitisch bemerkenswert. Während die klassischen theologischen Ausbildungswege – Theologische Fakultäten und Priesterseminare – im deutschen Sprachraum zunehmend in eine Krise gerieten und sich teils wie ein Feind im eigenen Haus verhalten, entstand in Heiligenkreuz eine Ausbildungsstätte, die junge Männer für das Priestertum gewann und deren Ausbildung sicherte. Das ist einer der Aspekte, der das Profil des Stiftes klar erkennbar machte.
Heiligenkreuz ist dabei keine Hochschule der Tradition. Das Stift versteht sich nicht als Gegenentwurf zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Heiligenkreuz ist vielmehr nachkonziliar-konservativ geprägt. Und genau darin liegt eine Stärke gegenüber der nachkonziliar-progressiven Kirche – möglicherweise aber auch seine Achillesferse.
Konservativ, aber nicht traditionsverpflichtet
Die Konservativen der Nachkonzilszeit, unter ihnen Joseph Kardinal Ratzinger, haben vieles richtig erkannt. Sie wollten das Konzil nicht gegen die gesamte Tradition ausspielen. Sie hielten an Priesteramt, Zölibat, sakramentalem Leben, katholischer Morallehre und einer würdigen Liturgie fest. Doch der konservative Katholizismus hat eine chronische Schwäche: Er scheut den offenen Konflikt, erst recht mit der kirchlichen Obrigkeit, und vermeidet eine grundsätzliche Analyse der Kirchenkrise, weil er das einzig verbliebene Tabu, das Zweite Vatikanische Konzil, akzeptiert.
Man möchte bewahren, aber nicht kämpfen. Man möchte treu sein, aber nicht unbequem werden.
Man möchte die überlieferte Lehre vertreten, ohne den überlieferten Ritus wiederzuentdecken und ohne den Preis zu bezahlen, der mit einem wirklichen Widerstand gegen den Zeitgeist verbunden sein kann.
Das erklärt auch das ambivalente Verhältnis von Heiligenkreuz zur liturgischen Tradition.
Die verbotene Frage nach dem überlieferten Ritus
Bei der Abtsbenediktion von P. Maximilian Heim am 25. April 2011 würdigte Kardinal Christoph Schönborn das Stift als eine „hoffnungsvolle junge Klostergemeinschaft“ und sprach sogar von einer „kaum je dagewesenen Blütezeit“ sowie von einem Boom bei Nachwuchs und Hochschule.
Im Konvent bestanden damals, als Benedikt XVI. in Rom regierte, erhebliche Sympathien dafür, auch den überlieferten römischen Ritus wiederzuentdecken und ihm einen Platz im Leben des Stiftes einzuräumen. Eine solche Entwicklung war in der kirchlichen Hierarchie Österreichs aber nicht erwünscht. In seiner Predigt bei der Abtsbenediktion sprach Kardinal Schönborn daher eine Warnung aus. Er warnte den neuen Abt und seinen Konvent vor einem Schritt hin zum überlieferten Ritus.
Und Heiligenkreuz ging tatsächlich diesen Weg nicht. Abt Heim fügte sich in die kirchenpolitische Realität, denn Benedikt XVI. dankte ab, und es folgte ihm im März 2013 Franziskus. Bald war allen klar, daß der Weg einer Rückkehr zur liturgischen Tradition versperrt ist. Heiligenkreuz blieb innerhalb des nachkonziliaren Rahmens. Der Abt untersagte seinen Priestern, öffentlich im überlieferten Ritus zu zelebrieren oder an solchen Zelebrationen mitzuwirken.
Tochtergründungen
Da das Stift so viele Berufungen anzog, konnte an Tochtergründungen gedacht werden. 1988 gründete Heiligenkreuz das Priorat Bochum-Stiepel im Ruhrgebiet. 2018 folgte die Neugründung in Neuzelle in Brandenburg. Und 2023 wurde geprüft, ob das Kloster Säben in Südtirol wieder von Zisterziensern besiedelt werden könnte. Die letzten Benediktinerinnen hatten Säben 2021 verlassen. Heiligenkreuz führte Gespräche mit der Diözese Bozen-Brixen über eine mögliche Niederlassung.
Der Kontrast ist frappierend. Während andere Klöster sterben, kann Heiligenkreuz über neue Klostergründungen nachdenken. Während die Berufungspastoral vielerorts mit dem dramatischen Mangel an Priestern und Ordensleuten kämpft, kann Heiligenkreuz auswählen. Während theologische Fakultäten mit sinkenden Studentenzahlen kämpfen, aber fleißig einer zunehmenden Entfernung vom kirchlichen Lehramt frönen, entwickelte sich die Heiligenkreuzer Hochschule zu einem überregionalen Anziehungspunkt.
Das Stift wurde zum Kontrapunkt einer theologischen und geistlichen Landschaft, die vielerorts in Auflösung begriffen ist.
Jeder Wachstumsschritt des Stiftes zog allerdings auch Kritiker, Neider und viele verborgene Gegner an.
Die Causa Waldstein
P. Edmund Waldstein, Jahrgang 1983, ist Moraltheologe und Enkel des bedeutenden österreichischen Juristen und Kirchenrechtlers Prof. Wolfgang Waldstein. Er promovierte 2019 an der Universität Wien und befand sich an der Universität Innsbruck in einem Habilitationsverfahren in Moraltheologie.
Im Frühjahr 2025 wurde P. Waldstein zum Gegenstand einer Kampagne linker Medien – und damit auch das Stift. Im Mittelpunkt standen ältere Ausführungen Waldsteins in einem US-amerikanischen Medium zur Todesstrafe. Diese waren im Zusammenhang mit der Änderung des Katechismus der Katholischen Kirche durch Papst Franziskus im Sommer 2018 erfolgt. Konkret ging es um Fragen des Verhältnisses von geistlicher und weltlicher Gewalt in der Behandlung von Häretikern (man könnte als Beispiele Jan Hus und Giordano Bruno nennen). Waldstein hatte die überlieferte kirchliche Lehre ausgeführt. In der Häretikerfrage nahm er, was seine Formulierungen betrifft, später sogar Korrekturen vor, was seine empörten Gegner natürlich nicht besänftigte.
Jene, die zum großen Empörungsgeschrei ausholten wegen historischer Ereignisse, die viele Jahrhunderte zurückliegen und deren Kontext sie meist kaum kennen und noch weniger verstehen, und wegen der in den USA nach wie vor geltenden Todesstrafe (2024 waren in den USA 25 Todesurteile vollstreckt worden), finden kein Wort der Empörung für die Hinrichtung von jährlich unzähligen Millionen ungeborener Kinder durch Abtreibung. Vielmehr verteidigen sie den Kindermord im selben empörten Ton. Darin liegt eine starke Aussagekraft.
Die Theologische Fakultät der Universität Innsbruck wußte jedenfalls schnell, auf welche Seite sie sich zu schlagen gedachte. Im Mai 2025 legte Dekan Guggenberger Pater Waldstein nahe, seine Habilitationsschrift erst gar nicht einzureichen. Guggenberger erklärte, Waldsteins in einem US-Medium geäußerten Ansichten, die nichts mit seiner Habilitationsschrift zu tun hatten, stünden im Widerspruch zum Kirchenverständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils; deshalb sei praktisch von vorneherein ausgeschlossen, daß die notwendigen Gutachter seine Habilitation positiv bewerten würden. So einfach, so radikal und so unbrüderlich geht das heute in der Kirche vonstatten, wenn Progressive Gelegenheit haben, über Konservative zu richten. Kirchliche Strukturen kopieren den weltlichen „Kampf gegen rechts“. Es ist ein Trauerspiel, doch so ist es.
Pater Waldstein, dessen Ansichten, die er in einem US-amerikanischen Medium vorgetragen hatte, waren Anlaß für die Fakultät, ihn vor die Tür zu setzen und ihm das Habilitieren ohne jede Prüfung zu verweigern, unabhängig davon, was er in seiner Habilitationsschrift vorlegen würde.
Nicht etwa die Qualität seiner Habilitationsschrift war also als wissenschaftlich mangelhaft festgestellt worden. Entscheidend waren Waldsteins in anderem Kontext geäußerten Positionen, die den Professoren mißfielen. Um die Wissenschaftsfreiheit ist es also in Österreich nicht gut bestellt, jedenfalls wenn man nicht im linken Mainstream mitsingt.
Die Causa Waldstein war damit weit mehr als ein Streit um eine einzelne Person. Sie wurde zum Testfall dafür, wie viel überlieferte katholische Theologie an einer katholischen Fakultät überhaupt noch vertreten werden darf. Und in der Folge: Wie viele überlieferte katholische Positionen in Österreichs Kirche noch geduldet werden.
Wie die Ereignisse zeigen, fiel das Ergebnis negativ aus.
Was an der Causa Waldstein besonders auffällt, ist die Geschwindigkeit, mit der aus einer theologischen Kontroverse eine Frage der institutionellen Existenzberechtigung wurde.
Divide et impera
Der Fall erhielt schnell auch eine innerklösterliche Dimension.
Die Hochschule Heiligenkreuz stellte sich zunächst gegen pauschale Medienvorwürfe. Doch dann ging sie auf deutliche Distanz.
Rektor Wolfgang Klausnitzer – Priester des Erzbistums Bamberg und Karl-Rahner-Preisträger – „beurlaubte“ Pater Waldstein von seiner Lehrtätigkeit an der Hochschule und erklärte schließlich, daß er eine Rückkehr Waldsteins in die Lehre während seiner Amtszeit als Rektor ausschließe. Causa finita.
Man bedenke: Der Rektor der Hochschule ist Karl-Rahner-Preisträger, der Abt des Klosters Joseph-Ratzinger-Preisträger. Klausnitzer wurde für eine Arbeit über das Papstamt ausgezeichnet, Heim für sein theologisches Werk über Joseph Ratzinger. Die beiden Preise stammen aus ganz unterschiedlichen theologischen Traditionslinien. Daß in dieser Konstellation etwas nicht zusammenzupassen scheint, liegt auf der Hand. Die eigentliche Dissonanz entstand dort, wo die bergoglianische Kirchenpolitik aus Rom einwirkte.
Und auch Berufung Klausnitzers zum Rektor hatte eine Vorgeschichte, die mit den aktuellen Ereignisse zu tun hat.
Unter Papst Franziskus war bereits ein Apostolischer Visitator an die Hochschule von Heiligenkreuz entsandt worden. Damals war der Heiligkreuzer Zisterzienser Pater Buchmüller Rektor. Über die Ergebnisse wurde kirchenüblich Stillschweigen bewahrt. Grund für die Visitation scheint jedenfalls die „zu konservative“ Ausrichtung der Hochschule gewesen zu sein, weshalb Rom entsprechende Änderungen verlangte. Heiligenkreuz – durch die Anerkennung als Hochschule päpstlichen Rechts von Rom abhängig – mußte „nachbessern“. Dazu gehörte, daß Pater Buchmüller als Rektor abtreten mußte und mit Klausnitzer erstmals ein Nicht-Zisterzienser zum Rektor bestellt wurde.
Es war nur eine Unterwerfung von vielen seit 2013.
Als ein internationaler Kreis von Theologen und Philosophen eine Correctio filialis de haeresibus propagatis an Papst Franziskus verfaßte und ihn aufforderten, das scharf kritisierte nachsynodalen Schreiben Amoris laetitia zurückzunehmen, und sich unter den Unterzeichnern auch ein Dozent der Hochschule von Heiligenkreuz befand, wurde ihm umgehend der Lehrauftrag entzogen und Kloster und Hochschule gingen auf Distanz zu ihm. Kritik ist in der nachkonziliaren Kirche unerwünscht.
Und was Pater Waldstein betrifft, so wurde er sozuagen via Rektor Klausnitzer aus den „eigenen Reihen“ an den Pranger gestellt. Weder durch die Säuberungen von Franziskus-Kritikern oder die „Nachbesserungen“ nach der römischen Visitation noch durch die Distanzierungen von Pater Waldstein wurde für die Hochschule etwas gewonnen.Vielmehr führt jede Unterwerfung auf Zuruf dazu, daß man sich immer mehr vom gegnerischen Urteil abhängig macht.
Zwischen dem Schraubstock kirchenfeindlicher weltlicher Medien auf der einen und einer nicht minder unfreundlich gesinnten obersten kirchlichen Hierarchie samt Jurisdiktion auf der anderen Seite eingeklemmt, ist das Überleben zugegebenermaßen kein leichtes Unterfangen.
Man kann in den genannten Reaktionen der Hochschule und des Klosters ein klassisches kirchenpolitisches Muster der nachkonziliaren Zeit erkennen: Teile eines konservativen Milieus versuchen, sich durch Distanzierung vor äußerem Druck zu schützen – und tragen damit selbst zur Marginalisierung der Betroffenen und zur Schwächung der eigenen Positionen bei. Das Prinzip ist alt und lautet divide et impera.
Gerade konservative Katholiken sind dafür anfällig, weil sie Konflikte mit der kirchlichen Obrigkeit möglichst vermeiden wollen und insgesamt eher konfliktscheu sind.
Wenn sich die Ämter der kirchlichen Hierarchie in den falschen Händen befinden, kann das, was als Unterstützung und Schutz gedacht war, schnell zu einem engen Korsett werden, das abwürgt. Benedikt XVI. hatte Heiligenkreuz unterstützen und schützen wollen, indem er der Hochschule päpstliches Recht verlieh. Doch nur wenige Jahre später erlaubte dies Rom unter unter Franziskus einen ungehinderten Zugriff unter Sanktionsdrohungen.
Dann kam die Apostolische Visitation
Nachdem unter Franziskus bereits die Hochschule von Rom visitiert worden war, sollte schließlich auch das Stift selbst ins römische Visier geraten. Am 5. Juni 2025 erließ das römische Dikasterium für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens das Dekret zur Apostolischen Visitation des Klosters Heiligenkreuz. Als Visitatoren wurden Abtprimas Jeremias Schröder OSB und Sr. Christine Rod MC eingesetzt. Warum für diese Aufgabe eine Frau ernannt wurde, versteht wahrscheinlich nur, wer die Mäander der politisch korrekten Gender-Ideologie inhaliert hat. Öffentlich bekannt wurde die Visitation Mitte Juni.
Papst Franziskus war zwar bereits einige Wochen zuvor verstorben, doch die entsprechenden Vorbereitungen gehen noch auf sein Pontifikat zurück. Und sein Nachfolger Leo XIV. setzt in vielen Bereichen, nicht zuletzt im Bereich der Personalfragen, die Politik seines Vorgängers zwar leiser, aber unverändert fort.
Die Visitation war Ausdruck der bergoglianischen Kirchenpolitik und belegt, daß deren Umgang mit konservativen kirchlichen Gemeinschaften keineswegs erledigt ist – vom Umgang mit traditionsverbundenen Gemeinschaften ganz zu schweigen.
Offiziell hatte die Visitation einen breiten Auftrag: Untersucht werden sollten unter anderem der Leitungsstil der Abtei, das Führungsverhalten des Abtes, der Umgang mit Mißbrauchsvorwürfen¹, die Prüfung der Berufungen und die Ausbildung der jungen Mönche.
Ein blühendes Kloster, die herausragende Ausnahme unter den neurituellen monastischen Gemeinschaften im deutschen Sprachraum, wurde einer umfassenden römischen Prüfung unterzogen.
Bemerkenswert ist dabei die Sprache Roms. Das Dikasterium selbst sprach von einem „blühenden Stift“. Die Visitation wurde nicht damit begründet, daß Heiligenkreuz schwerwiegende Probleme habe oder gar geistlich am Ende sei. Im Gegenteil. Die Gemeinschaft hat Berufungen, sie hat Nachwuchs, sie verfügt über eine eigene Hochschule, sie gründet neue Klöster. Warum also die Visitation?
Eine Erklärung wurde bisher von keinem Beobachter genannt, nämlich, daß Rom erfahren möchte, wie man es schafft, ein so lebendiges Kloster und eine so lebendige Ordensgemeinschaft zu sein. Diese Option wird mit gutem Grund ausgeschlossen, denn eine solch Absicht hegte das Dikasterium nicht.
Warum wurde also ausgerechnet eine der wenigen blühenden Gemeinschaften des deutschen Sprachraums so intensiv untersucht?
Die Antwort ist ebenso einfach wie für viele Katholiken irritierend: „Weil sie blüht.“ Weil sie blüht, wird der Apostolische Visitator geschickt. Denn seit dem bergoglianischen Pontifikat ist bekannt, daß blühende Gemeinschaften als „verdächtig“ gelten. Was wie ein schlechter Scherz klingt – ein sehr schlechter Scherz sogar –, gibt leider die kirchliche Wirklichkeit wieder.
Berufungsstarke konservative Gemeinschaften in der Kirche – berufungsstarke progressive Gemeinschaften existieren nicht –, sind durch ihre bloße Existenz ein zwangsläufiger Kontrast zu den progressiven Strukturen, die unter notorischem Nachwuchsmangel leiden. Ein Nachwuchsmangel, der freilich strukturell bedingt ist, denn wer die Aufhebung des priesterlichen Zölibats, die Einführung des Frauenpriestertums oder gar eine priesterlose Kirche anstrebt, ist an Berufungen erst gar nicht interessiert.
Am 8. April 2026 wurde die Visitation von Stift Heiligenkreuz offiziell abgeschlossen. Nach Angaben des Klosters führten die Visitatoren Gespräche mit rund 90 Mönchen und zahlreichen externen Personen, die nicht näher benannt wurden. Anschließend wurden von Rom „Vorschläge für die weitere Entwicklung“ der Gemeinschaft übermittelt. Im Mittelpunkt stehen unter anderem Kommunikation, strategische Fragen sowie die Reflexion über Identität und Selbstverständnis des Stiftes. Und darum geht es.
Rom wünscht, daß sich das Stift „weiterentwickelt“. Und damit stehen einige Fragen im Raum: Paßt der bisherige Kurs denn nicht? In welche Richtung sollte sich das Kloster denn „weiterentwickeln“?
Der Rücktritt des Abtes
Am 20. August 2026 folgte der nächste Schlag. Abt Maximilian Heim kündigte seinen Rücktritt zum 14. September 2026, dem Fest Kreuzerhöhung, an. Nach 16 Jahren als Abt und insgesamt 30 Jahren in Leitungsfunktionen des Stiftes will er künftig „wieder stärker in der Seelsorge und als Theologe wirken“. So die offizielle Diktion. Als einen Grund nannte er seine Herzerkrankung im vergangenen Jahr und das Ende seiner zweiten Amtsperiode.
Man folgt damit dem ungeschriebenen kirchlichen Usus, besonders unter Konservativen, selbst radikale Eingriffe, tiefgreifende Interventionen und sogar Willkürakte schönzureden und nach außen wie normale Routinen erscheinen zu lassen.
Mit dem Rücktritt endet allerdings eine Ära. Es endet nicht nur die Ära von Abt Heim, sondern es endet womöglich auch die Ära Heiligenkreuz als Ausnahme unter den monastischen Realitäten im deutschen Sprachraum.
Der Rücktritt erfolgt wenige Monate nach dem Abschluß der Apostolischen Visitation und ist in einem direkten Zusammenhang mit den römischen „Wünschen“ nach einer „Weiterentwicklung“ des Stiftes zu sehen. Diese Wünsche kann er offensichtlich vor seinem Gewissen nicht mittragen, will aber auch nicht dagegen ankämpfen. So tritt er zur Seite und überläßt dem bergoglianischen Rom das Feld.
Zum „Umbau“ von Heiligenkreuz paßt, daß zunächst kein neuer Abt gewählt wird, was sehr ungewöhnlich ist. Nach „Rücksprache“ mit dem vatikanischen Ordensdikasterium soll vorerst ein Administrator für drei Jahre gewählt werden. Die Begründung für diesen Schritt, die die ultraprogressive Redaktion von ORF-Religion lieferte, ist grotesk lächerlich: Weil mehr als ein Drittel der Wahlberechtigten noch nie an einer Abtwahl teilgenommen habe. Bis vor kurzem wurden die Äbte auf Lebenszeit gewählt; da war es selbstverständlich, daß der Großteil des Konvents noch nie an einer Abtwahl teilgenommen hatte.
Die Administratorenlösung läßt wenig Zweifel daran, daß diese Übergangsphase von Rom verlangt wurde, um in dieser Zeit die zukünftige Ausrichtung des Stiftes neu zu bestimmen.
Die Gefahr für Heiligenkreuz besteht nicht so sehr darin, daß das Stift – wie Franziskus es mit anderen Klöstern, Orden und Gemeinschaften machte – aufgelöst oder seine Hochschule geschlossen würde. Eine viel subtilere Gefahr ist aber denkbar: die „Normalisierung“ von Heiligenkreuz.
Die Normalisierung
Das Stift wird weiterbestehen, die Hochschule wird weiterbestehen, das Leopoldinum könnte weiterbestehen. Die Mönche könnten weiterhin Berufungen erhalten. Aber das Profil, so scheint es Rom zu fordern, soll schrittweise verändert werden. Im kirchlichen Mainstream ist im Zusammenhang mit der römischen Intervention zu hören, daß Heiligenkreuz „ein wenig weniger kontrovers“ werden könnte. Suchte das Stift die Konfrontation? Widersetzte es sich der progressiven Hierarchie? Nein, nichts dergleichen. Es ist die bloße Existenz einer anderen, einer konservativeren Ausrichtung, die stört. Je leuchtender diese strahlt und als Alternativmodell Aufmerksamkeit findet, desto massiver sind die Angriffe dagegen – aus Rom.
Von Heiligenkreuz wird also „ein wenig mehr Anpassung“ an den kirchlichen Mainstream erwartet; weniger Bereitschaft, auch unbequeme Positionen zu vertreten und zu verteidigen; eine „zurückhaltendere“ Auswahl der Lehrbeauftragten; eine größere Distanz zu Vertretern der Tradition und natürlich keine Wiederentdeckung des überlieferten Ritus.
Kurzum: Heiligenkreuz soll – so die Vorstellung höherer kirchlicher Kreise – eine Theologie vertreten, die konservativ genug bleibt, um attraktiv zu wirken und der Tradition nicht ganz das Feld zu überlassen, aber angepaßt genug wird, um niemanden in den kirchlichen Apparaten mehr zu beunruhigen.
Heiligenkreuz soll nicht zerstört, aber gezähmt, eben „normalisiert“ werden.
Diese Rechnung wird natürlich nicht aufgehen. Wenn Heiligenkreuz sich in diesem Sinne „normalisiert“, wird es ebenso in der Bedeutungslosigkeit versinken, wie die zahlreichen alten Klöstern und Orden, die jedes Jahr irgendwo auf dieser Welt aufgelöst werden und aussterben.
Den kirchlichen Oberen, ob in Österreich oder in Rom, scheint dabei egal zu sein, daß der „Erfolg“ von Heiligenkreuz einzig darin besteht, daß junge Männer dort eintreten, weil sie dort finden, was sie anderswo in der Kirche vermissen: Liturgie; Askese; Verbindlichkeit; ein Verständnis von Kirche und Priestertum, das von „synodalen“ Strukturen bis zur Unkenntlichkeit aufgelöst wird; eine Lehre, die nicht erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil beginnt, und eine katholische Identität, also auch ein geistliches Leben, das nicht ständig um die Zustimmung der Welt bemüht ist.
Wenn Heiligenkreuz seinen Charakter verliert, verliert die Kirche in Österreich und im deutschen Sprachraum nicht einfach irgendein Kloster, wie es andauernd der Fall ist, weil Klöster und Orden am nachkonziliaren Geist ersticken und aussterben. Sie verliert eine ihrer letzten großen Realitäten, die gezeigt hat, daß katholische Klarheit und geistliches Wachstum zusammengehören und sich untrennbar bedingen.
Heiligenkreuz steht damit an einem Scheideweg.
Die Gemeinschaft kann sich darauf beschränken, die Erwartungen der kirchlichen Apparate möglichst geschickt zu erfüllen. Oder sie kann das bewahren, was sie groß gemacht hat. Das bedeutet, zwischen notwendiger Korrektur und politischer Anpassung zu unterscheiden.
Die Kirche braucht keine konservativen Einrichtungen, die nur deshalb konservativ heißen, weil sie ein wenig liturgischer feiern und etwas mehr Latein verwenden als andere. Sie braucht geistliche Gemeinschaften, die auch dann katholisch bleiben, wenn Katholischsein unbequem wird. Darin liegt die Bewährungsprobe, vor die der Konvent ohne eigenes Zutun und ohne erkennbare Not durch Rom gestellt wurde.
Der Ausgang ist offen. Dem Kloster steht keine einfache Zeit bevor.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons
¹ Der Mißbrauchsskandal ist selbstverständlich stets ernst zu nehmen. Darüber darf jedoch nicht aus dem Blick geraten, in welchem Maße er sowohl von kirchenfernen Medien als auch von progressiven Kirchenkreisen, insbesondere innerhalb der römischen bergoglianischen Hierarchie, als kirchenpolitisches Kampfinstrument instrumentalisiert wird. So werden etwa Homo-Seilschaften nur dann entdeckt und angeprangert, wenn damit eine konservative Gemeinschaft zerschlagen werden soll, während Homo-Seilschaften in progressiven Kontexten nicht nur geduldet, sondern sogar gefördert werden.
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