Warum die Linke für ihre Revolution in Lateinamerika radikale Stammesmodelle übernimmt

Heuchlerische Folgen

Der Marxismus fördert und bedient sich des Tribalismus und kirchliche Kreise unterstützen dies seit Jahrzehnten
Der Marxismus fördert und bedient sich des Tribalismus und kirchliche Kreise unterstützen dies seit Jahrzehnten

John Hor­vat, ein füh­ren­der Ver­tre­ter der Ame­ri­can Socie­ty for the Defen­se of Tra­di­ti­on, Fami­ly and Pro­per­ty, des US-ame­ri­ka­ni­schen Zweigs von Tra­di­ti­on, Fami­lie und Pri­vat­ei­gen­tum), hat einen wich­ti­gen Aspekt der süd­ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur her­vor­ge­ho­ben, der dazu bei­tra­gen kann, die kul­tu­rel­le Ent­wick­lung die­ses Kon­ti­nents sowohl unter gesell­schafts­po­li­ti­schen als auch unter reli­giö­sen Gesichts­punk­ten nach­zu­zeich­nen. Damit sind weit­rei­chen­de Fol­gen für die Zukunft die­ser Völ­ker verbunden.

Die zen­tra­le The­se betrifft die Ein­be­zie­hung „heid­ni­scher und stam­mes­ge­sell­schaft­li­cher Ele­men­te“ in die Pro­gram­me der Lin­ken und ihrer Ideo­lo­gen. Die­se Aus­rich­tung geht, wie so vie­les ande­re, auf die schick­sal­haf­ten sieb­zi­ger Jah­re zurück. „Damals för­der­ten die Mar­xi­sten […] eine weit­aus radi­ka­le­re Strö­mung des mar­xi­sti­schen Den­kens, die indi­ge­ne Prak­ti­ken in ihren eige­nen Kampf ein­be­zog.“ Das Ergeb­nis war eine Bewe­gung, die über das rein Poli­ti­sche hin­aus­ging und sich auf der kul­tu­rel­len Ebe­ne ver­an­ker­te. Damit wur­de sie gewis­ser­ma­ßen zu einem vor­weg­ge­nom­me­nen Bei­spiel jener heu­te modi­schen Woke-Strömungen.

Ein wei­te­rer Gesichts­punkt ver­dient unse­re Auf­merk­sam­keit: das Bünd­nis der Mar­xi­sten mit „Schlüs­sel­fi­gu­ren der katho­li­schen Befreiungstheologie“.

Wäh­rend in Ita­li­en, den Ideen Gram­scis fol­gend, der kom­mu­ni­sti­sche Kurs­wech­sel vor­an­trie­ben wur­de, indem die Revo­lu­ti­on aus den Fabri­ken an die Uni­ver­si­tä­ten ver­la­gert und damit den Pro­zeß der Erobe­rung der Lehr­stüh­le sowie der Gewin­nung neu­er gei­sti­ger Mei­nungs­füh­rer ein­ge­lei­tet wur­de, zogen die Mar­xi­sten in Süd­ame­ri­ka die Befrei­ungs­theo­lo­gen in das Aben­teu­er des Tri­ba­lis­mus hinein.

Dar­aus las­sen sich zwei nahe­lie­gen­de Schluß­fol­ge­run­gen ziehen.

Die erste lau­tet, daß der Nie­der­gang der Kir­che, jene schwe­re Kri­se, die heu­te von vie­len Sei­ten beklagt wird, auch durch das schuld­haf­te Mit­wir­ken kirch­li­cher Krei­se her­bei­ge­führt wur­de. Dies geschah in Euro­pa unter ande­rem durch das Phä­no­men der Arbei­ter­prie­ster, wäh­rend die Roten die Uni­ver­si­tä­ten für sich gewan­nen. In Latein­ame­ri­ka hin­ge­gen ord­ne­ten sie sich dem Vor­marsch der Mar­xi­sten unter, als die­se ihren kul­tu­rel­len und stam­mes­ge­sell­schaft­li­chen Ein­fluß ausbauten.

Die zwei­te Schluß­fol­ge­rung ist weni­ger offen­sicht­lich und kann hier aus Platz­grün­den nicht näher begrün­det wer­den: Das athe­isti­sche kom­mu­ni­sti­sche Unter­fan­gen bleibt para­do­xer­wei­se selbst ein Aus­druck von Theo­lo­gie und Reli­gio­si­tät. Es ver­mag gera­de des­halb her­vor­zu­tre­ten, weil die star­ken, über­lie­fer­ten theo­lo­gi­schen Tra­di­tio­nen zurück­ge­drängt oder unter­wor­fen werden.

Keh­ren wir zu Hor­vat zurück, so erfah­ren wir, daß die Wahl die­ser mar­xi­sti­schen Stra­te­gie dar­auf beruh­te, daß „die latein­ame­ri­ka­ni­schen Stäm­me dem kom­mu­ni­sti­schen Ide­al sehr viel näher­ste­hen als die Indu­strie­ar­bei­ter. Die Stäm­me ken­nen kein Pri­vat­ei­gen­tum und kei­ne reli­giö­se Moral. Im Stam­mes­le­ben herr­schen Gleich­heit und Frei­heit vor“.

Die­se Ele­men­te fügen sich sowohl in die mate­ria­li­sti­sche Anthro­po­lo­gie der Kom­mu­ni­sten als auch in die Pro­jek­te libe­ra­ler Gesell­schafts­in­ge­nieu­re ein, die auf eine Zurück­drän­gung der Fami­lie abzielen.

Auch Pli­nio Cor­rêa de Oli­vei­ra hat die­se Wesens­zü­ge deut­lich her­aus­ge­stellt: „Hört sie an, wenn sie den Abbau der Fami­lie und der zeit­ge­nös­si­schen Gesell­schaft, das Erlö­schen der Scham­haf­tig­keit und den Unter­gang der gesam­ten christ­li­chen Über­lie­fe­rung pre­di­gen. Hört sie an, wenn sie die wei­ßen Sied­ler beschul­di­gen, tyran­ni­sche Unter­drücker und blut­dür­sti­ge Räu­ber zu sein“ (Indi­ge­ner Tri­ba­lis­mus: ein gemein­schaft­lich-mis­sio­na­ri­sches Ide­al für Bra­si­li­en im 21. Jahr­hun­dert).

Letzt­lich sind es eben die­se Grün­de, wes­halb sich der Sozia­lis­mus in sei­nen ver­schie­de­nen regio­na­len Aus­prä­gun­gen mit den „indi­ge­nen Bevöl­ke­rungs­grup­pen“ eben­so gut ver­steht wie mit der „LGBTQ-Gemein­schaft“.

Neben­bei sei zumin­dest den wohl­mei­nen­den Katho­li­ken gesagt: Die För­de­rung des Stam­mes­we­sens erfolgt ganz offen­sicht­lich aus rein instru­men­tel­len Erwä­gun­gen. Die armen indi­ge­nen Bevöl­ke­rungs­grup­pen wer­den dem­nach für einen neu­en revo­lu­tio­nä­ren Pro­zeß ein­ge­spannt und aus­ge­beu­tet; sie sind nicht etwa Emp­fän­ger einer unei­gen­nüt­zi­gen Zuwendung.

Wie soll­te es auch anders sein? In den moder­nen ideo­lo­gi­schen Syste­men ist der Mensch nie­mals der eigent­li­che Zweck, dem alles ande­re dient. Er ist viel­mehr stets nur ein Moment, eine Pha­se, ein Objekt im dia­lek­ti­schen Über­gang zu einem voll­ende­ten Idealzustand.

Die katho­li­sche Sozi­al­leh­re lehrt indes­sen seit ihren Anfän­gen im Jah­re 1891, daß die Katho­li­ken die Mühe auf sich neh­men müs­sen, eigen­stän­dig einen eige­nen Weg zur Lin­de­rung der Not der Armen vor­zu­schla­gen, ohne sich jemals den zwie­lich­ti­gen poli­ti­schen Kon­zep­ten der jeweils vor­herr­schen­den ande­ren Ideo­lo­gien zu beu­gen. Lei­der wird die­se Auf­ga­be von zahl­rei­chen Katho­li­ken ver­nach­läs­sigt – und zwar bereits seit den Jah­ren der Enzy­kli­ka Rer­um Novarum, kei­nes­wegs erst seit heute.

Zum Schluß pran­gert Hor­vat auch das Ein­drin­gen „heid­ni­scher Zere­mo­nien“ an, die „nun­mehr in Regie­rungs­pa­lä­sten und bei öffent­li­chen Ver­samm­lun­gen abge­hal­ten werden“.

Er doku­men­tiert die Ver­herr­li­chung der „San­te­ría, die häu­fig umstrit­te­ne Tier­op­fer vor­sieht“, sowie die „Opfer­ga­ben für die Erd­göt­tin Pacha­ma­ma“. All dies geschieht, wäh­rend christ­li­che Über­lie­fe­run­gen unter­drückt und Bibeln aus den Gerichts­sä­len ver­bannt werden.

Dar­über hin­aus scheint sich die­se Mode wei­ter nach Nor­den in die meso­ame­ri­ka­ni­schen Gebie­te aus­zu­brei­ten, wo „die indi­ge­nen Reli­gio­nen Mexi­kos beson­ders für den Rück­griff auf Men­schen­op­fer bekannt waren, die den Göt­tern dar­ge­bracht wurden“.

Auch die­ser Hin­weis ist bemer­kens­wert: Wäh­rend der christ­li­che Pro­gres­sis­mus sei­ne lit­ur­gi­schen Pflich­ten gegen­über Gott, dem allein die Anbe­tung gebührt (latria), ver­nach­läs­sigt und sich auf Kom­pro­mis­se mit den Ideo­lo­gien der Welt ein­läßt, ver­strickt er sich rasch in neue For­men kul­ti­scher Unter­wer­fung – die letzt­lich jedoch göt­zen­die­ne­ri­schen Cha­rak­ter tragen.

Ein­mal mehr sind es die Armen und das Volk Got­tes, die in all dem die schlimm­sten und zugleich heuch­le­risch­sten Fol­gen zu tra­gen haben.

*Don Mar­co Bega­to ist ein katho­li­scher Prie­ster und Sale­sia­ner Don Bos­cos. Er ist als Leh­rer, Erzie­her und Autor tätig. Sei­ne Arbeit und Ver­öf­fent­li­chun­gen befas­sen sich vor allem mit der katho­li­schen Sozi­al­leh­re, der christ­li­chen Kul­tur, dem katho­li­schen Schul­we­sen und der Bedeu­tung des Glau­bens in der moder­nen Gesell­schaft. Er ist Mit­ar­bei­ter des Van Thuân Obser­va­to­ry for the Social Doc­tri­ne of the Church.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: TFP

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