Mehr als ein Vierteljahrhundert lang galt ein Satz der Jordanienreise von Papst Johannes Paul II. als Sinnbild jener nachkonziliaren interreligiösen Gesten, die bis heute kontrovers diskutiert werden. Nun wurde die betreffende Passage auf der offiziellen Internetseite des Vatikans ohne jeden Hinweis geändert. Aus „Der heilige Johannes der Täufer schütze den Islam“ wurde „Der heilige Johannes der Täufer schütze dieses Land“. Die Änderung erfolgte offenbar zwischen Oktober 2025 und April 2026 – kommentarlos, ohne Erratum und ohne dokumentierte Erläuterung.
Der fragliche Ausspruch stammt vom 21. März 2000. Während seiner Pilgerreise ins Heilige Land besuchte Johannes Paul II. die Taufstätte Christi am Jordan auf jordanischer Seite. Nach dem offiziellen Programm sprach der Papst einige improvisierte Abschiedsworte auf englisch. Die damals vom Vatikan veröffentlichte Transkription lautete: „May Saint John Baptist protect Islam and all the people of Jordan.“
Gerade diese Formulierung wurde in den vergangenen Jahrzehnten unzählige Male als Beleg für die umstrittene Ausrichtung des interreligiösen Dialogs unter Johannes Paul II. angeführt. Eine Aussage, die zusammen mit anderen Gesten, insbesondere dem Treffen von Assisi im Jahr 1986, sich zu einem zweifelhaften Gesamtbild zusammenfügen läßt. Befürworter interpretierten sie als Ausdruck besonderer Wertschätzung gegenüber dem Islam, Kritiker sahen darin einen theologischen Grenzüberschreitung, da Johannes der Täufer als Wegbereiter Christi nicht zum Schutz einer Religion angerufen werden könne, welche erst 600 Jahre später entstanden ist und vor allem die Gottheit Jesu Christi zurückweist.

Wie inzwischen bekannt wurde, lautet der Text auf der Internetseite des Heiligen Stuhls Vatican.va heute anders. Dort heißt es nun: „May Saint John Baptist protect this land and all the people of Jordan.“ Recherchen anhand archivierter Internetversionen belegen, wie InfoVaticana berichtet, daß die Änderung erst vor wenigen Monaten vorgenommen wurde.
Nach Auswertung der Originalaufzeichnung der damaligen Live-Übertragung spricht vieles dafür, daß Johannes Paul II. tatsächlich „this land“ („dieses Land“) und nicht „Islam“ gesagt hat. Sein charakteristischer Akzent scheint bereits damals zu einer Fehltranskription geführt haben. Das Problem improvisierter Stellungnahmen. Auch der Zusammenhang der Ansprache spricht eindeutig für diese Lesart, da der Papst zuvor Jordanien und seine Bevölkerung gesegnet hatte.
Damit rückt jedoch eine andere Frage in den Mittelpunkt: Wie konnte eine derart folgenschwere Fehltranskription über 25 Jahre hinweg Bestandteil der offiziellen vatikanischen Dokumentation bleiben?
Denn der Fehler beschränkte sich keineswegs auf eine einzelne Internetseite. Bereits am Tag nach der Zeremonie übernahm das vatikanische Presseamt dieselbe Formulierung in seinem offiziellen Tagesbulletin und bestätigte sie zudem durch die italienische Übersetzung. Auch der Osservatore Romano veröffentlichte den Satz in seiner englischsprachigen Wochenausgabe und druckte ihn später in einem Sammelband über die Papstreise erneut ab. Über Jahrzehnte hinweg wurde die problematische Formulierung somit von mehreren offiziellen Stellen des Vatikans verbreitet. Offizieller geht es nicht mehr.
Gerade deshalb wiegt die nun erfolgte Korrektur schwer. Historische Dokumente amtlicher Archive werden üblicherweise nicht stillschweigend verändert. Änderungen werden kenntlich gemacht, datiert und begründet. Im vorliegenden Fall geschah jedoch das Gegenteil: Die Passage wurde ersetzt, ohne daß der Eingriff dokumentiert oder öffentlich erläutert wurde. Erst Internetarchive ermöglichen heute den Nachweis, daß der Wortlaut verändert worden ist.
Zusätzliche Aufmerksamkeit erregt der Zeitpunkt der Korrektur. Sie fällt in jene Monate, in denen zwischen Rom und der Priesterbruderschaft St. Pius X. erneut Gespräche über die seit Jahrzehnten strittigen Fragen des Zweiten Vatikanischen Konzils, der Religionsfreiheit und des interreligiösen Dialogs im Raum standen und auch Begegnungen stattfanden. Das umstrittene Jordan-Zitat gehört seit langem zum Argumentationsbestand traditioneller Kritiker des Pontifikats von Johannes Paul II.
Nach vorliegenden Informationen war die betreffende Textstelle zwar nicht Gegenstand der offiziellen Gespräche. Dennoch bleibt die zeitliche Überschneidung bemerkenswert. Ausgerechnet in einer Phase intensiver Auseinandersetzungen über das Erbe Johannes Pauls II. verschwand eines der meistzitierten Beispiele stillschweigend aus dem offiziellen Archiv.
Unabhängig davon, ob die ursprüngliche Transkription tatsächlich auf einem Hörfehler beruhte, wirft der Vorgang grundlegende Fragen auf. Einerseits konnte ein fehlerhafter Satz über Jahrzehnte hinweg den Charakter eines offiziellen päpstlichen Wortlauts erhalten und die kirchliche Debatte nachhaltig beeinflussen. Andererseits wurde derselbe Fehler schließlich korrigiert, ohne den Eingriff transparent zu dokumentieren.
Wer veranlaßte die Änderung nach so langer Zeit? Aus welchen Beweggründen? Haben sich die zuständigen vatikanischen Stellen davon überzeugt, daß Johannes Paul II. die umstrittene Aussage nicht tätigte? Die gegenteilige Variante wäre noch schwerwiegender. Warum wird die Korrektur nicht kommuniziert? Sie betrifft einen zentralen und höchst umstrittenen Punkt nachkonziliarer Kirchenpolitik.
Der Vorfall ruft die unter Franziskus zahlreich gewordenen spontanen Äußerungen in Erinnerung, besonders jene gegenüber dem Doyen des linken italienischen Journalismus und Freimaurers Eugenio Scalfari. Damals wurde der Vatikan zeitnahe zu einer Stellungnahme aufgefordert, um die von Scalfari behaupteten Aussagen zu bestätigen oder zu dementieren. In den meisten Fällen geschah nichts dergleichen. Der sicherste Weg, um Verwirrung zu stiften.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons
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