Vatikan korrigiert nach 26 Jahren umstrittenes Zitat von Johannes Paul II. – das der Papst wohl nie gesagt hat

Stillschweigende Korrektur nach 26 Jahren

Die Stelle am Jordan, so Jesus von Johannes getauft wurde. Hier machte Johannes Paul II. improvisiert eine umstrittene Ausage, oder auch nicht
Die Stelle am Jordan, so Jesus von Johannes getauft wurde. Hier machte Johannes Paul II. improvisiert eine umstrittene Ausage, oder auch nicht

Mehr als ein Vier­tel­jahr­hun­dert lang galt ein Satz der Jor­da­ni­en­rei­se von Papst Johan­nes Paul II. als Sinn­bild jener nach­kon­zi­lia­ren inter­re­li­giö­sen Gesten, die bis heu­te kon­tro­vers dis­ku­tiert wer­den. Nun wur­de die betref­fen­de Pas­sa­ge auf der offi­zi­el­len Inter­net­sei­te des Vati­kans ohne jeden Hin­weis geän­dert. Aus „Der hei­li­ge Johan­nes der Täu­fer schüt­ze den Islam“ wur­de „Der hei­li­ge Johan­nes der Täu­fer schüt­ze die­ses Land“. Die Ände­rung erfolg­te offen­bar zwi­schen Okto­ber 2025 und April 2026 – kom­men­tar­los, ohne Erra­tum und ohne doku­men­tier­te Erläuterung.

Der frag­li­che Aus­spruch stammt vom 21. März 2000. Wäh­rend sei­ner Pil­ger­rei­se ins Hei­li­ge Land besuch­te Johan­nes Paul II. die Tauf­stät­te Chri­sti am Jor­dan auf jor­da­ni­scher Sei­te. Nach dem offi­zi­el­len Pro­gramm sprach der Papst eini­ge impro­vi­sier­te Abschieds­wor­te auf eng­lisch. Die damals vom Vati­kan ver­öf­fent­lich­te Tran­skrip­ti­on lau­te­te: „May Saint John Bap­tist pro­tect Islam and all the peo­p­le of Jor­dan.“

Gera­de die­se For­mu­lie­rung wur­de in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten unzäh­li­ge Male als Beleg für die umstrit­te­ne Aus­rich­tung des inter­re­li­giö­sen Dia­logs unter Johan­nes Paul II. ange­führt. Eine Aus­sa­ge, die zusam­men mit ande­ren Gesten, ins­be­son­de­re dem Tref­fen von Assi­si im Jahr 1986, sich zu einem zwei­fel­haf­ten Gesamt­bild zusam­men­fü­gen läßt. Befür­wor­ter inter­pre­tier­ten sie als Aus­druck beson­de­rer Wert­schät­zung gegen­über dem Islam, Kri­ti­ker sahen dar­in einen theo­lo­gi­schen Grenz­über­schrei­tung, da Johan­nes der Täu­fer als Weg­be­rei­ter Chri­sti nicht zum Schutz einer Reli­gi­on ange­ru­fen wer­den kön­ne, wel­che erst 600 Jah­re spä­ter ent­stan­den ist und vor allem die Gott­heit Jesu Chri­sti zurückweist.

Sag­te das schwer gezeich­ne­te Kir­chen­ober­haupt „this Land“ oder „Islam“?

Wie inzwi­schen bekannt wur­de, lau­tet der Text auf der Inter­net­sei­te des Hei­li­gen Stuhls Vati​can​.va heu­te anders. Dort heißt es nun: „May Saint John Bap­tist pro­tect this land and all the peo­p­le of Jor­dan.“ Recher­chen anhand archi­vier­ter Inter­net­ver­sio­nen bele­gen, wie Info­Va­ti­ca­na berich­tet, daß die Ände­rung erst vor weni­gen Mona­ten vor­ge­nom­men wurde.

Nach Aus­wer­tung der Ori­gi­nal­auf­zeich­nung der dama­li­gen Live-Über­tra­gung spricht vie­les dafür, daß Johan­nes Paul II. tat­säch­lich „this land“ („die­ses Land“) und nicht „Islam“ gesagt hat. Sein cha­rak­te­ri­sti­scher Akzent scheint bereits damals zu einer Fehl­tran­skrip­ti­on geführt haben. Das Pro­blem impro­vi­sier­ter Stel­lung­nah­men. Auch der Zusam­men­hang der Anspra­che spricht ein­deu­tig für die­se Les­art, da der Papst zuvor Jor­da­ni­en und sei­ne Bevöl­ke­rung geseg­net hatte.

Damit rückt jedoch eine ande­re Fra­ge in den Mit­tel­punkt: Wie konn­te eine der­art fol­gen­schwe­re Fehl­tran­skrip­ti­on über 25 Jah­re hin­weg Bestand­teil der offi­zi­el­len vati­ka­ni­schen Doku­men­ta­ti­on bleiben?

Denn der Feh­ler beschränk­te sich kei­nes­wegs auf eine ein­zel­ne Inter­net­sei­te. Bereits am Tag nach der Zere­mo­nie über­nahm das vati­ka­ni­sche Pres­se­amt die­sel­be For­mu­lie­rung in sei­nem offi­zi­el­len Tages­bul­le­tin und bestä­tig­te sie zudem durch die ita­lie­ni­sche Über­set­zung. Auch der Osser­va­to­re Roma­no ver­öf­fent­lich­te den Satz in sei­ner eng­lisch­spra­chi­gen Wochen­aus­ga­be und druck­te ihn spä­ter in einem Sam­mel­band über die Papst­rei­se erneut ab. Über Jahr­zehn­te hin­weg wur­de die pro­ble­ma­ti­sche For­mu­lie­rung somit von meh­re­ren offi­zi­el­len Stel­len des Vati­kans ver­brei­tet. Offi­zi­el­ler geht es nicht mehr.

Gera­de des­halb wiegt die nun erfolg­te Kor­rek­tur schwer. Histo­ri­sche Doku­men­te amt­li­cher Archi­ve wer­den übli­cher­wei­se nicht still­schwei­gend ver­än­dert. Ände­run­gen wer­den kennt­lich gemacht, datiert und begrün­det. Im vor­lie­gen­den Fall geschah jedoch das Gegen­teil: Die Pas­sa­ge wur­de ersetzt, ohne daß der Ein­griff doku­men­tiert oder öffent­lich erläu­tert wur­de. Erst Inter­net­ar­chi­ve ermög­li­chen heu­te den Nach­weis, daß der Wort­laut ver­än­dert wor­den ist.

Zusätz­li­che Auf­merk­sam­keit erregt der Zeit­punkt der Kor­rek­tur. Sie fällt in jene Mona­te, in denen zwi­schen Rom und der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. erneut Gesprä­che über die seit Jahr­zehn­ten strit­ti­gen Fra­gen des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils, der Reli­gi­ons­frei­heit und des inter­re­li­giö­sen Dia­logs im Raum stan­den und auch Begeg­nun­gen statt­fan­den. Das umstrit­te­ne Jor­dan-Zitat gehört seit lan­gem zum Argu­men­ta­ti­ons­be­stand tra­di­tio­nel­ler Kri­ti­ker des Pon­ti­fi­kats von Johan­nes Paul II.

Nach vor­lie­gen­den Infor­ma­tio­nen war die betref­fen­de Text­stel­le zwar nicht Gegen­stand der offi­zi­el­len Gesprä­che. Den­noch bleibt die zeit­li­che Über­schnei­dung bemer­kens­wert. Aus­ge­rech­net in einer Pha­se inten­si­ver Aus­ein­an­der­set­zun­gen über das Erbe Johan­nes Pauls II. ver­schwand eines der meist­zi­tier­ten Bei­spie­le still­schwei­gend aus dem offi­zi­el­len Archiv.

Unab­hän­gig davon, ob die ursprüng­li­che Tran­skrip­ti­on tat­säch­lich auf einem Hör­feh­ler beruh­te, wirft der Vor­gang grund­le­gen­de Fra­gen auf. Einer­seits konn­te ein feh­ler­haf­ter Satz über Jahr­zehn­te hin­weg den Cha­rak­ter eines offi­zi­el­len päpst­li­chen Wort­lauts erhal­ten und die kirch­li­che Debat­te nach­hal­tig beein­flus­sen. Ande­rer­seits wur­de der­sel­be Feh­ler schließ­lich kor­ri­giert, ohne den Ein­griff trans­pa­rent zu dokumentieren.

Wer ver­an­laß­te die Ände­rung nach so lan­ger Zeit? Aus wel­chen Beweg­grün­den? Haben sich die zustän­di­gen vati­ka­ni­schen Stel­len davon über­zeugt, daß Johan­nes Paul II. die umstrit­te­ne Aus­sa­ge nicht tätig­te? Die gegen­tei­li­ge Vari­an­te wäre noch schwer­wie­gen­der. War­um wird die Kor­rek­tur nicht kom­mu­ni­ziert? Sie betrifft einen zen­tra­len und höchst umstrit­te­nen Punkt nach­kon­zi­lia­rer Kirchenpolitik.

Der Vor­fall ruft die unter Fran­zis­kus zahl­reich gewor­de­nen spon­ta­nen Äuße­run­gen in Erin­ne­rung, beson­ders jene gegen­über dem Doy­en des lin­ken ita­lie­ni­schen Jour­na­lis­mus und Frei­mau­rers Euge­nio Scal­fa­ri. Damals wur­de der Vati­kan zeit­na­he zu einer Stel­lung­nah­me auf­ge­for­dert, um die von Scal­fa­ri behaup­te­ten Aus­sa­gen zu bestä­ti­gen oder zu demen­tie­ren. In den mei­sten Fäl­len geschah nichts der­glei­chen. Der sicher­ste Weg, um Ver­wir­rung zu stiften.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons

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