„Siamo tutti lefebvriani“ – Eine Mauerinschrift, die Rom mehr sagt als tausend Protestnoten


Wandinschrift bringt symbolträchtigen Unmut zum Ausdruck
Wandinschrift bringt symbolträchtigen Unmut zum Ausdruck

Rom hat eine lan­ge Tra­di­ti­on poli­ti­scher und kirch­li­cher Sym­bol­spra­che. Wer in der Ewi­gen Stadt eine Bot­schaft hin­ter­las­sen will, greift schon seit alters nicht sel­ten zur Mau­er oder zum Pla­kat. Seit Jahr­hun­der­ten sind die „Pas­qui­na­ten“ – anony­me, poin­tier­te und oft bis­si­ge Kom­men­ta­re zum Zeit­ge­sche­hen – Teil der römi­schen Stadt­kul­tur. Ent­stan­den sind sie, als Rom noch ein päpst­li­cher Kir­chen­staat war, und sie betra­fen nicht nur die welt­li­che Herr­schaft der Kir­che. Wäh­rend des Pon­ti­fi­kats von Fran­zis­kus erleb­ten die­se For­men der Kri­tik eine Wie­der­be­le­bung. Eine jüng­ste Epi­so­de ereig­ne­te sich nun auch unter Leo XIV.

Nach dem Exkom­mu­ni­ka­ti­ons­de­kret gegen die an den uner­laub­ten Bischofs­wei­hen der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. betei­lig­ten Bischö­fe und der damit erfolg­ten Rück­kehr des Hei­li­gen Stuhls zu jenem kir­chen­recht­li­chen Zustand, den er bereits nach den Wei­hen von 1988 dekre­tiert hat­te, tauch­te in Rom eine Mau­er­in­schrift auf.

„Siamo tutti lefebvriani“ – „Wir sind alle Lefebvrianer“

Mit weni­gen Wor­ten brach­te ein unbe­kann­ter Ver­fas­ser zum Aus­druck, was vie­le lan­ge Erklä­run­gen, Appel­le oder Brand­brie­fe kaum ver­mö­gen. Die Paro­le erin­nert an den welt­wei­ten Slo­gan „Je suis Char­lie“, der nach dem isla­mi­sti­schen Atten­tat auf die links­ra­di­ka­le fran­zö­si­sche Sati­re­zeit­schrift Char­lie Heb­do zum Aus­druck demon­stra­ti­ver Soli­da­ri­tät wur­de. Auch hier geht es weni­ger um eine voll­stän­di­ge Iden­ti­fi­ka­ti­on mit jeder Posi­ti­on der Betrof­fe­nen als um die öffent­li­che Zurück­wei­sung einer als unver­hält­nis­mä­ßig emp­fun­de­nen Maßnahme.

Die Bot­schaft rich­tet sich daher nicht in erster Linie an die Pius­bru­der­schaft, son­dern an Rom. Sie besagt: Wer heu­te die Pius­bru­der­schaft wegen ihrer Treue zur über­lie­fer­ten Lit­ur­gie und ihrer Kri­tik an den Fehl­ent­wick­lun­gen der Nach­kon­zils­zeit aus­grenzt, grenzt einen weit grö­ße­ren Teil der gläu­bi­gen Katho­li­ken aus, als man im Vati­kan viel­leicht wahr­ha­ben möch­te – poin­tiert for­mu­liert, wie es in eini­gen ita­lie­ni­schen Kom­men­ta­ren zur Wand­schrift heißt, schlie­ße die heu­ti­ge Kir­chen­füh­rung mit der Aus­gren­zung der Pius­bru­der­schaft zugleich einen Teil der eige­nen kirch­li­chen Iden­ti­tät aus.

Die neue Mau­er­in­schrift steht in einer inzwi­schen beacht­li­chen Rei­he jün­ge­rer römi­scher Protestaktionen.

Wäh­rend des Pon­ti­fi­kats von Papst Fran­zis­kus erschie­nen wie­der­holt anonym ange­brach­te Groß­pla­ka­te, auf denen päpst­li­che Ent­schei­dun­gen in zuge­spitz­ter Form kri­ti­siert wur­den. Beson­de­res Auf­se­hen erreg­te 2017 ein Pla­kat, das den Papst mit grim­mi­ger Mie­ne zeig­te und frag­te, war­um er recht­gläu­bi­ge Orden, Prie­ster, Kar­di­nä­le und Gläu­bi­ge so hart behand­le. Spä­ter folg­ten wei­te­re Pla­kat- und Auf­kle­ber­ak­tio­nen sowie die berühm­ten nächt­li­chen Pas­qui­na­ten, die aktu­el­le kir­chen­po­li­ti­sche Ent­wick­lun­gen sati­risch kommentierten.

Wört­lich stand damals rund um den Vati­kan plakatiert:

„Fran­zis­kus, Du hast Orden unter kom­mis­sa­ri­sche Ver­wal­tung gestellt, Prie­ster ent­fernt, den Mal­te­ser­or­den und die Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta geköpft, Kar­di­nä­le miß­ach­tet … aber wo ist denn Dei­ne Barmherzigkeit?“

Sie­he auch eine damals erschie­ne­ne Sati­re­aus­ga­be mit dem Titel­kopf des Osser­va­to­re Roma­no.

Bemer­kens­wert war dabei auch, daß es den Behör­den trotz inten­si­ver Bemü­hun­gen nicht gelang, die Urhe­ber zu ermit­teln. Nach dama­li­gen Berich­ten wur­den ita­lie­ni­sche staat­li­che Poli­zei­kräf­te mit den Ermitt­lun­gen beauf­tragt – ohne Erfolg. Die anony­men Kri­ti­ker blie­ben eben­so unsicht­bar, wie ihre Bot­schaf­ten unüber­seh­bar waren.

Die neue Mau­er­in­schrift knüpft offen­sicht­lich an die­se Tra­di­ti­on an. Sie ver­zich­tet auf jede län­ge­re Argu­men­ta­ti­on und setzt statt­des­sen auf die Kraft eines ein­zi­gen Satzes.

Ob dadurch kir­chen­recht­li­che Ent­schei­dun­gen unmit­tel­bar beein­flußt wer­den, ist natür­lich frag­lich. Die Reak­ti­on zeigt jedoch, daß die Exkom­mu­ni­ka­tio­nen kei­nes­wegs über­all jene Zustim­mung fin­den, die man sich in kir­chen­amt­li­chen Krei­sen mög­li­cher­wei­se erhofft hat­te. Viel­mehr ent­steht der Ein­druck, daß sich der Kon­flikt über die Gren­zen der Pius­bru­der­schaft hin­aus aus­ge­wei­tet hat. Vie­le tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne Katho­li­ken schei­nen Maß­nah­men gegen die Pius­bru­der­schaft, auch wenn sie mit ihr in kei­ner Ver­bin­dung ste­hen, zugleich als Signal gegen die gesam­te über­lie­fer­te Bewe­gung inner­halb der Kir­che zu sehen. Die Ent­wick­lung der ver­gan­ge­nen Jah­re scheint die­se Ein­schät­zung unter der Last des berg­o­glia­ni­schen Erbes, das Leo XIV. nicht besei­tigt hat, zu bestätigen.

Die Paro­le „Sia­mo tut­ti lefeb­vria­ni“ könn­te daher uner­war­tet und noch län­ger nach­wir­ken. Sie ist eine sym­bo­li­sche Ver­dich­tung eines Unbe­ha­gens, das in wei­ten Tei­len der tra­di­tio­nel­len katho­li­schen Welt vor­han­den ist.

Manch­mal ver­mag ein Satz auf einer römi­schen Mau­er mehr aus­zu­sa­gen als ein gan­zer Sta­pel Memo­ran­den. Die Geschich­te der Pas­qui­na­ten lehrt, daß sol­che Bot­schaf­ten sel­ten fol­gen­los blei­ben. Sie erin­nern dar­an, daß es in Rom neben den offi­zi­el­len Ver­laut­ba­run­gen immer auch die Stim­me der Stra­ße gab – anonym, unbe­quem und bis­wei­len erstaun­lich treffsicher.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: X (Screen­shot)

7 Kommentare

  1. Dan­ke für die Bericht­erstat­tung und Kommentierung!

    „Die Reak­ti­on zeigt jedoch, daß die Exkom­mu­ni­ka­tio­nen kei­nes­wegs über­all jene Zustim­mung fin­den, die man sich in kir­chen­amt­li­chen Krei­sen mög­li­cher­wei­se erhofft hat­te. Viel­mehr ent­steht der Ein­druck, daß sich der Kon­flikt über die Gren­zen der Pius­bru­der­schaft hin­aus aus­ge­wei­tet hat.“

    Die römi­sche Bru­ta­li­tät hat auch außer­halb der katho­li­schen Welt Wel­len geschlagen.
    Ein erstaun­lich guter Kom­men­tar wur­de auf der Sei­te des welt­li­chen Medi­ums The Spec­ta­tor (Lon­don) veröffentlicht:
    https://spectator.com/article/the-brutal-excommunication-of-the-society-of-saint-pius‑x/

    Eine sol­che Beur­tei­lung der Lage wür­de man sich von Kir­chen­leu­ten wünschen. -

    „Manch­mal ver­mag ein Satz auf einer römi­schen Mau­er mehr aus­zu­sa­gen als ein gan­zer Sta­pel Memo­ran­den. Die Geschich­te der Pas­qui­na­ten lehrt, daß sol­che Bot­schaf­ten sel­ten fol­gen­los bleiben.“
    Das hof­fen wir auch.

    Übri­gens war die gest­ri­ge hl. Mes­se bei SSPX in der Wie­ner Mino­ri­ten­kir­che („San­ta Mes­sa“ mit ita­lie­ni­schen Lesun­gen und ita­lie­ni­scher und deut­scher Pre­digt) sehr gut besucht. Der Alters­durch­schnitt ist nied­rig und zeigt uns, wo die Zukunft liegt.
    Man läßt sich also nicht abschrecken.

    Der Disk­triks­obe­re für Öster­reich und die ande­ren Län­der der ehe­ma­li­gen Mon­ar­chie, P. Dr. Johan­nes Rege­le, ver­faß­te eine sehr gute und wahr­haft pasto­ra­le Stel­lung­nah­me, das könn­te von den Pasto­ral­theo­lo­gen, Pastoralexpert/​inn/​en und Pasto­ren nach­ge­ahmt werden:
    https://​fsspx​.at/​d​e​/​n​e​w​s​/​b​l​e​i​b​e​n​-​w​i​r​-​s​t​a​n​d​h​a​f​t​-​b​l​e​i​b​e​n​-​w​i​r​-​i​m​-​g​e​b​e​t​-​u​n​d​-​v​e​r​t​r​a​u​e​n​-​w​i​r​-​d​a​r​a​u​f​-​d​a​s​s​-​w​a​h​r​h​e​i​t​-​s​t​a​n​d​h​a​elt

  2. Du kannst nicht stop­pen, was der Herr mit­tels derer bewirkt, die er dazu aus­er­wählt hat. „Wir sind alle Lefe­brvia­ner“ ist ein Aus­druck sol­chen Wirkens.

  3. Ja, das ist Demo­kra­tie… Die Römer las­sen sich nicht den Mund ver­bie­ten, unab­hän­gig davon, zu wel­cher poli­ti­schen o. kirch­li­chen Rich­tung sie gehö­ren… Viva ROMA! E la voce del popolo!
    Wäh­rend der Corona-„Epidemie“ gab es sol­che Pas­qui­na­ten auch mas­sen­wei­se gegen die Impf­wut der Draghi-Poli­tik und des Vati­kan…! Im Zen­trum der Zet­tel, die an der Figur des Pas­qui­no, Nähe Piaz­za Navo­na, ange­hef­tet wur­den, stan­den Spott u. Kri­tik am ver­ord­ne­ten „Green Paas“, am „auto­ri­tä­ren Draghi“ u. der „Mario­net­te Draghi“: „Draghi, Draghi pri­ma e poi che lo paghi“, am Fern­seh­auf­tritt der „Viro­lo­gen“ – ver­spot­tet als „TV-Ora­kel“ – oder am vati­ka­ni­schen Impf­zwang, wo nach der Barm­her­zig­keit „Papa Fran­ces­cos“ im Ver­gleich zu Sankt Fran­zis­kus von Assi­si gefragt wur­de: „San Fran­ces­co ama­va i lepro­si! E Papa Fran­ces­co? Ama i non-vac­ci­na­ti?“ Die Zet­tel wur­den jedoch am frü­hen Mor­gen fast immer schnell entfernt…!!!

    • Es gibt ja den Psalm: Immer, wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgend­wo ein Licht­lein her. 

      In Momen­ten der Schwä­che oder des Zwei­fels ste­hen wir uner­war­tet vor einem Zeug­nis der Wahr­heit und wer­den wie­der aufgerichtet.

  4. Wem dient der Papst?
    Wen emp­fängt er, wem gewährt er kei­ne Audienz?

    Wem dient der Papst, wenn er in Lam­pe­du­sa gren­zen­lo­ser Migra­ti­on das Wort redet ?

    https://​www​.life​si​tenews​.com/​n​e​w​s​/​p​o​p​e​-​l​e​o​-​w​e​l​c​o​m​e​s​-​m​i​g​r​a​n​t​s​-​t​o​-​e​u​r​o​p​e​-​w​h​i​l​e​-​v​a​t​i​c​a​n​-​k​e​e​p​s​-​f​o​r​t​r​e​s​s​-​l​i​k​e​-​b​o​r​d​e​rs/? Link zu her­vor­ra­gen­dem State­ment von Eva Vla­ar­din­ger­br­oek und Video, wie Papst neu ange­kom­me­nen afri­ka­ni­sche Migran­ten per­sön­lich begrüßt.

    „Isla­mi­sie­rung, Gebur­ten­kri­se, Migra­ti­on: Kar­di­nal Mül­ler spricht Klartext“
    https://​www​.you​tube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​_​2​8​d​V​-​z​A​Xrw aktu­el­les Inter­view Kontrapunkt

  5. Die schön­ste Wand der Welt.

    Sia­mo tut­ti Lefebvriani

    Wir sind alle in Chri­sto getauft.
    In der wah­ren, ewi­gen Leh­re, die uns über ca. 1900 Jah­re als Offen­ba­rung gege­ben wur­de. Von der Hei­li­gen Kir­che. Zu unse­rem Heil. – Wir sind nicht in Irr­leh­ren getauft. Das wür­de Gott nie­mals tun.
    In die­sem Sin­ne sind wir alle Lefebvrianer.

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