Von Hortator*
Einführung
Zur Lage der Kirche ließe sich vieles sagen. Die Krise des Katholizismus im europäischen Kernraum ist inzwischen so offensichtlich, dass sie nicht ernsthaft bestritten werden kann. Sie beschränkt sich nicht auf den zahlenmäßigen Rückgang kirchlichen Lebens, sondern betrifft die innere Vitalität, die Orientierung und das Selbstverständnis der Kirche. Von Europa aus prägt diese Entwicklung auch die Weltkirche.
Auffällig ist dabei eine eigentümliche Asymmetrie der kirchlichen Selbstwahrnehmung. Obwohl das Zweite Vatikanische Konzil, die nachkonziliaren Reformen, die sexuelle Revolution und die gesellschaftlichen Umbrüche seit den 68er Studentenprotesten zeitlich nahezu zusammenfallen, wird die Frage nach möglichen Wechselwirkungen bis heute weitgehend tabuisiert. Bereits die Vermutung, die pastorale Neuausrichtung der Kirche könnte zumindest teilweise mit der nachfolgenden Krise in Zusammenhang stehen, genügt häufig, um den Verdacht eines inakzeptablen Tabubruchs auf sich zu ziehen. Gerade das aber ist aus wissenschaftlicher Sicht bemerkenswert. Wo Ursache und Wirkung nicht einmal mehr als Hypothese diskutiert werden dürfen, beginnt ein Bereich, der eher von Besitzstandsicherung einer bestimmten Ausrichtung als von Erkenntnisinteresse bestimmt wird.
Dabei verstand sich das Zweite Vatikanische Konzil ausdrücklich nicht als dogmatisches Konzil. Es definierte keine neuen Glaubenssätze, solche standen a priori gar nicht zur Debatte, sondern wollte pastorale Antworten auf die Herausforderungen der Moderne geben. Seine Beschlüsse wurden ausdrücklich unter den Vorbehalt ihrer pastoralen Zielsetzung gestellt. Das Konzil verstand sich als Aufbruch, als aggiornamento, als Öffnung zur Welt und als Beginn eines „neuen Frühlings“ der Kirche.
Gerade deshalb wirkt es bemerkenswert, dass heute kein anderer Abschnitt der Kirchengeschichte einer vergleichbaren Immunisierung gegen Kritik unterliegt. Was ursprünglich als pastoraler Weg gedacht war, jedenfalls als solcher behauptet wurde, erscheint faktisch als überpositives Prinzip kirchlicher Identität. Das Konzil wird nicht lediglich rezipiert, sondern fungiert vielfach als hermeneutischer Schlüssel, durch den alle vorhergehenden Epochen der Kirchengeschichte neu gelesen werden müssen. Nicht wenige sprechen deshalb von einem „Superdogma“ – ein Begriff, der polemisch wirken mag, dessen analytischer Kern jedoch auf ein reales Phänomen verweist: Ein pastorales Ereignis erhält praktisch eine Verbindlichkeit, die ursprünglich gerade nicht beansprucht wurde. Doch selbst dieser Widerspruch darf nicht diskutiert werden.
Auf welche Offenbarung kann sich jedoch dieses Lumen eines Richtungswechsels nach einer fast zweitausendjährigen Geschichte berufen?
Diese Entwicklung zeigt sich auch in der kirchenrechtlichen Praxis. Wer heute ausschließlich an der überlieferten Liturgie und Theologie festhalten möchte, für den genügt das Große Glaubensbekenntnis als Beweis der Kirchlichkeit allein nicht mehr. Auch die Treuebekundung der Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri reicht nicht mehr aus. Hinzutreten muss die ausdrückliche Anerkennung der Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils sowie des nachkonziliaren Lehramtes, obwohl laut Eigenanspruch dadurch nichts am Depositum fidei geändert wurde. Symbolisch gesprochen lautet das kirchliche Bekenntnis damit nicht mehr lediglich: Credo et cum Petro, sondern: Credo et cum Petro – plus aliquid.
Und diese aliquid hat es offensichtlich in sich.
Strukturell erinnert dies – freilich auf einer völlig anderen Ebene – an ein Phänomen, das sich seit einigen Jahren beobachten lässt, wenn Kirchengebäude oder diözesane Einrichtungen im deutschsprachigen Bereich im Juni die Regenbogenfahne hissen. Auch hier entsteht der Eindruck eines zusätzlichen öffentlichen Bekenntnisses. Das eigentliche kirchliche Bekenntnis scheint allein nicht mehr auszureichen; hinzu tritt ein weiteres Symbol, dessen Funktion weniger theologischer als identitätsstiftender säkularer Natur ist. Entscheidend ist die Gemeinsamkeit in der Struktur: Das Bekenntnis erhält ein „Plus“. Für einen Teil der Kirche in Deutschland, Österreich und der Schweiz reicht das Credo nicht: Es bedarf zusätzlich eines ideologischen Bekenntnisses zur Homo-Agenda.
Ebenso auffällig ist eine Verschiebung innerkirchlicher Konfliktlinien. Während die Kirche über Jahrhunderte ihre wesentlichen Auseinandersetzungen gegenüber äußeren Gegnern führte, scheint sich der Schwerpunkt heute nach innen verlagert zu haben. Der bevorzugte Antagonist ist vielerorts nicht mehr der Säkularismus, sondern der Traditionalismus. Nicht mehr die Gefahr der Verweltlichung, sondern der Kampf gegen jene, die sich der Verweltlichung widersetzen. Der säkulare „Kampf gegen rechts“ wird auch analog auch kirchlich geführt in der Variante „Kampf gegen Rechtgläubigkeit“. Das plus aliquid ist der Beleg.
Analyse
Vor diesem Hintergrund soll im Folgenden kein theologischer, sondern ein organisationspsychologischer Blick auf das Verhältnis dreier kirchlicher Akteure geworfen werden, die derzeit im Fokus stehen. Zur besseren analytischen Distanz werden sie zunächst anonymisiert:
A bezeichnet die kirchliche Hierarchie,
B die Priesterbruderschaft St. Pius X. und
C die Ecclesia-Dei-Gemeinschaften.
Gerade die Anonymisierung soll nach Möglichkeit helfen, vertraute Frontstellungen auszublenden und stattdessen jene Mechanismen von Loyalität, Macht, Identität und gruppendynamischer Selbstbehauptung sichtbar zu machen, die sich möglicherweise auch weit über den kirchlichen Kontext hinaus beobachten lassen.
Betrachtet man das beschriebene Szenario ausschließlich aus organisations- und sozialpsychologischer Perspektive, erscheint die Gruppe C als die wohl interessanteste Figur innerhalb des gesamten Konflikts. Während A über die institutionelle Macht verfügt und B
– wenn auch ungewollt – die Position eines konsequenten Außenseiters einnimmt, bewegt sich C in einem Spannungsfeld, das von widersprüchlichen Loyalitäten, dauerhafter Anpassung und einem hohen psychischen Rechtfertigungsdruck geprägt ist.
Die Ausgangslage ist ungewöhnlich. C versteht sich inhaltlich als Träger derselben Tradition wie B. Beide Gruppen vertreten dieselben Grundüberzeugungen, verfolgen dieselben langfristigen Ziele und sehen sich als Bewahrer der ursprünglichen Identität von A. Dennoch unterscheiden sie sich in einer entscheidenden Frage: C hat sich entschieden, wieder Teil der Institution zu werden, was der natürliche Wunsch ist, während B den Preis der institutionellen Ausgrenzung in Kauf genommen hat.
Genau hierin liegt die eigentliche psychologische Spannung.
C lebt mit einer doppelten Identität. Einerseits identifiziert sich die Gruppe mit einer historischen Kontinuität, die sie als eigentliche Tradition der Institution versteht. Andererseits ist ihre Existenz innerhalb von A vollständig von jener gegenwärtigen Führung abhängig, deren grundlegende Entscheidungen sie innerlich nicht teilt und auch gar nicht teilen kann – wobei bis 2013 ein gewisser Vereinbarkeitsschein gewahrt werden konnte. Die beiden Loyalitäten – zur überlieferten Identität einerseits und zur gegenwärtigen Autorität andererseits – stehen dauerhaft nebeneinander, ohne sich wirklich miteinander versöhnen zu lassen.
Eine solche Konstellation beschreibt die Psychologie als einen klassischen Identitätskonflikt. Die Gruppe muss ständig zwischen zwei Bezugspunkten vermitteln. Nach innen möchte sie ihre traditionelle Identität bewahren, nach außen muss sie Loyalität gegenüber einer Führung zeigen, deren Reformen sie letztlich nicht als Ausdruck der kirchlichen Tradition ansieht. Dadurch entsteht eine dauerhafte Rollenspaltung. C muss gleichzeitig Bewahrerin einer überlieferten Identität und loyales Mitglied einer veränderten Institution sein.
Mit dieser Rollenspaltung geht zwangsläufig eine Form kognitiver Dissonanz einher. Die Gruppe hält mehrere Überzeugungen gleichzeitig aufrecht, die sich gegenseitig widersprechen: Die Tradition wird als richtig angesehen, die späteren Neuerungen als problematisch oder sogar schädlich bewertet, gleichzeitig wird aber die Autorität jener anerkannt, die diese Neuerungen eingeführt haben und auf ihnen beharren. Da dieser Widerspruch nicht aufgelöst werden kann, entstehen typische Strategien der Dissonanzbewältigung. Konflikte werden sprachlich abgeschwächt, kontroverse Themen vermieden oder auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Kritik erfolgt vorsichtig, indirekt oder gar nicht. Die Spannung verschwindet dadurch nicht, sondern wird lediglich organisatorisch beherrschbar gemacht.
Hinzu kommt ein weiterer psychologischer Faktor: die Bedeutung institutioneller Zugehörigkeit. Für C besitzt die Anerkennung durch A einen außerordentlich hohen Wert, was nicht der aktuellen Führung, sondern der Natur der Sache geschuldet ist.. Sie bedeutet nicht nur organisatorische Eingliederung, sondern vermittelt Legitimität, Sicherheit und Identität. Wer einmal den Weg zurück gefunden hat, entwickelt häufig ein starkes Interesse daran, diesen Status nicht erneut zu verlieren. Die Sorge vor einem zweiten Ausschluss wird zu einem prägenden Faktor des kollektiven Verhaltens. Dieser wird von A am Beispiel B seit Jahrzehnten in unterschiedlicher Intensität, aber permanent vorexerziert.
Vor diesem Hintergrund erhält auch die Entstehungsgeschichte von C besonderes Gewicht. Die Gruppe entstand dadurch, dass sich ein Teil von B entschloss, den dauerhaften Ausschluss nicht länger zu tragen und die Bedingungen für eine Rückkehr zu akzeptieren. Psychologisch könnte dieses Ereignis als kollektive Gründungserfahrung verstanden werden. Das gemeinsame Motiv lautete sinngemäß: Nie wieder außerhalb stehen. Solche Erfahrungen wirken in Organisationen oftmals weit über die Gründergeneration hinaus. Sie prägen den Stil des Handelns, die Sprache und die Einschätzung von Risiken. Kritik an der Führung erscheint dann nicht nur als Meinungsäußerung, sondern als potenzielle Gefährdung der eigenen Existenz.
Gerade deshalb entwickelt sich häufig eine Kultur der Selbstbegrenzung. Niemand muss offene Verbote aussprechen. Die Organisation lernt mit der Zeit selbst, welche Themen gefährlich werden könnten. Aus äußerem Druck entsteht innere Vorsicht. Die Grenzen des Sagbaren werden zunehmend verinnerlicht. Was ursprünglich eine bewusste Strategie war, wird schließlich Teil der Organisationskultur.
Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang das Verhältnis zu B. Von außen betrachtet vertreten beide Gruppen nahezu identische Inhalte, was daher rührt, dass sie beide aus B stammen. Dennoch treten zwischen ihnen oft scharfe Spannungen auf. Diese Entwicklung mag zunächst paradox erscheinen, lässt sich jedoch sozialpsychologisch erklären.
Menschen und Gruppen definieren ihre Identität nicht nur über Gemeinsamkeiten, sondern auch über Abgrenzung. Gerade Gruppen, die sich in fast allen wesentlichen Punkten ähneln, betonen häufig jene wenigen Unterschiede besonders stark, die ihre Eigenständigkeit begründen. In der Sozialpsychologie wird dieses Phänomen mitunter als „Narzissmus der kleinen Unterschiede“ bezeichnet. Die größte emotionale Distanz entsteht nicht zwangsläufig zwischen völlig unterschiedlichen Lagern, sondern oft zwischen Gruppen, die sich sehr ähnlich sind und deshalb um dieselbe Identität konkurrieren.
Für C erfüllt die Distanzierung von B darüber hinaus noch eine zweite Funktion, offensichtlich sogar die entscheidendere, weil existenzielle. Sie wirkt als Loyalitätssignal gegenüber der gegenwärtigen Führung von A. Indem C mit besonderem Nachdruck öffentlich betont, nicht mit B identisch zu sein, demonstriert sie ihre Bereitschaft, die institutionellen Spielregeln von A einzuhalten. Eine solche Distanzierung ist nicht zwangsläufig Ausdruck inhaltlicher Gegensätze, sondern im konkreten Fall mehr Strategie des organisatorischen Selbstschutzes. Zweifelhaft wird dieser, wenn er dazu führt, wie derzeit der Fall, dass aus den Reihen von C irreführende Behauptungen über und gegen B verbreitet werden, indem von A gegen B verhängte Sanktionen noch als weitreichender dargestellt werden als A sie bestimmt hat.
Gerade hierin liegt möglicherweise eine der größten psychologischen Belastungen. Denn B verkörpert zugleich das, was C selbst hätte bleiben können. B besitzt größere Freiheit in der öffentlichen Kritik, zahlt dafür jedoch den Preis institutioneller Isolation. C besitzt institutionelle Anerkennung, muss dafür aber auf Kritik verzichten. Beide Gruppen spiegeln sich somit gegenseitig ihre jeweils verlorene Möglichkeit wider. Für B erscheint C als zu kompromissbereit. Für C erscheint B als zu kompromisslos. Tatsächlich verfolgen beide lediglich unterschiedliche Strategien, um mit demselben Grundkonflikt umzugehen, der ihnen von dritter Seite aufgezwungen wird.
Psychologisch lässt sich die Lage von C deshalb auch als dauerhafte Doppelbindung beschreiben. Jede mögliche Handlung bringt einen Verlust mit sich. Offene Kritik gefährdet die Zugehörigkeit zur Institution. Schweigen gefährdet die Übereinstimmung mit den eigenen Überzeugungen. Eine Annäherung an B würde Misstrauen innerhalb von A hervorrufen und Sanktionen, wie sie B treffen. Eine scharfe Abgrenzung von B wiederum belastet das Verhältnis zu einer Gruppe, mit der man inhaltlich weitgehend übereinstimmt. Es existiert kein Weg, der frei von Kosten wäre.
Langfristig können sich aus einer solchen Situation typische organisatorische Eigenschaften entwickeln. Die Kommunikation wird vorsichtig und diplomatisch. Konflikte werden vermieden, nicht offen ausgetragen. Loyalität gegenüber Autoritäten gewinnt an Bedeutung, weil sie Sicherheit vermittelt. Die Abhängigkeiten sind einem bewusst und realiter ständig präsent. Gleichzeitig wächst nach innen die Gefahr von Frustration und Resignation, da grundlegende Überzeugungen nicht offen vertreten werden können. Die Organisation wirkt nach außen stabil, trägt jedoch dauerhaft innere Spannungen mit sich. Jedes Mitglied muss sich neben den allgemeinen auch persönliche Strategien zurechtlegen, mit diesem Widerspruch zurechtzukommen. Die Folge sind nicht selten Verdrängungs- und Ausblendungsmechanismen.
Aus psychologischer Sicht erscheint C deshalb nicht als eine Gruppe mit widersprüchlichen Überzeugungen, aber als eine Organisation, die versucht, zwei grundsätzlich konkurrierende Bedürfnisse gleichzeitig zu erfüllen: die Treue zur eigenen historischen Identität und die Zugehörigkeit zur Institution, deren Ausrichtung nicht der eigenen entspricht. Beide Bedürfnisse sind legitim und verständlich. Das eigentliche Problem liegt nicht in ihrer Existenz, sondern darin, dass sie unter den beschriebenen Voraussetzungen dauerhaft miteinander kollidieren.
Ob eine solche Strategie langfristig erfolgreich ist, lässt sich psychologisch nicht eindeutig beantworten. Sie kann institutionelle Kontinuität sichern und Räume für traditionelles Leben offenhalten. Gleichzeitig birgt sie die Gefahr einer schleichenden Selbstentfremdung und der Selbstentmannung, wenn der Preis der Zugehörigkeit dauerhaft im Verzicht auf offene Selbstbehauptung besteht. Die eigentliche Tragik von C liegt daher weniger in den Überzeugungen als in der strukturellen Lage: C ist innerhalb der Institution anerkannt, aber in ihrem Handlungsspielraum sehr begrenzt; sie bewahrt eine Tradition, ohne sie vollständig vertreten zu können; und sie steht einer Gruppe gegenüber, die dieselben Ziele verfolgt, deren Existenz ihr jedoch zugleich ständig vor Augen führt, welchen Preis sie selbst für ihre Zugehörigkeit bezahlt.
Dazu gehört auch, C und B gegeneinander auszuspielen. Divide et impera.
Die letztlich entscheidende Frage lautet jedoch, wie A wieder zur uneingeschränkten Heimat sowohl für C als auch für B werden kann – also für die Tradition, auch für B, das derzeit mit dem Verdikt belegt ist, „draußen“ bleiben zu müssen. Dieses Ziel ist letztlich erst dann erreicht, wenn C und B in A aufgehen und zu einer Einheit verschmelzen, sodaß A mit C und B deckungsgleich ist.
*Hortator ist Laie und nicht mit der Piusbruderschaft verbunden.
Bild: Montage
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