Der Mann, der nicht mitging

Zum 100. Geburtstag von Prof. Dr. Georg May

Prälat Prof. Georg May begeht am heutigen Fest Kreuzerhöhung seinen 100. Geburtstag. Seine Analysen und Mahnungen liegen wie ein Mühlstein auf dem Wirken der kirchlichen Zeitgeistverfechter
Prälat Prof. Georg May begeht am heutigen Fest Kreuzerhöhung seinen 100. Geburtstag. Seine Analysen und Mahnungen liegen wie ein Mühlstein auf dem Wirken der kirchlichen Zeitgeistverfechter

Von Giu­sep­pe Nar­di – eine Lau­da­tio von unbe­ru­fe­ner, aber dank­ba­rer Seite

Es gibt katho­li­sche Gelehr­te, die ihre Zeit beschrie­ben haben. Es gibt ande­re, die sie geprägt haben. Und es gibt jene sel­te­nen Män­ner, die ihrer Zeit wider­spro­chen haben, weil sie wuß­ten, daß die Kir­che nicht dazu da ist, mit jeder Zeit mit­zu­schwim­men. Prof. Dr. Georg May gehört zu die­ser letz­ten, sel­te­nen Art.

Am 14. Sep­tem­ber 1926 im schle­si­schen Lie­gnitz gebo­ren, hat er ein Jahr­hun­dert deut­scher und katho­li­scher Geschich­te durch­lebt: Krieg und Zusam­men­bruch, Ver­trei­bung und Neu­be­ginn, die gro­ßen Hoff­nun­gen des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils und die Ver­wer­fun­gen der nach­kon­zi­lia­ren Jahr­zehn­te. Er wur­de Prie­ster, Kir­chen­recht­ler, Ordi­na­ri­us an der Uni­ver­si­tät Mainz, viel­fa­cher Buch­au­tor und Pre­di­ger – und, viel­leicht wich­ti­ger als all dies, ein Mann, der sich nicht dazu brin­gen ließ, sei­ne katho­li­schen Maß­stä­be dem jewei­li­gen Zeit­geist anzupassen.

Georg May ist nicht mit­ge­gan­gen. Eine sol­che Aus­sa­ge mag auf einen ersten Blick, eine merk­wür­di­ge Art, einen hun­dert­jäh­ri­gen Gelehr­ten zu ehren. Bei nähe­rem Hin­se­hen aber ist es viel­leicht die treffendste.

Denn May hat nicht des­halb wider­spro­chen, weil er Wider­spruch lieb­te. Er wider­sprach, weil er sich ver­pflich­tet wuß­te, zwi­schen Wahr­heit und Mode zu unterscheiden.

Ein Leben, das mit dem Verlust begann

Man muß Georg May auch aus sei­ner Her­kunft ver­ste­hen. Er stamm­te aus Schle­si­en, einer deut­schen Hei­mat, die fast ganz aus dem öffent­li­chen Bewußt­sein ver­schwun­den ist, aus einer katho­li­schen Welt, die der Krieg und die Ver­trei­bung unwie­der­bring­lich zer­stör­ten. Wer die­se Erfah­rung gemacht hat, ent­wickelt wahr­scheni­lich ein ande­res Ver­hält­nis zu dem Wort „Tra­di­ti­on“ als jemand, der es nur aus theo­lo­gi­schen Büchern kennt.

Tra­di­ti­on war für May kei­ne sen­ti­men­ta­le Erin­ne­rung an eine ver­meint­lich bes­se­re Ver­gan­gen­heit. Sie war das, was eine Gene­ra­ti­on von der vor­her­ge­hen­den emp­fängt, damit es die näch­ste nicht um des­sent­wil­len ver­liert, daß die Gegen­wart sich für klü­ger hält.

Nach sei­ner Prie­ster­wei­he 1951, im sel­ben Jahr wie Joseph Ratz­in­ger, die noch für das Erz­bis­tum Bres­lau erfolg­te, führ­te sein Weg zunächst in die Seel­sor­ge und schließ­lich in die Wis­sen­schaft. Sein Leh­rer Klaus Mörs­dorf erkann­te sei­ne Bega­bung für das Kir­chen­recht. May, der eigent­lich Pfar­rer wer­den woll­te, betrat das „glat­te Par­kett“ der Wis­sen­schaft – und erwies sich dort bald als Mann von unge­wöhn­li­cher Klarheit.

Er war kein Kir­chen­recht­ler, der das Recht ledig­lich als Samm­lung von Para­gra­phen behan­del­te. Er wuß­te, daß hin­ter kirch­li­chem Recht eine Ord­nung des Glau­bens steht. Und des­halb inter­es­sier­te ihn nicht nur, was fak­tisch geschah, son­dern was rech­tens war.

Das wur­de ihm spä­ter zum Vor­teil – und ande­ren zum Ärgernis.

Wenn ein Kirchenrechtler unbequem wird

Die nach­kon­zi­lia­re Kir­che war von einem gewal­ti­gen Ver­än­de­rungs­wil­len geprägt. Vie­les davon schien vie­len not­wen­dig, man­ches frucht­bar. Aber nicht jede Ver­än­de­rung ist schon eine Erneuerung.

May besaß die sel­te­ne Fähig­keit, die­sen Unter­schied zu benennen.

Wo ande­re von „Ent­wick­lung“ spra­chen, frag­te er, ob nicht in Wirk­lich­keit Bruch gemeint sei. Wo man sich auf „Pasto­ral“ berief, frag­te er nach Wahr­heit und Recht. Wo neue kirch­li­che Prak­ti­ken sich durch­setz­ten, genüg­te ihm nicht der Hin­weis, daß sie nun ein­mal, viel­leicht gera­de erst seit kur­zem, „üblich“ seien.

Das Ent­schei­den­de war für ihn nie­mals die Fra­ge: Was tut man heu­te? Son­dern: Was darf die Kir­che tun – und was muß sie tun, wenn sie Kir­che Chri­sti blei­ben will?

Die­se Fra­ge­stel­lung mach­te ihn im deut­schen Katho­li­zis­mus zuneh­mend unbequem.

May ver­stand sich dabei nicht als Geg­ner der Hier­ar­chie. Im Gegen­teil: Sei­ne Kri­tik war gera­de des­halb so scharf, weil er die Kir­che und ihren Auf­trag immer ernst nahm, ern­ster als in so man­chem diö­ze­sa­nen Büro­krat­entem­pel der Fall scheint. Er ver­lang­te im Gegen­satz zum Zeit­geist von Bischö­fen nicht weni­ger Auto­ri­tät, son­dern eine treue­re Aus­übung ihres Amtes. Er ver­lang­te vom Kle­rus nicht weni­ger Frei­heit, son­dern mehr Ver­ant­wort­lich­keit. Und er hielt die für „mün­dig“ erklär­ten Gläu­bi­gen nicht für Kin­der, als die sie in Wirk­lich­keit behan­delt wur­den, um ihnen jede infan­ti­le Zumu­tung des Zeit­gei­stes als „pasto­ra­len Fort­schritt“ zu verkaufen.

Die Messe als Prüfstein

Am deut­lich­sten zeig­te sich sei­ne Hal­tung in der Fra­ge der Liturgie.

Georg May ver­tei­dig­te den über­lie­fer­ten römi­schen Ritus nicht aus folk­lo­ri­sti­scher Anhäng­lich­keit und auch nicht bloß aus ästhe­ti­schen Grün­den. Für ihn stand eine viel grund­sätz­li­che­re Fra­ge dahin­ter: Was glaubt die Kir­che eigent­lich über die hei­li­ge Messe?

Wenn die Hei­li­ge Mes­se das Opfer Chri­sti ist, dann kann ihre Gestalt nicht belie­big dem Geschmack einer Epo­che unter­wor­fen wer­den. Wenn die Lit­ur­gie der Got­tes­ver­eh­rung dient, dann ist sie nicht das Eigen­tum des jewei­li­gen lit­ur­gi­schen Zeit­gei­stes. Und wenn die Kir­che eine leben­di­ge Tra­di­ti­on besitzt, dann kann „leben­dig“ nicht bedeu­ten, daß das Über­lie­fer­te jeder­zeit ent­sorgt wer­den darf.

Bereits 1975, weni­ge Jah­re nach der von Paul VI. ein­ge­führ­ten Lit­ur­gie­re­form, stell­te May in sei­ner Schrift „Die alte und die neue Mes­se“ jene Selbst­ver­ständ­lich­keit in Fra­ge, mit der damals behaup­tet wur­de, der über­lie­fer­te Ritus sei schlicht abgeschafft.

Heu­te wis­sen wir, daß die­se Fra­ge kom­pli­zier­ter war, als man sie damals dar­stel­len woll­te. Bene­dikt XVI. hat sie Jahr­zehn­te spä­ter mit Sum­morum Pon­ti­fi­cum aus­drück­lich neu geord­net. Der Wider­stand gegen die­se Neu­ord­nung zeigt jenen Geist und jene Kräf­te an, die bereits hin­ter der Lit­ur­gie­re­form von 1969 standen.

Prof. May sprach aus, was ande­re lie­ber nicht hören wollten.

Und er bezahl­te dafür einen Preis. Zeit­wei­se wur­de ihm die Fei­er der über­lie­fer­ten Mes­se nur unter Ein­schrän­kun­gen ermög­licht. Ein Pro­fes­sor für Kir­chen­recht, ein ange­se­he­ner Ordi­na­ri­us, ein Prie­ster mit Jahr­zehn­ten im Dienst der Kir­che – und doch wur­de gera­de sei­ne Treue zur über­lie­fer­ten Lit­ur­gie zum Pro­blem. An sei­ner Per­son spie­gelt sich eine absurd schei­nen­de Fehl­ent­wick­lung in der jüng­sten Kir­chen­ge­schich­te wider. 

Man muß sich die­se Absur­di­tät wirk­lich vor Augen halten.

Der Mann, der beruf­lich dafür zustän­dig war, die kirch­li­che Rechts­ord­nung zu erklä­ren, muß­te erfah­ren, wie wenig ange­nehm es sein kann, wenn man sie auch auf die eige­ne Kir­che anwendet.

Scharfer Verstand, scharfe Zunge

May war kein Mann der Wat­te. Sei­ne Ana­ly­sen waren stets mes­ser­scharf, gele­gent­lich gera­de­zu gna­den­los. Er konn­te Zustän­de benen­nen, die ande­re nur ver­le­gen umschrie­ben. Sei­ne Kri­tik am Nie­der­gang kirch­li­cher Dis­zi­plin, an der Schwä­chung des Prie­ster­tums, an lit­ur­gi­schen Miß­stän­den und an der theo­lo­gi­schen Anpas­sung an den Zeit­geist war nicht dar­auf berech­net, Bei­fall zu finden.

Das tat sie auch nicht.

May war dabei aller­dings nie ein ver­bit­ter­ter Außen­sei­ter. Er war Ordi­na­ri­us einer ange­se­he­nen Uni­ver­si­tät. Er war wis­sen­schaft­lich hoch­pro­duk­tiv. Er wur­de zum Dekan gewählt, war Vor­sit­zen­der des Fakul­tä­ten­ta­ges der katho­lisch-theo­lo­gi­schen Uni­ver­si­tä­ten der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und genoß auch außer­halb des ihm ver­bun­de­nen Milieus wis­sen­schaft­li­che Anerkennung.

Gera­de des­halb ist sein Weg so interessant.

Er war kein Mann, den man nicht ernst neh­men muß­te, wie man es so ger­ne tut, weil er nichts zu ver­lie­ren hat­te. Er hat­te etwas zu ver­lie­ren. Und er sag­te trotz­dem, was ande­ren unge­le­gen war.

Gegen den Mainstream – innerhalb der Kirche

Die Ableh­nung, die May begeg­ne­te, kam nicht nur von außen. Die eigent­li­che Span­nung ent­stand viel­mehr inner­halb der katho­li­schen Kir­che selbst.

Die katho­li­sche Theo­lo­gie im deut­schen Sprach­raum war nach dem Kon­zil in erheb­li­chem Maße von einem blin­den Fort­schritts­op­ti­mis­mus geprägt. Wer die Ent­wick­lung kri­tisch betrach­te­te, geriet leicht unter den Ver­dacht, gegen das Kon­zil, gegen die Moder­ne oder gar gegen die Kir­che selbst zu stehen.

May ließ sich von die­sen Schub­la­den nicht beein­drucken und auch nicht hineinpressen.

Er war katho­li­scher Prie­ster, gera­de indem er widersprach.

Er war kir­chen­treu, gera­de indem er die Kir­che dar­an erin­ner­te, daß Treue nicht mit Gefolg­schaft gegen­über jeder aktu­el­len Mei­nung iden­tisch ist.

Sei­ne Geg­ner konn­ten ihm vor­wer­fen, zu scharf, zu kon­ser­va­tiv, zu unbe­weg­lich zu sein. Die Zuschrei­bun­gen, die Papst Fran­zis­kus für sol­che Kon­tex­te fand, klin­gen noch im Ohr nach. Was man ihm schwer­lich vor­wer­fen konn­te, war man­geln­de Kennt­nis der Mate­rie. Denn May kann­te die Quel­len. Und er hat­te ein Gedächtnis.

Das ist im kirch­li­chen Betrieb manch­mal eine gefähr­li­che Kombination.

Schließ­lich griff Prof. May auch hei­ße Eisen auf und durch­stieß das Dickicht der Ver­schleie­run­gen. So bezeich­ne­te er etwa den Prie­ster­man­gel im deut­schen Sprach­raum als „selbst­ge­macht“, weil es Kräf­te gibt, die ihn zur Abschaf­fung des prie­ster­li­chen Zöli­bats, zur Ein­füh­rung des Frau­en­prie­ster­tums oder gar zur Durch­set­zung einer prie­ster­lo­sen Kir­che nut­zen wollen.

May zeich­ne­te sich stest durch Kampf­geist aus, der nicht weni­gen von jenen, die sich ihm im Lau­fe der Zeit in der Sache ver­bun­den wuß­ten, fehl­te. Die­se Bereit­schaft zur Kon­fron­ta­ti­on, wenn es um die Wahr­heit geht, kommt im Titel des jüng­sten sei­ner bedeu­ten­den Wer­ke zum Aus­druck: 300 Jah­re gläu­bi­ge und ungläu­bi­ge Theo­lo­gie. Abriss und Auf­bau“, wobei das Wort Abriss durch­aus zwei­deu­tig zu ver­ste­hen ist, denn May zeig­te auf, wie­viel von der alten Kir­che abge­ris­sen wurde. 

Allein es zu wagen von einer „ungläu­bi­gen Theo­lo­gie“ zu spre­chen, ein schein­ba­rer Wider­spruch in sich, zeigt Mays Bereit­schaft zur scho­nungs­lo­sen Analyse. 

Ein Zeitgenosse Ratzingers

Zu sei­nem Lebens­weg gehört auch die Ver­bin­dung mit Joseph Ratz­in­ger. Bei­de begeg­ne­ten ein­an­der bereits als jun­ge Prie­ster­amts­kan­di­da­ten im Geor­gia­num in Mün­chen; spä­ter lehr­ten sie gemein­sam in Freising.

Der eine wur­de Papst. Der ande­re blieb der streit­ba­re Pro­fes­sor, der sich nicht scheu­te, auch dort zu wider­spre­chen, wo ein Schwei­gen beque­mer gewe­sen wäre.

Daß Bene­dikt XVI. May 2011 zum Prä­la­ten (Apo­sto­li­schen Pro­to­no­tar) ernann­te, war des­halb mehr als nur eine bio­gra­phi­sche Fuß­no­te. Es war auch ein über­fäl­li­ges Zei­chen dafür, daß der Mann, der über Jahr­zehn­te unbe­quem gewe­sen war, nicht außer­halb der Kir­che stand.

Viel­leicht lag hier über­haupt eines der gro­ßen Miß­ver­ständ­nis­se über Georg May. Er wur­de in der nach­kon­zi­lia­ren Kir­che zuneh­mend an den Rand gedrängt, obwohl er im Gegen­satz zu man­chen Zeit­ge­nos­sen nie eine ande­re Kir­che woll­te. Er woll­te, daß die bestehen­de Kir­che ihre eige­ne katho­li­sche Iden­ti­tät nicht ver­gißt. Und genau dafür ver­such­te man, ihn zu marginalisieren.

Was heute leicht vergessen wird

Zu sei­nem hun­dert­sten Geburts­tag gilt es nicht nur den bekann­ten Pro­fes­sor May zu fei­ern, son­dern auch den Schle­si­er, den Hei­mat­ver­trie­be­nen, den Prie­ster, den Seel­sor­ger, den Schü­ler Mörs­dorfs, den Pre­di­ger, der bis ins hohe Alter nie auf­hör­te, sei­ner Kir­che ins Gewis­sen zu reden.

Sei­ne Auto­bio­gra­phie Bres­lau – Mün­chen – Mainz ist dafür beson­ders auf­schluß­reich. Sie zeigt einen Mann, des­sen Lebens­weg viel stär­ker von den poli­ti­schen und kirch­li­chen Kata­stro­phen des 20. Jahr­hun­derts geprägt wur­de, als es die übli­chen aka­de­mi­schen Kurz­bio­gra­phien erken­nen lassen.

Viel­leicht erklärt das auch sei­ne Skep­sis gegen­über allen selbst­si­che­ren kirch­li­chen Zukunfts­vi­sio­nen, wie sie fort­schritts­gläu­bi­ge Mit­brü­der im Kle­ri­ker­stand oder zweck­op­ti­mi­sti­sche Kir­chen­bü­ro­kra­ten so ger­ne entwarfen.

Wer ein­mal erlebt hat, wie eine gan­ze Welt zusam­men­bre­chen kann, miß­traut dem Satz, daß das, was heu­te selbst­ver­ständ­lich erscheint, des­halb auch mor­gen noch bestehen müs­se. Wer erhal­ten will, muß sich ins Zeug legen und verteidigen.

Es gehört zur Iro­nie die­ses hun­dert­sten Geburts­ta­ges, daß aus­ge­rech­net die kirch­li­che Öffent­lich­keit, in der May län­ger gewirkt hat als jeder Irgend­wie-Amts­trä­ger, auf­fal­lend lei­se bleibt.

Das Main­zer Bis­tum hat frü­he­re Jubi­lä­en sei­nes berühm­ten Pro­fes­sors durch­aus gewür­digt. Zu sei­nem 80., 85. und spä­ter zu wei­te­ren Prie­ster­ju­bi­lä­en wur­de sei­ne wis­sen­schaft­li­che und kir­chen­ge­schicht­li­che Bedeu­tung aus­drück­lich her­vor­ge­ho­ben, wenn­gleich sei­ne Posi­tio­nen dabei weit­ge­hend uner­wähnt blieben.

Zum 100. Geburts­tag aber sucht man im gro­ßen deut­schen katho­li­schen Main­stream ziem­lich ver­geb­lich nach jener Auf­merk­sam­keit, die man bei einem Wis­sen­schaft­ler die­ses Ran­ges erwar­ten könnte.

Auch die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz und die gro­ßen katho­li­schen Medi­en haben sich – soweit öffent­lich erkenn­bar – nicht gera­de dar­um geris­sen, die­sen Geburts­tag zu einem Ereig­nis zu machen.

Das ist kein Zufall. Haben wir schon zuviel „ande­re Kirche“?

Georg May erin­nert an eine Form des Katho­li­zis­mus, mit der man sich heu­te nicht mehr all­zu gern aus­ein­an­der­setzt: einen Katho­li­zis­mus, der von Sün­de und Gna­de, Opfer und Erlö­sung, Prie­ster­tum und Sakra­ment, Auto­ri­tät und Gehor­sam, Wahr­heit und Irr­tum sprach – und der sich nicht dafür ent­schul­dig­te, daß die­se Begrif­fe nicht „pro­blem­los“ in die Spra­che des moder­nen Main­streams passen.

Ein Heros der Tradition

Die tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Katho­li­ken haben ihn nicht ver­ges­sen. Im Gegen­teil. Sie wis­sen, was sie ihm verdanken.

Georg May kann mit Fug und Recht als ein „Heros der Tra­di­ti­on“ bezeich­net wer­den. Man könn­te ihn auch einen wahr­haft Gro­ßen nen­nen, obwohl er für die mei­sten Men­schen ver­bor­gen blieb. Doch gera­de die­se Zuschrei­bung wur­de durch Papst Fran­zis­kus ent­wer­tet, indem er sie Zeit­geist­rit­tern zwei­fel­haf­te­ster Art vor­be­hielt – man den­ke nur an die Abtrei­bungs- und Eutha­na­si­eideo­lo­gin und Sor­os-Freun­din Emma Boni­no. Hier ste­hen sich zwei Wel­ten unver­söhn­lich gegen­über, und May wuß­te, auf wel­cher Sei­te sein Platz war. Bei eini­gen kirch­li­chen Hier­ar­chen scheint die­se Gewiß­heit ver­lo­ren­ge­gan­gen zu sein.

Die Zuschrei­bung trifft jedoch auf Prof. May zu, weil er etwas getan hat, das in tra­di­ti­ons­feind­li­chen Zei­ten tat­säch­lich heroi­schen Cha­rak­ter hat: Er hat sich gewei­gert, sei­ne Über­zeu­gun­gen dem Bedürf­nis nach Aner­ken­nung zu opfern.

Er hat die Tra­di­ti­on nicht ver­tei­digt, wie ger­ne unter­stellt, weil sie ein so hohes Alter hat, son­dern weil sie wahr ist. 

Das ist ein ent­schei­den­der Unter­schied. Wer bloß das Alte liebt, ist Nost­al­gi­ker. Wer das Über­lie­fer­te bewahrt, weil er in ihm die Wahr­heit der Kir­che erkennt, ist Tra­di­tio­na­list im eigent­li­chen Sinn des Wortes.

May war nie ein Muse­ums­wär­ter. Er war immer ein Wäch­ter. Und Wäch­ter haben eine unan­ge­neh­me Auf­ga­be: Sie müs­sen Alarm schla­gen, wenn alle ande­ren noch schla­fen, gar schla­fen wol­len, wäh­rend Dieb und Feind sich herumtreiben.

Hundert Jahre

Hun­dert Jah­re nach sei­ner Geburt ist Georg May des­halb kei­ne Gestalt aus einer ver­gan­ge­nen Epo­che, viel­mehr ist das Gegen­teil der Fall. Je wei­ter sich die katho­li­sche Kir­che in der BRD von vie­len jener Gewiß­hei­ten ent­fernt, die May ver­tei­dig­te, desto deut­li­cher wird sicht­bar, daß er mit sei­nen Mah­nun­gen recht hatte.

Die Zeit ist ein merk­wür­di­ger Richter.

Was den einen als rück­stän­dig gilt, erweist sich als pro­phe­tisch. Was gestern noch als fort­schritt­lich gefei­ert wur­de, kann mor­gen schon zum Gegen­stand fas­sungs­lo­sen Kopf­schüt­telns werden.

May aber bleibt, denn er hat sei­ne Posi­tio­nen fest in den Boden gerammt, eben so, wie es für die Kir­che gilt. Er hat sich aus­zeich­net durch sei­ne Bücher, sei­ne Pre­dig­ten, sei­ne Kri­tik und sei­ner uner­schüt­ter­li­che Lie­be zur Kir­che. Mays zen­tra­le Kri­tik am Novus Ordo wird heu­te, ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter, noch immer genau­so gele­sen wie damals. Wel­cher Hoch­schul­leh­rer kann das von sich sagen?

Viel­leicht ist am Ende die Erin­ne­rung an sei­ne Ver­tei­di­gung des über­lie­fer­ten Ritus die schön­ste Wür­di­gung die­ses hun­dert­jäh­ri­gen Lebens, 75 Jah­re davon als Priester:

Prof. Georg May hat gezeigt, uns allen gezeigt, daß man in der Kir­che nicht des­halb katho­lisch ist, weil man mit der Zeit geht. Man ist katho­lisch, wenn man in der Wahr­heit bleibt.

Und wenn eines Tages über unse­re Zeit das Urteil gespro­chen wird, wird viel­leicht nicht mehr ent­schei­dend sein, wer damals mit mehr oder weni­ger rich­ti­gen oder auch fal­schen Eti­ket­tie­run­gen als modern oder rück­stän­dig, als fort­schritt­lich oder kon­ser­va­tiv galt. Dann wird eine viel ein­fa­che­re Fra­ge blei­ben: Wer hat standgehalten?

Mit Blick auf Prof. Georg May kann man ohne Zögern ant­wor­ten: Er hat standgehalten.

Ad mul­tos annos – und danach: ad Deum.

Bild: Katho​li​sches​.info

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*