Von Roberto de Mattei*
Am 20. Juli gedenkt die überlieferte Liturgie der Kirche des heiligen Hieronymus Emiliani (1486–1537).
Er wurde 1486 in Venedig als Sohn einer Patrizierfamilie geboren. Wie viele junge Adlige der Serenissima1 erhielt er eine Ausbildung, die stärker auf das Waffenhandwerk und die Staatsführung als auf wissenschaftliche Studien ausgerichtet war. Sein Ideal war das des christlichen Ritters, der der Republik treu ergeben und bereit war, ihre Grenzen zu verteidigen. Deshalb schlug er schon früh die militärische Laufbahn ein und diente in der venezianischen Reiterei.
Die entscheidende Wende seines Lebens ereignete sich im Jahre 1511. Während des Krieges der Liga von Cambrai wurde ihm die Verteidigung der Festung Castelnuovo di Quero im Gebiet von Treviso anvertraut. Die Belagerung durch französische Truppen endete in einer Katastrophe: Hieronymus wurde gefangengenommen, in Ketten gelegt und in ein Gefängnis geworfen. Für einen Mann, der an Ehre und Verantwortung gewöhnt war, bedeutete dies eine tiefe Demütigung.
In dieser Gefängniszelle vollzog sich seine Bekehrung. Er richtete ein inniges Gebet an die Gottesmutter und gelobte, sein Leben zu ändern, wenn er die Freiheit wiedererlangen sollte. Der Überlieferung zufolge gelang es ihm auf wunderbare Weise, sich von seinen Fesseln zu befreien und aus dem Gefängnis zu entkommen. Als er das Marienheiligtum Madonna Grande in Treviso erreichte, legte er die Ketten, die er als Gefangener getragen hatte, aus Dankbarkeit und als Zeichen seiner Weihe an die Jungfrau Maria vor dem Altar nieder.
Von diesem Augenblick an änderte sich sein Leben grundlegend. Nach seiner Rückkehr nach Venedig führte er ein Leben intensiven Gebetes, der Buße und des Dienstes an den Bedürftigen. Seine Bekehrung beschränkte sich nicht auf eine innere Gesinnungsänderung, sondern führte zu einer vollständigen Umgestaltung seines Lebens. Er gab seine weltlichen Ambitionen auf, verteilte einen großen Teil seines Vermögens und widmete sich den Armen.
Es waren dieselben Jahre, in denen sich die Bruderschaften der Compagnia del Divino Amore („Bruderschaft der göttlichen Liebe“) ausbreiteten – eine Bewegung tiefgreifender Erneuerung der Kirche, die auf Grundsätzen beruhte, welche den weltlichen Idealen des Humanismus entgegengesetzt wurden. Es ist wichtig zu erkennen, daß der protestantischen Revolution bereits eine stille, aber wirkungsvolle katholische Reform vorausging. In der ersten Sitzung des Fünften Laterankonzils am 3. Mai 1512 rief der Generalprior der Augustiner, Ägidius von Viterbo, zur Erneuerung der Kirche auf und faßte deren Grundgedanken in die berühmten Worte zusammen:
„Nicht die Religion muß von den Menschen verändert werden, sondern die Menschen durch die Religion.“
Während einige glaubten, die Kirche erneuern zu können, indem sie ihre Einheit aufbrachen und ihre Autorität in Frage stellten, erweckte der Heilige Geist Männer, die die Kirche dadurch reformierten, daß sie zunächst sich selbst erneuerten – wie der heilige Hieronymus Emiliani, der heilige Kajetan von Thiene, der heilige Antonius Maria Zaccaria und wenig später der heilige Ignatius von Loyola.
Es waren dramatische Jahre der italienischen Geschichte. Kriege, Hungersnöte und vor allem Pestepidemien hinterließen Tausende von Waisen. Ganze Familien wurden innerhalb weniger Tage ausgelöscht. Heimatlose Kinder irrten durch die Straßen der Städte und waren Hunger, Gewalt und Kriminalität schutzlos ausgeliefert.
Hier offenbarte sich die ganze christliche Größe des Hieronymus Emiliani. Er erkannte, daß es nicht genügte, den Armen mit einigen Almosen zu helfen. Man mußte ihnen eine Familie geben, ihnen Bildung vermitteln, sie im Glauben unterweisen und ihnen einen Beruf ermöglichen. So begann er, Waisenkinder aufzunehmen. Er brachte sie in Häusern unter, die er beschaffen konnte, und lebte mit ihnen in der Schlichtheit des Evangeliums zusammen. Er gab ihnen zu essen, kleidete sie, lehrte sie den Katechismus und bereitete sie darauf vor, rechtschaffene Menschen und gute Christen zu werden.
Sein Werk nahm um Jahrhunderte vorweg, was man heute als ein echtes christliches Netz sozialer Fürsorge bezeichnen würde. Doch seine Methode unterschied sich grundlegend von dem, was man heute unter einem bloßen Sozialhilfesystem versteht. Er sah in den Armen kein gesellschaftliches Problem, sondern das Antlitz Christi selbst. Deshalb beschränkte er sich nicht darauf, materielle Not zu lindern; vielmehr wollte er den Menschen ihre Würde als Kinder Gottes zurückgeben.
Sein Wirken breitete sich rasch von Venedig auf Bergamo, Brescia, Verona, Como, Mailand und andere Städte Norditaliens aus. Überall gründete er Waisenhäuser, Armenunterkünfte, Häuser für Frauen in Not und Erziehungseinrichtungen. Bald schlossen sich ihm Priester und Laien an, die sein Ideal teilen wollten.
So entstand die Compagnia dei Servi dei Poveri („Gemeinschaft der Diener der Armen“), die später den Namen Regularkleriker von Somasca erhielt – nach einem kleinen Ort bei Lecco, in dem die Gemeinschaft ihren Hauptsitz fand. Bis heute setzen die Somaskerpatres das Werk ihres Gründers in aller Welt fort, insbesondere auf dem Gebiet der Jugenderziehung.
Im Jahre 1537 infizierte sich Hieronymus, während er in Somasca die Kranken während einer Pestepidemie pflegte, selbst mit der Pest. Er starb am 8. Februar als Opfer seiner heroischen Hingabe an die Pestkranken. Drei Jahre später, im Jahre 1540, wurde seine Ordensgemeinschaft von Papst Paul III. bestätigt. Papst Clemens XIII. sprach ihn 1767 heilig, und 1928 erklärte Papst Pius XI. ihn zum universalen Patron der Waisen und der verlassenen Jugend.
Das Leben des heiligen Hieronymus Emiliani zeigt in eindrucksvoller Weise, daß wahre Erneuerung stets aus persönlicher Bekehrung und Treue zur Kirche hervorgeht. Er verfaßte keine theologischen Traktate und beteiligte sich nicht an den großen Kontroversen seiner Zeit. Seine Apologetik bestand in seinen Werken der Barmherzigkeit.
An der Schwelle zur Neuzeit geboren, in einem Augenblick, in dem Europa in eine seiner tiefsten Krisen eintrat, bewies er, daß die wahre Antwort auf religiöse und moralische Umwälzungen vor allem in gelebter Heiligkeit und tätiger Nächstenliebe besteht. Während die Christenheit durch die protestantische Revolution zerrissen wurde und Italien unter den Kriegen litt, entschied sich Hieronymus dafür, die Gesellschaft von den Kleinsten und Verlassensten her neu aufzubauen.
Die Gestalt des heiligen Hieronymus Emiliani besitzt auch heute eine außerordentliche Aktualität. Auch unsere Zeit kennt neue Formen der Verwaisung: Kinder ohne tragfähige familiäre Bindungen, junge Menschen, die sich in einer Gesellschaft verloren haben, welche den Sinn für Gott eingebüßt hat, sowie Männer und Frauen, die trotz materiellen Wohlstands in tiefer geistlicher Einsamkeit leben.
Der heilige Hieronymus Emiliani erinnert uns daran, daß keine Erneuerung der Gesellschaft gelingen kann, wenn sie nicht bei der Formung der Seelen beginnt. Gesetze, Institutionen und Strukturen sind notwendig, doch sie genügen nicht. Nur ein echtes christliches Leben, genährt von der Gnade Gottes, vermag wiederaufzubauen, was die Sünde zerstört.
Deshalb bleibt der venezianische Ritter, der einst seine Ketten zu Füßen der Gottesmutter niederlegte, einer der großen Lehrmeister jener christlichen Zivilisation, die eines Tages wiedererstehen wird.
*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom. De Mattei ist zudem Autor zahlreicher Standardwerke, Vorsitzender der Stiftung Lepanto für den Erhalt der katholischen Tradition, Schriftleiter des Internetmediums Corrispondenza Romana und der Monatszeitschrift Radici Cristiane. Von 2002 bis 2011 war er Vizepräsident des italienischen Nationalen Forschungsrates (CNR) mit Zuständigkeit für die Geisteswissenschaften. Er veröffentlichte mehr als dreißig Bücher, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
- La Serenissima ist ein Ehrentitel, den sich die Seerepublik Venedig (697‑1797) im Spätmittelalter selbst zulegte, der aber allgemein gebräuchlich wurde. Der vollständige Titel lautete etwa „La Serenissima Repubblica di Venezia“ („Die durchlauchtigste Republik Venedig“). ↩︎
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