Bischof verbietet Gebete vor und nach der heiligen Messe

Ein wertvoller Schatz der Kirche – aber bitte nicht am falschen Ort.

Bischof will das Erzengel-Michael-Gebet nach der Heiligen Messe zurückdrängen
Bischof will das Erzengel-Michael-Gebet nach der Heiligen Messe zurückdrängen

In Knox­ville, Ten­nes­see, sol­len die Gläu­bi­gen künf­tig auf gemein­sa­me Gebe­te unmit­tel­bar vor und nach der Mes­se ver­zich­ten. Betrof­fen sind unter ande­rem der Rosen­kranz und das Gebet zum hei­li­gen Erz­engel Micha­el. Bischof Mark Beck­man beruft sich auf den Geist der Lit­ur­gie – und drängt Gebe­te zurück, die er selbst als wert­vol­len Schatz der Kir­che bezeichnet.

Die lit­ur­gi­sche Dis­zi­pli­nie­rung der Gläu­bi­gen nimmt mit­un­ter bemer­kens­wer­te For­men an. Wäh­rend die über­lie­fer­te Lit­ur­gie zuneh­mend unter repres­si­ven Ein­schrän­kun­gen steht, gera­ten andern­orts sogar Gebe­te vor und nach der hei­li­gen Mes­se ins Visier kirch­li­cher Autoritäten.

Der jüng­ste Fall kommt aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Bischof Mark Beck­man von Knox­ville im Bun­des­staat Ten­nes­see hat sei­ne Prie­ster auf­ge­for­dert, die Gläu­bi­gen dazu anzu­lei­ten, bestimm­te gemein­schaft­li­che Gebe­te unmit­tel­bar vor, wäh­rend und nach der Mes­se schritt­wei­se aufzugeben.

Die Anwei­sung erschien in sei­ner monat­li­chen Kolum­ne, die am 14. Okto­ber 2026 auch in spa­ni­scher Über­set­zung in der diö­ze­sa­nen Zei­tung La Cosecha ver­öf­fent­licht wurde.

Der Rosenkranz vor der Messe, der Erzengel Michael danach

Msgr. Beck­man berich­tet, daß in eini­gen Pfar­rei­en zusätz­li­che Gebe­te im Umfeld der Lit­ur­gie ver­rich­tet wür­den, wie es vor dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil all­ge­mein üblich war und in zahl­rei­chen Pfar­rei­en auch danach noch so blieb. Dazu zählt er aus­drück­lich das Gebet zum Erz­engel Micha­el, das soge­nann­te Gebet des hei­li­gen Fran­zis­kus und ein Gebet zum Hei­li­gen Geist. Die­se wür­den gemein­sam gespro­chen, „manch­mal vor dem Ein­gangs­lied oder unmit­tel­bar nach der Entlassung“.

Nach einem Gespräch mit sei­nen Prie­stern sei er zu dem Schluß gekom­men, daß es nicht ange­mes­sen sei, zusätz­li­che Gebe­te mit der Meß­fei­er, wenn auch nur indi­rekt, zu ver­bin­den. Des­halb habe er sei­ne Prie­ster gebe­ten, die Gläu­bi­gen schritt­wei­se dazu anzu­lei­ten, auf sol­che Gebe­te zu verzichten.

Damit gera­ten ver­trau­te katho­li­sche Andachts­for­men unter Druck: der Rosen­kranz vor der hei­li­gen Mes­se, das Gebet zum Erz­engel Micha­el danach und wei­te­re gemein­schaft­li­che Gebe­te, mit denen sich die Gläu­bi­gen auf den Got­tes­dienst vor­be­rei­ten oder ihn aus­klin­gen lassen.

Ein Schatz der Kirche – aber bitte nicht vor der Messe

Der Bischof erkennt dabei den geist­li­chen Wert die­ser Gebe­te aus­drück­lich an. Sie sei­en vie­len Gläu­bi­gen lieb und teu­er. Msgr. Beck­man räumt ein: „Ich weiß, daß Ver­än­de­run­gen oft schwie­rig sind, beson­ders wenn bestimm­te Gebe­te sehr geschätzt wer­den und zu einer Gewohn­heit gewor­den sind.“

Doch sogleich dar­auf läßt er die Ein­schrän­kung fol­gen: Die regel­mä­ßi­ge Auf­nah­me zusätz­li­cher Gebe­te in die Lit­ur­gie sei letzt­lich eine Ent­schei­dung des Hei­li­gen Vaters. Pfar­rer soll­ten sol­che Prak­ti­ken nicht eigen­mäch­tig gestat­ten. Gemeint ist nicht die Auf­nah­me zusätz­li­cher Ele­men­te in die Meß­fei­er, son­dern Andachts­übun­gen, die von den ver­sam­mel­ten Gläu­bi­gen gemein­sam ver­rich­tet werden.

Hier wer­den also zwei Din­ge mit­ein­an­der ver­mengt. Denn zwi­schen einer Ver­än­de­rung des Meß­ri­tus und einem Gebet vor oder nach der Mes­se besteht ein wesent­li­cher Unter­schied. Ein Rosen­kranz vor Beginn der hei­li­gen Mes­se ist des­halb noch kein Bestand­teil des Meß­ri­tus. Auch das Gebet zum hei­li­gen Erz­engel Micha­el stellt kei­nen Ein­griff in den­sel­ben dar.

Die zeit­li­che Nähe zur Mes­se ver­än­dert nichts. Wer bei­des gleich­setzt, schützt nicht die lit­ur­gi­sche Ord­nung, son­dern schränkt die Frei­heit der Gläu­bi­gen ein, ihren Glau­ben in gewach­se­nen Andachts­for­men auszudrücken.


Papst Leo XIII. führ­te 1884 für die gesam­te latei­ni­sche Kir­che ver­pflich­ten­de Schluß­ge­be­te nach der Stil­len Mes­se ein. Die­se waren kei­ne Bestand­tei­le des Meß­ri­tus, son­dern eigen­stän­di­ge Gebets­übun­gen, die ursprüng­lich auf eine Anord­nung Pius’ IX. aus dem Jahr 1859 zurück­gin­gen. 1886 füg­te Leo XIII. der bestehen­den Gebets­rei­he das Gebet zum hei­li­gen Erz­engel Micha­el hin­zu. Die­se Pra­xis blieb bis 1964 bestehen, als die Instruk­ti­on Inter Oecu­me­ni­ci die Ver­pflich­tung zu die­sen Schluß­ge­be­ten auf­hob. Das Michael­ge­bet wur­de wei­ter­hin als pri­va­te Andacht gepflegt, vie­ler­orts spä­ter auch wie­der gemeinschaftlich.

Selbst Franziskus empfahl das Michaelgebet

Beson­ders bemer­kens­wert ist, daß Msgr. Beck­man selbst auf die päpst­li­che Unter­stüt­zung für das Gebet zum Erz­engel Micha­el ver­weist. Johan­nes Paul II. habe die Gläu­bi­gen dazu ermu­tigt; auch Papst Fran­zis­kus habe sei­ne Ver­wen­dung aus­drück­lich emp­foh­len, und zwar am Ende des Rosenkranzes.

Der Bischof erkennt das Gebet als wert­voll an, möch­te es aber aus dem unmit­tel­ba­ren Umfeld der Meß­fei­er ver­drän­gen. Statt gemein­sam in der Kir­che zu beten, sol­len die Gläu­bi­gen ande­re Gele­gen­hei­ten im Gebets­le­ben ihrer Fami­li­en und Gemein­den suchen.

Das ist eine bemer­kens­wer­te Form kirch­li­cher Für­sor­ge: Ein Gebet gilt als wert­vol­ler Schatz der Kir­che – doch soll es dort, wo sich die Gläu­bi­gen zur hei­li­gen Mes­se ver­sam­meln, nicht mehr gemein­sam gespro­chen werden.

Zwi­schen dem ver­bind­li­chen Ablauf der Mes­se und den Andach­ten außer­halb der Lit­ur­gie ist zu unter­schie­den, wor­aus aber nicht folgt, daß das Gebet vor oder nach der Hei­li­gen Mes­se uner­wünscht sein muß.

Liturgische Ordnung als Vorwand?

Der Fall steht in einem grö­ße­ren Zusam­men­hang. Seit Tra­di­tio­nis cus­to­des und Desi­de­rio desi­dera­vi von Papst Fran­zis­kus wird die Fei­er der römi­schen Lit­ur­gie mit beson­de­rer Inten­si­tät regu­liert. Vor allem die über­lie­fer­te latei­ni­sche Mes­se ist von Ein­schrän­kun­gen betroffen.

Die Maß­nah­me von Bischof Beck­man wirft die Fra­ge auf, ob dadruch tat­säch­lich die Eigen­art der Lit­ur­gie geschützt wer­den soll – oder ob die lit­ur­gi­sche Ord­nung zum Anlaß genom­men wird, gewach­se­ne katho­li­sche Fröm­mig­keit zurückzudrängen?

Der Rosen­kranz und das Gebet zum hei­li­gen Erz­engel Micha­el sind kei­ne exklu­si­ven Bestand­tei­le der über­lie­fer­ten latei­ni­schen Mes­se. Sie gehö­ren zum geist­li­chen Leben der Kir­che. Die Gefahr liegt dar­in, aus dem berech­tig­ten Schutz der Lit­ur­gie eine über­mä­ßi­ge Regle­men­tie­rung des Gebets­le­bens zu machen. 

Der Erzengel Michael muß warten

Immer­hin betont Msgr. Beck­man, daß die Gebe­te nicht aus dem Leben der Kir­che ver­schwin­den sol­len. Er ermu­tigt Prie­ster und Gläu­bi­ge, sie wei­ter­hin im Gebets­le­ben ihrer Fami­li­en und Gemein­den zu pfle­gen. Aber wann?

Damit bleibt der Wider­spruch bestehen: Der Bischof aner­kennt den Wert die­ser Gebe­te und ver­weist auf päpst­li­che Emp­feh­lun­gen, will aber ihre gemein­sa­me Ver­rich­tung unmit­tel­bar vor und nach der Mes­se beenden.

Man könn­te mei­nen, die Kir­che habe in einer Zeit gro­ßer Krie­sen dring­li­che­re Auf­ga­ben, als den Zeit­punkt eines Rosen­kran­zes oder eines Gebets zum hei­li­gen Erz­engel Micha­el zu reglementieren.

Die Hei­li­ge Mes­se ist kei­ne Kon­kur­renz­ver­an­stal­tung zum Gebet der Gläu­bi­gen. Ihr Schutz ver­langt nicht, die Fröm­mig­keit zurück­zu­drän­gen, die sich um sie her­um entfaltet.

Der hei­li­ge Erz­engel Micha­el wird in Knox­ville wei­ter­hin ange­ru­fen wer­den. Unmit­tel­bar nach der hei­li­gen Mes­se soll die ver­sam­mel­te Gemein­de aller­dings dar­auf verzichten.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: etca​tho​lic​.org (Screen­shot)

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