„Venite ad me“: Der Vatikan sucht nach Wegen aus der Krise der Glaubensweitergabe

"Kommt zu mir" (Mt 11,28)

Christus König

Seit gerau­mer Zeit wird im Dik­aste­ri­um für die Glau­bens­leh­re unter der Lei­tung von Kar­di­nal Vic­tor Manu­el „Tucho“ Fernán­dez an einem Doku­ment gear­bei­tet, das sich einer der ent­schei­den­den Fra­gen der gegen­wär­ti­gen Kir­chen­kri­se wid­men soll: Wie kann der katho­li­sche Glau­be in einer Welt wei­ter­ge­ge­ben wer­den, in der immer mehr Men­schen – vor allem die jün­ge­ren Gene­ra­tio­nen – den Bezug zu Gott und zur Kir­che verlieren?

Nun scheint das lan­ge ange­kün­dig­te Doku­ment unmit­tel­bar vor der Ver­öf­fent­li­chung zu ste­hen. Nach Infor­ma­tio­nen von ACI Pren­sa (CNA) soll es Mit­te Okto­ber unter dem Titel „Veni­te ad me“ – „Kommt zu mir“ erschei­nen. Eine Quel­le aus dem Dik­aste­ri­um erklär­te, das Doku­ment wol­le „ver­schie­de­ne Wege“ und Mög­lich­kei­ten auf­zei­gen und die Diö­ze­sen dazu anre­gen, gemein­sam über die Schwie­rig­kei­ten und neu­en Mög­lich­kei­ten der Glau­bens­wei­ter­ga­be nach­zu­den­ken. An der Vor­be­rei­tung wur­den die Bischofs­kon­fe­ren­zen welt­weit betei­ligt; rund 70 Pro­zent sol­len geant­wor­tet haben.

Damit wird ein Vor­ha­ben kon­kret, das Kar­di­nal Fernán­dez, der Haupt­pro­te­gé von Papst Fran­zis­kus, bereits im Mai ange­kün­digt hat­te. Damals erklär­te der Prä­fekt, der Text ent­ste­he im Dia­log mit dem Dik­aste­ri­um für die Evan­ge­li­sie­rung und gehe unter ande­rem auf das Apo­sto­li­sche Schrei­ben Evan­ge­lii gau­di­um von Papst Fran­zis­kus zurück. Fran­zis­kus habe beson­ders die Volks­fröm­mig­keit und die Fami­lie als Mit­tel der Glau­bens­wei­ter­ga­be geschätzt, so Fernán­dez. Aller­dings zeig­te sich das in sei­ner Amts­füh­rung weni­ger, wie hin­zu­zu­fü­gen wäre. Zugleich habe er fest­ge­stellt, so Fernán­dez wei­ter, daß die­se Wei­ter­ga­be in vie­len Berei­chen abge­bro­chen sei.

Genau hier liegt mög­li­cher­wei­se der ent­schei­den­de Prüf­stein für „Veni­te ad me“. Bereits Evan­ge­lii gau­di­um stell­te nüch­tern fest, daß in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten ein Bruch in der Wei­ter­ga­be des christ­li­chen Glau­bens an die Jugend ein­ge­tre­ten sei. Zugleich bezeich­ne­te Fran­zis­kus die Volks­fröm­mig­keit als eine wirk­li­che Kraft der Evan­ge­li­sie­rung und als eine Wei­se, in der der ein­mal emp­fan­ge­ne Glau­be von Gene­ra­ti­on zu Gene­ra­ti­on Gestalt annimmt.

Noch grund­sätz­li­cher ist die Ant­wort, die der Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che längst gibt: Die Eltern sind die „ersten Glau­bens­bo­ten“ ihrer Kin­der. Die Glau­bens­er­zie­hung beginnt nicht erst im Pfarr­saal oder im Reli­gi­ons­un­ter­richt, son­dern im Eltern­haus – durch Gebet, Bei­spiel, Fami­li­en­ka­te­che­se und Teil­nah­me am Leben der Kir­che. Bene­dikt XVI. for­mu­lier­te den­sel­ben Gedan­ken beson­ders ein­dring­lich: Die Spra­che des Glau­bens wer­de in Fami­li­en gelernt, in denen der Glau­be durch Gebet und christ­li­che Pra­xis wächst.

Auch Papst Leo XIV. erklär­te das Pro­blem inzwi­schen aus­drück­lich zur „gro­ßen Dring­lich­keit“. Bei der Voll­ver­samm­lung des Glau­bens­dik­aste­ri­ums im Janu­ar 2026 sprach er von einem „Bruch“ in der gene­ra­tio­nel­len Wei­ter­ga­be des christ­li­chen Glau­bens und davon, daß gera­de jun­ge Men­schen das Evan­ge­li­um viel­fach nicht mehr als grund­le­gen­de Ori­en­tie­rung ihres Lebens wahr­neh­men. Die Ant­wort kön­ne jedoch nicht in kirch­li­cher Selbst­be­spie­ge­lung bestehen, son­dern müs­se zur mis­sio­na­ri­schen Ver­kün­di­gung und zur „Freu­de der Evan­ge­li­sie­rung“ führen.

Wird das neue Doku­ment ledig­lich neue pasto­ra­le Metho­den für eine zuneh­mend säku­la­re Gesell­schaft vor­schla­gen – oder wird es tie­fer anset­zen und jene tra­di­tio­nel­len Orte der Glau­bens­wei­ter­ga­be wie­der ins Zen­trum rücken, die der Kir­che über Jahr­hun­der­te selbst­ver­ständ­lich waren: die katho­li­sche Fami­lie, das Gebet, die Lit­ur­gie, die Sakra­men­te, die Kate­che­se, die Hei­li­gen­ver­eh­rung und eine leben­di­ge Volksfrömmigkeit?

Der Titel des Doku­ments stammt jeden­falls von Chri­stus selbst: „Kommt zu mir“ (Mt 11,28). Und genau dar­in liegt letzt­lich die gan­ze Fra­ge der Glau­bens­wei­ter­ga­be: Nicht eine Tech­nik muß von Gene­ra­ti­on zu Gene­ra­ti­on wei­ter­ge­reicht wer­den, son­dern der Glau­be an eine Per­son – Jesus Christus.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Katho​li​sches​.info

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