Seit geraumer Zeit wird im Dikasterium für die Glaubenslehre unter der Leitung von Kardinal Victor Manuel „Tucho“ Fernández an einem Dokument gearbeitet, das sich einer der entscheidenden Fragen der gegenwärtigen Kirchenkrise widmen soll: Wie kann der katholische Glaube in einer Welt weitergegeben werden, in der immer mehr Menschen – vor allem die jüngeren Generationen – den Bezug zu Gott und zur Kirche verlieren?
Nun scheint das lange angekündigte Dokument unmittelbar vor der Veröffentlichung zu stehen. Nach Informationen von ACI Prensa (CNA) soll es Mitte Oktober unter dem Titel „Venite ad me“ – „Kommt zu mir“ erscheinen. Eine Quelle aus dem Dikasterium erklärte, das Dokument wolle „verschiedene Wege“ und Möglichkeiten aufzeigen und die Diözesen dazu anregen, gemeinsam über die Schwierigkeiten und neuen Möglichkeiten der Glaubensweitergabe nachzudenken. An der Vorbereitung wurden die Bischofskonferenzen weltweit beteiligt; rund 70 Prozent sollen geantwortet haben.
Damit wird ein Vorhaben konkret, das Kardinal Fernández, der Hauptprotegé von Papst Franziskus, bereits im Mai angekündigt hatte. Damals erklärte der Präfekt, der Text entstehe im Dialog mit dem Dikasterium für die Evangelisierung und gehe unter anderem auf das Apostolische Schreiben Evangelii gaudium von Papst Franziskus zurück. Franziskus habe besonders die Volksfrömmigkeit und die Familie als Mittel der Glaubensweitergabe geschätzt, so Fernández. Allerdings zeigte sich das in seiner Amtsführung weniger, wie hinzuzufügen wäre. Zugleich habe er festgestellt, so Fernández weiter, daß diese Weitergabe in vielen Bereichen abgebrochen sei.
Genau hier liegt möglicherweise der entscheidende Prüfstein für „Venite ad me“. Bereits Evangelii gaudium stellte nüchtern fest, daß in den vergangenen Jahrzehnten ein Bruch in der Weitergabe des christlichen Glaubens an die Jugend eingetreten sei. Zugleich bezeichnete Franziskus die Volksfrömmigkeit als eine wirkliche Kraft der Evangelisierung und als eine Weise, in der der einmal empfangene Glaube von Generation zu Generation Gestalt annimmt.
Noch grundsätzlicher ist die Antwort, die der Katechismus der Katholischen Kirche längst gibt: Die Eltern sind die „ersten Glaubensboten“ ihrer Kinder. Die Glaubenserziehung beginnt nicht erst im Pfarrsaal oder im Religionsunterricht, sondern im Elternhaus – durch Gebet, Beispiel, Familienkatechese und Teilnahme am Leben der Kirche. Benedikt XVI. formulierte denselben Gedanken besonders eindringlich: Die Sprache des Glaubens werde in Familien gelernt, in denen der Glaube durch Gebet und christliche Praxis wächst.
Auch Papst Leo XIV. erklärte das Problem inzwischen ausdrücklich zur „großen Dringlichkeit“. Bei der Vollversammlung des Glaubensdikasteriums im Januar 2026 sprach er von einem „Bruch“ in der generationellen Weitergabe des christlichen Glaubens und davon, daß gerade junge Menschen das Evangelium vielfach nicht mehr als grundlegende Orientierung ihres Lebens wahrnehmen. Die Antwort könne jedoch nicht in kirchlicher Selbstbespiegelung bestehen, sondern müsse zur missionarischen Verkündigung und zur „Freude der Evangelisierung“ führen.
Wird das neue Dokument lediglich neue pastorale Methoden für eine zunehmend säkulare Gesellschaft vorschlagen – oder wird es tiefer ansetzen und jene traditionellen Orte der Glaubensweitergabe wieder ins Zentrum rücken, die der Kirche über Jahrhunderte selbstverständlich waren: die katholische Familie, das Gebet, die Liturgie, die Sakramente, die Katechese, die Heiligenverehrung und eine lebendige Volksfrömmigkeit?
Der Titel des Dokuments stammt jedenfalls von Christus selbst: „Kommt zu mir“ (Mt 11,28). Und genau darin liegt letztlich die ganze Frage der Glaubensweitergabe: Nicht eine Technik muß von Generation zu Generation weitergereicht werden, sondern der Glaube an eine Person – Jesus Christus.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Katholisches.info
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