Der britische Publizist Steven Tucker kritisiert in einem heute auf der Internetseite des Crisis magazine veröffentlichten Artikel eine Entwicklung, in der Teile des westlichen Christentums ihre eigene religiöse und kulturelle Überlieferung zunehmend unter dem Vorzeichen von „Rassismus“ und „weißer Vorherrschaft“ in Frage stellen. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist der Begriff des „non-practicing white“ – des „nicht praktizierenden Weißen“.
Gemeint sind Menschen, die zwar äußerlich als weiß gelten, sich aber von dem distanzieren wollen, was sie als mit „Weißsein“ verbundene Verhaltensweisen und gesellschaftliche Strukturen betrachten. „Weißsein“ wird dabei weniger als biologische oder ethnische Eigenschaft verstanden, sondern als eine gesellschaftliche Praxis, die man durch entsprechende politische und moralische Entscheidungen ablehnen könne. Kurzum eine Art schizophrene Aufspaltung.
Tucker sieht darin eine Parallele zum Begriff des „nicht praktizierenden Christen“. Während der eine seine Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe moralisch problematisiert, ohne seine Hautfarbe ablegen zu können, bezeichnet sich der andere als Christ, obwohl er die Inhalte und Lebensformen des Christentums weitgehend aufgegeben hat.
Christentum als Ausdruck des „Weißseins“?
Die eigentliche Brisanz erkennt Tucker dort, wo beide Vorstellungen miteinander verbunden werden. In bestimmten säkularen und linksgerichteten Diskursen werde das Christentum zunehmend mit „Weißsein“ identifiziert und damit als Teil eines Systems historischer Unterdrückung verstanden.
Tucker hält diese Gleichsetzung schon aus historischer Sicht für problematisch. Das Christentum entstand im Nahen Osten, und ein großer Teil der heutigen Christenheit lebt in Afrika und Lateinamerika. Dennoch werde das Christentum in bestimmten westlichen Debatten so behandelt, als sei es im Kern eine europäische Hervorbringung, um es in den größeren Anti-Weißen-Diskurs einbeziehen zu können.
Besonders kritisiert Tucker die These, das Christentum habe den modernen Rassenbegriff geschaffen. Als Beispiel führt er die Behauptung an, Christen hätten mit der Entstehung des spanischen Begriffs „raza“ die Kategorie der „Rasse“ gleichsam erfunden. Für Tucker wird dabei eine sprachgeschichtliche Entwicklung mit einer umfassenden historischen Schuldthese gleichgesetzt: Die Entstehung eines Begriffs bedeute nicht, daß damit auch das zugrundeliegende gesellschaftliche Phänomen geschaffen worden sei.
Die Kirche als Angeklagte ihrer eigenen Geschichte
Nach Tuckers Darstellung führt diese Sichtweise zum Paradodx„ daß sich die Kirche selbst von ihrer eigenen Geschichte distanzieren solle. Historische Verfehlungen wie Sklaverei und Kolonialismus würden dabei in eine umfassende Erzählung eingeordnet, in der das Christentum als wesentlicher Träger eines rassischen Herrschaftssystems erscheint.
Tucker kritisiert nicht die historische Auseinandersetzung mit Sklaverei oder Rassismus als solche, sondern eine aus seiner Sicht einseitige Geschichtsdeutung, in der die Schuld nahezu ausschließlich bei Christentum und europäischen Gesellschaften gesucht werde, während andere historische Gesellschaften und Religionen kaum berücksichtigt würden. Nun sei die Verstrickung beispielsweise von Juden und Muslimen in den Sklavenhandel und die Sklavenhaltung ausreichend erforscht, was aber offenbar gerade im weißen Westen nicht angekommen zu sein scheint.
Damit verbindet sich für ihn die grundsätzliche Frage, ob eine christliche Kirche ihre eigene Geschichte dadurch bewältigen kann, daß sie sich selbst und ihre religiöse Tradition zum eigentlichen Problem erklärt.
Insgesamt wirkt die von Tucker beschriebene Debatte wie eine Instrumentalisierung der Geschichte: Nicht die historische Wahrheit scheint wirklich eine Rolle zu spielen, sondern vielmehr das, was Anti-Weiß-Ideologen sich aus der Geschichte zusammenreimen und für ihre gegenwärtige Agenda nutzbar machen können.
Wenn die Kirche ihre eigene Botschaft verdächtigt
Besonders deutlich werde diese Entwicklung nach Tucker in Teilen der anglikanischen Kirche. Er führt Geistliche an, die sich demonstrativ von einem als „weiß“ verstandenen Christentum distanzieren und dabei religiöse oder politische Positionen vertreten, die Tucker als Selbstaufgabe christlicher Identität deutet.
Im Mittelpunkt steht für ihn die Frage, was geschieht, wenn der Kampf gegen „weiße Vorherrschaft“ zu einem theologischen Grundprinzip wird. Dann könne selbst ein Bekenntnis zu Christus als problematisch erscheinen, wenn es mit einer europäischen oder nationalen Identität verbunden werde.
Tucker verweist hierzu auf den anglikanischen Bischof Arun Arora, der weiße englische Demonstranten, die bei Protesten gegen die Ausbreitung des Islam den Ruf „Christ is King!“ verwendet hatten, mit „white supremacy“ und Nationalsozialismus in Verbindung gebracht habe. Nach Tuckers Darstellung werde damit ausgerechnet das christliche Bekenntnis selbst zum Verdachtsmoment.
Tucker erwähnt es nicht direkt, doch der Kontext der Anti-Weißen-Ideologie steht offensichtlich in kausalem Zusammenhang mit der immer stärkeren Präsenz Nicht-Weißer, wie das konkrete Beispiel Großbritannien zeigt. Das bedeutet aber auch, daß durch die Massenmigration nicht nur die Einwanderung von Menschen aus fremden Volksgruppen, Religionen und Kulturen erfolgt, sondern daß zugleich der Druck auf die einheimische Restbevölkerung zunimmt, die eigene Identität in Frage zu stellen. Eine solche Entwicklung wurde bereits vor Jahren und Jahrzehnten von Kritikern warnend als „Überfremdung“, „fremde Übernahme“ und „Unterwerfung“ beschrieben.
Die paradoxe Selbstverleugnung
Hier liegt für Tucker der eigentliche Kern des Problems: Wer das Christentum als historisch „weiß“ und damit als grundsätzlich verdächtig betrachtet, bedient sich dennoch moralischer Maßstäbe, die wesentlich aus der christlichen Tradition stammen.
Als Beispiel nennt er die Vorstellung von der grundsätzlichen Gleichheit aller Menschen. Der Gedanke, daß ethnische Unterschiede nicht über den Wert des Menschen entscheiden, erscheint in modernen antirassistischen Bewegungen als selbstverständlich. Tucker verweist jedoch darauf, daß eine solche Vorstellung eine starke biblische und christliche Vorgeschichte besitzt, also ohne das Christentum in ihrer heutigen Form gar nicht denkbar wären.
Er führt insbesondere den paulinischen Gedanken aus dem Galaterbrief an: „Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier … denn ihr seid alle einer in Christus Jesus.“ Für Tucker liegt darin eine Ironie: Menschen, die sich vom Christentum und seiner europäischen Geschichte distanzieren, können zugleich moralische Vorstellungen vertreten, deren Wurzeln gerade in dieser Tradition liegen.
Eine Identität läßt sich nicht einfach abstreifen
Von hier aus zieht Tucker eine Parallele zum katholischen Verständnis der Taufe. Ein Christ könne sich vom Glauben entfernen und zu einem „nicht praktizierenden“ Christen werden; die Taufe selbst werde dadurch jedoch nicht ungeschehen gemacht. Nach katholischem Verständnis hinterlasse sie ein unauslöschliches Prägemal.
Diese theologische Vorstellung dient Tucker als Bild für seine umfassendere These: Eine kulturelle und geistige Tradition lasse sich nicht einfach dadurch abschütteln, daß man sie öffentlich verurteilt.
Wer aus einer christlich geprägten Gesellschaft stamme und zugleich christliche Vorstellungen von Menschenwürde, Gleichheit und moralischer Verantwortung vertrete, stehe weiterhin in einer geistigen Tradition, von der er sich vielleicht ausdrücklich lossagen wolle.
Nicht Herkunft, sondern moralischer Hochmut
Am Ende verschiebt Tucker deshalb den Schwerpunkt der Schuldfrage. Das eigentliche Problem sei nicht die Hautfarbe eines Menschen und ebenso wenig seine christliche Herkunft. Die entscheidende Verfehlung liege vielmehr in einer Haltung moralischer Überlegenheit.
Wer sich als besonders aufgeklärt und von der Schuld seiner Vorfahren geläutert darstelle, könne dabei einer neuen Form von Stolz erliegen. Die demonstrative Selbstanklage werde dann paradoxerweise selbst zu einer Quelle moralischer Selbsterhöhung.
Tuckers Kritik richtet sich damit gegen eine Form des Christentums, die ihre eigene religiöse und kulturelle Herkunft als Belastung betrachtet und ihre Legitimität vor allem daraus gewinnen möchte, daß sie sich von ihr distanziert.
Seine zentrale These lautet: Wer das Christentum als Ursache der moralischen Übel der westlichen Geschichte bekämpft, übernimmt möglicherweise gerade jene moralischen Maßstäbe, die aus der christlichen Tradition hervorgegangen sind. Die Kirche verliere damit nicht nur ihre historische Erinnerung, sondern drohe auch den geistigen Ursprung ihrer eigenen Botschaft zu verleugnen.
Der „nicht praktizierende Christ“ wird so bei Tucker zum Sinnbild einer tieferen Entwicklung: Er möchte die christliche Identität hinter sich lassen, bleibt aber in seinen moralischen Vorstellungen weiterhin von ihr geprägt. Seine Abkehr vom Christentum wird dadurch zu einer eigentümlichen Form von Abhängigkeit – und die demonstrative Verurteilung der eigenen Herkunft zu einer neuen Form des Stolzes.
Tuckers Ausführungen wäre noch mit einem Schuß Polemik hinzuzufügen, daß es keine größere Erfolgsgeschichte in der Menschheitsgeschichte gibt als das europäische Denken und die daraus erwachsene Kultur, das als zivilisatorischer Kraft auf dem Christentum beruht. Bei allen Verfehlungen, die der sündige Mensch auch begangen haben mag, ist dieses europäische Modell immerhin so attraktiv, daß es die ganze Welt nachahmt und niemand mehr missen will – auch nicht die Verfechter anti-weißer Positionen.
Sie erinnern an die nicht minder verfehlte Amazonas-Romantik, die man im Westen verbreitete, während der weitaus größte Teil der Amazonas-Indios längst in Städten lebt und bemüht war, dem Urwald-Dasein so schnell als möglich zu entfliehen. Oder dem lateinamerikanischen Anti-Kolonialimus, der mit Kolumbus und der Entdeckungs Amerikas auch gleich das Christentum mitensorgen möchte, aber natürlich keine der europäischen Segnungen im Lebensstandard vermissen möchte.
Der direkte Angriff auf die Identität der Weißen ist jedoch weit gefährlicher, denn hinter der moralischen Maske verbirgt sich eine Machtfrage, zu der angesetzt wird. Man sollte nicht so naiv sein, eine diesbezügliche Instrumentalisierung auszuschließen.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Crisis magazine (Screenshot)
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