Wenn Christen sich selbst verleugnen

Über „nicht praktizierende Weiße“ und ein Christentum ohne Christentum

Die durchsichtigen Versuche der Anti-Weißen-Ideologie, das Christentum in den Schuldkult einzubeziehen und unter Anklage zu stellen. Das Bild zeigt die "Erzbischöfin" von Canterbury Sarah Mullally, wie sie den islamischen Religionsvertreter Hafiz Muhammad Tahir Mehmood Ashrafi (mit seiner Frau und einer Tochter) mit dem Hubert-Walter-Preis "für Versöhnung und interreligiöse Zusammenarbeit" ausgezeichnet.
Die durchsichtigen Versuche der Anti-Weißen-Ideologie, das Christentum in den Schuldkult einzubeziehen und unter Anklage zu stellen. Das Bild zeigt die "Erzbischöfin" von Canterbury Sarah Mullally, wie sie den islamischen Religionsvertreter Muhammad Tahier Mehmood Ashrafi (mit seiner Frau) mit dem Hubert-Walter-Preis "für Versöhnung und interreligiöse Zusammenarbeit" ausgezeichnet.

Der bri­ti­sche Publi­zist Ste­ven Tucker kri­ti­siert in einem heu­te auf der Inter­net­sei­te des Cri­sis maga­zi­ne ver­öf­fent­lich­ten Arti­kel eine Ent­wick­lung, in der Tei­le des west­li­chen Chri­sten­tums ihre eige­ne reli­giö­se und kul­tu­rel­le Über­lie­fe­rung zuneh­mend unter dem Vor­zei­chen von „Ras­sis­mus“ und „wei­ßer Vor­herr­schaft“ in Fra­ge stel­len. Aus­gangs­punkt sei­ner Über­le­gun­gen ist der Begriff des „non-prac­ti­cing white“ – des „nicht prak­ti­zie­ren­den Weißen“.

Gemeint sind Men­schen, die zwar äußer­lich als weiß gel­ten, sich aber von dem distan­zie­ren wol­len, was sie als mit „Weiß­sein“ ver­bun­de­ne Ver­hal­tens­wei­sen und gesell­schaft­li­che Struk­tu­ren betrach­ten. „Weiß­sein“ wird dabei weni­ger als bio­lo­gi­sche oder eth­ni­sche Eigen­schaft ver­stan­den, son­dern als eine gesell­schaft­li­che Pra­xis, die man durch ent­spre­chen­de poli­ti­sche und mora­li­sche Ent­schei­dun­gen ableh­nen kön­ne. Kurz­um eine Art schi­zo­phre­ne Aufspaltung.

Tucker sieht dar­in eine Par­al­le­le zum Begriff des „nicht prak­ti­zie­ren­den Chri­sten“. Wäh­rend der eine sei­ne Zuge­hö­rig­keit zu einer eth­ni­schen Grup­pe mora­lisch pro­ble­ma­ti­siert, ohne sei­ne Haut­far­be able­gen zu kön­nen, bezeich­net sich der ande­re als Christ, obwohl er die Inhal­te und Lebens­for­men des Chri­sten­tums weit­ge­hend auf­ge­ge­ben hat.

Christentum als Ausdruck des „Weißseins“?

Die eigent­li­che Bri­sanz erkennt Tucker dort, wo bei­de Vor­stel­lun­gen mit­ein­an­der ver­bun­den wer­den. In bestimm­ten säku­la­ren und links­ge­rich­te­ten Dis­kur­sen wer­de das Chri­sten­tum zuneh­mend mit „Weiß­sein“ iden­ti­fi­ziert und damit als Teil eines Systems histo­ri­scher Unter­drückung verstanden.

Tucker hält die­se Gleich­set­zung schon aus histo­ri­scher Sicht für pro­ble­ma­tisch. Das Chri­sten­tum ent­stand im Nahen Osten, und ein gro­ßer Teil der heu­ti­gen Chri­sten­heit lebt in Afri­ka und Latein­ame­ri­ka. Den­noch wer­de das Chri­sten­tum in bestimm­ten west­li­chen Debat­ten so behan­delt, als sei es im Kern eine euro­päi­sche Her­vor­brin­gung, um es in den grö­ße­ren Anti-Wei­ßen-Dis­kurs ein­be­zie­hen zu können.

Beson­ders kri­ti­siert Tucker die The­se, das Chri­sten­tum habe den moder­nen Ras­sen­be­griff geschaf­fen. Als Bei­spiel führt er die Behaup­tung an, Chri­sten hät­ten mit der Ent­ste­hung des spa­ni­schen Begriffs „raza“ die Kate­go­rie der „Ras­se“ gleich­sam erfun­den. Für Tucker wird dabei eine sprach­ge­schicht­li­che Ent­wick­lung mit einer umfas­sen­den histo­ri­schen Schuld­the­se gleich­ge­setzt: Die Ent­ste­hung eines Begriffs bedeu­te nicht, daß damit auch das zugrun­de­lie­gen­de gesell­schaft­li­che Phä­no­men geschaf­fen wor­den sei.

Die Kirche als Angeklagte ihrer eigenen Geschichte

Nach Tuckers Dar­stel­lung führt die­se Sicht­wei­se zum Para­do­dx„ daß sich die Kir­che selbst von ihrer eige­nen Geschich­te distan­zie­ren sol­le. Histo­ri­sche Ver­feh­lun­gen wie Skla­ve­rei und Kolo­nia­lis­mus wür­den dabei in eine umfas­sen­de Erzäh­lung ein­ge­ord­net, in der das Chri­sten­tum als wesent­li­cher Trä­ger eines ras­si­schen Herr­schafts­sy­stems erscheint.

Tucker kri­ti­siert nicht die histo­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit Skla­ve­rei oder Ras­sis­mus als sol­che, son­dern eine aus sei­ner Sicht ein­sei­ti­ge Geschichts­deu­tung, in der die Schuld nahe­zu aus­schließ­lich bei Chri­sten­tum und euro­päi­schen Gesell­schaf­ten gesucht wer­de, wäh­rend ande­re histo­ri­sche Gesell­schaf­ten und Reli­gio­nen kaum berück­sich­tigt wür­den. Nun sei die Ver­strickung bei­spiels­wei­se von Juden und Mus­li­men in den Skla­ven­han­del und die Skla­ven­hal­tung aus­rei­chend erforscht, was aber offen­bar gera­de im wei­ßen Westen nicht ange­kom­men zu sein scheint.

Damit ver­bin­det sich für ihn die grund­sätz­li­che Fra­ge, ob eine christ­li­che Kir­che ihre eige­ne Geschich­te dadurch bewäl­ti­gen kann, daß sie sich selbst und ihre reli­giö­se Tra­di­ti­on zum eigent­li­chen Pro­blem erklärt.

Ins­ge­samt wirkt die von Tucker beschrie­be­ne Debat­te wie eine Instru­men­ta­li­sie­rung der Geschich­te: Nicht die histo­ri­sche Wahr­heit scheint wirk­lich eine Rol­le zu spie­len, son­dern viel­mehr das, was Anti-Weiß-Ideo­lo­gen sich aus der Geschich­te zusam­men­rei­men und für ihre gegen­wär­ti­ge Agen­da nutz­bar machen können.

Wenn die Kirche ihre eigene Botschaft verdächtigt

Beson­ders deut­lich wer­de die­se Ent­wick­lung nach Tucker in Tei­len der angli­ka­ni­schen Kir­che. Er führt Geist­li­che an, die sich demon­stra­tiv von einem als „weiß“ ver­stan­de­nen Chri­sten­tum distan­zie­ren und dabei reli­giö­se oder poli­ti­sche Posi­tio­nen ver­tre­ten, die Tucker als Selbst­auf­ga­be christ­li­cher Iden­ti­tät deutet.

Im Mit­tel­punkt steht für ihn die Fra­ge, was geschieht, wenn der Kampf gegen „wei­ße Vor­herr­schaft“ zu einem theo­lo­gi­schen Grund­prin­zip wird. Dann kön­ne selbst ein Bekennt­nis zu Chri­stus als pro­ble­ma­tisch erschei­nen, wenn es mit einer euro­päi­schen oder natio­na­len Iden­ti­tät ver­bun­den werde.

Tucker ver­weist hier­zu auf den angli­ka­ni­schen Bischof Arun Aro­ra, der wei­ße eng­li­sche Demon­stran­ten, die bei Pro­te­sten gegen die Aus­brei­tung des Islam den Ruf „Christ is King!“ ver­wen­det hat­ten, mit „white supre­ma­cy“ und Natio­nal­so­zia­lis­mus in Ver­bin­dung gebracht habe. Nach Tuckers Dar­stel­lung wer­de damit aus­ge­rech­net das christ­li­che Bekennt­nis selbst zum Verdachtsmoment.

Tucker erwähnt es nicht direkt, doch der Kon­text der Anti-Wei­ßen-Ideo­lo­gie steht offen­sicht­lich in kau­sa­lem Zusam­men­hang mit der immer stär­ke­ren Prä­senz Nicht-Wei­ßer, wie das kon­kre­te Bei­spiel Groß­bri­tan­ni­en zeigt. Das bedeu­tet aber auch, daß durch die Mas­sen­mi­gra­ti­on nicht nur die Ein­wan­de­rung von Men­schen aus frem­den Volks­grup­pen, Reli­gio­nen und Kul­tu­ren erfolgt, son­dern daß zugleich der Druck auf die ein­hei­mi­sche Rest­be­völ­ke­rung zunimmt, die eige­ne Iden­ti­tät in Fra­ge zu stel­len. Eine sol­che Ent­wick­lung wur­de bereits vor Jah­ren und Jahr­zehn­ten von Kri­ti­kern war­nend als „Über­frem­dung“, „frem­de Über­nah­me“ und „Unter­wer­fung“ beschrieben.

Die paradoxe Selbstverleugnung

Hier liegt für Tucker der eigent­li­che Kern des Pro­blems: Wer das Chri­sten­tum als histo­risch „weiß“ und damit als grund­sätz­lich ver­däch­tig betrach­tet, bedient sich den­noch mora­li­scher Maß­stä­be, die wesent­lich aus der christ­li­chen Tra­di­ti­on stammen.

Als Bei­spiel nennt er die Vor­stel­lung von der grund­sätz­li­chen Gleich­heit aller Men­schen. Der Gedan­ke, daß eth­ni­sche Unter­schie­de nicht über den Wert des Men­schen ent­schei­den, erscheint in moder­nen anti­ras­si­sti­schen Bewe­gun­gen als selbst­ver­ständ­lich. Tucker ver­weist jedoch dar­auf, daß eine sol­che Vor­stel­lung eine star­ke bibli­sche und christ­li­che Vor­ge­schich­te besitzt, also ohne das Chri­sten­tum in ihrer heu­ti­gen Form gar nicht denk­bar wären.

Er führt ins­be­son­de­re den pau­li­ni­schen Gedan­ken aus dem Gala­ter­brief an: „Da ist nicht Jude noch Grie­che, da ist nicht Skla­ve noch Frei­er … denn ihr seid alle einer in Chri­stus Jesus.“ Für Tucker liegt dar­in eine Iro­nie: Men­schen, die sich vom Chri­sten­tum und sei­ner euro­päi­schen Geschich­te distan­zie­ren, kön­nen zugleich mora­li­sche Vor­stel­lun­gen ver­tre­ten, deren Wur­zeln gera­de in die­ser Tra­di­ti­on liegen.

Eine Identität läßt sich nicht einfach abstreifen

Von hier aus zieht Tucker eine Par­al­le­le zum katho­li­schen Ver­ständ­nis der Tau­fe. Ein Christ kön­ne sich vom Glau­ben ent­fer­nen und zu einem „nicht prak­ti­zie­ren­den“ Chri­sten wer­den; die Tau­fe selbst wer­de dadurch jedoch nicht unge­sche­hen gemacht. Nach katho­li­schem Ver­ständ­nis hin­ter­las­se sie ein unaus­lösch­li­ches Prägemal.

Die­se theo­lo­gi­sche Vor­stel­lung dient Tucker als Bild für sei­ne umfas­sen­de­re The­se: Eine kul­tu­rel­le und gei­sti­ge Tra­di­ti­on las­se sich nicht ein­fach dadurch abschüt­teln, daß man sie öffent­lich verurteilt.

Wer aus einer christ­lich gepräg­ten Gesell­schaft stam­me und zugleich christ­li­che Vor­stel­lun­gen von Men­schen­wür­de, Gleich­heit und mora­li­scher Ver­ant­wor­tung ver­tre­te, ste­he wei­ter­hin in einer gei­sti­gen Tra­di­ti­on, von der er sich viel­leicht aus­drück­lich los­sa­gen wolle.

Nicht Herkunft, sondern moralischer Hochmut

Am Ende ver­schiebt Tucker des­halb den Schwer­punkt der Schuld­fra­ge. Das eigent­li­che Pro­blem sei nicht die Haut­far­be eines Men­schen und eben­so wenig sei­ne christ­li­che Her­kunft. Die ent­schei­den­de Ver­feh­lung lie­ge viel­mehr in einer Hal­tung mora­li­scher Überlegenheit.

Wer sich als beson­ders auf­ge­klärt und von der Schuld sei­ner Vor­fah­ren geläu­tert dar­stel­le, kön­ne dabei einer neu­en Form von Stolz erlie­gen. Die demon­stra­ti­ve Selbst­an­kla­ge wer­de dann para­do­xer­wei­se selbst zu einer Quel­le mora­li­scher Selbsterhöhung.

Tuckers Kri­tik rich­tet sich damit gegen eine Form des Chri­sten­tums, die ihre eige­ne reli­giö­se und kul­tu­rel­le Her­kunft als Bela­stung betrach­tet und ihre Legi­ti­mi­tät vor allem dar­aus gewin­nen möch­te, daß sie sich von ihr distanziert.

Sei­ne zen­tra­le The­se lau­tet: Wer das Chri­sten­tum als Ursa­che der mora­li­schen Übel der west­li­chen Geschich­te bekämpft, über­nimmt mög­li­cher­wei­se gera­de jene mora­li­schen Maß­stä­be, die aus der christ­li­chen Tra­di­ti­on her­vor­ge­gan­gen sind. Die Kir­che ver­lie­re damit nicht nur ihre histo­ri­sche Erin­ne­rung, son­dern dro­he auch den gei­sti­gen Ursprung ihrer eige­nen Bot­schaft zu verleugnen.

Der „nicht prak­ti­zie­ren­de Christ“ wird so bei Tucker zum Sinn­bild einer tie­fe­ren Ent­wick­lung: Er möch­te die christ­li­che Iden­ti­tät hin­ter sich las­sen, bleibt aber in sei­nen mora­li­schen Vor­stel­lun­gen wei­ter­hin von ihr geprägt. Sei­ne Abkehr vom Chri­sten­tum wird dadurch zu einer eigen­tüm­li­chen Form von Abhän­gig­keit – und die demon­stra­ti­ve Ver­ur­tei­lung der eige­nen Her­kunft zu einer neu­en Form des Stolzes.

Tuckers Aus­füh­run­gen wäre noch mit einem Schuß Pole­mik hin­zu­zu­fü­gen, daß es kei­ne grö­ße­re Erfolgs­ge­schich­te in der Mensch­heits­ge­schich­te gibt als das euro­päi­sche Den­ken und die dar­aus erwach­se­ne Kul­tur, das als zivi­li­sa­to­ri­scher Kraft auf dem Chri­sten­tum beruht. Bei allen Ver­feh­lun­gen, die der sün­di­ge Mensch auch began­gen haben mag, ist die­ses euro­päi­sche Modell immer­hin so attrak­tiv, daß es die gan­ze Welt nach­ahmt und nie­mand mehr mis­sen will – auch nicht die Ver­fech­ter anti-wei­ßer Positionen.

Sie erin­nern an die nicht min­der ver­fehl­te Ama­zo­nas-Roman­tik, die man im Westen ver­brei­te­te, wäh­rend der weit­aus größ­te Teil der Ama­zo­nas-Indi­os längst in Städ­ten lebt und bemüht war, dem Urwald-Dasein so schnell als mög­lich zu ent­flie­hen. Oder dem latein­ame­ri­ka­ni­schen Anti-Kolo­ni­a­li­mus, der mit Kolum­bus und der Ent­deckungs Ame­ri­kas auch gleich das Chri­sten­tum mit­en­sor­gen möch­te, aber natür­lich kei­ne der euro­päi­schen Seg­nun­gen im Lebens­stan­dard ver­mis­sen möchte. 

Der direk­te Angriff auf die Iden­ti­tät der Wei­ßen ist jedoch weit gefähr­li­cher, denn hin­ter der mora­li­schen Mas­ke ver­birgt sich eine Macht­fra­ge, zu der ange­setzt wird. Man soll­te nicht so naiv sein, eine dies­be­züg­li­che Instru­men­ta­li­sie­rung auszuschließen.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cri­sis maga­zi­ne (Screen­shot)

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