Es geschehen unglaubliche Dinge mitten in Europa. Ausgerechnet auf dem Eiffelturm, einem der sichtbarsten Symbole der französischen Republik, sollen Frauen auf Wunsch einer hinduistischen Delegation aus bestimmten Bereichen ferngehalten worden sein. Die Bitte kam von BAPS (Bochasanwasi Akshar Purushottam Swaminarayan Sanstha), einer mächtigen, 1907 gegründeten Hindu-Organisation mit Sitz im indischen Ahmedabad.
Das Erstaunliche ist dabei nicht nur die Forderung. Sondern daß die französische Seite ihr offenbar nachkam.
Paris diskutiert über Laizität, Gleichberechtigung und die Frage, welche religiösen Forderungen im öffentlichen Raum akzeptabel sind. Marine Le Pen fordert ein Verbot des islamischen Schleiers in sämtlichen öffentlichen Räumen. Frankreich streitet darüber, wie konsequent es gegenüber religiös begründeten Geschlechtertrennungen auftreten soll. Der laizistische Staat führt seit Anfang des 20. Jahrhunderts einen mehr oder weniger offenen Krieg gegen das Christentum, allen voran gegen die katholische Kirche. Indem Frankreich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Einwanderungsland wurde, sieht sich der Staat inzwischen mit Millionen von Anhängern landesfremden Religionen konfrontiert – und verhält sich ihnen gegenüber ganz anders.
Am Eiffelturm, einem Symbol des modernen, laizistischen Frankreichs, ereignete sich ein Vorgang, der wie ein schlechter Scherz klingt.
Für einen ganzen Tag blieb das Pariser Wahrzeichen geschlossen. Nicht wegen eines Sturms. Nicht wegen eines technischen Defekts. Nicht wegen einer terroristischen Bedrohung. Sondern im Zusammenhang mit dem Besuch einer Hindu-Delegation.
Frauen sollten „unsichtbar“ sein
Nach Recherchen italienischer Medien, unter anderem des Corriere della Sera, sollte eine Delegation der hinduistischen Organisation BAPS den dritten Stock des Eiffelturms besuchen. Dabei soll die Organisation verlangt haben, keinen Kontakt mit weiblichen Beschäftigten zu haben.
Und diese Forderung wurde von den französischen Gastgebern nicht zurückgewiesen.
Vielmehr sollen Mitarbeiterinnen aufgefordert worden sein, bestimmte Bereiche zu meiden beziehungsweise sich durch männliche Kollegen ersetzen zu lassen.
Man muß sich diese Szene vorstellen: Mitten in Paris, auf dem Eiffelturm, werden Frauen zur Seite genommen, weil eine hinduistische Delegation keinen Kontakt mit ihnen wünscht. Das geschieht in der EU im Jahr 2026.
Die Betreiber des Eiffelturms ist die Société d’Exploitation de la Tour Eiffel (SETE), die sich zu 100 Prozent im Eigentum der Stadt Paris befindet. Paris wird seit 2001 ohne Unterbrechung von sozialistischen Bürgermeistern regiert. Die aktuelle Stadtregierung von Bürgermeister Emmanuel Grégoire setzt sich aus Sozialisten, Grünen, Kommunisten, Linksradikalen und anderen „progressiven“ Kräften zusammen. Sie räumten inzwischen ein, daß die frauenfeindliche Forderung nicht hätte akzeptiert werden dürfen. Keine religiöse, kulturelle oder protokollarische Begründung könne eine Ausnahme vom Prinzip der Gleichheit von Männern und Frauen rechtfertigen, hieß es aus dem Pariser Rathaus, nachdem genau das Gegenteil davon getan worden war.
Die bemerkenswerte Erkenntnis trat bei der linken Stadtregierung erst auf, nachdem der Vorfall öffentlich geworden war
Der eigentliche Skandal liegt deshalb nicht allein in der Forderung einer landesfremden Hindu-Organisation, sondern darin, daß die ansonsten radikallaizistisch-christenfeindliche politische Linke vor anderen Religionen auf die Knie sinkt. Hinter der Fassade der angeblichen „Toleranz“ und „Vielfalt“ verbirgt sich in Wirklichkeit ein erschreckender Haß auf das Eigene.
Genau hier liegt die entscheidende Frage, denn: Was wäre geschehen, wenn eine andere religiöse Gruppe verlangt hätte, weibliches Personal aus einem öffentlichen Gebäude fernzuhalten? Wenn beispielsweise eine katholische Organisation verlangt hätte, nicht mit Homo-Propaganda belästigt zu werden? Oder gar, homosexuelles Personal aus dem öffentlichen Gebäude fernzuhalten? Mit Sicherheit hätte die Stadtverwaltung nicht so reagiert. Ganz im Gegenteil. Es wäre ein gigantischer Sturm der Entrüstung und des Widerspruchs aufgetreten und es wäre zu einem kulturkämpferischen Frontalangriff gegen alles Katholische geblasen worden.
Für eine Republik, die Gleichheit vor dem Gesetz und Laizität mit großem Nachdruck verteidigt, ist das keine nebensächliche Frage. Die betonte Gleichberechtigung dient offenbar der bloßen Dekoration.
Der mächtige Gast
Der Vorfall steht im Zusammenhang mit der Eröffnung eines großen hinduistischen Tempels in Bussy-Saint-Georges östlich von Paris. Der Tempel von BAPS wurde im Rahmen umfangreicher Feierlichkeiten eingeweiht; der geistliche Führer der Hindu-Organisation, Mahan Swami Maharaj, war persönlich anwesend.
BAPS verfügt über ein internationales Netzwerk und unterhält enge Beziehungen zu einflußreichen Kreisen in Indien. Kritiker werfen der Bewegung unter anderem eine problematische Haltung gegenüber Frauen und Angehörigen niedriger Kasten vor.
Noch heikler wird die Angelegenheit durch die politischen Verbindungen: BAPS pflegt gute Beziehungen zum indischen Premierminister Narendra Modi. Modi wiederum unterhält enge politische Beziehungen zum französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der selbst dem freimaurerischen Milieu von Frankreichs Sozialisten entstammt.
Gab es gar eine Intervention des Élysée-Palastes im Pariser Rathaus, um die besonderen „Wünsche“ des einflußreichen Gastes zu erfüllen?
Die französische Parlamentspräsidentin Yaël Braun-Pivet, selbst ehemalige Sozialistin und nunmehr Mitglied von Macrons Partei Ensemble pour la République (ehemals La République en marche), bemühte sich um Schadensbegrenzung. Sie erklärte: „Aufnehmen heißt nicht, auf unsere Werte zu verzichten“. Doch um welche „Werte“ geht es eigentlich? Seit die offizielle Politik diesen Begriff inflationär gebraucht, scheint er buchstäblich wertlos geworden zu sein.
Unterdessen ist der Anteil der Christen in Frankreich auf unter 50 Prozent gefallen, während die Zahl der Muslime, die seit den 1960er Jahren einwanderten, wahrscheinlich die Zehn-Millionen-Grenze oder 15 Prozent der Gesamtbevölkerung überschritten hat. Unter den Kindern und Jugendlichen ist der Prozentanteil deutlich höher. Die Zahl der Hindus wird auf etwa 600.000 geschätzt. Ihre massive Einwanderung begann in den 1990er Jahren – um nur diese beiden Gruppen zu nennen.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons
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