Die Gerüchte über einen unmittelbar bevorstehenden Rücktritt des Utrechter Erzbischofs und Kardinals Willem Jacobus Eijk seien gegenstandslos. Das Erzbistum Utrecht dementierte am 12. August ausdrücklich, daß der profiliert traditionsnahe Purpurträger Papst Leo XIV. bei einer Privataudienz um eine vorzeitige Entpflichtung gebeten habe. Zugleich bestätigte die Erzdiözese, daß sich Kardinal Eijk nach gesundheitlichen Problemen in der Erholungsphase befinde. Nach derzeitigem Stand soll der 73jährige Kardinal am 1. September seine Amtsgeschäfte wieder vollständig aufnehmen.
Ausgangspunkt der Spekulationen war eine am 10. August erfolgte Privataudienz bei Papst Leo XIV. AdVaticanum berichtete über die Begegnung und verwies dabei auf Eijks gesundheitliche Vorgeschichte sowie seine Abwesenheit bei den beiden außerordentlichen Kardinalskonsistorien im Januar und Juni. Daraus entstand die Vermutung, die Begegnung könne mit einem vorzeitigen Rücktritt zusammenhängen.
Das Erzbistum Utrecht stellte nun klar: „Diese Berichte sind falsch. Er hat keinen Rücktritt angeboten“, erklärte Pressesprecher Hans Zuidwijk gegenüber dem Katholiek Nieuwsblad. Privataudienzen Eijks beim Papst seien keineswegs ungewöhnlich; der Kardinal habe sowohl unter Leo XIV. als auch bereits unter dessen Vorgänger wiederholt solche Gespräche geführt. Seinen gegenwärtigen Aufenthalt in Rom habe Kardinal Eijk mit einem Urlaub in Italien verbunden.
Damit ist der Kern der gegenwärtigen Affäre schnell benannt: Die Audienz fand statt, die gesundheitlichen Probleme bestehen, ein vorzeitiges Rücktrittsgesuch gibt es aber nicht. Alles weitere gehört, so das Erzbistum Utrecht, vorerst in den Bereich der Spekulation.
Eine reale gesundheitliche Vorgeschichte
Der Kardinal hatte Ende 2025 unter Müdigkeit und Atemnot zu leiden und wurde deshalb ärztlich untersucht. Das Erzbistum teilte im Januar mit, die Ursache sei festgestellt und eine Behandlung eingeleitet worden; eine längere vollständige Ruhephase sollte die Genesung ermöglichen.
Im Februar mußte Kardinal Eijk wegen einer Infektion mehrere Tage im Krankenhaus behandelt werden. Die bereits vorgesehene Erholungszeit wurde deshalb verlängert. Das Katholiek Nieuwsblad berichtete damals, daß die vollständige Wiederaufnahme seiner Tätigkeit zunächst für die zweite Märzhälfte erwartet wurde.
Die aktuelle Mitteilung aus Utrecht zeichnet jedoch ein günstigeres Bild: Die Genesung habe länger gedauert als ursprünglich erwartet, verlaufe inzwischen aber gut. Zum 1. September werde mit der vollständigen Wiederaufnahme der bischöflichen Tätigkeit gerechnet.
Kardinal Eijk erlitt bereits 2001, damals noch Bischof von Groningen-Leeuwarden, einen Hirnstamminfarkt, der vorübergehend zu einer Lähmung der linken Körperhälfte führte und langanhaltende Beschwerden nach sich zog. 2021 folgte eine schwere Erkrankung mit hohem Fieber und einer längeren Rekonvaleszenz.
Kardinal Eijk – eine markante Gestalt des euorpäischen Episkopats
Kardinal Eijk gehört zu den profiliertesten katholischen Bischöfen Europas. Der 1953 geborene Purpurträger steht seit 2008 an der Spitze des Erzbistums Utrecht und wurde 2012 von Benedikt XVI. zum Kardinal kreiert. Sein bischöflicher Wahlspruch lautet programmatisch: „Noli recusare laborem“ – „Weigere dich nicht, die Arbeit zu tun.“
Sein akademischer und beruflicher Weg unterscheidet ihn von vielen anderen Kirchenmännern seiner Generation. Kardinal Eijk studierte Medizin, arbeitete als Arzt und wandte sich anschließend dem Priestertum und der Moraltheologie zu. Seine besondere Kompetenz liegt deshalb seit Jahrzehnten im Bereich der medizinischen Ethik.
In den großen bioethischen und anthropologischen Auseinandersetzungen der Gegenwart vertritt Kardinal Eijk mit Deutlichkeit die katholische Lehre. Er verteidigt die Unauflöslichkeit der Ehe, die Lehre von der Ehe zwischen Mann und Frau, die Heiligkeit des Menschenlebens und die Lehre über das sakramentale Priestertum.
Gerade deshalb gewann sein Wirken über die Niederlande hinaus Gewicht. Das niederländische katholische Milieu war nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil zu einem der prominentesten progressiven Spielwiesen geworden. Kardinal Eijk gehört zu jener Generation von Bischöfen, die den dramatischen Zusammenbruch kirchlicher Bindungen nicht durch eine weitere Anpassung an die säkulare Gesellschaft beantworten, sondern auf eine Erneuerung des katholischen Glaubens setzen.
Ein bemerkenswertes Signal in der Liturgiefrage
Besondere Aufmerksamkeit verdient Kardinal Eijks liturgischer Schritt vom März dieses Jahres. Am 15. März zelebrierte er in Oss erstmals ein Pontifikalamt in der überlieferten Form des Römischen Ritus. Auch zwei Seminaristen des Erzbistums Utrecht, die im Internationalen Priesterseminar der Priesterbruderschaft St. Petrus (FSSP) in Wigratzbad ihre Priesterausbildung erhalten, nahmen teil.
Katholisches.info wertete dieses Pontifikalamt als bemerkenswertes Signal ausgerechnet in den Niederlanden, die lange als Synonym für den nachkonziliaren liturgischen und theologischen Progressismus galten. Die Tatsache, daß der Utrechter Erzbischof die überlieferte Liturgie zelebrierte, besitzt daher eine symbolische Dimension.
Die interessantere Entwicklung wird daher nicht sein, wann Kardinal Eijk geht, sondern was er bis dahin noch bewegt. Seine jüngste Zelebration der überlieferten Liturgie, seine beharrliche Verteidigung der katholischen Anthropologie und seine Konzentration auf Eucharistie, Priestertum und Berufungen zeigen, daß der Utrechter Erzbischof trotz seiner gesundheitlichen Prüfungen seine Pflichten erfüllt.
Die Gerüchte über einen vorzeitigen Amtsverzicht fanden rasch Verbreitung, nicht zuletzt, weil Kardinal Eijk zu jener seit dem Pontifikat von Franziskus zunehmend geschrumpften Gruppe hoher Kirchenmänner zählt, die unbeirrt und öffentlich für die katholische Lehre und kirchliche Ordnung eintreten und der Tradition nahestehen.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: VaticanMedia (Screenshot)
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