Von Caminante Wanderer*
Im Herzen des Stadtteils Recoleta in Buenos Aires gibt es ein Antiquariat. Es liegt in der Montevideo-Straße, nur wenige Schritte von der Plaza Vicente López entfernt. Ein ungewöhnlicher Ort. Antiquariate dieser Art vermutet man eher an der Avenida Corrientes. Doch wie seine Umgebung ist auch dieses ein aristokratisches Antiquariat alter Schule – eines jener Geschäfte, in denen man tatsächlich gebrauchte Bücher findet und nicht bloß Restbestände gescheiterter oder insolventer Verlage.
Es öffnet nur nachmittags. Die Tür ist stets verschlossen, und der Besitzer sitzt ausnahmslos hinter seinem Schreibtisch, raucht Pfeife und blickt drein, als sei er für jede Störung wenig empfänglich. Wer sich dennoch hineinwagt, muß, nachdem er ihn durch das Schaufenster erspäht hat, an der Tür klingeln. Der Mann erhebt sich, öffnet und erkundigt sich nach dem Begehr des Besuchers. Als ich erklärte, ich interessiere mich für Biographien sowie für Bücher über Theologie und Geschichte, erwiderte er, die entsprechende Literatur befinde sich in den Regalen, die ich bereits vor mir sehe; alles andere sei im Keller, den ich betreten könne, wenn ich wolle. Vermutlich bemerkte er meine Liebe zu Büchern und gewährte mir deshalb Zutritt zu dem verborgenen Bereich dieses Heiligtums.
Von „Zutritt gewähren“ zu sprechen, ist freilich etwas euphemistisch. Tatsächlich muß man sich auf einem schmalen Pfad vorwärtsbewegen, der von hohen Bücherstapeln gesäumt ist und den Zugang zu den Regalen nahezu unmöglich macht. Und dort finden sich nicht nur Bücher. Überall stehen Büsten aus Bronze und Marmor, Medaillen, Aschenbecher, Pfeifen, kleine Gemälde und Porträts – kurz: all jene Dinge, die ein leidenschaftlicher Leser im Laufe seines Lebens zwischen seinen Büchern ansammelt und die seine Erben nach seinem Tod nur noch als nutzlosen Plunder ansehen, um sie zusammen mit Büchern und Möbeln möglichst rasch an denjenigen zu verkaufen, der verspricht, die Wohnung zu räumen.
Als ich in die Tiefen dieser Krypta hinabstieg, entdeckte ich mehrere Bücher, denen ich nicht widerstehen konnte, und verließ das Geschäft schließlich mit zehn Bänden. Dabei hatte ich mir feierlich geschworen, nichts mehr zu kaufen – zum einen, weil sich bereits eine endlose Liste ungelesener Bücher bei mir angesammelt hat, zum anderen, weil in meiner Bibliothek kaum noch Platz ist. Eines dieser zehn Bücher soll Gegenstand dieses kurzen Beitrags sein.

Es trägt den Titel Jesuita éramos los de antes. Impresiones de un novicio de los años ’50 („Jesuiten waren wir damals. Eindrücke eines Novizen der fünfziger Jahre“). Verfaßt wurde es von Jorge González Manent und 2012 beim Verlag Dunken veröffentlicht.
Der Autor legt darin eine Art Memoiren vor. Er schildert die Entdeckung seiner Berufung im Jahr 1955, als er zwanzig Jahre alt war, seinen Eintritt in die Gesellschaft Jesu sowie sein Leben als Jesuitennovize – zunächst ein Jahr in Uruguay, anschließend eines in Córdoba. Später erfuhr ich, daß er sein Juniorat in Santiago de Chile absolvierte, danach als Scholast gemeinsam mit Jorge Mario Bergoglio in Santa Fe tätig war und die Gesellschaft Jesu nach zehn Jahren, noch vor der Priesterweihe, wieder verließ. Es waren die unruhigen Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, und vermutlich tat er gut daran.
Google verrät, daß er anschließend in der Werbebranche arbeitete, religiöse Kinderbücher schrieb, heiratete und Vater von drei Kindern wurde. Sollte er noch unter den Lebenden weilen, hoffe ich, daß Gottes Segen ihn weiterhin begleite. Sollte er bereits in die Ewigkeit hinübergegangen sein, möge derselbe Gott ihm die ewige Ruhe schenken.
Das Buch besteht aus kurzen Abschnitten, in denen der Autor seine Erinnerungen schildert; kaum einer von ihnen umfaßt mehr als eine halbe Seite. Dazwischen stehen Texte aus den unterschiedlichsten Quellen: dem Martyrologium, den Konstitutionen der Gesellschaft Jesu, Biographien des heiligen Ignatius, Gebete und vieles andere. Diese Kompositionsweise bläht den Umfang des Buches zwar etwas auf, erleichtert jedoch sowohl das Schreiben als auch die Lektüre.
Man muß allerdings – wie Kardinal Bergoglio im Klappentext bemerkt – bedenken, daß die Erinnerung oft Streiche spielt. Memoiren, die fünfzig Jahre nach den geschilderten Ereignissen verfaßt werden, sind naturgemäß mit Vorsicht zu genießen. Die Phantasie füllt zahlreiche Erinnerungslücken, und viele Urteile des heutigen Erwachsenen werden unmerklich dem jungen Mann von damals zugeschrieben.
Das Buch widmet den Fragen contra sextum – also den Verstößen gegen das sechste Gebot – etwas mehr Aufmerksamkeit, als man vielleicht erwarten würde. Das erklärt sich einerseits aus dem Alter der handelnden Personen, andererseits daraus, daß solche Themen den Absatz fördern. Wenngleich ich bezweifle, daß dieses Werk jemals ein verlegerischer Erfolg gewesen ist. Dennoch hat mir seine Lektüre Freude bereitet und Stoff zum Nachdenken geliefert.
Bemerkenswert ist, daß der Autor, obwohl er offenkundig überzeugter Progressist ist, seine Erinnerungen weder verbittert noch voller Ressentiments niederschreibt. Im Gegenteil: Er beschreibt diese Zeit als eine besonders glückliche Phase seines Lebens. Dabei darf man nicht vergessen, wie hart der Alltag eines Novizen damals war – außerordentlich hart sogar, einschließlich täglicher körperlicher Bußübungen, die aus heutiger Sicht manchen durchaus grausam erscheinen mögen.
Ein Vergleich mit der Gegenwart drängt sich beinahe von selbst auf. Das Bildungsniveau der jungen Ordensleute in den fünfziger Jahren war beeindruckend; Unterricht und Gespräche wurden auf Latein geführt. Heute dürfte es nur noch wenige Seminare geben, in denen wenigstens die Grundlagen dieser Sprache vermittelt werden. Und es ging keineswegs nur um Sprachen. Während des Noviziats, noch vor Beginn des Philosophiestudiums, wurden zahlreiche weitere Fächer gelehrt. Man brachte den Novizen sogar bei, wie man sich bei Tisch benimmt und sich in der Gesellschaft bewegt – Fähigkeiten, die so manchem Kleriker und sogar manchem Bischof unserer Zeit durchaus zugutekämen.
Ein kritischerer Blick, der sich sowohl aus den eigentlichen Erinnerungen González Manents als auch aus den zahlreichen eingefügten Auszügen aus Konstitutionen, Regeln und Gewohnheitsordnungen der Gesellschaft Jesu ergibt, bestätigt das, was wir längst wissen: den systematisch durchdachten und erprobten Prozeß der Zerstörung – oder, modern gesprochen, der Dekonstruktion – der Persönlichkeit des Novizen sowie die ausgefeilten Methoden, ihm eine neue Persönlichkeit einzuprägen, die perinde ac cadaver, „wie ein Leichnam“, zu gehorchen vermag.
Dabei sollte man bedenken, daß die meisten Ordensgemeinschaften, die nach den Jesuiten entstanden, diese zum Vorbild nahmen und dieselben Methoden übernahmen. Ich bin versucht zu sagen, daß mir diese Verfahren geradezu ungeheuerlich erscheinen. Zugleich darf ich nicht vergessen, daß zahlreiche Heilige sie selbst durchlebt und angewandt haben. Und da ich kein Heiliger bin, bleibt mir nichts anderes übrig, als den Kopf zu senken und anzuerkennen, daß sie wohl wußten, was sie taten.
Was ich jedoch nicht übersehen kann, ist Folgendes: In den Händen tugendhafter Männer konnten diese Mittel dazu dienen, tugendhafte junge Menschen hervorzubringen. In den Händen solcher, denen diese Tugend fehlte, konnten sie hingegen zu jeder erdenklichen Grausamkeit führen. Vor diesem Hintergrund werden die Fälle sexuellen oder sonstigen Mißbrauchs, welche die Kirche damals wie heute heimsuchten, nur allzu verständlich.
Ebenso auffällig ist die Art und Weise, wie die Novizen miteinander umgingen, sowie das Klima des Schweigens, das unter ihnen herrschte. So fand ich es bemerkenswert, daß ein Novize, der die Gemeinschaft verlassen wollte – oder von seinen Oberen dazu aufgefordert wurde –, dies heimlich tun mußte, ohne sich von irgendjemandem zu verabschieden. Seine Mitbrüder erfuhren erst am nächsten Morgen, daß der Betreffende fort war; eine Erklärung erhielt niemand.
Das zeigt, wie groß die emotionale Distanz innerhalb des sogenannten Gemeinschaftslebens der Ordensleute tatsächlich war. Wie gemeinschaftlich war dieses Leben wirklich, wenn doch alle durch die Liebe miteinander verbunden sein sollten? Freundschaften zu schließen war nicht nur unmöglich, sondern galt sogar als unerwünscht. Jeder blieb eine Einzelperson, die gelegentlich mit anderen Einzelpersonen zu tun hatte; echter gegenseitiger Zuneigung oder wahrer christlicher Freundschaft war kaum Raum gegeben – perinde ac cadaver, beinahe wie Leichname. Man ist versucht, Voltaire recht zu geben, der schrieb: „Die Mönche treten ein, ohne einander zu kennen; sie leben zusammen, ohne einander zu lieben; und sie sterben, ohne einander zu beweinen.“
Zum Schluss möchte ich noch auf zwei Passagen hinweisen.
In der ersten schreibt der Autor:
Vielleicht hielt mich Pater Mullin – Novizenmeister in Uruguay und später Bischof von Minas – wegen meines Hintergrunds als Chemiker für einen wissenschaftlich orientierten Menschen, oder aus welchem Grund auch immer. Jedenfalls gab er mir „Der Mensch im Kosmos“ zu lesen. Von Teilhard de Chardin hatte ich bis dahin noch nie gehört. Erst recht wußte ich nicht, daß seine Schriften verboten waren. Es war eine überwältigende Entdeckung. Danach las ich „Der göttliche Bereich“ und alles andere, was ich von ihm finden konnte.
Was geschah nur zehn Jahre später? Teilhard de Chardin und der gesamte Progressismus verwandelten sich von Autoren, die selbst ihren Ordensbrüdern weitgehend unbekannt gewesen waren, in die großen Autoritäten und Lehrmeister der neuen Religion, die mit dem Konzil ihren Anfang nahm.
Die zweite Passage lautet:
Ich gehe in die Kapelle, um den Altar für die Messe vorzubereiten. Zu meiner Überraschung finde ich auf dem Altar, an dem der gute Joaquín zelebriert, eine große Hostie – jene, die der Priester bei der Messe konsumiert. Sofort stellt sich die große Frage: Ist sie konsekriert oder nicht? Durch keine Analyse der Welt läßt sich das feststellen. Was also tun? Ich benachrichtige Ignacio. Er bleibt als Wache bei dem geheimnisvollen Brot zurück, während ich den Novizenmeister um Rat frage. Nach einigem Überlegen kommt er zu dem Schluß, daß die Hostie wohl nicht konsekriert sei, und wir legen sie zu den übrigen in die Schachtel zurück. Aber was, wenn sie es doch gewesen wäre?
Damit stellt sich dieselbe Frage erneut: Wie ist es möglich, daß eine Reaktion wie die hier geschilderte für jeden Katholiken selbstverständlich war, während nur wenige Jahrzehnte später die heilige Eucharistie von jedermann berührt, wie ein Erinnerungsstück oder bloßes Symbol behandelt und von Priestern wie Laien tagtäglich entweiht werden konnte?
Ich wiederhole: Wie ist es möglich, daß sich Veränderungen dieser Größenordnung in so kurzer Zeit vollzogen haben? Für mich bleibt dies eines der großen Rätsel. Ich neige weder zu Erscheinungen noch zu Privatoffenbarungen oder übernatürlichen Interventionen. Dennoch würde es mich nicht überraschen, wenn dieses Phänomen – das der gewöhnlichen Langsamkeit aller historischen Prozesse widerspricht – letztlich auf das unmittelbare und geheimnisvolle Eingreifen dessen zurückzuführen wäre, den der heilige Paulus den „Fürsten der Macht der Luft“1 nennt.
*Caminante Wanderer ist ein argentinischer Philosoph und Blogger.
Übersetzung/Fußnote: Giuseppe Nardi
Bild: archives.jesuits-eum.org (Screenshot)
- „Princeps potestatis aeris“ heißt es in der Vulgata. Es handelt sich um die Stelle im Epheserbrief 2,2. Von den Kirchenvätern und der traditionellen katholischen Exegese wird darunter Satan, der Teufel, verstanden. ↩︎
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