Die Jesuiten und ein Buch aus einem Antiquariat

Wie konnten Veränderungen dieser Tragweite in so kurzer Zeit eintreten?

Das Novitiat der Jesuiten in Neapel vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil
Das Novitiat der Jesuiten in Neapel vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil

Von Cami­nan­te Wan­de­rer*

Im Her­zen des Stadt­teils Reco­le­ta in Bue­nos Aires gibt es ein Anti­qua­ri­at. Es liegt in der Mon­te­vi­deo-Stra­ße, nur weni­ge Schrit­te von der Pla­za Vicen­te López ent­fernt. Ein unge­wöhn­li­cher Ort. Anti­qua­ria­te die­ser Art ver­mu­tet man eher an der Ave­ni­da Cor­ri­en­tes. Doch wie sei­ne Umge­bung ist auch die­ses ein ari­sto­kra­ti­sches Anti­qua­ri­at alter Schu­le – eines jener Geschäf­te, in denen man tat­säch­lich gebrauch­te Bücher fin­det und nicht bloß Rest­be­stän­de geschei­ter­ter oder insol­ven­ter Verlage.

Es öff­net nur nach­mit­tags. Die Tür ist stets ver­schlos­sen, und der Besit­zer sitzt aus­nahms­los hin­ter sei­nem Schreib­tisch, raucht Pfei­fe und blickt drein, als sei er für jede Stö­rung wenig emp­fäng­lich. Wer sich den­noch hin­ein­wagt, muß, nach­dem er ihn durch das Schau­fen­ster erspäht hat, an der Tür klin­geln. Der Mann erhebt sich, öff­net und erkun­digt sich nach dem Begehr des Besu­chers. Als ich erklär­te, ich inter­es­sie­re mich für Bio­gra­phien sowie für Bücher über Theo­lo­gie und Geschich­te, erwi­der­te er, die ent­spre­chen­de Lite­ra­tur befin­de sich in den Rega­len, die ich bereits vor mir sehe; alles ande­re sei im Kel­ler, den ich betre­ten kön­ne, wenn ich wol­le. Ver­mut­lich bemerk­te er mei­ne Lie­be zu Büchern und gewähr­te mir des­halb Zutritt zu dem ver­bor­ge­nen Bereich die­ses Heiligtums.

Von „Zutritt gewäh­ren“ zu spre­chen, ist frei­lich etwas euphe­mi­stisch. Tat­säch­lich muß man sich auf einem schma­len Pfad vor­wärts­be­we­gen, der von hohen Bücher­sta­peln gesäumt ist und den Zugang zu den Rega­len nahe­zu unmög­lich macht. Und dort fin­den sich nicht nur Bücher. Über­all ste­hen Büsten aus Bron­ze und Mar­mor, Medail­len, Aschen­be­cher, Pfei­fen, klei­ne Gemäl­de und Por­träts – kurz: all jene Din­ge, die ein lei­den­schaft­li­cher Leser im Lau­fe sei­nes Lebens zwi­schen sei­nen Büchern ansam­melt und die sei­ne Erben nach sei­nem Tod nur noch als nutz­lo­sen Plun­der anse­hen, um sie zusam­men mit Büchern und Möbeln mög­lichst rasch an den­je­ni­gen zu ver­kau­fen, der ver­spricht, die Woh­nung zu räumen.

Als ich in die Tie­fen die­ser Kryp­ta hin­ab­stieg, ent­deck­te ich meh­re­re Bücher, denen ich nicht wider­ste­hen konn­te, und ver­ließ das Geschäft schließ­lich mit zehn Bän­den. Dabei hat­te ich mir fei­er­lich geschwo­ren, nichts mehr zu kau­fen – zum einen, weil sich bereits eine end­lo­se Liste unge­le­se­ner Bücher bei mir ange­sam­melt hat, zum ande­ren, weil in mei­ner Biblio­thek kaum noch Platz ist. Eines die­ser zehn Bücher soll Gegen­stand die­ses kur­zen Bei­trags sein.

Das Buch „Jesui­ten waren wir damals“

Es trägt den Titel Jesui­ta éra­mos los de antes. Impre­sio­nes de un novicio de los años ’50 („Jesui­ten waren wir damals. Ein­drücke eines Novi­zen der fünf­zi­ger Jah­re“). Ver­faßt wur­de es von Jor­ge Gon­zá­lez Manent und 2012 beim Ver­lag Dun­ken veröffentlicht.

Der Autor legt dar­in eine Art Memoi­ren vor. Er schil­dert die Ent­deckung sei­ner Beru­fung im Jahr 1955, als er zwan­zig Jah­re alt war, sei­nen Ein­tritt in die Gesell­schaft Jesu sowie sein Leben als Jesui­ten­no­vi­ze – zunächst ein Jahr in Uru­gu­ay, anschlie­ßend eines in Cór­do­ba. Spä­ter erfuhr ich, daß er sein Juni­o­rat in Sant­ia­go de Chi­le absol­vier­te, danach als Scho­la­st gemein­sam mit Jor­ge Mario Berg­o­glio in San­ta Fe tätig war und die Gesell­schaft Jesu nach zehn Jah­ren, noch vor der Prie­ster­wei­he, wie­der ver­ließ. Es waren die unru­hi­gen Jah­re nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil, und ver­mut­lich tat er gut daran.

Goog­le ver­rät, daß er anschlie­ßend in der Wer­be­bran­che arbei­te­te, reli­giö­se Kin­der­bü­cher schrieb, hei­ra­te­te und Vater von drei Kin­dern wur­de. Soll­te er noch unter den Leben­den wei­len, hof­fe ich, daß Got­tes Segen ihn wei­ter­hin beglei­te. Soll­te er bereits in die Ewig­keit hin­über­ge­gan­gen sein, möge der­sel­be Gott ihm die ewi­ge Ruhe schenken.

Das Buch besteht aus kur­zen Abschnit­ten, in denen der Autor sei­ne Erin­ne­run­gen schil­dert; kaum einer von ihnen umfaßt mehr als eine hal­be Sei­te. Dazwi­schen ste­hen Tex­te aus den unter­schied­lich­sten Quel­len: dem Mar­ty­ro­lo­gi­um, den Kon­sti­tu­tio­nen der Gesell­schaft Jesu, Bio­gra­phien des hei­li­gen Igna­ti­us, Gebe­te und vie­les ande­re. Die­se Kom­po­si­ti­ons­wei­se bläht den Umfang des Buches zwar etwas auf, erleich­tert jedoch sowohl das Schrei­ben als auch die Lektüre.

Man muß aller­dings – wie Kar­di­nal Berg­o­glio im Klap­pen­text bemerkt – beden­ken, daß die Erin­ne­rung oft Strei­che spielt. Memoi­ren, die fünf­zig Jah­re nach den geschil­der­ten Ereig­nis­sen ver­faßt wer­den, sind natur­ge­mäß mit Vor­sicht zu genie­ßen. Die Phan­ta­sie füllt zahl­rei­che Erin­ne­rungs­lücken, und vie­le Urtei­le des heu­ti­gen Erwach­se­nen wer­den unmerk­lich dem jun­gen Mann von damals zugeschrieben.

Das Buch wid­met den Fra­gen con­tra sex­t­um – also den Ver­stö­ßen gegen das sech­ste Gebot – etwas mehr Auf­merk­sam­keit, als man viel­leicht erwar­ten wür­de. Das erklärt sich einer­seits aus dem Alter der han­deln­den Per­so­nen, ande­rer­seits dar­aus, daß sol­che The­men den Absatz för­dern. Wenn­gleich ich bezweif­le, daß die­ses Werk jemals ein ver­le­ge­ri­scher Erfolg gewe­sen ist. Den­noch hat mir sei­ne Lek­tü­re Freu­de berei­tet und Stoff zum Nach­den­ken geliefert.

Bemer­kens­wert ist, daß der Autor, obwohl er offen­kun­dig über­zeug­ter Pro­gres­sist ist, sei­ne Erin­ne­run­gen weder ver­bit­tert noch vol­ler Res­sen­ti­ments nie­der­schreibt. Im Gegen­teil: Er beschreibt die­se Zeit als eine beson­ders glück­li­che Pha­se sei­nes Lebens. Dabei darf man nicht ver­ges­sen, wie hart der All­tag eines Novi­zen damals war – außer­or­dent­lich hart sogar, ein­schließ­lich täg­li­cher kör­per­li­cher Buß­übun­gen, die aus heu­ti­ger Sicht man­chen durch­aus grau­sam erschei­nen mögen.

Ein Ver­gleich mit der Gegen­wart drängt sich bei­na­he von selbst auf. Das Bil­dungs­ni­veau der jun­gen Ordens­leu­te in den fünf­zi­ger Jah­ren war beein­druckend; Unter­richt und Gesprä­che wur­den auf Latein geführt. Heu­te dürf­te es nur noch weni­ge Semi­na­re geben, in denen wenig­stens die Grund­la­gen die­ser Spra­che ver­mit­telt wer­den. Und es ging kei­nes­wegs nur um Spra­chen. Wäh­rend des Novi­zi­ats, noch vor Beginn des Phi­lo­so­phie­stu­di­ums, wur­den zahl­rei­che wei­te­re Fächer gelehrt. Man brach­te den Novi­zen sogar bei, wie man sich bei Tisch benimmt und sich in der Gesell­schaft bewegt – Fähig­kei­ten, die so man­chem Kle­ri­ker und sogar man­chem Bischof unse­rer Zeit durch­aus zugutekämen.

Ein kri­ti­sche­rer Blick, der sich sowohl aus den eigent­li­chen Erin­ne­run­gen Gon­zá­lez Man­ents als auch aus den zahl­rei­chen ein­ge­füg­ten Aus­zü­gen aus Kon­sti­tu­tio­nen, Regeln und Gewohn­heits­ord­nun­gen der Gesell­schaft Jesu ergibt, bestä­tigt das, was wir längst wis­sen: den syste­ma­tisch durch­dach­ten und erprob­ten Pro­zeß der Zer­stö­rung – oder, modern gespro­chen, der Dekon­struk­ti­on – der Per­sön­lich­keit des Novi­zen sowie die aus­ge­feil­ten Metho­den, ihm eine neue Per­sön­lich­keit ein­zu­prä­gen, die peri­n­de ac cada­ver, „wie ein Leich­nam“, zu gehor­chen vermag.

Dabei soll­te man beden­ken, daß die mei­sten Ordens­ge­mein­schaf­ten, die nach den Jesui­ten ent­stan­den, die­se zum Vor­bild nah­men und die­sel­ben Metho­den über­nah­men. Ich bin ver­sucht zu sagen, daß mir die­se Ver­fah­ren gera­de­zu unge­heu­er­lich erschei­nen. Zugleich darf ich nicht ver­ges­sen, daß zahl­rei­che Hei­li­ge sie selbst durch­lebt und ange­wandt haben. Und da ich kein Hei­li­ger bin, bleibt mir nichts ande­res übrig, als den Kopf zu sen­ken und anzu­er­ken­nen, daß sie wohl wuß­ten, was sie taten.

Was ich jedoch nicht über­se­hen kann, ist Fol­gen­des: In den Hän­den tugend­haf­ter Män­ner konn­ten die­se Mit­tel dazu die­nen, tugend­haf­te jun­ge Men­schen her­vor­zu­brin­gen. In den Hän­den sol­cher, denen die­se Tugend fehl­te, konn­ten sie hin­ge­gen zu jeder erdenk­li­chen Grau­sam­keit füh­ren. Vor die­sem Hin­ter­grund wer­den die Fäl­le sexu­el­len oder son­sti­gen Miß­brauchs, wel­che die Kir­che damals wie heu­te heim­such­ten, nur all­zu verständlich.

Eben­so auf­fäl­lig ist die Art und Wei­se, wie die Novi­zen mit­ein­an­der umgin­gen, sowie das Kli­ma des Schwei­gens, das unter ihnen herrsch­te. So fand ich es bemer­kens­wert, daß ein Novi­ze, der die Gemein­schaft ver­las­sen woll­te – oder von sei­nen Obe­ren dazu auf­ge­for­dert wur­de –, dies heim­lich tun muß­te, ohne sich von irgend­je­man­dem zu ver­ab­schie­den. Sei­ne Mit­brü­der erfuh­ren erst am näch­sten Mor­gen, daß der Betref­fen­de fort war; eine Erklä­rung erhielt niemand.

Das zeigt, wie groß die emo­tio­na­le Distanz inner­halb des soge­nann­ten Gemein­schafts­le­bens der Ordens­leu­te tat­säch­lich war. Wie gemein­schaft­lich war die­ses Leben wirk­lich, wenn doch alle durch die Lie­be mit­ein­an­der ver­bun­den sein soll­ten? Freund­schaf­ten zu schlie­ßen war nicht nur unmög­lich, son­dern galt sogar als uner­wünscht. Jeder blieb eine Ein­zel­per­son, die gele­gent­lich mit ande­ren Ein­zel­per­so­nen zu tun hat­te; ech­ter gegen­sei­ti­ger Zunei­gung oder wah­rer christ­li­cher Freund­schaft war kaum Raum gege­ben – peri­n­de ac cada­ver, bei­na­he wie Leich­na­me. Man ist ver­sucht, Vol­taire recht zu geben, der schrieb: „Die Mön­che tre­ten ein, ohne ein­an­der zu ken­nen; sie leben zusam­men, ohne ein­an­der zu lie­ben; und sie ster­ben, ohne ein­an­der zu beweinen.“

Zum Schluss möch­te ich noch auf zwei Pas­sa­gen hinweisen.

In der ersten schreibt der Autor:

Viel­leicht hielt mich Pater Mul­lin – Novi­zen­mei­ster in Uru­gu­ay und spä­ter Bischof von Minas – wegen mei­nes Hin­ter­grunds als Che­mi­ker für einen wis­sen­schaft­lich ori­en­tier­ten Men­schen, oder aus wel­chem Grund auch immer. Jeden­falls gab er mir „Der Mensch im Kos­mos“ zu lesen. Von Teil­hard de Char­din hat­te ich bis dahin noch nie gehört. Erst recht wuß­te ich nicht, daß sei­ne Schrif­ten ver­bo­ten waren. Es war eine über­wäl­ti­gen­de Ent­deckung. Danach las ich „Der gött­li­che Bereich“ und alles ande­re, was ich von ihm fin­den konnte.

Was geschah nur zehn Jah­re spä­ter? Teil­hard de Char­din und der gesam­te Pro­gres­sis­mus ver­wan­del­ten sich von Autoren, die selbst ihren Ordens­brü­dern weit­ge­hend unbe­kannt gewe­sen waren, in die gro­ßen Auto­ri­tä­ten und Lehr­mei­ster der neu­en Reli­gi­on, die mit dem Kon­zil ihren Anfang nahm.

Die zwei­te Pas­sa­ge lautet:

Ich gehe in die Kapel­le, um den Altar für die Mes­se vor­zu­be­rei­ten. Zu mei­ner Über­ra­schung fin­de ich auf dem Altar, an dem der gute Joa­quín zele­briert, eine gro­ße Hostie – jene, die der Prie­ster bei der Mes­se kon­su­miert. Sofort stellt sich die gro­ße Fra­ge: Ist sie kon­se­kriert oder nicht? Durch kei­ne Ana­ly­se der Welt läßt sich das fest­stel­len. Was also tun? Ich benach­rich­ti­ge Igna­cio. Er bleibt als Wache bei dem geheim­nis­vol­len Brot zurück, wäh­rend ich den Novi­zen­mei­ster um Rat fra­ge. Nach eini­gem Über­le­gen kommt er zu dem Schluß, daß die Hostie wohl nicht kon­se­kriert sei, und wir legen sie zu den übri­gen in die Schach­tel zurück. Aber was, wenn sie es doch gewe­sen wäre?

Damit stellt sich die­sel­be Fra­ge erneut: Wie ist es mög­lich, daß eine Reak­ti­on wie die hier geschil­der­te für jeden Katho­li­ken selbst­ver­ständ­lich war, wäh­rend nur weni­ge Jahr­zehn­te spä­ter die hei­li­ge Eucha­ri­stie von jeder­mann berührt, wie ein Erin­ne­rungs­stück oder blo­ßes Sym­bol behan­delt und von Prie­stern wie Lai­en tag­täg­lich ent­weiht wer­den konnte?

Ich wie­der­ho­le: Wie ist es mög­lich, daß sich Ver­än­de­run­gen die­ser Grö­ßen­ord­nung in so kur­zer Zeit voll­zo­gen haben? Für mich bleibt dies eines der gro­ßen Rät­sel. Ich nei­ge weder zu Erschei­nun­gen noch zu Pri­vat­of­fen­ba­run­gen oder über­na­tür­li­chen Inter­ven­tio­nen. Den­noch wür­de es mich nicht über­ra­schen, wenn die­ses Phä­no­men – das der gewöhn­li­chen Lang­sam­keit aller histo­ri­schen Pro­zes­se wider­spricht – letzt­lich auf das unmit­tel­ba­re und geheim­nis­vol­le Ein­grei­fen des­sen zurück­zu­füh­ren wäre, den der hei­li­ge Pau­lus den „Für­sten der Macht der Luft“1 nennt.

*Cami­nan­te Wan­de­rer ist ein argen­ti­ni­scher Phi­lo­soph und Blogger.

Übersetzung/​Fußnote: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: archi​ves​.jesuits​-eum​.org (Screen­shot)

  1. Prin­ceps pote­sta­tis aeris“ heißt es in der Vul­ga­ta. Es han­delt sich um die Stel­le im Ephe­ser­brief 2,2. Von den Kir­chen­vä­tern und der tra­di­tio­nel­len katho­li­schen Exege­se wird dar­un­ter Satan, der Teu­fel, ver­stan­den. ↩︎

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