Mit ungewöhnlicher Deutlichkeit kritisiert Kardinal Raymond Leo Burke den gegenwärtigen synodalen Kurs der Kirche. In einem ausführlichen, gestern veröffentlichten Interview mit The College of Cardinals Report (Cardinal News) nach dem Konsistorium vom 26. und 27. Juni erklärte der US-amerikanische Purpurträger, die sogenannte „Synodalität“ entbehre einer klaren theologischen Grundlage, gefährde die offene Beratung der Kardinäle und müsse grundsätzlich auf den Prüfstand gestellt werden. Wörtlich forderte Burke: „Diese ganze Angelegenheit der Synodalität muß gestoppt werden. Es muß eine sehr ernsthafte Untersuchung des Ganzen stattfinden, denn wir sprechen über das eigentliche Leben der Kirche und über das Heil der Seelen.“
Konsistorium: Zu viel Kontrolle, zu wenig freie Aussprache
Kardinal Burke begrüßte zwar ausdrücklich, daß Papst Leo wieder ein Konsistorium aller Kardinäle einberufen habe – das zweite seines Pontifikats, etwas, das unter Papst Franziskus über Jahre hinweg nicht mehr stattgefunden hatte. Darin sieht er eine wertvolle Möglichkeit des brüderlichen Austauschs.
Gleichzeitig übte er scharfe Kritik an der Arbeitsweise. Das Treffen sei nach den Methoden der Synodalität organisiert worden: Aufteilung in Kleingruppen, vorgegebene Fragestellungen und anschließend lediglich zusammenfassende Berichte.
Nach Burkes Auffassung verhindert dieses Verfahren eine echte Debatte.
„Die Berichte geben nur wieder, worauf sich alle Kardinäle einigen konnten“, so der Kardinal. Dadurch könnten wichtige, aber nicht der Mehrheit entsprechende Stimmen den Papst überhaupt nicht erreichen.
Besonders positiv hob Burke deshalb die abschließende Plenarsitzung hervor, in der – wie bei früheren Konsistorien üblich – eine freie Aussprache in Anwesenheit des Papstes möglich gewesen sei. Gerade dieser Teil sei der fruchtbarste gewesen, habe aber aus Zeitgründen nur begrenzt stattfinden können.
Insgesamt bezeichnete Kardinal Burke das Konsistorium als „einen sehr kontrollierten Prozeß“, bei dem selbst die Diskussionsleiter im voraus bestimmt wurden. Dadurch werde die eigentliche Aufgabe der Kardinäle als freie Berater des Papstes geschwächt.
„Für Synodalität gibt es weder Definition noch Tradition“
Noch grundsätzlicher fiel die Kritik von Kardinal Bruke am Begriff der Synodalität selbst aus.
„Es gibt keine Definition der Synodalität, und es gibt auch keine Geschichte der Synodalität in der Kirche.“
Synoden habe es in der Kirchengeschichte selbstverständlich immer gegeben. Sie seien jedoch beratende Versammlungen gewesen und gehörten nicht zum Wesen der Kirche selbst. Die heutige Verwendung des Begriffs vermische traditionelle kirchliche Strukturen mit einem Konzept, dessen Inhalt letztlich unklar bleibe.
Unter Hinweis auf das Wort des Apostels Paulus – „Ich habe euch überliefert, was auch ich empfangen habe“ – betonte Burke, daß die Kirche stets von der Kontinuität der Glaubensüberlieferung lebe.
Ebenso entschieden wandte er sich gegen die in synodalen Kreisen häufig verwendete Rede von einem „Paradigmenwechsel“.
„Die Kirche kennt keine Paradigmenwechsel“, so Kardinal Burke.
Die Kirche könne ihre Sendung nicht durch einen Bruch mit ihrer eigenen Überlieferung erneuern.
Anpassung an den Zeitgeist?
Nach Auffassung des Kardinals besteht die Gefahr, daß sich die Kirche immer stärker an säkulare Denkweisen anpaßt, anstatt die moderne Welt aus der Kontinuität ihrer eigenen Lehre heraus zu evangelisieren.
Dabei zeigte sich Burke trotz aller Kritik zuversichtlich:
„Ich bin überzeugt, daß unser Herr Seine Kirche beschützen wird. Aber wir müssen unseren Teil dazu beitragen und sagen: Nein, dieses Konzept der Synodalität mag gut gemeint sein, weil es den Glauben in der heutigen Zeit ansprechen möchte, aber es ist im Kern fehlerhaft.“
Studiengruppe 9 legte eine Angriff auf die katholische Sexualmoral vor
Einen wesentlichen Teil seiner Wortmeldung im Konsistorium widmete Kardinal Burke der sogenannten Studiengruppe 9 der Weltsynode. Deren jüngster Bericht war bereits von zahlreichen Beobachtern kritisiert worden, weil er homosexuelle Beziehungen in der Kirche faktisch zu normalisieren versuche.
Kardinal Burke widersprach in diesem Zusammenhang entschieden einer subjektivistischen Moralauffassung.
„Die Wahrheit betrifft das Wesen der Dinge und ihre eigentliche Bestimmung. Sie richtet sich nicht nach meinen Neigungen, meinen Wünschen oder meinen persönlichen Projekten, sodaß ich die Lehre der Kirche meinen Begierden anpasse.“
Der Mensch finde sein Glück vielmehr darin, „je mehr wir die Wahrheit über uns selbst, über die Welt und über unser eigentliches Ziel erkennen.“
Scharfe Kritik an Angriffen gegen Courage
Besonders empört zeigte sich Kardinal Burke über die Darstellung des Apostolats Courage, das Katholiken mit homosexuellen Neigungen auf dem Weg zu einem keuschen Leben begleitet.
Der Bericht habe Courage verleumdet und unbewiesene Behauptungen übernommen.
„Wie kann die Kirche einen Bericht veröffentlichen, der in der ganzen Kirche verbreitet wird, ohne überhaupt zu überprüfen, ob das, was über Courage behauptet wird, wahr ist? Aber genau das hat man nicht getan.“
Kein Wunder sei deshalb, daß inzwischen manche Bischöfe die Homo-Agenda förderten und behaupteten, die Kirche ändere gerade ihre Lehre.
Der Kardinal deutete damit an, daß in der Kirche, selbst auf hochrangiger Ebene, eine Agenda mit Methoden betrieben werde, die weltlichen Zielen und Mechanismen entspreche.
Ebenso kritisierte Kardinal Burke einen Erzbischof, der behauptete, Papst Leo teile diese Position, weil er nicht über Sexualmoral spreche:
„Es ist völlig verantwortungslos, so etwas zu sagen oder zu schreiben.“
Mit Nachdruck wandte sich der US-amerikanische Purpurträger auch gegen die geplante Übermittlung des Berichts der Studiengruppe 9 an die Diözesen im Rahmen der Synodenumsetzung:
„Das ist ungeheuerlich; das darf nicht geschehen.“
Er habe den Kardinälen ausdrücklich gesagt:
„Dieser synodale Prozeß muß gestoppt werden. Was auch immer daraus wird, es muß vollständig der Lehre der Kirche und der Heiligkeit ihres Lebens entsprechen.“
Traditionis custodes: „Eine Verfolgung“
Kardinal Burke bedauerte zudem, daß beim Konsistorium andere drängende Themen überhaupt nicht behandelt worden seien – darunter die unerlaubten Bischofsweihen der Priesterbruderschaft St. Pius X. sowie vor allem die Situation der überlieferten Liturgie.
Die Einschränkungen durch Traditionis custodes von Papst Franziskus bezeichnete er ausdrücklich als „eine Verfolgung“ jener Katholiken, die aus der überlieferten Liturgie geistlich leben.
Unter Hinweis auf Papst Benedikt XVI. erklärte Kardinal Burke:
„Daran kann kein vernünftiger Zweifel bestehen: Der überlieferte Ritus ist ein bleibendes Gut der Kirche.“
Da päpstliche Dokumente von Nachfolgern geändert werden könnten, äußerte Burke die Hoffnung, daß Papst Leo die geltenden Einschränkungen überprüfen und zurücknehmen werde.
Mit Nachdruck erinnerte er an die jahrhundertelange liturgische Tradition:
„Es handelt sich um eine Form des römischen Ritus, die mehr als fünfzehn Jahrhunderte lang gefeiert wurde. Sie ist von außerordentlicher Schönheit, und die Gläubigen sind durch diese Form des lateinischen Ritus geistlich genährt worden. Sie sollte frei zugelassen werden.“
Aus eigener Erfahrung fügte er hinzu, daß ihm „als Priester und Bischof“ der überlieferte Ritus zur einer „großen Bereicherung“ wurde.
Die meisten Gläubigen der traditionellen Gemeinschaften seien einfach überzeugte Katholiken, die ihren Glauben möglichst intensiv leben und an ihre Kinder weitergeben wollen. Gerade die zahlreichen kinderreichen Familien zeigen die Lebenskraft dieser Gemeinschaften, so der Kardinal.
Als praktische Lösung regte Burke die Errichtung einer eigenen vatikanischen Behörde an, die sich um die Gläubigen kümmern solle, die an der überlieferten Liturgie festhalten. Er kritisierte damit die Aulösung der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei, die im Januar 2019 von Papst Franziskus verfügt worden war. Zunächst wurde daraus ein Amt an der Glaubenskongregation. Schließlich erfolgte die Eingliederung in das Ordensdikasterium und damit die Nivellierung jeden Unterschiedes zu neurituellen Gemeinschaften. Kardinal Burke geht nun einen Schritt weiter und fordert eine Behörde im Rang eines Dikasteriums.
„Wir brauchen ein Dikasterium“, damit diese Katholiken alle Sakramente auch weiterhin nach den älteren liturgischen Büchern empfangen könnten, so der Purpurträger.
Vertrauen auf Christus
Trotz seiner tiefgreifenden Kritik schloß Kardinal Burke mit einem Bekenntnis des Vertrauens.
„Unser Herr bleibt immer das Haupt seiner Kirche. Wir bleiben bei ihm. Wir gehen nicht in andere Richtungen, nur weil wir mit dem Zustand der Kirche unzufrieden sind. Zuerst müssen wir die Situation mit Weisheit beurteilen und dann den Mut haben, diese Fragen offen anzusprechen und zur Wahrheit vorzudringen.“
Mit seinen Aussagen formuliert der US-amerikanische Kardinal eine der bislang grundlegendsten Kritiken am Synodalitäts-Projekt, das eine deutsche Erfindung ist, die von Franziskus in die Weltkirche hineingetragen wurde und zu seiner zweifelhaften Hinterlassenschaft gehört. Während deren Befürworter darin einen Weg sehen, die Kirche stärker auf die Herausforderungen der Gegenwart auszurichten, warnt Kardinal Burke vor einer Entwicklung, die nach seiner Überzeugung die überlieferte Verfassung der Kirche, die Glaubenslehre und letztlich das Heil der Seelen gefährdet.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: cardinalnews.substack.com (Screenshot)
Hinterlasse jetzt einen Kommentar