Die Weihen von Écône am 1. Juli: Chronos und Kairos eines Ereignisses


Von Rober­to de Mattei*

„Habe­tis man­da­tum apo­sto­li­cum?“ – „Liegt das apo­sto­li­sche Man­dat vor?“ Mit die­ser ehr­wür­di­gen For­mel, mit der nach der kirch­li­chen Über­lie­fe­rung fest­ge­stellt wird, ob die Wei­he­kan­di­da­ten die Zustim­mung des Pap­stes besit­zen, begann am 1. Juli in Écô­ne der Ritus der Bischofsweihe.

Ein Prie­ster ant­wor­te­te dar­auf mit der Ver­le­sung eines kur­zen Tex­tes ohne kano­ni­sche Rechts­kraft, der von Pater Davi­de Pagli­a­ra­ni, dem Gene­ral­obe­ren der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X., ver­faßt wor­den war. Dar­in heißt es, die Auto­ri­tä­ten der Kir­che näh­men eine Hal­tung ein, die dem Glau­ben wider­spre­che, und han­del­ten gegen die hei­li­ge Über­lie­fe­rung und das bestän­di­ge Lehr­amt der Kir­che. Des­halb hal­te man es für not­wen­dig, Bischö­fe zu wei­hen, die der Über­lie­fe­rung unein­ge­schränkt treu sei­en; zugleich sehe man sich in der schwer­wie­gen­den Pflicht, die­sen Prie­stern die Gna­de des Bischofs­am­tes zu übertragen.

Vor dem Haupt­kon­se­kra­tor, Bischof Alfon­so de Galar­re­ta, nie­der­kniend, leg­ten die vier neu­en Bischö­fe sodann ein­zeln den im Pon­ti­fi­cale Roma­num vor­ge­schrie­be­nen Eid ab, der mit den Wor­ten beginnt:

„Ich … wer­de von nun an und für immer dem hei­li­gen Apo­stel Petrus, der hei­li­gen Römi­schen Kir­che, dem Hei­li­gen Vater Leo XIV. und sei­nen recht­mä­ßi­gen Nach­fol­gern Treue und Gehor­sam bewahren …“

Die Geschich­te wie­der­holt sich – wenn auch unter ande­ren Umständen.

Am 30. Juni 1988 hat­te Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re in Écô­ne vier Bischö­fe ohne päpst­li­ches Man­dat geweiht. Acht­und­drei­ßig Jah­re spä­ter, am 1. Juli 2026, spen­de­ten zwei jener damals geweih­ten Bischö­fe, Ber­nard Fel­lay und Alfon­so de Galar­re­ta, ihrer­seits vier Prie­stern der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. die Bischofs­wei­he: dem Schwei­zer Pas­cal Schrei­ber, dem Ame­ri­ka­ner Micha­el Gold­a­de sowie den bei­den Fran­zo­sen Michel Poin­si­net de Sivry und Marc Hanap­pier – wie­der­um gegen den aus­drück­li­chen Wil­len des Römi­schen Papstes.

Zwei Tage vor den heu­ti­gen Wei­hen, am 29. Juni, hat­te Papst Leo XIV. einen ein­dring­li­chen Appell an den Gene­ral­obe­ren der Bru­der­schaft, Abbé Davi­de Pagli­a­ra­ni, gerich­tet und ihn gebe­ten, von den Wei­hen Abstand zu nehmen.

„Erwä­gen Sie sorg­fäl­tig das geist­li­che Wohl der Gläu­bi­gen“, schrieb der Papst, „denn der schis­ma­ti­sche Akt, den Sie zu bege­hen im Begrif­fe ste­hen, wür­de sie der recht­mä­ßi­gen und in man­chen Fäl­len sogar der gül­ti­gen Spen­dung jener Sakra­men­te berau­ben, die sie zu ihrer Hei­li­gung lie­ben und suchen.“

Im Schluß­teil sei­nes Schrei­bens erklär­te der Papst zugleich die Bereit­schaft des Hei­li­gen Stuh­les zu „einem Weg des Dia­logs und der Ver­stän­di­gung, den der Hei­li­ge Geist mög­lich und frucht­bar machen kann“.

Wei­ter heißt es:

„Ich bete für Sie; denn das unge­näh­te Gewand Chri­sti zu zer­rei­ßen ist eine Sün­de von äußer­ster Schwe­re. Der Herr erleuch­te Ihr Gewis­sen und rüh­re Ihre Her­zen an. Kraft der Auto­ri­tät, die ich von Chri­stus emp­fan­gen habe, sehe ich mich, wenn auch mit schmerz­er­füll­tem Her­zen, jedoch noch immer vol­ler Hoff­nung, ver­pflich­tet, Sie zu bit­ten, von Ihrem Vor­ha­ben Abstand zu neh­men. Die­se Bit­te ver­traue ich dem Unbe­fleck­ten Her­zen Mari­ens, der Mut­ter vom Guten Rat, an.“

Nur weni­ge Stun­den spä­ter ant­wor­te­te Pater Pagli­a­ra­ni dem Papst in einem Schrei­ben, des­sen Ton eben­so respekt­voll wie ein­dring­lich war. Dar­in bekräf­tig­te er, die Prie­ster­bru­der­schaft beab­sich­ti­ge kei­nes­wegs, sich von der Kir­che zu tren­nen, son­dern wol­le ihr viel­mehr in einer Lage die­nen, die sie als außer­ge­wöhn­lich betrachte.

Die Bischofs­wei­hen sei­en nach sei­ner Auf­fas­sung kein schis­ma­ti­scher Akt; viel­mehr dien­ten sie im Gegen­teil dazu, „das zer­ris­se­ne Gewand Chri­sti wie­der zusam­men­zu­fü­gen“, das durch die Kri­se der Kir­che beschä­digt wor­den sei. Sodann for­der­te der Gene­ral­obe­re den Papst auf, sich die not­wen­di­ge Zeit für eine sorg­fäl­ti­ge Prü­fung zu neh­men, und erin­ner­te dar­an, daß die Bru­der­schaft bereits 1988 des Schis­mas beschul­digt wor­den sei, ohne daß dies spä­te­re Gesprä­che mit dem Hei­li­gen Stuhl ver­hin­dert hätte.

Das Schrei­ben schließt mit einem Appell an das „väter­li­che Herz des uni­ver­sa­len Hir­ten“ Leo XIV. und mit der Über­zeu­gung, daß eines Tages alle Schwie­rig­kei­ten zwi­schen dem Hei­li­gen Stuhl und der Prie­ster­bru­der­schaft über­wun­den sein würden.

Der Papst konn­te sich der Pflicht nicht ent­zie­hen, die Kon­se­kra­to­ren auf den Ernst ihres Schrit­tes hin­zu­wei­sen. Eben­so vor­her­seh­bar war jedoch, daß die Prie­ster­bru­der­schaft an einer Ent­schei­dung fest­hal­ten wür­de, die in gera­der Linie der Wahl ihres Grün­ders entspricht.

Denn die Wei­hen des Jah­res 2026 wur­zeln unmit­tel­bar in den Ereig­nis­sen des Jah­res 1988. Sie las­sen sich nur ver­ste­hen, wenn man die Vor­ge­schich­te jenes dra­ma­ti­schen Som­mers rekonstruiert.

Die Grie­chen unter­schie­den bekannt­lich zwi­schen chro­nos und kai­ros. Chro­nos bezeich­net die meß­ba­re Zeit, den fort­lau­fen­den Ablauf der Ereig­nis­se. Kai­ros hin­ge­gen meint den ent­schei­den­den Augen­blick, jenen qua­li­ta­ti­ven Zeit­punkt, an dem eine Wahl den Gang der Geschich­te verändert.

Die Kir­chen­vä­ter und die mit­tel­al­ter­li­chen Theo­lo­gen grif­fen die­se Unter­schei­dung auf und ver­lie­hen ihr einen über­na­tür­li­chen Sinn. Chro­nos ist die Zeit, in der der Mensch lebt und han­delt; Kai­ros aber ist jener Augen­blick, in dem Gott den Men­schen anruft und ihn vor eine Ent­schei­dung stellt, deren Annah­me oder Ableh­nung sei­ne Zukunft bestimmt.

Für Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re kam die­ser Kai­ros in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai 1988.

In jener Nacht reif­te in ihm die Ent­schei­dung, die sein eige­nes Leben eben­so wie die Geschich­te der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. unwi­der­ruf­lich prä­gen soll­te: die weni­ge Stun­den zuvor unter­zeich­ne­te Ver­ein­ba­rung mit dem Hei­li­gen Stuhl zurück­zu­neh­men und unge­ach­tet des­sen die Bischofs­wei­hen ohne päpst­li­ches Man­dat vorzunehmen.

Um die­se Ent­schei­dung, die eine histo­ri­sche Was­ser­schei­de dar­stellt, zu ver­ste­hen, muß man eini­ge Mona­te zurückblicken.

Im Novem­ber 1987 hat­te Johan­nes Paul II. Kar­di­nal Edouard Gagnon als Apo­sto­li­schen Visi­ta­tor nach Écô­ne ent­sandt. Die Visi­ta­ti­on ende­te mit einem rund drei­ßig Sei­ten umfas­sen­den Bericht, den der kana­di­sche Pur­pur­trä­ger im Janu­ar 1988 dem Papst vor­leg­te. Dar­in beur­teil­te er die Lage der Prie­ster­bru­der­schaft im wesent­li­chen posi­tiv und emp­fahl eine kano­ni­sche Lösung, wel­che eine voll­stän­di­ge Aus­söh­nung mit Rom ermög­li­chen sollte.

Unter­des­sen hat­te Erz­bi­schof Lefeb­v­re jedoch öffent­lich ange­kün­digt, spä­te­stens bis zum 30. Juni 1988 min­de­stens drei Bischö­fe zu wei­hen – not­falls auch ohne päpst­li­che Zustimmung.

Johan­nes Paul II. gab den Weg des Dia­logs den­noch nicht auf. Am 12. und 15. April 1988 fan­den Gesprä­che zwi­schen Ver­tre­tern des Hei­li­gen Stuh­les und der Prie­ster­bru­der­schaft statt, an denen Theo­lo­gen und Kano­ni­sten bei­der Sei­ten teil­nah­men. Der gün­sti­ge Ver­lauf die­ser Begeg­nun­gen mach­te schließ­lich ein wei­te­res Tref­fen mög­lich, das am 5. Mai zwi­schen Kar­di­nal Joseph Ratz­in­ger, dem Prä­fek­ten der Kon­gre­ga­ti­on für die Glau­bens­leh­re, und Erz­bi­schof Lefeb­v­re stattfand.

Die­ses Gespräch ende­te mit der Unter­zeich­nung eines Pro­to­kolls, das zu den wich­tig­sten Doku­men­ten der jün­ge­ren Kir­chen­ge­schich­te zählt.

Im ersten, lehr­mä­ßi­gen Teil bekann­te Erz­bi­schof Lefeb­v­re im eige­nen Namen und im Namen der Prie­ster­bru­der­schaft sei­ne Treue zur katho­li­schen Kir­che und zum Römi­schen Papst. Er erklär­te sei­ne Annah­me der in Nr. 25 der Kon­zils­kon­sti­tu­ti­on Lumen gen­ti­um ent­hal­te­nen Leh­re über das kirch­li­che Lehr­amt und den ihm geschul­de­ten Gehor­sam. Er ver­pflich­te­te sich, gegen­über dem Hei­li­gen Stuhl eine Hal­tung des Stu­di­ums und des Dia­logs ein­zu­neh­men und Pole­mi­ken über die umstrit­te­nen Punk­te des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils sowie der nach­kon­zi­lia­ren Refor­men zu ver­mei­den. Zugleich erkann­te er die Gül­tig­keit der Mes­se und der Sakra­men­te nach den von Paul VI. und Johan­nes Paul II. pro­mul­gier­ten lit­ur­gi­schen Büchern an und ver­sprach, die all­ge­mei­ne Dis­zi­plin der Kir­che zu beach­ten, vor­be­halt­lich der beson­de­ren kano­ni­schen Ord­nung, die der Prie­ster­bru­der­schaft ein­ge­räumt wer­den sollte.

Im Gegen­zug bot der Hei­li­ge Stuhl eine weit­rei­chen­de kano­ni­sche Lösung an. Die Prie­ster­bru­der­schaft soll­te als Gesell­schaft apo­sto­li­schen Lebens päpst­li­chen Rechts errich­tet wer­den und hin­sicht­lich Lit­ur­gie, Prie­ster­aus­bil­dung und Apo­sto­lat eine weit­ge­hen­de Eigen­stän­dig­keit gegen­über den Diö­ze­san­bi­schö­fen erhal­ten. Ihr soll­te das Recht zuge­si­chert wer­den, die lit­ur­gi­schen Bücher von 1962 wei­ter­hin zu verwenden.

Dar­über hin­aus war die Ein­set­zung einer gemisch­ten Kom­mis­si­on aus Ver­tre­tern des Hei­li­gen Stuh­les und der Bru­der­schaft vor­ge­se­hen, um etwa­ige Streit­fra­gen zu klä­ren. Eben­so soll­ten die gegen Erz­bi­schof Lefeb­v­re ver­häng­te Sus­pen­sio a divi­nis auf­ge­ho­ben, etwa­ige Rechts­män­gel frü­he­rer Amts­hand­lun­gen geheilt sowie die Häu­ser und Wer­ke der Bru­der­schaft kir­chen­recht­lich aner­kannt werden.

Vor allem aber sah das Pro­to­koll vor, daß einem Mit­glied der Prie­ster­bru­der­schaft die Bischofs­wür­de über­tra­gen wer­den soll­te, wobei der Papst aus einer von Erz­bi­schof Lefeb­v­re vor­ge­schla­ge­nen Drei­er­li­ste aus­wäh­len soll­te. Gera­de die­se Fra­ge hat­te den Grün­der der Bru­der­schaft am mei­sten bewegt und schien nun einer Lösung zugeführt.

Der voll­stän­di­ge Wort­laut des Abkom­mens wur­de weni­ge Tage spä­ter sowohl im Bul­le­tin des Hei­li­gen Stuh­les als auch in der fran­zö­si­schen Tages­zei­tung Pré­sent und von der Prie­ster­bru­der­schaft selbst veröffentlicht.

Doch kei­ne vier­und­zwan­zig Stun­den spä­ter änder­te sich alles.

Am 6. Mai 1988 rich­te­te Erz­bi­schof Lefeb­v­re an Kar­di­nal Ratz­in­ger ein Schrei­ben, in dem er erklär­te, die ihm gege­be­nen Garan­tien genüg­ten ihm nicht. Er ver­lang­te, die Bischofs­wei­he müs­se spä­te­stens bis zum 30. Juni statt­fin­den, und füg­te hin­zu, daß er sich andern­falls sitt­lich ver­pflich­tet sehe, selbst zur Wei­he von Bischö­fen zu schreiten.

Was geschah in jener schlaf­lo­sen Nacht vom Don­ners­tag, dem 5., auf den Frei­tag, den 6. Mai, die Erz­bi­schof Lefeb­v­re im Prio­rat der Prie­ster­bru­der­schaft in Alba­no in der Via Tri­lussa gemein­sam mit eini­gen sei­ner eng­sten Mit­ar­bei­ter verbrachte?

Fest steht, daß die am 6. Mai getrof­fe­ne Ent­schei­dung den Punkt ohne Wie­der­kehr mar­kier­te. Von die­sem Augen­blick an ver­wan­del­te sich der Dia­log all­mäh­lich in einen Wett­lauf gegen die Zeit.

Am 24. Mai fand eine letz­te Begeg­nung zwi­schen den bei­den Sei­ten statt. Kar­di­nal Ratz­in­ger stell­te dabei im Namen Johan­nes Pauls II. in Aus­sicht, die Ernen­nung eines Bischofs bis zum 15. August vor­zu­neh­men, sofern zuvor auf der Grund­la­ge des bereits unter­zeich­ne­ten Pro­to­kolls ein Kli­ma des Ver­trau­ens und der Aus­söh­nung mit dem Hei­li­gen Stuhl wie­der­her­ge­stellt würde.

Erz­bi­schof Lefeb­v­re wies die­sen Vor­schlag jedoch in einem Schrei­ben vom 2. Juni zurück. Er beharr­te auf dem Ter­min des 30. Juni und ver­lang­te die Wei­he von drei Bischö­fen, um das Fort­be­stehen und die Tätig­keit der Prie­ster­bru­der­schaft dau­er­haft zu sichern.

In einem letz­ten Brief vom 9. Juni fleh­te Johan­nes Paul II. den fran­zö­si­schen Erz­bi­schof an, sich der Schwe­re der Fol­gen sei­nes bevor­ste­hen­den Schrit­tes bewußt zu wer­den, und for­der­te ihn auf, „in Demut zum vol­len Gehor­sam gegen­über dem Stell­ver­tre­ter Chri­sti“ zurückzukehren.

Am 30. Juni 1988 schritt Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re schließ­lich, assi­stiert von Bischof Anto­nio de Castro May­er, zur Wei­he von vier Bischö­fen ohne päpst­li­ches Man­dat: Ber­nard Fel­lay, Ber­nard Tis­sier de Mal­ler­ais, Richard Wil­liam­son und Alfon­so de Galarreta.

Johan­nes Paul II. reagier­te zwei Tage spä­ter mit dem Motu pro­prio Eccle­sia Dei adflic­ta. Dar­in bezeich­ne­te er die Bischofs­wei­hen als einen „schis­ma­ti­schen Akt“ und erklär­te, die Kon­se­kra­to­ren wie auch die Geweih­ten hät­ten sich die vom Kir­chen­recht für einen sol­chen Fall vor­ge­se­he­ne Exkom­mu­ni­ka­ti­on latae sen­ten­tiae zugezogen.

Der Chro­nos hat seit­dem sei­nen Lauf genom­men: Acht­und­drei­ßig Jah­re sind vergangen.

Der Kai­ros des Jah­res 1988 hin­ge­gen – jene Stun­de, in der die Vor­se­hung Erz­bi­schof Lefeb­v­re das Gewicht einer geschicht­li­chen Ent­schei­dung in die Hän­de leg­te –, wirft sei­nen Schat­ten bis in die Gegenwart.

Die Bischofs­wei­hen vom 1. Juli 2026 gehö­ren des­halb zu den bedeut­sam­sten Ereig­nis­sen in der Geschich­te der Bezie­hun­gen zwi­schen dem Hei­li­gen Stuhl und der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. Nicht des­halb, weil sie eine neue Kri­se eröff­ne­ten, son­dern weil sie sicht­bar machen, daß die Kri­se des Jah­res 1988 nie­mals wirk­lich über­wun­den wor­den ist.

Sie tritt nun viel­mehr in eine neue Pha­se ein.

Es geht heu­te nicht mehr allein um die Recht­mä­ßig­keit oder Unrecht­mä­ßig­keit von vier Bischofs­wei­hen. Im Mit­tel­punkt steht viel­mehr die Tat­sa­che, daß der lehr­mä­ßi­ge Kon­flikt, der dem Bruch von 1988 zugrun­de lag, fort­be­steht und daß sich zugleich eine bischöf­li­che Suk­zes­si­on ver­fe­stigt hat, die sich unab­hän­gig von der Auto­ri­tät des Römi­schen Pap­stes fortsetzt.

Gera­de dar­in liegt die eigent­li­che Bedeu­tung der Ereig­nis­se von Écône.

Sie mar­kie­ren nicht den Beginn einer neu­en Aus­ein­an­der­set­zung, son­dern die Fort­dau­er einer alten Wun­de, die trotz jahr­zehn­te­lan­ger Kon­tak­te, theo­lo­gi­scher Gesprä­che und wie­der­hol­ter Annä­he­rungs­ver­su­che nie wirk­lich ver­heilt ist. Die Bezie­hun­gen zwi­schen Rom und der Prie­ster­bru­der­schaft befin­den sich damit an einem neu­en histo­ri­schen Punkt: Die per­so­nel­len Vor­aus­set­zun­gen für das Fort­be­stehen der Bru­der­schaft sind auf lan­ge Sicht gesi­chert, wäh­rend die kir­chen­recht­li­che und vor allem die lehr­mä­ßi­ge Fra­ge wei­ter­hin ihrer Lösung harrt.

Ob der 1. Juli 2026 eines Tages als Auf­takt zu einer erneu­ten Annä­he­rung oder als wei­te­re Weg­mar­ke einer fort­dau­ern­den Ent­frem­dung gel­ten wird, ver­mag heu­te nie­mand zu sagen. Sicher ist ledig­lich, daß die Ent­schei­dung Erz­bi­schof Lefeb­v­res in jener Nacht des 5. Mai 1988 ihre geschicht­li­che Wirk­kraft bis heu­te nicht ver­lo­ren hat.

Der Chro­nos schrei­tet unauf­halt­sam voran.

Der Kai­ros aber bleibt bestehen.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to und Autor zahl­rei­cher histo­ri­scher und theo­lo­gi­scher Bücher, Her­aus­ge­ber des Online-Maga­zins Cor­ri­spon­den­za Roma­na und der Zeit­schrift Radi­ci Cristiane.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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