Die Rückkehr der metaphysischen Frage

Wahrheit, Anthropologie und normative Ordnung in der Moderne


Von Con­tra Ambivalent*

I. Einleitung: Die Krise der Wahrheit im Spannungsfeld von Moderne und Tradition

Die gegen­wär­ti­gen gesell­schaft­li­chen und inner­kirch­li­chen Debat­ten sind zuneh­mend von Ambi­va­lenz, Frag­men­tie­rung und pro­zes­sua­len Ver­stän­di­gungs­for­men geprägt. Nor­ma­ti­ve Ver­bind­lich­kei­ten erschei­nen dabei immer weni­ger als Aus­druck objek­ti­ver Wahr­heit, son­dern zuneh­mend als Resul­tat histo­ri­scher, kul­tu­rel­ler und dis­kur­si­ver Aus­hand­lungs­pro­zes­se. Wahr­heit gilt nicht mehr pri­mär als etwas Vor­ge­ge­be­nes, das der Mensch erkennt, son­dern als etwas Dyna­mi­sches, das sich inner­halb gesell­schaft­li­cher Ver­stän­di­gungs­pro­zes­se fort­lau­fend konstituiert.

Dabei ist zunächst zwi­schen unter­schied­li­chen For­men von Wahr­heit zu unterscheiden.

Natur­wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se besit­zen einen grund­sätz­lich vor­läu­fi­gen Cha­rak­ter. Sie beschrei­ben empi­ri­sche Pro­zes­se, ent­wickeln Model­le, kor­ri­gie­ren Hypo­the­sen und erwei­tern fort­lau­fend den jewei­li­gen Erkennt­nis­stand. Gera­de ihre Revi­si­ons­fä­hig­keit gehört zu ihrer metho­di­schen Stär­ke. Ähn­li­ches gilt für medi­zi­ni­sche und human­wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se, deren Fort­schritt wesent­lich auf empi­ri­scher Über­prüf­bar­keit und kon­ti­nu­ier­li­cher Wei­ter­ent­wick­lung beruht.

Davon zu unter­schei­den sind logi­sche und mathe­ma­ti­sche Wahr­hei­ten, die nicht pri­mär histo­risch oder empi­risch ver­mit­telt wer­den, son­dern aus for­ma­len und ratio­na­len Not­wen­dig­kei­ten her­vor­ge­hen. Aus­sa­gen wie „1 + 1 = 2“ besit­zen daher einen ande­ren Wahr­heits­cha­rak­ter als empi­ri­sche Theo­rien oder gesell­schaft­li­che Deutungsmodelle.

Eine wei­te­re Ebe­ne bil­den phi­lo­so­phi­sche Wahr­heits­an­sprü­che. Sie beru­hen nicht auf empi­ri­scher Mess­bar­keit, son­dern auf ratio­na­ler Refle­xi­on über Wirk­lich­keit, Erkennt­nis, Moral und Sein. Phi­lo­so­phi­sche Wahr­heit bean­sprucht daher kei­ne natur­wis­sen­schaft­li­che Veri­fi­zier­bar­keit, son­dern argu­men­ta­ti­ve Kohä­renz und logi­sche Nachvollziehbarkeit.

Davon wie­der­um unter­schei­den sich Offen­ba­rungs­wahr­hei­ten. Die­se sind zwar geschicht­lich und sprach­lich ver­mit­telt, bean­spru­chen jedoch zugleich einen Ursprung, der über bloß mensch­li­che Refle­xi­on hin­aus­geht. Sie ver­ste­hen sich daher nicht ledig­lich als Ergeb­nis phi­lo­so­phi­scher Erkennt­nis oder gesell­schaft­li­cher Ver­stän­di­gung, son­dern als Aus­druck eines dem Men­schen vor­aus­lie­gen­den meta­phy­si­schen Wahrheitsanspruchs.

Eine wei­te­re Ebe­ne bil­den moral­phi­lo­so­phi­sche und moral­theo­lo­gi­sche Wahr­heits­an­sprü­che. Sie bezie­hen sich nicht pri­mär auf die Beschrei­bung des­sen, was ist, son­dern auf die nor­ma­ti­ve Bewer­tung des­sen, was sein soll. Zwar sind mora­li­sche Urtei­le nicht voll­stän­dig von empi­ri­schen Erkennt­nis­sen los­ge­löst, sie gehen jedoch über das hin­aus, was Natur­wis­sen­schaf­ten selbst lei­sten
kön­nen. Die Bio­lo­gie kann etwa beschrei­ben, dass mit der Befruch­tung indi­vi­du­el­les mensch­li­ches Leben ent­steht; die Fra­ge nach dem mora­li­schen Sta­tus und dem dar­aus fol­gen­den Schutz­an­spruch die­ses Lebens lässt sich dar­aus jedoch nicht unmit­tel­bar ablei­ten. Die­se Bewer­tung fällt viel­mehr in den Bereich der Moral­phi­lo­so­phie, Bio­ethik oder Moral­theo­lo­gie und bleibt wesent­lich vom jewei­li­gen Men­schen­bild abhängig.

Gera­de an die­sem Punkt ent­ste­hen vie­le gegen­wär­ti­ge Kon­flik­te. Natur­wis­sen­schaft­li­che oder human­wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se wer­den im öffent­li­chen Dis­kurs häu­fig nicht nur deskrip­tiv ver­stan­den, son­dern impli­zit bereits nor­ma­tiv auf­ge­la­den. Dadurch ver­schwim­men die Gren­zen zwi­schen empi­ri­scher Beschrei­bung und mora­li­scher Bewertung.

Die vor­lie­gen­de Unter­su­chung rich­tet sich daher nicht gegen natur­wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­for­men oder mathe­ma­tisch-logi­sche Wahr­hei­ten, son­dern gegen Wahr­heits­mo­del­le, die nor­ma­ti­ve und mora­li­sche Ver­bind­lich­keit aus­schließ­lich histo­risch, funk­tio­nal oder dis­kur­siv begründen.

Vor die­sem Hin­ter­grund unter­sucht der vor­lie­gen­de Bei­trag die Span­nung zwi­schen einem pro­zes­su­al-funk­tio­na­len Wahr­heits­ver­ständ­nis der Moder­ne und einem meta­phy­sisch fun­dier­ten Wahr­heits­be­griff der tra­di­tio­nel­len Theo­lo­gie. Die lei­ten­de Fra­ge lautet:

Kann Wahr­heit dau­er­haft pro­zes­su­al gedacht wer­den, ohne ihren nor­ma­ti­ven Cha­rak­ter zu verlieren?

II. Die moderne Antwort: Wahrheit als Prozess, Diskurs und historische Dynamik

Die moder­ne Theo­lo­gie und Phi­lo­so­phie sind wesent­lich durch die Erfah­run­gen der Neu­zeit geprägt: kon­fes­sio­nel­le Kon­flik­te, Tota­li­ta­ris­men, wis­sen­schaft­li­che Revo­lu­tio­nen und kul­tu­rel­le Plu­ra­li­sie­rung. Dar­aus erwächst ein tie­fes Miss­trau­en gegen­über geschlos­se­nen und sta­ti­schen Wahrheitssystemen.

Wahr­heit wird daher nicht mehr pri­mär als unver­än­der­li­che Grö­ße ver­stan­den, son­dern als geschicht­lich ver­mit­tel­te Erkennt­nis. Mensch­li­ches Erken­nen voll­zieht sich stets inner­halb histo­ri­scher, kul­tu­rel­ler und sprach­li­cher Bedin­gun­gen. Auch reli­giö­se Aus­sa­gen erschei­nen in die­sen Hori­zont eingebunden.

Dadurch gewin­nen her­me­neu­ti­sche und dis­kur­si­ve Model­le an Bedeu­tung. Wahr­heit gilt nun weni­ger als Besitz denn als Pro­zess. Nicht auto­ri­ta­ti­ve Set­zung, son­dern kom­mu­ni­ka­ti­ve Ver­stän­di­gung wird zum zen­tra­len Bezugs­punkt. Beson­ders in der moder­nen Theo­lo­gie zeigt sich dies im Begriff der Pasto­ra­li­tät, der die Ver­mitt­lung von Wahr­heit im kon­kre­ten Lebens­kon­text betont.

Mit die­ser Ent­wick­lung ver­bin­det sich zugleich eine grund­le­gen­de Skep­sis gegen­über sta­ti­schen Syste­men. Ein­deu­tig­keit erscheint häu­fig als mög­li­che Ver­kür­zung kom­ple­xer Wirk­lich­keit. Ambi­va­lenz und Pro­zess­haf­tig­keit gel­ten daher nicht pri­mär als Schwä­che, son­dern als Aus­druck intel­lek­tu­el­ler Red­lich­keit und histo­ri­scher Sensibilität.

Gera­de aus ihrer Offen­heit her­aus erhebt die Moder­ne dabei ihren eige­nen Wahr­heits­an­spruch. Selbst­kor­rek­tur und Revi­si­on gel­ten nicht als Rela­ti­vie­rung von Wahr­heit, son­dern als Schutz vor ideo­lo­gi­scher Ver­ab­so­lu­tie­rung. Wahr­heit erscheint so als fort­lau­fen­de Annä­he­rung, nicht als end­gül­ti­ger Besitz.

In plu­ra­len Gesell­schaf­ten besitzt die­ses Modell eine hohe Plau­si­bi­li­tät, weil es Dia­log­fä­hig­keit ermög­licht und unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven in einen gemein­sa­men Kom­mu­ni­ka­ti­ons­raum integriert.

III. Die innere Stärke des modernen Modells

Die Attrak­ti­vi­tät pro­zes­sua­ler Wahr­heits­mo­del­le erklärt sich nicht allein aus theo­re­ti­schen Über­le­gun­gen, son­dern wesent­lich aus histo­ri­schen Erfah­run­gen. Geschlos­se­ne Syste­me kön­nen unter bestimm­ten Bedin­gun­gen selbst Span­nun­gen erzeu­gen, ins­be­son­de­re dort, wo sie kom­ple­xe Wirk­lich­keit in star­re Ord­nun­gen überführen.

Moder­ne Pro­zess­mo­del­le ver­su­chen dem­ge­gen­über, Wider­sprüch­lich­keit nicht vor­schnell auf­zu­lö­sen, son­dern aus­zu­hal­ten. Ambi­va­lenz erscheint dabei nicht als Defi­zit, son­dern als Aus­druck der Gren­zen mensch­li­cher Erkennt­nis. Unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven sol­len nicht nivel­liert, son­dern inner­halb gemein­sa­mer Dis­kur­se inte­griert werden.

In plu­ra­len Gesell­schaf­ten erfüllt dies eine zen­tra­le Funk­ti­on. Da kein all­ge­mein ver­bind­li­ches meta­phy­si­sches Fun­da­ment mehr vor­aus­ge­setzt wer­den kann, tritt kom­mu­ni­ka­ti­ve Anschluss­fä­hig­keit zuneh­mend an die Stel­le meta­phy­si­scher Ein­heit. Wahr­heit legi­ti­miert sich damit stär­ker über öffent­li­che Begründ­bar­keit als über onto­lo­gi­sche Letztgewissheit.

Zugleich ver­steht sich das Pro­zess­den­ken als Schutz gegen ideo­lo­gi­sche Ver­ab­so­lu­tie­rung. Gera­de die Erfah­run­gen des 20. Jahr­hun­derts haben das Miss­trau­en gegen­über geschlos­se­nen Wahr­heits­an­sprü­chen ver­stärkt, da tota­li­tä­re Syste­me ihre Herr­schaft häu­fig selbst mit abso­lu­ten Wahr­heits­mo­del­len legitimierten.

Auch inner­halb der Kir­che gewinnt die­se Per­spek­ti­ve zuneh­mend Bedeu­tung. Pasto­ra­li­tät meint hier nicht nur prak­ti­sche Ver­mitt­lung, son­dern eine stär­ke­re Sen­si­bi­li­tät für histo­ri­sche Kon­tex­te, indi­vi­du­el­le Lebens­si­tua­tio­nen und gesell­schaft­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­din­gun­gen. Ambi­va­lenz erscheint dadurch nicht sel­ten auch als Mit­tel insti­tu­tio­nel­ler Stabilisierung.

Die Stär­ke des moder­nen Modells liegt somit vor allem in sei­ner Offen­heit und Anpas­sungs­fä­hig­keit. Frag­lich bleibt jedoch, ob ein System, das Wahr­heit dau­er­haft pro­zes­su­al ver­steht, sei­nen eige­nen nor­ma­ti­ven Kern auf Dau­er sta­bil hal­ten kann.

IV. Der Umschlagpunkt: Wenn Prozesshaftigkeit zur Selbstrelativierung wird

Gera­de in ihrer dia­lo­gi­schen Offen­heit und histo­ri­schen Sen­si­bi­li­tät liegt zugleich die inne­re Pro­ble­ma­tik des moder­nen Wahr­heits­mo­dells. Denn je kon­se­quen­ter Wahr­heit als pro­zes­su­al, kon­text­ab­hän­gig und dis­kur­siv ver­mit­telt ver­stan­den wird, desto schwie­ri­ger wird es, ihren nor­ma­ti­ven Cha­rak­ter dau­er­haft zu stabilisieren.

Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet daher nicht mehr, ob histo­ri­sche Ent­wick­lung exi­stiert – dar­an besteht kein Zwei­fel –, son­dern ob Wahr­heit selbst voll­stän­dig in die­se Ent­wick­lung hin­ein­ge­zo­gen wer­den kann, ohne ihren ver­pflich­ten­den Anspruch zu verlieren.

Denn sobald Wahr­heit pri­mär als Ergeb­nis geschicht­li­cher Pro­zes­se ver­stan­den wird, ver­än­dert sich ihr grund­le­gen­der Wirk­lich­keits­an­spruch. Wahr­heit erscheint nun nicht mehr als etwas Vor­ge­ge­be­nes, das den Men­schen tran­szen­diert und ihm gegen­über­tritt, son­dern als etwas, das sich inner­halb mensch­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Deu­tungs­pro­zes­se kon­sti­tu­iert. Sie wird nicht mehr pri­mär emp­fan­gen oder ent­deckt, son­dern zuneh­mend her­vor­ge­bracht und ausgehandelt.

Gera­de hier­in liegt jedoch die eigent­li­che Spannung.

Denn ein Wahr­heits­an­spruch, der wesent­lich histo­risch ver­mit­telt ist, gerät not­wen­dig unter den Vor­be­halt zukünf­ti­ger Revi­si­on. Was heu­te als ver­bind­lich gilt, kann mor­gen bereits als „zeit­be­dingt“, „kon­tex­tu­ell begrenzt“ oder „wei­ter­ent­wick­lungs­fä­hig“ erschei­nen. Der nor­ma­ti­ve Kern ver­liert dadurch an Sta­bi­li­tät. Wahr­heit bleibt zwar wei­ter­hin behaup­tet, erscheint jedoch struk­tu­rell provisorisch.

Damit ver­schiebt sich zugleich die Funk­ti­on des Dis­kur­ses selbst. Er dient nicht län­ger pri­mär der Annä­he­rung an eine vor­aus­lie­gen­de Wahr­heit, son­dern wird zuneh­mend zum Ort ihrer Her­vor­brin­gung. Wahr­heit ent­steht nun stär­ker inner­halb kom­mu­ni­ka­ti­ver Pro­zes­se. Die klas­si­sche Vor­stel­lung, dass Wahr­heit dem Men­schen vor­aus­liegt und ihn kor­ri­giert, wird schritt­wei­se durch ein Modell ersetzt, in dem Wahr­heit wesent­lich an Zustim­mung, Inte­gra­ti­on und kom­mu­ni­ka­ti­ve Anschluss­fä­hig­keit gebun­den bleibt.

Genau an die­sem Punkt beginnt jedoch die Selbst­re­la­ti­vie­rung des Systems.

Denn wenn jede Wahr­heit histo­risch bedingt ist, gilt dies not­wen­dig auch für jene Aus­sa­ge selbst. Der Anspruch, Wahr­heit müs­se grund­sätz­lich pro­zes­su­al ver­stan­den wer­den, könn­te dann sei­ner­seits nur Aus­druck eines bestimm­ten histo­ri­schen Bewusst­seins sein — nicht jedoch eine dau­er­haft gül­ti­ge Ein­sicht. Das Modell gerät damit in eine Form phi­lo­so­phi­scher Selbst­re­fe­ren­tia­li­tät: Es rela­ti­viert impli­zit die Vor­aus­set­zun­gen sei­nes eige­nen Wahrheitsanspruchs.

Die hier beschrie­be­nen Dyna­mi­ken blei­ben dabei kei­nes­wegs auf abstrak­te erkennt­nis­theo­re­ti­sche Model­le beschränkt. Viel­mehr spie­geln sie sich in bemer­kens­wer­ter Wei­se auch inner­halb gegen­wär­ti­ger kirch­li­cher und theo­lo­gi­scher Debat­ten wider. Vie­le der aktu­el­len Aus­ein­an­der­set­zun­gen um Moral, Pasto­ral, Syn­oda­li­tät oder kirch­li­che Reform betref­fen auf den ersten Blick kon­kre­te Sach­fra­gen. Bei nähe­rer Betrach­tung ver­wei­sen sie jedoch auf eine tie­fe­re Ebe­ne: auf unter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen davon, was Wahr­heit ist, wie sie erkannt wird und wodurch ihr nor­ma­ti­ver Anspruch begrün­det wird. Die gegen­wär­ti­gen Kon­flik­te erschei­nen daher weni­ger als iso­lier­te Ein­zel­pro­ble­me denn als Aus­druck kon­kur­rie­ren­der Wahr­heits­mo­del­le inner­halb der Kir­che selbst.

V. Die anthropologische Gegenfrage: Ist der Mensch moralisch stabil genug für prozessuale
Wahrheit?

An die­sem Punkt ver­schiebt sich die Argu­men­ta­ti­on von der Ebe­ne der Wahr­heits- und System­theo­rie hin zur Anthro­po­lo­gie, also zur Fra­ge nach dem Men­schen selbst. Denn selbst wenn man das moder­ne Modell der pro­zes­sua­len Wahr­heit als logisch kohä­rent und gesell­schaft­lich funk­tio­nal aner­kennt, bleibt eine ent­schei­den­de Rück­fra­ge bestehen: Ist der Mensch als han­deln­des und ent­schei­den­des Wesen über­haupt sta­bil genug, um mit sol­cher Offen­heit ver­ant­wort­lich umzugehen?

Die­se Fra­ge betrifft weni­ger die Fähig­keit des Men­schen zur Erkennt­nis als viel­mehr sei­ne Fähig­keit zur prak­ti­schen Umset­zung. Der Mensch erscheint in Geschich­te und Gegen­wart nicht als voll­stän­dig ratio­na­les und kon­si­sten­tes Wesen, son­dern als ein Span­nungs­feld unter­schied­li­cher Kräf­te: Ver­nunft, Affekt, Eigen­in­ter­es­se und sozia­ler Anpas­sungs­druck wir­ken zugleich auf sein Den­ken und Han­deln ein.

Gera­de des­halb tre­ten grund­le­gen­de anthro­po­lo­gi­sche Fak­to­ren in den Vordergrund:

Der Mensch ist anfäl­lig für Wil­lens­schwä­che, also für die Dis­kre­panz zwi­schen erkann­ter Ein­sicht und tat­säch­li­chem Handeln.

Er ist von Affek­ten geprägt, die Ent­schei­dun­gen beein­flus­sen und ver­zer­ren können.

Er bleibt ein­ge­bun­den in sozia­le und insti­tu­tio­nel­le Dyna­mi­ken, die Ver­hal­ten sta­bi­li­sie­ren, aber auch nor­ma­ti­ve Ver­schie­bun­gen begünstigen.

Und er ist von indi­vi­du­el­len wie kol­lek­ti­ven Inter­es­sen geprägt, die all­ge­mei­ne Maß­stä­be rela­ti­vie­ren können.

In einem stark pro­zes­sua­len Wahr­heits­mo­dell ent­steht dadurch eine beson­de­re Kon­stel­la­ti­on: Wenn nor­ma­ti­ve Ori­en­tie­rung nicht mehr durch sta­bi­le, vor­ge­ge­be­ne Wahr­heits­struk­tu­ren gesi­chert wird, son­dern im Dis­kurs fort­lau­fend neu aus­ge­han­delt wer­den muss, steigt der Druck auf jene Instan­zen, die die­sen Dis­kurs tragen.

Insti­tu­tio­nen, Gemein­schaf­ten und theo­lo­gi­sche Syste­me ste­hen dann unter dem Zwang, ihre Aus­sa­gen anschluss­fä­hig zu hal­ten. Was nicht anschluss­fä­hig ist, ver­liert an Wir­kung; was wir­ken soll, muss sich zumin­dest teil­wei­se an domi­nan­te gesell­schaft­li­che Erwar­tun­gen anpassen.

Hier ent­steht ein sub­ti­ler Mecha­nis­mus insti­tu­tio­nel­ler Selbst­sta­bi­li­sie­rung: Syste­me bevor­zu­gen jene Deu­tun­gen, die ihre eige­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Hand­lungs­fä­hig­keit sichern. Dadurch ver­schiebt sich das Ver­hält­nis von Wahr­heit und Pra­xis: Nicht mehr aus­schließ­lich die Wahr­heit bestimmt die Pra­xis, son­dern zuneh­mend auch die Fra­ge, wel­che Deu­tung sta­bi­li­sie­rend wirkt.

Die eigent­li­che anthro­po­lo­gi­sche Kri­tik rich­tet sich daher weni­ger gegen die Moder­ne selbst als gegen das Men­schen­bild, das vie­len pro­zes­sua­len Wahr­heits­mo­del­len zugrun­de liegt. Die zen­tra­le The­se lau­tet: Ein voll­stän­dig pro­zes­sua­les Wahr­heits­mo­dell über­schätzt struk­tu­rell die mora­li­sche Sta­bi­li­tät des Menschen.

Es setzt vor­aus, dass Men­schen in offe­nen Dis­kurs­räu­men dau­er­haft ratio­nal, selbst­kri­tisch und nor­ma­tiv kon­si­stent han­deln kön­nen. Die Gegen­be­ob­ach­tung ist jedoch ernüch­ternd: Unter Bedin­gun­gen hoher Kom­ple­xi­tät, plu­ra­ler Deu­tun­gen und sozia­ler Erwar­tungs­dy­na­mi­ken zeigt sich der Mensch als ein Wesen, das stark von kurz­fri­sti­ger Plau­si­bi­li­tät, psy­cho­lo­gi­scher Ent­la­stung,
sozia­ler Anschluss­fä­hig­keit und insti­tu­tio­nel­ler Selbst­si­che­rung geprägt ist.

Gera­de dar­aus ergibt sich die Pro­ble­ma­tik pro­zes­sua­ler Wahr­heits­mo­del­le: Wenn bereits die Trä­ger des Dis­kur­ses nicht mora­lisch sta­bil sind, stellt sich die Fra­ge, ob auch die aus die­sen Pro­zes­sen her­vor­ge­hen­de Wahr­heit von den­sel­ben Dyna­mi­ken geprägt wird.

Damit ver­schiebt sich die Fra­ge nach Wahr­heit selbst. Wenn Wahr­heit voll­stän­dig aus Kom­mu­ni­ka­ti­on, Geschich­te und dis­kur­si­ver Ver­stän­di­gung her­vor­geht, bleibt ihr nor­ma­ti­ver Gehalt not­wen­dig an die Begrenzt­heit ihres Her­vor­brin­gers gebun­den. Wahr­heit wäre dann nicht grö­ßer als der Mensch selbst.

Aus tra­di­tio­nel­ler Per­spek­ti­ve liegt hier­in die eigent­li­che Schwä­che rein pro­zes­sua­ler Wahr­heits­mo­del­le. Denn wenn Wahr­heit aus­schließ­lich inner­halb mensch­li­cher Pro­zes­se erzeugt wird, ver­liert sie ihren kor­ri­gie­ren­den Cha­rak­ter gegen­über dem Men­schen. Sie erscheint dann nicht mehr als vor­aus­lie­gen­de nor­ma­ti­ve Grö­ße, son­dern als Aus­druck kul­tu­rel­ler, psy­cho­lo­gi­scher und insti­tu­tio­nel­ler Bedingungen.

Die tra­di­tio­nel­le Posi­ti­on ant­wor­tet dar­auf weder mit voll­stän­di­ger meta­phy­si­scher Ver­füg­bar­keit noch mit der Preis­ga­be objek­ti­ver Wahr­heit. Sie bewegt sich zwi­schen bei­den Extre­men: Der Mensch kann an Wahr­heit teil­ha­ben, ohne sie voll­stän­dig zu beherrschen.

Die­se Unvoll­stän­dig­keit ist kein Defi­zit, son­dern ein Struk­tur­merk­mal mensch­li­cher Erkennt­nis. Wahr­heit muss grö­ßer sein als der Mensch selbst. Wäre sie hin­ge­gen voll­stän­dig Resul­tat mensch­li­cher Pro­zes­se, blie­be sie auf Affekt, Macht­in­ter­es­se, Angst und histo­ri­sche Bedingt­heit reduziert.

Zugleich bleibt Erkennt­nis geschicht­lich und per­spek­ti­visch ver­mit­telt. Der Mensch besitzt Wahr­heit daher nicht abso­lut, ist aber auf sie bezo­gen – man kann dies als sei­ne tran­szen­den­ta­le Ver­wie­sen­heit bezeich­nen: die Fähig­keit, über sich hin­aus auf etwas Nor­ma­ti­ves ver­wie­sen zu sein, das ihn bin­det, ohne voll­stän­dig ver­füg­bar zu sein.

Die­se Per­spek­ti­ve mar­kiert eine Mit­tel­stel­lung zwi­schen zwei Extre­men: einer voll­stän­dig ver­füg­ba­ren meta­phy­si­schen Wahr­heit und einem radi­ka­len Relativismus.

Wahr­heit erscheint so nicht als mensch­li­ches Kon­strukt, son­dern als etwas, das dem Men­schen vor­aus­liegt und sich ihm nur teil­wei­se erschließt. Davon zeu­gen auch grund­le­gen­de mora­li­sche Prin­zi­pi­en wie die Zehn Gebo­te, die Unan­tast­bar­keit der Men­schen­wür­de oder der kate­go­ri­sche Impe­ra­tiv Kants. Sie sind nicht bloß histo­ri­sche Kon­ven­tio­nen, son­dern Aus­druck eines
über­ge­ord­ne­ten nor­ma­ti­ven Wahrheitsanspruchs.

Gera­de dar­aus ergibt sich ein Kon­flikt mit pro­zes­sua­len Wahr­heits­mo­del­len: Wenn nor­ma­ti­ve Maß­stä­be nicht mehr in einer vor­aus­lie­gen­den Ord­nung grün­den, son­dern aus histo­ri­schen und dis­kur­si­ven Pro­zes­sen her­vor­ge­hen, stellt sich die Fra­ge nach ihrer dau­er­haf­ten Verbindlichkeit.

Die­se Pro­ble­ma­tik zeigt sich beson­ders deut­lich im moder­nen Fort­schritts­ver­ständ­nis. Tech­ni­scher und wis­sen­schaft­li­cher Fort­schritt ist nicht iden­tisch mit mora­li­schem Fort­schritt. Die Geschich­te des 20. Jahr­hun­derts zeigt viel­mehr, dass hoch­ent­wickel­te Syste­me kei­nes­wegs vor mora­li­scher Regres­si­on schüt­zen. Auch heu­te gilt: tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung impli­ziert kei­ne mora­li­sche Verbesserung.

Ähn­lich ambi­va­lent sind Bio- und Gen­tech­no­lo­gien. Sie erwei­tern mensch­li­che Hand­lungs­mög­lich­kei­ten erheb­lich, wer­fen aber zugleich grund­le­gen­de Fra­gen nach Men­schen­wür­de, Lebens­schutz und der Gren­ze tech­ni­scher Ver­fü­gung auf. Fort­schritt ver­grö­ßert Hand­lungs­macht, nicht not­wen­di­ger­wei­se mora­li­sche Integrität.

Vor die­sem Hin­ter­grund gewin­nen funk­tio­na­li­sti­sche Ethik­mo­del­le und pro­zes­sua­le Moral­vor­stel­lun­gen beson­de­re Bedeu­tung. Bei­de lösen nor­ma­ti­ve Maß­stä­be zuneh­mend aus festen meta­phy­si­schen Bin­dun­gen und ver­la­gern sie in gesell­schaft­li­che Funk­tio­nen und Abwägungsprozesse.

Hier zeigt sich die struk­tu­rel­le Nähe von moder­nem Wahr­heits- und Moral­ver­ständ­nis: Bei­de ten­die­ren dazu, Ver­bind­lich­keit aus Kom­mu­ni­ka­ti­on, Funk­tio­na­li­tät und sozia­ler Inte­gra­ti­on abzuleiten.

Die Fol­ge ist eine schritt­wei­se Rela­ti­vie­rung nor­ma­ti­ver Maß­stä­be. Wahr­heit bleibt sprach­lich prä­sent, ver­liert jedoch ihren Cha­rak­ter unbe­ding­ter Ver­bind­lich­keit. Sie erscheint weni­ger als kor­ri­gie­ren­de Instanz denn als Ergeb­nis fort­lau­fen­der Anpassung.

Beson­ders deut­lich wird dies am Begriff der Men­schen­wür­de. Moder­ne Gesell­schaf­ten ver­tei­di­gen ihre Unan­tast­bar­keit, lösen jedoch zuneh­mend jene meta­phy­si­schen Vor­aus­set­zun­gen, aus denen die­ser Anspruch hervorging.

In die­sem Zusam­men­hang gewinnt das Böcken­för­de-Dik­tum beson­de­re Bedeu­tung: Der frei­heit­li­che Staat lebt von Vor­aus­set­zun­gen, die er selbst nicht garan­tie­ren kann. Histo­risch stammt der Wür­de­be­griff wesent­lich aus dem jüdisch-christ­li­chen Men­schen­bild, ins­be­son­de­re der Vor­stel­lung des Men­schen als Ima­go Dei.

Je stär­ker die­se meta­phy­si­schen Grund­la­gen rela­ti­viert wer­den, desto drän­gen­der wird die Fra­ge, wor­auf die Unbe­dingt­heit der Men­schen­wür­de künf­tig noch gestützt wer­den kann.

VI. Die traditionelle Antwort: Dogma als Schutzform der Wahrheit

Vor die­sem Hin­ter­grund erscheint die tra­di­tio­nel­le Ant­wort nicht schlicht als Gegen­mo­dell zur Moder­ne, das sich durch Starr­heit oder Ent­wick­lungs­ver­wei­ge­rung aus­zeich­net. Viel­mehr lässt sie sich als Ver­such ver­ste­hen, Wahr­heit unter Bedin­gun­gen anthro­po­lo­gi­scher Unsi­cher­heit dau­er­haft sta­bil zu halten.

Im Zen­trum steht dabei eine grund­le­gen­de Ver­schie­bung der Per­spek­ti­ve: Wahr­heit wird nicht pri­mär als Ergeb­nis offe­ner Pro­zes­se ver­stan­den, son­dern als etwas, das dem Pro­zess vor­aus­liegt und ihn begrenzt. Das Dog­ma erscheint in die­ser Sicht­wei­se daher nicht bloß als histo­ri­sche Fest­le­gung, son­dern als Schutz­form gegen die voll­stän­di­ge Ver­flüs­si­gung nor­ma­ti­ver Maßstäbe.

Gera­de an die­ser Stel­le wird eine erkennt­nis­theo­re­ti­sche Grund­span­nung sicht­bar, die bereits im moder­nen Wahr­heits­ver­ständ­nis selbst ange­legt ist: Ein Erkennt­nis­mo­dell, das in den Natur­wis­sen­schaf­ten legi­tim und erfolg­reich ist, wird auf Berei­che über­tra­gen, in denen sei­ne Vor­aus­set­zun­gen mög­li­cher­wei­se nicht in glei­cher Wei­se tra­gen. Was dort als metho­di­sche Stär­ke gilt
– Vor­läu­fig­keit, Revi­si­on und Pro­zes­sua­li­tät – wird im nor­ma­ti­ven und meta­phy­si­schen Bereich selbst zum Struk­tur­prin­zip erhoben.

Gera­de unter den zuvor beschrie­be­nen anthro­po­lo­gi­schen Bedin­gun­gen gewinnt die tra­di­tio­nel­le Per­spek­ti­ve dadurch zusätz­li­che Plau­si­bi­li­tät. Wenn der Mensch in hohem Maß von Affek­ten, sozia­len Anpas­sungs­pro­zes­sen und insti­tu­tio­nel­len Eigen­lo­gi­ken geprägt ist, stellt sich die Fra­ge, ob ein rein pro­zes­sua­les Wahr­heits­mo­dell lang­fri­stig über­haupt sta­bi­le nor­ma­ti­ve Ver­bind­lich­keit
sichern kann.

Das Dog­ma erfüllt in die­sem Zusam­men­hang eine spe­zi­fi­sche struk­tu­rel­le Funk­ti­on: Es mar­kiert Gren­zen des Dis­kur­ses. Bestimm­te dog­ma­ti­sche Wahr­heits­an­sprü­che ste­hen dabei auch unter ver­än­der­ten histo­ri­schen oder kul­tu­rel­len Bedin­gun­gen nicht zur Disposition.

Genau an die­sem Punkt setzt aller­dings die moder­ne Kri­tik an. Wenn Wahr­heit not­wen­dig geschicht­lich, sprach­lich und inter­pre­ta­tiv ver­mit­telt bleibt, scheint auch der Anspruch dau­er­haft ver­bind­li­cher meta­phy­si­scher Wahr­heit pro­ble­ma­tisch zu werden.

Die tra­di­tio­nel­le Replik wider­spricht jedoch nicht der geschicht­li­chen Ver­mitt­lung mensch­li­cher Erkennt­nis, son­dern der Schluss­fol­ge­rung, dass dar­aus not­wen­dig die Unmög­lich­keit ver­bind­li­cher Wahr­heit fol­ge. Wahr­heit erscheint daher nicht bloß als Pro­dukt histo­ri­scher Pro­zes­se, son­dern als etwas, das dem Men­schen vor­aus­liegt und sich ihm nur par­ti­ell erschließt.

Im christ­li­chen Ver­ständ­nis erhält die­se Vor­stel­lung ihren stärk­sten Aus­druck in der Per­son Chri­sti selbst. Wahr­heit erscheint hier nicht pri­mär als abstrak­tes Prin­zip oder Ergeb­nis dis­kur­si­ver Selbst­ver­stän­di­gung, son­dern als per­so­na­le Wirk­lich­keit. Exem­pla­risch ver­dich­tet sich dies im johannei­schen Chri­stus­wort: „Ich bin der Weg und die Wahr­heit und das Leben; nie­mand kommt zum Vater denn durch mich“ (Joh 14,6).

Der Wahr­heits­an­spruch des Chri­sten­tums besitzt aus die­ser Per­spek­ti­ve daher kei­nen bloß funk­tio­na­len oder pro­zes­sua­len Cha­rak­ter, son­dern ver­weist auf eine dem Men­schen vor­aus­lie­gen­de und ihn nor­ma­tiv bin­den­de Wirk­lich­keit, die nicht voll­stän­dig dis­po­ni­bel wird.

Dog­ma­ti­sche Set­zun­gen die­nen in die­ser Per­spek­ti­ve nicht pri­mär insti­tu­tio­nel­ler Macht­si­che­rung, son­dern dem Schutz sol­cher als ver­bind­lich ver­stan­de­nen Wahr­heits­an­sprü­che gegen Relativierung.

Die dadurch ent­ste­hen­de asym­me­tri­sche Struk­tur von Wahr­heit bedeu­tet nicht das Ende von Dis­kus­si­on, son­dern deren Begren­zung. Gera­de hier­in liegt der sta­bi­li­sie­ren­de Cha­rak­ter dog­ma­ti­scher Setzungen.

Das Dog­ma mar­kiert in die­sem Sin­ne kei­ne Gren­ze gegen jede Form theo­lo­gi­scher Ent­wick­lung, wohl aber gegen die Rela­ti­vie­rung jener grund­le­gen­den Wahr­heits­an­sprü­che, die nach tra­di­tio­nel­ler Auf­fas­sung nicht zur Dis­po­si­ti­on ste­hen. Ver­än­de­run­gen kön­nen sich daher auf Inter­pre­ta­ti­on, Ent­fal­tung oder prak­ti­sche Anwen­dung bezie­hen, jedoch nur inso­fern, als sie den dog­ma­ti­schen Kern nicht rela­ti­vie­ren oder ihm wider­spre­chen. Ent­wick­lung erscheint aus die­ser Per­spek­ti­ve nicht als Bruch, son­dern als kon­ti­nu­ier­li­che Ent­fal­tung eines bereits vor­aus­lie­gen­den Wahrheitsanspruchs.

Denn soll Ortho­do­xie ihren nor­ma­ti­ven Cha­rak­ter bewah­ren, darf auch die Orthop­ra­xis nicht in einen grund­le­gen­den Gegen­satz zum dog­ma­ti­schen Gehalt gera­ten. Andern­falls wür­de sich die Unver­än­der­lich­keit des Dog­mas fak­tisch über die Pra­xis auf­lö­sen. Genau die­ser Wirk­me­cha­nis­mus zeigt sich – wie bereits in den vor­an­ge­gan­ge­nen Unter­su­chun­gen aus­führ­li­cher dar­ge­stellt wur­de – exem­pla­risch an neue­ren inner­kirch­li­chen Debat­ten etwa um Amo­ris Lae­ti­tia, Fidu­cia sup­pli­cans oder Aus­sa­gen zur Inter­kom­mu­ni­on kon­fes­si­ons­ver­schie­de­ner Paa­re. Der dog­ma­ti­sche Kern bleibt dabei sprach­lich häu­fig unan­ge­ta­stet, wäh­rend sich sei­ne prak­ti­sche und pasto­ra­le Anwen­dung schritt­wei­se ver­schiebt. Gera­de dadurch ent­steht aus tra­di­tio­nel­ler Per­spek­ti­ve die Sor­ge, dass nicht erst der expli­zi­te Wider­spruch gegen das Dog­ma, son­dern bereits sei­ne funk­tio­na­le Umdeu­tung über die Pra­xis lang­fri­stig zu einer Rela­ti­vie­rung sei­nes nor­ma­ti­ven Gehalts füh­ren kann.

Aus die­ser Per­spek­ti­ve erscheint das Dog­ma weni­ger als Ein­schrän­kung ratio­na­ler Frei­heit denn als deren Vor­aus­set­zung unter rea­li­sti­schen anthro­po­lo­gi­schen Bedin­gun­gen. Denn nur wenn bestimm­te Grund­über­zeu­gun­gen nicht per­ma­nent zur Dis­po­si­ti­on ste­hen, kann über­haupt sta­bi­le Ori­en­tie­rung entstehen.

Tra­di­tio­nel­le Struk­tu­ren erschei­nen damit nicht not­wen­dig als Aus­druck blo­ßer Infle­xi­bi­li­tät, son­dern auch als bewuss­te Begren­zung von Kom­ple­xi­tät zur Siche­rung lang­fri­sti­ger nor­ma­ti­ver Kon­ti­nui­tät. Beson­ders im kirch­li­chen Kon­text gewinnt dies Bedeu­tung, da reli­giö­se Gemein­schaf­ten nicht nur Dis­kurs­räu­me, son­dern Trä­ger dau­er­haf­ter Sinn- und Ori­en­tie­rungs­sy­ste­me sind.

Das Dog­ma fun­giert inso­fern als Gren­ze gegen die voll­stän­di­ge Ver­flüs­si­gung nor­ma­ti­ver Maß­stä­be. Es ver­hin­dert, dass jede Gene­ra­ti­on ihre Grund­la­gen voll­stän­dig neu defi­niert, und sichert dadurch insti­tu­tio­na­li­sier­te Kontinuität.

So erscheint die tra­di­tio­nel­le Posi­ti­on letzt­lich weni­ger als blo­ßer Gegen­satz zur Moder­ne denn als Ant­wort auf ein struk­tu­rel­les Pro­blem, das die Moder­ne selbst sicht­bar macht: die Span­nung zwi­schen not­wen­di­ger Offen­heit und not­wen­di­ger Verbindlichkeit.

Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet daher nicht, ob sich kirch­li­che Leh­re ent­wickelt, son­dern wodurch noch unter­schie­den wer­den kann, ob eine Ent­wick­lung eine legi­ti­me Ent­fal­tung des Glau­bens oder bereits sei­ne Rela­ti­vie­rung durch Inter­pre­ta­ti­on darstellt.

VII. Schluss: Die Rückkehr der metaphysischen Frage

Die bis­he­ri­gen Über­le­gun­gen haben gezeigt, dass sowohl ein strikt pro­zes­sua­les als auch ein Ver­ständ­nis von Wahr­heit, das von ihrer voll­stän­di­gen Ver­füg­bar­keit aus­geht, in eige­ne Schwie­rig­kei­ten gera­ten. Wäh­rend das eine Gefahr läuft, nor­ma­ti­ve Ver­bind­lich­keit schritt­wei­se zu rela­ti­vie­ren, unter­schätzt das ande­re die geschicht­li­che, sprach­li­che und per­spek­ti­vi­sche Begrenzt­heit mensch­li­cher Erkenntnis.

Die tra­di­tio­nel­le Posi­ti­on bewegt sich dem­ge­gen­über zwi­schen bei­den Polen. Sie hält dar­an fest, dass Wahr­heit dem Men­schen vor­aus­liegt und ihn nor­ma­tiv bin­det, ohne des­halb zu behaup­ten, der Mensch ver­fü­ge voll­stän­dig über sie. Wahr­heit erscheint hier weder als blo­ßes Pro­dukt mensch­li­cher Pro­zes­se noch als voll­stän­dig beherrsch­ba­rer Besitz, son­dern als eine Wirk­lich­keit, an der der Mensch teil­hat, ohne sie jemals ganz zu umfassen.

Gera­de dar­aus ergibt sich die eigent­li­che Schluss­fra­ge. Denn im Kern geht es nicht nur um die Form von Wahr­heit – also dar­um, ob sie sta­tisch oder pro­zes­su­al gedacht wird –, son­dern um die Fra­ge nach ihrer letz­ten Ver­bind­lich­keit: Wor­aus erhält Wahr­heit über­haupt ihren nor­ma­ti­ven Anspruch?

Ein funk­tio­na­li­sti­sches Ver­ständ­nis von Wahr­heit und Moral bin­det nor­ma­ti­ve Maß­stä­be not­wen­dig an ihre gesell­schaft­li­che Funk­ti­on. Sie gel­ten, weil sie Ori­en­tie­rung ermög­li­chen, Sta­bi­li­tät sichern oder Koope­ra­ti­on för­dern. Doch genau dadurch blei­ben sie prin­zi­pi­ell revi­si­ons­of­fen. Was funk­tio­nal ist, kann sich ver­än­dern; was sich ver­än­dert, bleibt rela­tiv zu sei­nen jewei­li­gen Bedingungen.

Damit kehrt die meta­phy­si­sche Fra­ge zurück – nicht als Rück­zug in vor­mo­der­ne Denk­for­men, son­dern als syste­ma­ti­sche Nach­fra­ge nach dem letz­ten Grund nor­ma­ti­ver Verbindlichkeit.

Zugleich ver­weist die­se Fra­ge auf eine Erkennt­nis, die bereits zu Beginn der Neu­zeit sicht­bar wur­de. Der erkennt­nis­theo­re­ti­sche Fort­schritt der koper­ni­ka­ni­schen Kon­tro­ver­se bestand gera­de dar­in, dass die Kir­che – nach anfäng­li­chen Kon­flik­ten – schritt­wei­se lern­te, unter­schied­li­che Erkennt­nis­be­rei­che kla­rer von­ein­an­der zu unter­schei­den. Die eigent­li­che Lei­stung der Neu­zeit bestand daher nicht dar­in, Wahr­heit auf empi­ri­sche Erkennt­nis zu redu­zie­ren, son­dern ver­schie­de­ne For­men von Wahr­heit und
Erkennt­nis von­ein­an­der abzugrenzen.

Natur­wis­sen­schaf­ten beschrei­ben, wie die Welt funk­tio­niert. Phi­lo­so­phie reflek­tiert über Sinn, Erkennt­nis und Moral. Theo­lo­gie fragt nach den letz­ten Grün­den von Wirk­lich­keit und nor­ma­ti­ver Ord­nung. Die Befrie­dung des Ver­hält­nis­ses zwi­schen die­sen Berei­chen beruh­te wesent­lich dar­auf, ihre jewei­li­gen Zustän­dig­kei­ten prä­zi­ser zu bestimmen.

Gera­de die­se Dif­fe­ren­zie­rung ist jedoch im gegen­wär­ti­gen Dis­kurs nicht mehr selbst­ver­ständ­lich gesi­chert. Denn in Tei­len der kirch­li­chen und theo­lo­gi­schen Debat­te wer­den natur- und human­wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se nicht nur als Beschrei­bung von Wirk­lich­keit rezi­piert, son­dern fak­tisch auch als nor­ma­ti­ve Kor­rek­tur moral­theo­lo­gi­scher und moral­phi­lo­so­phi­scher Posi­tio­nen
ver­wen­det. Dadurch ver­schiebt sich die ursprüng­lich gewon­ne­ne Unter­schei­dung zwi­schen deskrip­ti­ver Erkennt­nis und nor­ma­ti­ver Gel­tung erneut in Rich­tung einer funk­tio­na­len Über­la­ge­rung bei­der Ebenen.

Wird die Gren­ze zwi­schen deskrip­ti­ver Erkennt­nis und nor­ma­ti­ver Bewer­tung ver­wischt, ent­steht ein Kate­go­rien­feh­ler: Aus Aus­sa­gen dar­über, was ist, wer­den unmit­tel­bar Aus­sa­gen dar­über abge­lei­tet, was sein soll. Genau jene Unter­schei­dun­gen gera­ten dadurch unter Druck, die histo­risch dazu bei­getra­gen haben, das Ver­hält­nis von Wis­sen­schaft, Phi­lo­so­phie und Theo­lo­gie zu stabilisieren.

Vor die­sem Hin­ter­grund erhält die Aus­gangs­fra­ge des vor­lie­gen­den Bei­trags eine zusätz­li­che Schär­fe: Kann eine Ord­nung, die Wahr­heit pri­mär histo­risch, funk­tio­nal und dis­kur­siv ver­steht, dau­er­haft ver­hin­dern, dass ihre eige­nen Maß­stä­be selbst rela­ti­viert wer­den? Oder setzt jede sta­bi­le nor­ma­ti­ve Ord­nung letzt­lich einen Bereich von Wahr­heit vor­aus, der nicht voll­stän­dig in Funk­ti­on, Kon­text und Pro­zess aufgeht?

Die vor­an­ge­gan­ge­nen Über­le­gun­gen legen nahe, dass die eigent­li­che Schwie­rig­keit moder­ner pro­zes­sua­ler Wahr­heits­mo­del­le nicht in ihrer Offen­heit gegen­über Geschich­te, Plu­ra­li­tät und Dis­kurs besteht. Pro­ble­ma­tisch wird viel­mehr die Ten­denz, nor­ma­ti­ve Ver­bind­lich­keit voll­stän­dig aus eben jenen Pro­zes­sen ablei­ten zu wol­len, deren Vor­aus­set­zun­gen selbst histo­risch und wan­del­bar bleiben.

Die tra­di­tio­nel­le Posi­ti­on erscheint vor die­sem Hin­ter­grund nicht als Gegen­mo­dell zur geschicht­li­chen Ver­mitt­lung von Wahr­heit, son­dern als Ver­such, deren nor­ma­ti­ve Grund­la­ge zu sichern. Sie ver­bin­det die Ein­sicht in die Begrenzt­heit mensch­li­cher Erkennt­nis mit der Annah­me, dass Wahr­heit dem Men­schen vor­aus­liegt und ihn des­halb auch kor­ri­gie­ren kann.

Gera­de dar­in liegt ihre blei­ben­de Stär­ke: Sie ver­mei­det sowohl die Vor­stel­lung voll­stän­dig ver­füg­ba­rer Wahr­heit als auch deren Auf­lö­sung in per­ma­nen­te Prozessualität.

Wis­sen­schaft­lich bleibt die Fra­ge nach Wahr­heit not­wen­dig offen, inso­fern sie sich im Medi­um von Argu­ment, Kri­tik und metho­di­scher Revi­si­on voll­zieht. Im Hori­zont des Glau­bens hin­ge­gen – ver­stan­den als Akt des Ver­trau­ens und der exi­sten­zi­el­len Zustim­mung zu einer den Men­schen tra­gen­den Wirk­lich­keit – erscheint die­se Fra­ge nicht als unent­schie­den, son­dern als ent­schie­den. Nicht im Sin­ne einer Auf­he­bung der Ver­nunft, son­dern im Sin­ne einer sie über­stei­gen­den, aber nicht
wider­spre­chen­den Bindung.

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5. Kri­ti­scher Gegen­ho­ri­zont (optio­nal Mar­ker)
Fried­rich Nietz­sche: Zur Genea­lo­gie der Moral. Leip­zig 1887


    *Bis­her von Con­tra Ambi­va­lent ver­öf­fent­lich­te Beiträge:

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