Der heilige Georg, Patron der christlichen Siege

Möge der heilige Georg den Verteidigern des christlichen Volkes Kampfgeist und Sieg verleihen


St. Georg der Drachentöter, der Besieger aller Feinde des christlichen Volkes
St. Georg der Drachentöter, der Besieger aller Feinde des christlichen Volkes

Von Rober­to de Mattei*

In sei­nem Buch Phy­si­o­no­mies de saints wid­met der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler Ernest Hel­lo dem hei­li­gen Georg ein Por­trät und bezeich­net ihn als „einen der berühm­te­sten und zugleich am mei­sten ver­ges­se­nen Hei­li­gen; gestern berühmt, heu­te ver­ges­sen“. Hel­lo schrieb sein Buch 1875; heu­te ist der hei­li­ge Georg nicht nur ver­ges­sen, son­dern sei­ne lit­ur­gi­sche Gedenk­fei­er wur­de in der katho­li­schen Kir­che nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil sogar zu einem fakul­ta­ti­ven Gedenk­tag her­ab­ge­stuft – viel­leicht des­halb, weil der hei­li­ge Georg der arche­ty­pi­sche Krie­ger­hei­li­ge ist und damit dem heu­te vor­herr­schen­den Modell eines pazi­fi­sti­schen Katho­li­ken widerspricht.

Der hei­li­ge Georg wur­de nach den mei­sten Über­lie­fe­run­gen etwa um 280 in Kap­pa­do­ki­en gebo­ren und starb um 303 in Niko­me­dia1 den Mär­ty­rer­tod. Sei­ne Eltern waren Chri­sten: der Vater Geron­ti­os, ein römi­scher Offi­zier per­si­scher Her­kunft, und die kap­pa­do­ki­sche Mut­ter Poly­chro­nia. Im Glau­ben erzo­gen, wuchs er in Dis­zi­plin und Got­tes­furcht auf. Mit sieb­zehn Jah­ren trat er unter Kai­ser Dio­kle­ti­an in den Mili­tär­dienst ein. Er zeich­ne­te sich durch Mut und Recht­schaf­fen­heit aus und wur­de schließ­lich tri­bu­nus mili­tum, also ein hoher Offi­zier der römi­schen Armee.

Im Jahr 303, auf dem Höhe­punkt der dio­kle­tia­ni­schen Chri­sten­ver­fol­gung, trat Georg vor den Kai­ser und wag­te es, ihn zu tadeln, wobei er selbst bekann­te, Christ zu sein. Er wur­de dar­auf­hin auf jede erdenk­li­che Wei­se gefol­tert, blieb jedoch unbe­irrt im Glau­ben. Man gei­ßel­te ihn, bis die Kno­chen sicht­bar wur­den, warf ihn in einen Feu­er­gra­ben und setz­te ihm glü­hen­de Stie­fel an die Füße – doch Georg ertrug all dies, ohne zu wan­ken. Mehr­fach für tot gehal­ten, wur­de er auf wun­der­sa­me Wei­se wie­der leben­dig, wor­auf sich zahl­rei­che Zeu­gen und Sol­da­ten, dar­un­ter der Kom­man­dant Ana­to­li­us, bekehr­ten. Sogar Kai­se­rin Alex­an­dra, beein­druckt von sei­nem Glau­ben, nahm das Chri­sten­tum an und erlitt das Martyrium.

Der Groß­mär­ty­rer Georg

Schließ­lich ließ sich der christ­li­che Offi­zier vor einen heid­ni­schen Tem­pel füh­ren. Dio­kle­ti­an glaub­te, ihn end­lich gebro­chen zu haben. Doch Georg wand­te sich an das Göt­zen­bild, bekreu­zig­te sich und frag­te: „Willst du, daß ich dir Opfer dar­brin­ge wie einem Gott?“ Da ant­wor­te­te der Dämon gezwun­gen: „Ich bin kein Gott. Es gibt kei­nen ande­ren Gott außer dem, den du ver­kün­dest.“ Dar­auf­hin zer­fie­len die Göt­zen des Tem­pels zu Staub. 

Nun befahl der Kai­ser die Ent­haup­tung des Miles Chri­sti. In jener Zeit geschah dies bei vie­len Mär­ty­rern: Der Herr ließ sie unge­heu­re Qua­len ertra­gen und gewähr­te ihnen den Tod nur durch Enthauptung.

Der hei­li­ge Georg ging als „Mega­lo­mär­ty­rer“ (μεγαλομάρτυς), also als gro­ßer Glau­bens­zeu­ge, in die Geschich­te ein und wird beson­ders im Osten ver­ehrt. Berühmt ist er jedoch auch für eine ande­re Über­lie­fe­rung, die uns in der Legen­da Aurea des Jaco­bus de Vor­a­gi­ne über­lie­fert ist – einer mit­tel­al­ter­li­chen Samm­lung nicht von Legen­den im moder­nen Sinn, son­dern von histo­ri­schen Zeugnissen.

In der Nähe der Stadt Sile­na in Liby­en ver­setz­te ein schreck­li­ches Mon­ster, das in einem See leb­te, die Bevöl­ke­rung in Angst und Schrecken, indem es Tie­re und Men­schen angriff. Man ver­such­te, es zu besänf­ti­gen, indem man ihm täg­lich zwei Scha­fe opfer­te. Doch bald waren die Her­den erschöpft, und man befrag­te das Ora­kel. Die­ses ant­wor­te­te, man müs­se dem Dra­chen Men­schen­op­fer durch das Los dar­brin­gen. Sol­che Berich­te sind nicht unrea­li­stisch: Die heid­ni­schen Ora­kel, vom Dämon inspi­riert, ver­lang­ten häu­fig Men­schen­op­fer, und erst das Chri­sten­tum been­de­te die­se grau­sa­me Pra­xis. Das Los fiel schließ­lich auf die Toch­ter des Königs. Der König wei­ger­te sich zunächst, sie her­aus­zu­ge­ben, doch das Volk droh­te mit Auf­ruhr und bela­ger­te den Palast. Schließ­lich gab er nach und über­ließ sei­ne Toch­ter dem Drachen.

Wäh­rend die jun­ge Frau ihr Schick­sal am See erwar­te­te, erschien ihr ein christ­li­cher Sol­dat, der sie beru­hig­te und sie auf­for­der­te, auf den Namen Chri­sti zu ver­trau­en. Als der Dra­che auf­tauch­te, ritt Georg her­bei, stell­te sich ihm im Namen des Herrn ent­ge­gen und durch­bohr­te ihn mit sei­ner Lan­ze. Anschlie­ßend führ­te er das ver­wun­de­te Unge­heu­er in die Stadt und ver­sprach, es zu töten, wenn das Volk sich bekeh­ren wür­de. Der König ließ sich zusam­men mit zwan­zig­tau­send Män­nern tau­fen, ohne Frau­en und Kin­der mit­zu­zäh­len. Georg lehn­te jede Beloh­nung ab und ging sei­nem Schick­sal ent­ge­gen – dem Martyrium.

Das älte­ste und histo­risch sicher­ste Ele­ment der Über­lie­fe­rung über den hei­li­gen Georg ist sein Tod unter Dio­kle­ti­an. Den­noch ist das Bild, das über­all domi­niert – von byzan­ti­ni­schen Iko­nen über mit­tel­al­ter­li­che Fres­ken bis zur Renais­sance-Male­rei – jenes des Rit­ters, der den Dra­chen durch­bohrt. Die­se Dar­stel­lung besitzt, unab­hän­gig von ihrer histo­ri­schen Genau­ig­keit, eine star­ke sym­bo­li­sche Bedeu­tung: Der Dra­che steht für Fein­de, nicht nur ein­zel­ner Men­schen, son­dern gan­zer Gemein­schaf­ten und Völ­ker. Unter sei­ner Gestalt kann man die anti­christ­li­che Revo­lu­ti­on erken­nen, die seit Jahr­hun­der­ten die christ­li­che Zivi­li­sa­ti­on angreift. Der hei­li­ge Georg ist somit der Christ – oder die Gemein­schaft von Chri­sten –, die im Glau­ben bewaff­net den Feind bekämp­fen und besiegen.

Auch wenn der Kampf des hei­li­gen Georg gegen den Dra­chen histo­risch in Fra­ge gestellt wer­den kann, gilt dies nicht für eine ande­re über­lie­fer­te Bege­ben­heit. Am 15. Juli 1099, wäh­rend des Ersten Kreuz­zu­ges, den der seli­ge Urban II. aus­ge­ru­fen hat­te, erschien der hei­li­ge Georg den Kreuz­fah­rern vor den Toren Jeru­sa­lems in wei­ßer Rüstung mit einem roten Kreuz und for­der­te sie auf, ihm ohne Furcht zum Sieg zu fol­gen. Das­sel­be geschah in der Schlacht von Antio­chia. Seit­dem gilt der hei­li­ge Georg nicht nur als Patron des Kamp­fes, son­dern auch des Sie­ges über den Feind und wur­de über Jahr­hun­der­te hin­weg so angerufen.

Beson­ders stark war sei­ne Ver­eh­rung in der Repu­blik Genua, wo das Sym­bol des Hei­li­gen – ein rotes Kreuz auf wei­ßem Grund – zur Flag­ge wur­de. Der Ruf „Genua und der hei­li­ge Georg!“2 beglei­te­te die Kämp­fer in die Schlacht. Auch Vene­dig ver­ehr­te ihn neben dem hei­li­gen Mar­kus als beson­de­ren Schutz­pa­tron. Kei­ne Regi­on der katho­li­schen Welt über­traf jedoch Eng­land in der Ver­eh­rung die­ses Hei­li­gen, der dort bereits seit dem 9. und 10. Jahr­hun­dert hoch ver­ehrt wur­de. Ein eng­li­sches Kon­zil in Oxford3 im Jahr 1222 bestimm­te, daß das Fest des gro­ßen Mär­ty­rers im gan­zen Land ver­pflich­tend zu fei­ern sei, da er als Schutz­pa­tron Eng­lands galt. Das rote Georgs­kreuz auf wei­ßem (sil­ber­nem) Grund wur­de auch zur Fah­ne Eng­lands. In Ita­li­en sind über hun­dert Städ­te und Gemein­den ihm geweiht. Sein Schä­del, der im 8. Jahr­hun­dert aus dem Osten nach Rom gebracht wur­de, wird in der Basi­li­ka San Gior­gio al Vel­ab­ro4 aufbewahrt.

Das lit­ur­gi­sche Geden­ken des hei­li­gen Georg wird am 23. April gefei­ert, dem Tag sei­ner „Geburt in den Him­mel“. In Geor­gi­en, dem Land, das sei­nen Namen trägt, wird er zudem am 23. Novem­ber beson­ders fei­er­lich geehrt.

Heu­te brau­chen wir den Schutz des hei­li­gen Georg mehr denn je und soll­ten ihn anru­fen, damit er kämp­fe­ri­schen Geist ver­leiht und all jene zum Sieg führt, die die Ver­ant­wor­tung oder Beru­fung haben, das christ­li­che Volk gegen sei­ne Fein­de zu verteidigen.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Übersetzung/​Fußnoten: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL


  1. Niko­me­di­en ist das heu­ti­ge Izmit am Mar­ma­ra­meer im histo­ri­schen Bithy­ni­en (heu­te Tür­kei). ↩︎
  2. „Geno­va e San Gior­gio!“ Im ligu­ri­schen Ita­lie­nisch des Spät­mit­tel­al­ters hieß das: „Zêna e San Zòr­zo!“ (gespro­chen: Dsc­hè­na e San Dschòrd­scho“. ↩︎
  3. Das Con­ci­li­um Oxo­ni­en­se ver­sam­mel­te die Bischö­fe Eng­lands.
    Auch der 1118 gegrün­de­te Temp­ler­or­den (Pau­pe­res com­mi­li­to­nes Chri­sti templi­que Salo­mo­ni­ci Hieros­oly­mi­ta­nis) nahm die­se Sym­bo­lik des roten Kreu­zes auf wei­ßem Tuch an. ↩︎
  4. Sanc­ti Geor­gii ad velum aure­um. Vel­abrum hieß die sump­fi­ge Ebe­ne in der Anti­ke zwi­schen dem Tiber und dem Forum Roma­num. In der Nähe der heu­ti­gen Kir­che stand der Argen­ta­rier­bo­gen, wel­chen die römi­schen Geld­wechs­ler zum Dank an Kai­ser Sep­ti­mi­us Seve­rus im Jahr 204 errich­te­ten. ↩︎

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