Die katholischen Märtyrer von Tyburn


Das Kloster der ewigen Anbetung gegenüber der ehemaligen Hinrichtungsstätte Tyburn in London
Das Kloster der ewigen Anbetung gegenüber der ehemaligen Hinrichtungsstätte Tyburn in London

Von Rober­to de Mattei*

Unter den vie­len Orten der Welt, an denen Tag und Nacht das Aller­hei­lig­ste Sakra­ment ver­ehrt wird, gibt es einen, der eine ganz beson­de­re Bedeu­tung besitzt, weil er an eine tra­gi­sche Sei­te der Geschich­te der Kir­che erin­nert: das Klo­ster von Tyb­urn im Zen­trum Lon­dons, in der Nähe des heu­ti­gen Marb­le Arch.

Der „Tyb­urn Tree“ war der volks­tüm­li­che Name des gro­ßen Gal­gens, der hier stand. Es han­del­te sich nicht um einen ech­ten Baum, son­dern um eine robu­ste Holz­kon­struk­ti­on in drei­ecki­ger Form: drei senk­rech­te Pfäh­le tru­gen eben­so vie­le Quer­bal­ken. Die­se beson­de­re Bau­wei­se erlaub­te es, meh­re­re Hin­rich­tun­gen gleich­zei­tig zu voll­zie­hen, wodurch Tyb­urn bis zum Jahr 1783 der wich­tig­ste Ort öffent­li­cher Hin­rich­tun­gen in Eng­land wurde.

Zwi­schen 1535 und 1681 wur­de die­ser Gal­gen zum Schau­platz des Todes von über hun­dert katho­li­schen Mär­ty­rern sowie vie­ler ande­rer Gläu­bi­ger, die von der Kir­che noch nicht offi­zi­ell als Hei­li­ge aner­kannt sind.

Die reli­giö­se Ver­fol­gung begann im Jahr 1534, als König Hein­rich VIII. mit dem Supre­mats­akt erklär­te, er selbst sei das Ober­haupt der Kir­che von Eng­land, und sich von Rom trenn­te, nach­dem der Papst sich gewei­gert hat­te, sei­ne Ehe mit Katha­ri­na von Ara­gón für ungül­tig zu erklären.

Jeder, der die neue reli­giö­se Auto­ri­tät des Königs nicht aner­ken­nen woll­te, wur­de wegen „Hoch­ver­rats“ zum Tod ver­ur­teilt. So ent­stand das angli­ka­ni­sche Schisma.

Die ersten Opfer waren der hei­li­ge John Fisher, Bischof von Roche­ster, und der Lord­kanz­ler des König­reichs, der hei­li­ge Tho­mas Morus. Bei­de wur­den 1535 in Tower Hill ent­haup­tet. Obwohl sie nicht in Tyb­urn hin­ge­rich­tet wur­den, war das Kli­ma der Ver­fol­gung, das sie zum Tod ver­ur­teil­te, das­sel­be, das spä­ter das Schick­sal vie­ler Mär­ty­rer bestim­men soll­te, die am Tyb­urn Tree gehängt und anschlie­ßend gevier­teilt wurden.

Wäh­rend der Herr­schaft von Köni­gin Eli­sa­beth I. (1558–1603) ver­schärf­te sich die Unter­drückung der Katho­li­ken. Zu den bekann­te­sten Mär­ty­rern von Tyb­urn gehö­ren der Jesui­ten­pa­ter Edmund Cam­pi­on, der 1581 hin­ge­rich­tet wur­de, sowie sei­ne Mit­brü­der Robert Southwell und Hen­ry Wal­po­le im Jahr 1595.

Neben ihnen möch­ten wir auch zwei Lai­en in Erin­ne­rung rufen, die weni­ger bekannt sind, aber eben­falls der Ver­eh­rung würdig.

Am 25. Febru­ar 1570 unter­zeich­ne­te und ver­kün­de­te Papst Pius V. im Kon­si­sto­ri­um die Bul­le Regn­ans in excel­sis, mit der er Köni­gin Eli­sa­beth I. exkom­mu­ni­zier­te und erklär­te, sie habe ihr angeb­li­ches Recht auf die eng­li­sche Kro­ne ver­lo­ren; ihre Unter­ta­nen sei­en nicht mehr an den Treue­eid gebun­den und dürf­ten ihr unter Andro­hung der Exkom­mu­ni­ka­ti­on kei­nen Gehor­sam lei­sten. Der Papst berief sich dabei auf das Lehr­amt der gro­ßen Päp­ste des Mit­tel­al­ters, aber auch auf Paul III., der 1535 erklärt hat­te, der König von Eng­land habe sein Reich ver­wirkt, sowie auf Cle­mens VII., der zuvor Hein­rich VIII. bereits exkom­mu­ni­ziert hatte.

Eli­sa­beth ver­such­te auf jede Wei­se zu ver­hin­dern, daß­die Bul­le in ihr Reich gelang­te und bekannt wur­de. Doch in der Nacht des 25. März 1570 befe­stig­te ein Gen­tle­man aus Southwark, John Fel­ton, ein Exem­plar der päpst­li­chen Bul­le am Tor des Hau­ses des schis­ma­ti­schen Bischofs von Lon­don neben der angli­ka­ni­schen Kathe­dra­le von St. Paul.

Am näch­sten Mor­gen ver­brei­te­te sich die Nach­richt in der Bevöl­ke­rung Lon­dons, die sich auf­ge­regt vor dem Bischofs­pa­last ver­sam­mel­te. Eli­sa­beth geriet in gro­ße Wut und befahl, Fol­ter anzu­wen­den, um den wag­hal­si­gen Täter zu fin­den, der die Bul­le ange­bracht hat­te. Fel­ton jedoch floh nicht, son­dern bekann­te sich zu der Tat und erklär­te, vie­le Exem­pla­re der Bul­le befän­den sich bereits in den Hän­den der Gläu­bi­gen der Stadt.

Am 4. August wur­de Fel­ton vor Gericht gestellt. Öffent­lich leug­ne­te er die geist­li­che Ober­ho­heit Eli­sa­beths und erklär­te, er sei bereit, für den katho­li­schen Glau­ben zu ster­ben. Um zu zei­gen, daß er kei­nen per­sön­li­chen Haß gegen die Köni­gin heg­te, nahm er einen Ring mit einem kost­ba­ren Dia­man­ten vom Fin­ger und ließ ihn der Köni­gin über­rei­chen. Am 8. August 1570 wur­de er gehängt und gevier­teilt. Wie sei­ne Toch­ter Fran­ces bezeugt, rief er, wäh­rend der Hen­ker bereits sein Herz aus sei­ner Brust geris­sen hat­te, noch zwei­mal den Namen Jesu an.

John Fel­ton wur­de am 29. Dezem­ber 1886 von Papst Leo XIII. selig­ge­spro­chen. Sein Sohn Tho­mas wur­de Prie­ster und erlitt im Jahr 1588 das­sel­be Martyrium.

Auf sein Mar­ty­ri­um folg­te das von John Storey, einem betag­ten Juri­sten, Pro­fes­sor der Rech­te in Oxford, der in den letz­ten Jah­ren Hein­richs VIII. Mit­glied des Par­la­ments gewe­sen war. Storey war bereits von 1548 bis 1549 ein­mal ver­haf­tet wor­den, floh danach nach Löwen in den Habs­bur­gi­schen Nie­der­lan­den, kehr­te jedoch unter Maria Tudor nach Eng­land zurück und wur­de zum Kanz­ler der Diö­ze­sen Oxford und Lon­don ernannt. Zu Beginn der Regie­rung Eli­sa­beths erneut ver­haf­tet, gelang ihm die Flucht; er begab sich wie­der in die Habs­bur­gi­schen Nie­der­lan­de, nahm die spa­ni­sche Staats­bür­ger­schaft an und stell­te sich unter den Schutz Phil­ipps II. Im Som­mer 1570 wur­de er durch eine List an Bord eines eng­li­schen Schif­fes gelockt, in Ket­ten gelegt und nach Lon­don gebracht. Dort sperr­te man ihn in den Tower ein und ver­ur­teil­te ihn zum Tode. Am 26. Mai 1571 wur­de er in Tyb­urn gevier­teilt. Papst Leo XIII. sprach ihn 1886 selig.

Die Hin­rich­tung Storeys ver­lief ähn­lich wie die von Fel­ton und so vie­len ande­ren Katho­li­ken, die in Tyb­urn „gehängt, aus­ge­wei­det und gevier­teilt“ wur­den. Der Ver­ur­teil­te wur­de auf einem Kar­ren zur Richt­stät­te gefah­ren, dort ent­klei­det, mit gefes­sel­ten Hän­den auf­ge­hängt – jedoch so, daß das Genick nicht brach. Noch bevor der Tod ein­trat, brach­te man ihn zum Schin­der­kar­ren, wo er bei vol­lem Bewußt­sein auf grau­sa­me Wei­se ver­stüm­melt wur­de. Der Hen­ker ach­te­te dar­auf, die lebens­wich­ti­gen Orga­ne zunächst zu scho­nen, damit der Ver­ur­teil­te bis zum Ende der Pro­ze­dur am Leben blieb. Neben dem Schin­der­kar­ren stand ein Koh­le­becken, in das jedes her­aus­ge­ris­se­ne Organ gelegt wur­de, um vor den Augen des noch Leben­den ver­brannt zu wer­den. Sobald dem noch leben­den Opfer die Ein­ge­wei­de voll­stän­dig her­aus­ge­ris­sen waren, trenn­te der Hen­ker ihm den Kopf ab und schritt schließ­lich zur Vier­tei­lung des Kör­pers. Mit einer Axt zer­teil­te er ihn in vier Tei­le: zunächst ein senk­rech­ter Schnitt, dann ein waa­ge­rech­ter und schließ­lich die Tei­lung in zwei wei­te­re Hälf­ten. Die Kör­per­tei­le wur­den anschlie­ßend an ver­schie­de­nen Stel­len der Stadt auf­ge­hängt. Auf die­se Wei­se star­ben unter Eli­sa­beth I., der Blu­ti­gen1, zahl­rei­che katho­li­sche Mär­ty­rer Englands.

Oli­ver Plunkett, Erz­bi­schof von Armagh, fiel 1681 als letz­ter Katho­lik in Tyb­urn einer Hin­rich­tung zum Opfer; er war Opfer halt­lo­ser Anschuldigungen.

Im Jahr 1901 erwarb ein aus Frank­reich ver­trie­be­ner Bene­dik­ti­ne­rin­nen­or­den, die Anbe­te­rin­nen des Hei­lig­sten Her­zens Jesu von Mont­mart­re (Ado­ra­tri­ces du Sacré-Cœur de Jésus de Mont­mart­re), das Gelän­de nahe dem Ort, auf dem sich einst der Gal­gen von Tyb­urn befand. An dem Ort, der so viel Blut gese­hen hat­te, rich­te­ten sie eine Ewi­ge Anbe­tung des Aller­hei­lig­sten Sakra­ments ein, die bis heu­te das geist­li­che Zen­trum des katho­li­schen Lon­don bil­det. An die Stel­le des Scha­fotts trat ein Altar, an dem Gott ange­be­tet wird – die unend­li­che Wahr­heit und höch­ste Gerechtigkeit.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Übersetzung/​Fußnote: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­po­den­za Romana


  1. Anspie­lung auf die Dis­kre­di­tie­rung von Maria I. von Eng­land als „Bloo­dy Mary“ („Maria die Blu­ti­ge“). Die katho­li­sche Köni­gin Maria I. war eine Halb­schwe­ster der Angli­ka­ne­rin Eli­sa­beth I. Wegen der Ver­su­che Mari­as die katho­li­sche Kir­che in Eng­land wie­der­her­zu­stel­len, wur­de sie spä­ter vom sieg­rei­chen angli­ka­ni­schen Staat als „blut­rün­stig“ dar­ge­stellt. Ein Bild, das bis heu­te das kol­lek­ti­ve Gedächnt­nis in Eng­land prägt. Dadurch soll­te aber auch von der blut­rün­sti­gen Ver­fol­gung der Katho­li­ken durch Eli­sa­beth I. abge­lenkt wer­den. Der grau­sa­me Tri­umph des Angli­ka­nis­mus über die Katho­li­ken drückt sich bis heu­te in der Grab­le­ge aus. Eli­sa­beth I. ließ sich in West­min­ster Abbey im sel­ben Grab über Maria I. bestat­ten. Nach außen sicht­bar ist nur das Grab der Angli­ka­ne­rin. Haß und Ver­fol­gung über den Tod hin­aus. ↩︎

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