USA gegen Iran: eine Verletzung des Rechts?

Kristentage


Von Rober­to de Mattei*

Der Mili­tär­ein­satz der USA und Isra­els gegen den Iran hat welt­weit eine Wel­le der Empö­rung aus­ge­löst. Nord­ko­rea, Ruß­land und Chi­na spra­chen von einer „ille­ga­len Aggres­si­on“ und bezeich­ne­ten sie als Ver­let­zung des Völ­ker­rechts. Wla­di­mir Putin ver­wen­de­te dabei For­mu­lie­run­gen wie „zyni­sche Ver­let­zung des Rechts“, wäh­rend Peking die Tötung des ira­ni­schen Füh­rers Ali Kha­men­ei als inak­zep­ta­bel kritisierte.

Auch in der west­li­chen Pres­se wie­der­hol­ten die mei­sten links­li­be­ra­len Zei­tun­gen die­se Vor­wür­fe – vom „New York Times“ über den „Guar­di­an“ bis zu „El País“ und „Le Mon­de“. In Ita­li­en brach­te die Tages­zei­tung „Il Mani­festo“ die Kri­tik wie folgt zum Ausdruck:

„Die US-ame­ri­ka­ni­sche und israe­li­sche Aggres­si­on gegen den Iran ist der näch­ste Schlag gegen das Völ­ker­recht. Sie stellt die ekla­tan­te Ver­let­zung der grund­le­gen­den Norm der Char­ta der Ver­ein­ten Natio­nen dar, die in Arti­kel 2 den Ein­satz von Gewalt gegen einen sou­ve­rä­nen Staat ver­bie­tet. Es ist die offi­zi­el­le Ver­kün­dung, sei­tens der größ­ten Mili­tär­macht der Welt, des Rechts des Stär­ke­ren als neue Grund­norm inter­na­tio­na­ler Bezie­hun­gen.“ („Il Mani­festo“, 2. März 2026)

Tat­säch­lich ist das Recht des Stär­ke­ren seit über zwei Jahr­hun­der­ten die Norm zwi­schen Staa­ten. Das Völ­ker­recht wur­de syste­ma­tisch ver­letzt, seit Napo­le­on Bona­par­te die Ideen der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on mit der Spit­ze sei­ner Bajo­net­te nach ganz Euro­pa expor­tier­te. Auch der ita­lie­ni­sche Staat selbst wur­de am 17. März 1861 unter Ver­let­zung des Völ­ker­rechts gegrün­det, durch Aggres­si­on und Zer­stö­rung legi­ti­mer sou­ve­rä­ner Staa­ten wie des Kir­chen­staa­tes, des König­reichs Bei­der Sizi­li­en, des Groß­her­zog­tums Tos­ka­na, des Her­zog­tums Par­ma und Pia­cen­za sowie des Her­zog­tums Mode­na und Reg­gio durch das König­reich Sardinien.

Kle­mens Fürst Met­ter­nich, der auf dem Wie­ner Kon­greß (1814/​1815) die durch die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on erschüt­ter­te poli­ti­sche Ord­nung Euro­pas wie­der­her­stell­te, faß­te sein „System“ mit den Wor­ten zusam­men: „die Kraft im Recht“ (Aus Metternich’s nach­ge­las­se­nen Papie­ren. Hrsg. von Richard Met­ter­nich-Win­ne­burg, Wien 1880ff). Das „Met­ter­nich-System“ ging nicht nur von der Exi­stenz von Rechts­nor­men aus, die von allen Natio­nen geteilt wur­den, son­dern auch von der Fähig­keit, Gewalt anzu­wen­den, um die­se Nor­men durch­zu­set­zen. Die­ses System wur­de durch die Pari­ser Frie­dens­kon­fe­ren­zen 1919–1920, die Euro­pa nach dem Ersten Welt­krieg neu struk­tu­rier­te, auf den Kopf gestellt.

Ein Bewun­de­rer Met­ter­nichs, Hen­ry Kis­sin­ger, erin­nert in sei­nem Werk Diplo­ma­cy (1994), daß in den Jah­ren zwi­schen den Welt­krie­gen an die Stel­le des öster­rei­chi­schen Kanz­lers Met­ter­nich als Archi­tekt des neu­en inter­na­tio­na­len Gleich­ge­wichts der US-ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Wood­row Wil­son trat – der Begrün­der des Völ­ker­bunds, der 1919 geschaf­fen wur­de, um eine neue inter­na­tio­na­le Ord­nung zu sichern.

Der Zwei­te Welt­krieg, ver­ur­sacht durch den natio­nal­so­zia­li­sti­schen Expan­sio­nis­mus, führ­te zum Schei­tern des Völ­ker­bun­des. 1945 wur­de die Orga­ni­sa­ti­on der Ver­ein­ten Natio­nen (UNO) gegrün­det, um den inter­na­tio­na­len Frie­den im Namen der „Kraft des Rechts“ wie­der­her­zu­stel­len. Doch die Nach­kriegs­ge­schich­te ist geprägt von zahl­rei­chen Krie­gen und mili­tä­ri­schen Inter­ven­tio­nen, die die­se Hoff­nung zunich­te­mach­ten: Korea, Viet­nam, Afgha­ni­stan, Irak, Bal­kan, Naher Osten.

Die rus­si­sche Inva­si­on der Ukrai­ne im Febru­ar 2022 war die jüng­ste ekla­tan­te Ver­let­zung des Völ­ker­rechts, die die Ohn­macht der UNO erneut zeig­te. Die Ursa­che liegt genau in dem Feh­len jener „Kraft im Recht“, auf die sich Met­ter­nich als Grund­la­ge staat­li­cher Ord­nung bezog. Wel­che Regeln gel­ten heu­te, und wel­che Auto­ri­tät kann sie durchsetzen?

In sei­ner Enzy­kli­ka Sum­mi Pon­ti­fi­ca­tus vom 20. Okto­ber 1939 iden­ti­fi­zier­te Papst Pius XII. die „tie­fe und letz­te Wur­zel des Übels“ in der „Vernei­nung einer uni­ver­sel­len mora­li­schen Norm“, gül­tig für das indi­vi­du­el­le Leben, das gesell­schaft­li­che Leben und die Bezie­hun­gen zwi­schen Staa­ten. Ursa­che des gera­de aus­ge­bro­che­nen Krie­ges sei das „Nicht­an­er­ken­nen“ und das „Ver­ges­sen des Natur­rechts“, das in Gott als ober­stem Gesetz­ge­ber gegrün­det sei. In dem­sel­ben Doku­ment erklär­te der Papst:

„Die neue Welt­ord­nung, das natio­na­le und inter­na­tio­na­le Leben dür­fen, nach­dem die gegen­wär­ti­gen Bit­ter­kei­ten und grau­sa­men Kämp­fe been­det sind, nicht mehr auf dem unsi­che­ren Sand ver­än­der­li­cher und ver­gäng­li­cher Nor­men ruhen, die dem Will­kür­den­ken von Kol­lek­tiv- und Indi­vi­dua­lego­is­mus über­las­sen sind. Sie müs­sen viel­mehr auf dem uner­schüt­ter­li­chen Fun­da­ment, auf dem festen Fel­sen des Natur­rechts und der gött­li­chen Offen­ba­rung, auf­ge­baut sein.“

Die Idee des Natur­rechts wur­de bereits von Ari­sto­te­les und Cice­ro ent­wickelt (De Re Publi­ca III, 22; De Legi­bus I, 6, 12, 15), ihre voll­stän­dig­ste For­mu­lie­rung fin­det sich jedoch in den Zehn Gebo­ten. Das Natur­recht, in der mensch­li­chen Natur ver­an­kert, ist abso­lut und uni­ver­sell und bil­det die Grund­la­ge, auf der inter­na­tio­na­le Bezie­hun­gen beru­hen müs­sen, um Sta­bi­li­tät und Ord­nung zu gewähr­lei­sten. Ohne Bezug auf das Natur­recht sind posi­ti­ve Rechts­nor­men den wech­seln­den Mehr­hei­ten oder dem Druck domi­nan­ter Mäch­te aus­ge­lie­fert. Im 20. Jahr­hun­dert schei­ter­te jeder Ver­such, eine Ord­nung außer­halb des Natur­rechts auf­zu­bau­en; Macht wur­de zum ent­schei­den­den Fak­tor in ent­schei­den­den Momen­ten der Geschichte.

Dar­über hin­aus reicht der Ver­weis auf eine inter­na­tio­na­le Norm allein nicht aus, wenn die Fähig­keit fehlt, die­se Norm gegen­über Staa­ten durch­zu­set­zen. Seit der napo­leo­ni­schen Zeit wur­de Recht oft beschwo­ren, aber sel­ten war es sou­ve­rän. Heu­te ist die Struk­tur inter­na­tio­na­ler Bezie­hun­gen von Natur aus anar­chisch, da es kei­ne über­ge­ord­ne­te Auto­ri­tät gibt, die die Ein­hal­tung der Regeln garan­tie­ren kann. Wie der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Hed­ley Bull in The Anar­chi­cal Socie­ty (1977) schrieb, ist die inter­na­tio­na­le Ord­nung eine „Staa­ten­ge­sell­schaft“ ohne Welt­re­gie­rung. In den letz­ten sieb­zig Jah­ren wur­de ein dich­tes Netz von Ver­trä­gen, Gerich­ten, mul­ti­la­te­ra­len Orga­ni­sa­tio­nen und Rüstungs­kon­troll­re­gi­men auf­ge­baut – ohne daß dies Krie­ge, Gebiets­an­ne­xio­nen oder unge­recht­fer­tig­te mili­tä­ri­sche Inter­ven­tio­nen ver­hin­dern konn­te. Ohne die „Kraft des Rechts“ ist jeder Bezug auf uni­ver­sel­le Nor­men illu­so­risch, und die Macht domi­niert die öffent­li­che Bühne.

Papst Leo XIV. hat von Beginn sei­nes Pon­ti­fi­kats an wie­der­holt das The­ma Frie­den behan­delt und zutref­fend dar­auf hin­ge­wie­sen, daß „Krieg die Pro­ble­me nicht löst, son­dern sie eher ver­schärft und tie­fe Wun­den in der Geschich­te der Völ­ker hin­ter­läßt, deren Hei­lung Gene­ra­tio­nen erfor­dert“ (Ange­lus, 23. Juni 2025). Die heu­ti­ge Rea­li­tät ist jedoch nicht die einer har­mo­ni­schen mul­ti­po­la­ren Welt, die von neu­tra­len Insti­tu­tio­nen und einem gemein­sa­men Geist des Dia­logs regu­liert wird. Sie ist viel­mehr geprägt von einem har­ten Wett­be­werb gro­ßer Blöcke um glo­ba­le Hege­mo­nie in wirt­schaft­li­cher, poli­ti­scher und mili­tä­ri­scher Hinsicht.

Auf der einen Sei­te steht ein System unter Füh­rung der USA und der west­li­chen Demo­kra­tien, auf der ande­ren ein Block rund um die Volks­re­pu­blik Chi­na, die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on und deren Ver­bün­de­te in Eura­si­en und im Nahen Osten. So wie der Krieg zwi­schen Ruß­land und der Ukrai­ne nicht 2022 begann, son­dern jahr­zehn­te­lan­ge Ursa­chen hat, ist auch der aktu­el­le Kon­flikt zwi­schen den USA und dem Iran kei­ne Erfin­dung der Trump-Admi­ni­stra­ti­on, son­dern reicht zurück bis zur Isla­mi­schen Revo­lu­ti­on im Iran 1979 und weiter.

Wenn die mili­tä­ri­sche Ope­ra­ti­on der USA voll­stän­dig erfolg­reich ist, wür­de sie die sino-kom­mu­ni­sti­sche Front schwä­chen, zu der der Iran ein stra­te­gi­scher Kno­ten­punkt im Nahen Osten dar­stellt. Ein Schei­tern der USA wäre hin­ge­gen eine Nie­der­la­ge nicht nur für den gesam­ten Westen, son­dern auch für die katho­li­sche Kir­che, die ohne den heu­ti­gen poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Schutz, der ihre Frei­heit garan­tiert, zuneh­mend ein­ge­schränkt wäre in der Mög­lich­keit, das Evan­ge­li­um zu ver­kün­den, und mög­li­cher­wei­se eine bis­her nie gekann­te Pha­se der Ver­fol­gung erle­ben müß­te. Des­halb kann sich jeder Katho­lik, dem das Leben der Kir­che am Her­zen liegt, nur den Erfolg des Westens in die­sen dra­ma­ti­schen Kri­sen­ta­gen wünschen.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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