Das italienische Außenministerium hat die Anfrage des Heiligen Stuhls für die Ernennung eines neuen Apostolischen Nuntius bei der Italienischen Republik und San Marino erhalten. Laut dem Vatikanisten Marco Tosatti und Specola ist der venezolanische Erzbischof und Vatikandiplomat Edgar Peña Parra, derzeit Substitut für Allgemeine Angelegenheiten im Staatssekretariat, als Kandidat für dieses Amt im Gespräch. Damit zeichnen sich Veränderungen im Staatssekretariat ab, die etwas anders als erwartet sind.
Die mögliche Berufung fällt in eine Phase erheblicher innerkirchlicher Spannungen in der Römischen Kurie und hat insbesondere den ehemaligen Apostolischen Nuntius in den USA, Erzbischof Carlo Maria Viganò, zu scharfer Kritik veranlaßt. Viganò, der vom Heiligen Stuhl wegen seiner Kritik an Papst Franziskus im Juli 2024 exkommuniziert wurde, äußerte sich bereits in der Vergangenheit öffentlich ablehnend über Msgr. Peña Parra.
Historischer Wechsel an der italienischen Nuntiatur
Der amtierende Nuntius Msgr. Petar Rajič, ein Kanadier herzegowinisch-kroatischer Abstammung, hatte die Nachfolge des Schweizer Erzbischofs Emil Paul Tscherrig angetreten, der als erster Nicht-Italiener seit dem Konkordat die diplomatische Vertretung leitete. Laut Specola war vor allem Tscherrigs Amtszeit von umstrittenen Entscheidungen und internen Kritikpunkten geprägt. Auch Rajič konnte in Teilen der italienischen Kirchenkreise nicht die erhoffte Veränderung herbeiführen. Ihm wird eine zurückhaltende Führung in sensiblen Angelegenheiten und mangelnde Kenntnis der italienischen kirchlichen Realität vorgeworfen. Vor diesem Hintergrund wird die mögliche Entsendung Peña Parras in die Via Po, den Sitz der Apostolischen Nuntiatur, als strategischer Schritt interpretiert. Als Deutung greift das jedoch zu kurz. Kein Substitut des Staatssekretärs wird, ohne außergewöhnliche Situation, von einer so hohen Verwaltungsposition wieder als Nuntius in ein Land entsandt, auch nicht nach Italien. Tatsächlich gibt es bisher keinen Präzedenzfall dafür.
Bis zur offiziellen Ernennung bedarf es allerdings noch der formalen Zustimmung der italienischen Regierung. Diese gilt als Formsache, sollte der Heilige Stuhl einen entsprechenden Vorschlag vorlegen.
Peña Parra: Schlüsselperson im Staatssekretariat
Seit 2018 bekleidet Peña Parra die Position des Substituten für Allgemeine Angelegenheiten, eine zentrale Funktion im Organigramm des Vatikans, die die Mehrzahl der alltäglichen Regierungsangelegenheiten bündelt. Verschiedene Quellen betonen, daß die tatsächliche Machtfülle des Substituten in manchen Bereichen jene des Staatssekretärs übertrifft, da er die operative Leitung von Vorgängen und Entscheidungen innehat.
In den vergangenen Jahren war sein Name unter anderem mit Kontroversen im Zusammenhang mit interner Verwaltung sowie dem sogenannten Fall Sloane Avenue verbunden, blieb jedoch unter Papst Franziskus im Amt. Der Immobilienskandal in London ging noch auf seinen Vorgänger Angelo Becciu zurück, den Franziskus deshalb aus dieser Position abzog, aber im Gegenzug zum Kardinal kreierte und zum Präfekten eines Dikasteriums ernannte – bis er auch dort nicht mehr haltbar war. Die Würde eines Kardinals blieb ihm nominell jedoch erhalten. Am Konklave im vergangenen Mai hätte er teilnehmen können, und dies kurzzeitig auch angekündigt. Nach entsprechendem Druck anderer Purpurträger verzichtete er schließlich auf sein Wahlrecht.
Laut Berichten hat Papst Leo XIV. Beccius Nachfolger, dem venezolanischen Prälaten Peña Parra, in den vergangenen Monaten mehrere mögliche Einsatzorte vorgeschlagen. Zwei Vorschläge wurden abgelehnt; die Nuntiatur in Italien könnte nun eine Kompromißlösung darstellen, die einen Verbleib in Rom ermöglicht.
Fakt ist, daß Leo XIV. Msgr. Peña Parra aus seiner derzeit herausragenden Position am Staatssekretariats entfernen will. Die Gründe dafür sind Gegenstand intensiver Spekulationen. Dem Diplomaten eilte seiner Berufung nach Rom voraus, der rosafarbenen Fraktion anzugehören. Es ist jedoch zu bezweifeln, daß dies der oder ein Grund seiner Entfernung aus dem Substitutenamt ist.
Scharfe Kritik
Die Ankündigung wurde von einem „harten Angriff“, so Marco Tosatti, durch Msgr. Viganò begleitet. Der ehemalige Nuntius, der in den letzten Jahren offen in Opposition zum Heiligen Stuhl stand, bezweifelt die Eignung Peña Parras, den Vatikan in einem Land von herausragender historischer und politischer Bedeutung zu vertreten.
Darüber hinaus berichten Quellen von einer umfassenden Umstrukturierung im Staatssekretariat durch Leo XIV. Die Ernennung eines Papstes, der erst kurz in die bisherigen innerkirchlichen Dynamiken an der Römischen Kurie eingebunden war, habe Bewegungen und Anpassungen auf verschiedenen Verantwortungsebenen ausgelöst. In diesem Kontext könnte der mögliche Wechsel Peña Parras an die italienische Nuntiatur als Teil einer größeren Neuausrichtung der Machtverhältnisse an der Römischen Kurie interpretiert werden.
Die endgültige Entscheidung hängt nun von der offiziellen Rückmeldung der italienischen Behörden ab.
Amtssitz des Apostolischen Nuntius in Italien ist die prachtvolle Villa Giorgina an der Via Salaria, der antiken Salzstraße, die zur Zeit der etruskischen Könige Roms den Reichtum der Tiberstadt begründete.
Die in einem zwei Hektar großen Park gelegene Villa wurde 1920 von dem jüdischen Industriellen Abramo Isaia Levi errichtet, der sie nach seiner Tochter benannte. Für seine unternehmerischen Leistungen wurde Levi 1933 im faschistischen Italien zum Senator ernannt. Der Senat, das italienische Oberhaus, war damals nicht gewählt; die Senatorenwürde wurde ausgewählten Persönlichkeiten auf Lebenszeit verliehen. Zwar verlor Levi durch die 1938 auf reichsdeutschen Druck hin eingeführten Rassengesetze nicht seinen Parlamentssitz, doch sah er sich anderweitiger Diskriminierung ausgesetzt. Nach der Besetzung Italiens durch deutsche Truppen im Jahr 1943, als SiPo (Sicherheitspolizei) und SD (Sicherheitsdienst) der SS Jagd auf Juden machten, fand er Zuflucht und Schutz im Vatikan.
Levi konvertierte später zum katholischen Glauben. Seine einzige Tochter Giorgina war im Alter von dreizehn Jahren an Leukämie gestorben. Ohne direkte Nachkommen vermachte er bei seinem Tod 1949, als Zeichen des Dankes für seine Rettung und die vieler anderer Juden oder ehemaliger Juden, einen Großteil seines Vermögens, darunter die Villa Giorgina, Papst Pius XII.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: MiL