Von Roberto de Mattei*
Am 25. Januar veröffentlichte Papst Leo XIV. eine Botschaft anläßlich des hundertjährigen Jubiläums des Weltmissionssonntags, der am kommenden 16. Oktober begangen wird. Dieser Gedenktag, der im Jahr 1926 von Papst Pius XI eingeführt wurde, erinnert uns an die missionarische Berufung der Kirche, zusammengefaßt in den Worten unseres Herrn an seine Jünger:
„Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,18–20).
Nur wenige wissen, daß die Einführung dieses Tages auch einem Heiligen zu verdanken ist, der selbst niemals Missionar war, aber sein ganzes Leben den Missionen widmete: dem heiligen Giuseppe Allamano, dessen Fest am 16. Februar gefeiert wird.
Giuseppe Allamano wurde am 21. Januar 1851 in Castelnuovo d’Asti im Piemont (damals Königreich Sardinien) geboren, in jenem gesegneten Land, das auch Johannes Bosco hervorgebracht hatte. Er war eine der letzten Früchte jener außergewöhnlichen piemontesischen Spiritualität, die von Namen wie Giuseppe Cafasso, Giuseppe Benedetto Cottolengo, Leonardo Murialdo und vielen weiteren Seligen und Dienern Gottes geprägt ist.
Die piemontesische Spiritualität ist stets konkret und im treuen Annehmen der täglich empfangenen Gnaden verwurzelt; sie ist weder intellektualistisch noch sentimental. Kennzeichnend für sie sind der Vorrang des inneren Lebens, die Liebe zur Kirche, eine tiefe marianische Frömmigkeit und ein unerschütterliches Vertrauen in die göttliche Vorsehung.
1873 zum Priester geweiht, wurde Giuseppe Allamano bald von schwerem Leid getroffen: Eine ernste Krankheit zwang ihn, seine Lehrtätigkeit aufzugeben. Doch was wie eine Niederlage erschien, wurde in Gottes Hand zu einem fruchtbaren Samen. Zum Rektor des Heiligtums Santa Maria della Consolazione (Maria, Trost der Betrübten) in Turin ernannt, verwandelte Allamano diesen Ort in ein lebendiges Zentrum der priesterlichen Erneuerung. Vor dem Bild der Consolata reifte in ihm eine entscheidende Berufung: heilige Missionare zu formen, um das Evangelium bis an die Grenzen der Erde zu verkünden.
1901 gründete er das Institutum Missionum a Consolata (allgemein Consolata-Missionare genannt) und wenige Jahre später das Institut der Missionsschwestern der Consolata. Persönlich sollte er nie in die Mission aufbrechen – doch sein Herz umfaßte sie.
1912 wandte er sich direkt an Papst Pius X, um den Klerus und die Gläubigen für die Missionen zu sensibilisieren, und bat zugleich um die Einführung eines eigenen Gedenktages. Die Antwort erfolgte kurz nach seinem Tod mit der Einsetzung des Weltmissionssonntags. Allamano starb am 16. Februar 1926 in Turin; in diesem Jahr begehen wir seinen hundertsten Todestag. Er wurde von Papst John Paul II. seliggesprochen und am 20. Oktober 2024 von Papst Franziskus heiliggesprochen. Heute ist seine Missionsfamilie in vielen Ländern der Welt verbreitet.
Um die tiefe missionarische Spiritualität des heiligen Giuseppe Allamano zu verstehen, sind seine Schriften von großem Wert. Sie lassen sich in seinem berühmten Wahlspruch zusammenfassen:
„Zuerst Heilige, dann Missionare.“
„Das Werk der Mission“, schreibt Allamano, „erfordert große Heiligkeit. Eine mittelmäßige Heiligkeit genügt nicht; als Missionare bedarf es in höchstem Maße heiliger Menschen. Die Seelen werden durch die Heiligkeit gerettet. […] Gewisse Bekehrungen werden nur durch Heiligkeit erlangt. Vergeßt niemals, daß die Bekehrung der Herzen Werk der göttlichen Gnade ist, und nur wer von ihr erfüllt ist, wird Wunder der Umkehr wirken.“
„Zuerst Heilige und dann Missionare. Man darf die Begriffe nicht vertauschen. Es ist keineswegs Vermessenheit, heilig werden zu wollen; vermessen ist es, auf die eigenen Kräfte zu vertrauen. Die Heiligen sind nicht als Heilige geboren, sondern sie sind es geworden. Wer wirklich heilig werden will, dem hilft der Herr und macht ihn heilig.“
„Um heilig zu werden, muß man beten. Man muß immer beten, Tag und Nacht ohne Unterlaß – das heißt: vom Geist des Gebetes durchdrungen sein, wie das Gewand den Körper umhüllt. Wir müssen uns diesen Geist des Gebetes aneignen; das bedeutet nicht, vom Morgen bis zum Abend mündlich zu beten, sondern alles auf den Herrn zu beziehen. So wird unsere Arbeit selbst zum Gebet. Man vollbringt mehr in einer Viertelstunde nach dem Gebet als in zwei Stunden ohne Gebet. Das Gebet muß beharrlich sein. Wir klopfen an die Tür; wenn sie nicht geöffnet wird, klopfen wir stärker; wenn nötig, sprengen wir die Tür. So lehrt es uns der Herr. Wenn wir nicht erhalten, worum wir bitten, sollen wir bedenken, daß nicht ein einziger Faden, nicht ein einziges Wort unseres Gebetes ins Leere fällt.“
Weiter fügt der Heilige hinzu: „Durch das Kreuz werden wir geheiligt, nicht durch Worte und auch nicht allein durch Gebete; auch diese sind hilfreich, doch das Wichtigste ist, das Kreuz gut zu tragen. Die Spiritualität darf jedoch nicht traurig sein, sondern zutiefst heiter und voll Vertrauen in die Vorsehung.“
„Das Vertrauen“, so betont er, „ist die Quintessenz der Hoffnung. Vertrauen ist starke, lebendige Hoffnung. Auf dem Weg zur Vollkommenheit spielt es eine große Rolle. Ohne Vertrauen in Gott vermag man nichts; andererseits beleidigen wir Gott, wenn wir ihm nicht vertrauen. Es bedarf eines Vertrauens, das Wunder erwartet, eines Vertrauens, das uns ein wenig kühn, ja beinahe ‚zudringlich‘ macht. Der Herr nimmt daran keinen Anstoß. Gott sorgt in allem für jene, die auf ihn vertrauen.“
Die Verehrung der Madonna Consolata bildet eine der tragenden Säulen der Spiritualität des heiligen Giuseppe Allamano. In ihr sieht er eine Mutter, die führt, stützt und korrigiert, und ihr vertraut er jede Schwierigkeit an. „Wenn jemand keine Liebe zur Madonna verspürt, soll er darum bitten: Keine Liebe zur Muttergottes zu haben, ist ein schlechtes Zeichen. Wenn ihr keine Verehrung zur Madonna habt – und ich meine nicht nur irgendeine Verehrung, sondern eine zärtliche Verehrung –, werdet ihr nicht heilig werden!“
Energie ist eine charakteristische Gabe Unserer Lieben Frau, so der heilige Allamano:
„Maria ließ sich in ihrem Leid nicht niederdrücken, sondern zeigte Kraft: ‚Sie stand beim Kreuz Jesu‘ (Joh 19,25), teilnehmend am Leiden ihres Sohnes. Großmut, Mut“, aber auch Freude! Gott will starke und entschlossene Seelen, die sich ihm ganz zur Verfügung stellen. Wehe dem, der in der Heiligung Vorbehalte macht! Der Himmel ist nicht für die die Schwächeln bestimmt.
Was ist unser Leben? Es ist eine Stunde. Arbeiten wir wenigstens in dieser Stunde mit solcher Intensität und solchem Geist, daß eine einzige Stunde den ganzen Tag aufwiegt. Nicht so sehr das Fallen aus Schwäche ist das Übel, sondern das Nicht-Wiederaufstehen. Man muß stets von Neuem beginnen und darf nicht müde werden. Immer Mut. Vorwärts im Herrn.“
*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom, Vorsitzender der Stiftung Lepanto, Autor zahlreicher Bücher, zuletzt in deutscher Übersetzung: Verteidigung der Tradition: Die unüberwindbare Wahrheit Christi, mit einem Vorwort von Martin Mosebach, Altötting 2017, und Das Zweite Vatikanische Konzil. Eine bislang ungeschriebene Geschichte, 2. erw. Ausgabe, Bobingen 2011.
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Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
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