Das außerordentliche Konsistorium der vergangenen Woche warf ein Schlaglicht auf eine Entwicklung, die viele Gläubige seit Jahren mit Sorge beobachten. Während sich die versammelten Kardinäle in synodalen Überlegungen ergingen, blieben Fragen außen vor, die das konkrete kirchliche Leben unmittelbar betreffen. Dazu zählt vor allem die Liturgie – bemerkenswerterweise ein Thema, das ursprünglich auf der Tagesordnung stand und vom Papst selbst eingebracht worden war, dann jedoch per Mehrheitsentscheid fallengelassen wurde – aus Zeitgründen, wie es hieß. Die Abstimmung war nur möglich geworden, weil der Papst selbst sie den Purpurträgern vorlegte.
Gerade dieses Ausklammern verleiht einem anderen Vorgang besonderes Gewicht. Denn die Liturgie verschwand nicht einfach aus dem Konsistorium. Sie kehrte auf indirektem Weg zurück – in Form eines schriftlichen Dokuments, das den Kardinälen am Ende überreicht wurde und von Kardinal Arthur Roche stammt, dem Präfekten des Dikasteriums für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung.
Ein Papier mit klarer Stoßrichtung
Ein Bericht von The Catholic Herald vom 11. Januar 2026, gestützt auf Aussagen mehrerer Teilnehmer, bringt diesen Vorgang auf den Punkt. Ein Kardinal erklärte:
„Obwohl die Liturgie beiseitegelassen wurde, erhielten wir am Ende ein schriftliches Dokument von Kardinal Arthur Roche, das ziemlich negativ über die traditionelle lateinische Messe ausfiel.“
Damit ist zweierlei gesagt: Erstens war die überlieferte Liturgie durchaus Gegenstand des Konsistoriums – allerdings nicht als Thema einer offenen Diskussion. Zweitens wurde den Kardinälen eine bereits ausgearbeitete Bewertung präsentiert, ohne daß sie zuvor gemeinsam beraten worden wäre.
The Catholic Herald zieht daraus eine weitergehende Schlußfolgerung:
„Insgesamt deutet dieser Vorgang auf eine Verschlechterung des derzeitigen Ansatzes des Heiligen Stuhls gegenüber der traditionellen lateinischen Messe hin.“
Die Wahl der Form – schriftliche Kritik statt synodaler Aussprache – legt nahe, daß der Kurs bereits vorgegeben ist. Die Kardinäle sollten offenbar nicht beraten, sondern zur Kenntnis nehmen.

Kardinal Roche und die Theologie der Vereinheitlichung
Die Brisanz dieses Dokuments erschließt sich aus der liturgischen Agenda seines Autors. Kardinal Arthur Roche steht wie kaum ein anderer für eine rigorose Umsetzung von Traditionis custodes. Seit Inkrafttreten dieses bergoglianischen Motu proprio drängt er die Bischöfe, insbesondere in den USA, auf eine weitgehende Einschränkung der überlieferten Liturgie.
In den Responsa ad Dubia von 2021 formulierte Roche das Ziel unmißverständlich:
„Der Diözesanbischof hat als Moderator, Förderer und Hüter des gesamten liturgischen Lebens darauf hinzuwirken, daß in seiner Diözese zu einer einheitlichen Feierform zurückgekehrt wird.“
Diese „einheitliche Form der Feier“ meint faktisch die ausschließliche Orientierung am Novus Ordo. In der Praxis führte diese Logik zu Maßnahmen, die mitunter über den Wortlaut von Traditionis custodes hinausgehen: Verbot von Kniebänken, römischen Kaseln, der Zelebration ad orientem oder selbst klassischer liturgischer Gesten. Nicht selten entsteht dabei der Eindruck, daß Bischöfe sich weniger am Wohl der Gläubigen orientieren als an der Erwartungshaltung aus Rom.
Andere Stimmen aus der Kirche
Diese Entwicklung steht jedoch in deutlichem Spannungsverhältnis zu früheren lehramtlichen Aussagen. Papst Benedikt XVI. hielt im Motu proprio Summorum Pontificum (2007) fest, daß die überlieferte Liturgie niemals abgeschafft worden sei. In seinem Begleitbrief schrieb er:
„Was früheren Generationen heilig war, bleibt auch uns heilig und groß.“
Benedikt verstand die alte Messe nicht als Problem, sondern als Reichtum der Kirche und als Ausdruck organischer liturgischer Entwicklung. Vertreter der Tradition sehen in der überlieferten Form des Römischen Ritus sogar ein wesentliches Element zur Lösung der aktuellen Glaubens- und Kirchenkrise.
Auch Kardinal Robert Sarah, ehemaliger Präfekt derselben Kongregation, die heute von Kardinal Roche geleitet wird, warnte mehrfach vor einem ideologisch motivierten Umgang mit der Liturgie. 2016 erklärte er:
„Die Liturgie gehört nicht uns. Sie ist nicht das Experimentierfeld von Klerikern oder Liturgikern, sondern ein Schatz, den wir empfangen haben.“
Kardinal Raymond Leo Burke wiederum betonte wiederholt, daß viele Gläubige gerade durch den überlieferten Ritus eine tiefe Verwurzelung im Glauben gefunden hätten. Ihn pauschal zu problematisieren bedeute, diese Gläubigen faktisch zu marginalisieren.
Eine pastorale Frage – oder ein Machtinstrument?
Vor diesem Hintergrund wirft das beim Konsistorium verteilte Dokument von Kardinal Roche erhebliche Fragen auf. Wenn die traditionelle lateinische Messe nicht als legitimer Ausdruck der römischen Liturgie, sondern primär als Störfaktor behandelt wird, dann steht mehr auf dem Spiel als eine bloße Rubrikenfrage.
Die Tatsache, daß dieses Papier bislang nicht veröffentlicht wurde, verstärkt den Eindruck mangelnder Transparenz. Welche Argumente wurden den Kardinälen präsentiert? Wurden empirische Daten berücksichtigt – etwa die vielfach belegte Tatsache, daß Gemeinden der überlieferten Liturgie überdurchschnittlich viele junge Familien und Berufungen aufweisen? Oder handelt es sich um eine rein ideologisch motivierte Bewertung?
Verteidigung eines lebendigen Erbes
Vertreter der Tradition werden nicht müde zu betonen, daß die überlieferte lateinische Messe kein nostalgisches Relikt und keine kirchenpolitische Provokation ist. Sie ist ein gewachsener Ausdruck des Römischen Ritus, der die Kirchengeschichte und Generationen von Heiligen geprägt hat. Sie lebt – nicht trotz, sondern wegen ihrer theologischen Dichte, ihrer sakralen Ausrichtung und ihrer inneren Kontinuität.
Die römische Vorgehensweise löste Unmut aus: Wenn die Zukunft des überlieferten Römischen Ritus über interne Schriftstücke und ohne offene Debatte vorbereitet wird, dann widerspricht dies nicht nur dem Anspruch auf Synodalität, sondern auch dem Anspruch auf Kollegialität und dem Geist kirchlicher Tradition selbst.
Deshalb wird die Forderung erhoben, daß das Dokument von Kardinal Roche öffentlich gemacht wird. Nur so kann eine ehrliche Auseinandersetzung stattfinden – im Licht der Tradition, der pastoralen Realität und im Sinne der Gläubigen und ihrer tatsächlichen Rechte.
Was hier verhandelt wird, ist nicht bloß eine liturgische Form. Es ist die Frage, ob die Kirche bereit ist, ihr eigenes überliefertes Erbe zu verteidigen – oder ob sie es stillschweigend preisgibt.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: VaticanMedia (Screenshots)
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