Eine Analyse von Giuseppe Nardi
Wie gestern angekündigt, ermöglicht erst die Einbeziehung der Schlußworte von Papst Leo XIV. eine Gesamtanalyse seiner Akzentsetzungen, da in sie auch schon das zweitägige Konsistorium eingeflossen ist. Der Heilige Stuhl veröffentlichte die Schlußworte, die vom Papst frei gesprochen wurden, wie ausdrücklich betont wird. Wir haben bereits an anderer Stelle Zweifel an der Praxis frei gesprochener Worte durch einen Pontifex geäußert. Nun aber zur Analyse.
Zunächst ist also nüchtern festzuhalten, daß die beiden Wortmeldungen Leos XIV. unterschiedlichen Gattungen angehören und bereits daraus ein unterschiedlicher Gehalt erwächst. Die Ansprache vom 7. Januar ist offenkundig eine vorbereitete Programmansprache: theologisch durchkomponiert, reich an biblischen Bezügen, Zitaten aus Konzilsdokumenten und Rückgriffen auf das lehramtliche Erbe der letzten Pontifikate. Die Bruchlinie bleibt das Zweite Vatikanische Konzil, der Reichtum der Kirche wird auf die vergangenen 60 Jahre reduziert. Diese Ansprache zur Konsistoriums-Eröffnung ist in sich geschlossen, argumentativ aufgebaut und auf begriffliche Präzision bedacht.
Demgegenüber stehen die Schlußworte vom 8. Januar ausdrücklich „a braccio“, also frei gesprochen. Sie sind situativ, dialogisch, pastoral im Duktus und weniger diszipliniert in der Begrifflichkeit. Gerade diese Spontaneität macht sie jedoch analytisch besonders aufschlußreich. Wo der vorbereitete Text kontrolliert und gefiltert ist, tritt in der Improvisation das implizite Selbstverständnis deutlicher hervor. Es ist daher weniger entscheidend, ob beide Ansprachen formell miteinander vereinbar sind, sondern welche Akzente sich im freien Sprechen verschieben, verstärken oder abschwächen.
Theologische Verdichtung versus pastorale Prozeßrhetorik
7. Januar: Christuszentrierung und objektive Ordnung
Die Eröffnungsansprache ist klar christologisch fundiert. Ihr tragendes Leitmotiv ist Christus als Licht der Völker, entfaltet aus Jesaja 60 und ausdrücklich rückgebunden an Lumen gentium. Die Kirche erscheint hier nicht als eigenständiger Akteur, sondern als Sakrament, als Zeichen und Werkzeug, dessen Wirksamkeit allein aus der Charis, der Agape, der göttlichen Liebe Christi stammt. Die Analyse dazu wurde hier veröffentlicht: Papst Leo XIV. und das konziliare Koordinatensystem.
8. Januar: Leben, Prozeß, Weg
In der improvisierten Kurzansprache gestern abend verschiebt sich dieser Akzent deutlich. Die dichte Christozentrik tritt zurück zugunsten einer Sprache des Weges, des Prozesses und des gemeinsamen Suchens. Schlüsselbegriffe sind nun cammino (Weg), discernimento (Unterscheidung), partecipazione (Teilnahme), esperienza (Erfahrung) und novità (Neuheit). Die Kirche erscheint weniger als sakramentale Wirklichkeit denn als dynamische Weggemeinschaft. Das ist die Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils mit Akzentsetzungen, wie sie von Papst Franziskus bekannt sind.
Besonders die wiederholt gestellte Frage „C’è vita nella nostra Chiesa?“ (Herrscht Leben in unserer Kirche?/Gibt es Leben in unserer Kirche?) ist theologisch nicht unproblematisch. Sie suggeriert, daß das Leben der Kirche primär als erfahrbare, gleichsam empirische Größe wahrgenommen und überprüft werden müsse. Dies verkennt, daß das Leben der Kirche ontologisch in Christus gründet, sich ihre Lebendigkeit daher ganz anders definiert, als es die Welt kennt, da sie dort lebendig fortbesteht, wo äußere Vitalität, gesellschaftliche Relevanz oder institutionelle Stärke schwinden.
Neue Akzente der improvisierten Ansprache
Auffällig ist zunächst die starke Betonung der persönlichen Bedürftigkeit des Papstes gegenüber dem Kardinalskollegium. Die Aussage, er „spüre“ und „erfahre“ die Notwendigkeit, auf die Kardinäle zählen zu können, da sie es seien, die diesen „servitore“ (Diener) gerufen hätten, verschiebt den Akzent des Petrusamtes rhetorisch. Das erscheint zunächst positiv, da Franziskus das ihm damals zu wenig willfährige Kardinalskollegium marginalisierte. Im Detail wird man sehen, welche Akzentverschiebung dies bedeutet. Leo XIV. war in diesen Tagen insgesamt sehr bemüht, die Einheit zu betonen und die Freisetzung einer zentrifugalen Wirkung, wie Franziskus sie bewirkte, zurückzubauen.
Demut ist hier aber nur ein Aspekt; ein anderer ist die Relativierung des päpstlichen Amtes als einer von Christus selbst gestifteten Sendung, zugunsten eines kollegialen, fast synodalen Abhängigkeitsverhältnisses? Das Kardinalskollegium ist ein direktes Beratergremium für den Papst. Es ist kollegial in seinem Inneren, aber nicht gegenüber dem Papst. Der Pontifex ist nicht Teil dieses Kollegialorgans. Doch das scheint vor allem ein freundlicher Gestus, um die teils von Franziskus praktizierte Entfremdung des Kollegiums vom Heiligen Stuhl zu beseitigen.
Wesentlich entscheidender ist die faktische Aufwertung der Synodalität zum interpretativen Schlüssel. Während sie am 7. Januar noch in ein umfassenderes theologisches Gefüge eingebettet war, wird sie in den Schlußworten zum bevorzugten Instrument kirchlicher Selbstdeutung. Mission erscheint als Frucht synodaler Prozesse, Evangelisierung als Ergebnis gemeinsamen Gehens. Damit kehrt sich die klassische Ordnung um. Was bereits kritisch zur Eröffnungsansprache angemerkt wurde, gilt verstärkt für die päpstlichen Schlußworte: Nicht mehr die Wahrheit des Glaubens stiftet Einheit und Sendung, sondern der Prozeß selbst wird zum Ort der Wahrheitssuche erhoben.
Besonders aufschlußreich ist schließlich die implizite Skepsis gegenüber der Bewahrung. Franziskus ging mit dem Hammer dagegen vor. Leo XIV. tut es sanfter, aber auch er tut es, wenn davor warnt, zu sagen: „Alles ist schon getan, macht weiter wie immer“, wird Treue zur Überlieferung unausgesprochen mit Verschlossenheit gleichgesetzt. Dieses Deutungsmuster ist aus der bergoglianischen Rhetorik vertraut: Kontinuität erscheint als Stillstand, Festhalten als Angst. Solche Kategorisierungen würden eine explizite Differenzierung voraussetzen. Daß die Kirche gerade durch die Weitergabe des Empfangenen lebendig bleibt, wird anscheinend nicht in Betracht gezogen, so zumindest der Eindruck.
Verschobene Gewichtungen
In der Zusammenschau ergibt sich ein klares Bild veränderter Akzentsetzungen. Christus ist am 7. Januar Zentrum, Quelle und Maßstab, am 8. Januar eher implizite Voraussetzung. Die Kirche erscheint einmal als Sakrament und Werkzeug, das andere Mal primär als Weggemeinschaft. Einheit ist einmal Frucht der Liebe Christi, das andere Mal Ergebnis gemeinsamen Gehens. Mission wird einmal als Ausstrahlung der Agape verstanden, das andere Mal als Ziel synodaler Prozesse. Autorität ist einmal Petrusdienst mit eigener Sendung, das andere Mal vor allem Dienst im Dialog. Die Tradition wird einmal vorausgesetzt und positiv impliziert, das andere Mal zumindest latent problematisiert.
Sind diese Unterschiede allein der freien Rede bei den Schlußworten geschuldet?
Ein Gesamteindruck
Die improvisierte Ansprache vom 8. Januar widerspricht der Programmansprache vom 7. Januar nicht, relativiert sie jedoch durch spürbare Akzentverschiebungen. Die objektive, von Christus her bestimmte Ekklesiologie wird ergänzt – und teilweise überlagert – durch eine subjektiv-prozessuale Sicht von Kirche als Erfahrung, Weg und Neuheit.
Gerade weil Leo XIV. am 7. Januar theologisch präzise und kohärent argumentiert, wirkt die Kurzansprache vom Folgetag wie ein Rückgriff auf die vertraute Sprache des nachkonziliaren Betriebs: viel Geist, viel Prozeß, viel Vertrauen – aber wenig klare Rede über Wahrheit, Überlieferung und die bleibende Gestalt der Kirche.
Es entsteht dadurch ein ambivalenter Eindruck: der Eindruck eines Papstes, der sehr wohl weiß, woraus die Kirche lebt, der jedoch im praktischen Reden Gefahr läuft, den Eindruck zu erwecken, dieses Leben müsse erst immer wieder neu gemeinsam hervorgebracht werden.
Die improvisierten Worte enthüllten erwartungsgemäß mehr von Leo XIV. und seine Verortung als die vorbereitete Ansprache.
Bild: Vatican.va (Screenshot)
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