Einige Studien über den Satanismus (3. Teil)

Die antimasonischen päpstlichen Bullen werden bestätigt


P. Paolo Maria Siano analysiert den Satanismus, den es angeblich nicht gibt
P. Paolo Maria Siano analysiert den Satanismus, den es angeblich nicht gibt

Von Pater Pao­lo M. Siano

4. Ruben van Luijk: Der freimaurerische Luziferismus existiert nicht… aber wir sind alle „Kinder Luzifers“!

Im Jahr 2016 ver­öf­fent­licht Oxford Uni­ver­si­ty Press (UK) in der von Hen­rik Bog­dan (schwe­di­scher Frei­mau­rer) gelei­te­ten Rei­he Oxford Stu­dies in Western Eso­te­ri­cism das Buch von Ruben van Lui­jk: Child­ren of Luci­fer. The ori­g­ins of modern reli­gious Sata­nism („Kin­der Luzi­fers. Die Ursprün­ge des moder­nen reli­giö­sen Sata­nis­mus“, Prin­ted in USA, New York, 2016). Auch die­ses ist ins­ge­samt ein irre­füh­ren­der Text. Der nie­der­län­di­sche Gelehr­te Ruben van Lui­jk (kur­zer Lebens­lauf hier) spielt die Rea­li­tät des „reli­giö­sen“, d. h. kul­ti­schen Sata­nis­mus stark her­un­ter, indem er ihn nur als ein moder­nes Phä­no­men betrach­tet, wäh­rend es sich bezüg­lich der Ver­gan­gen­heit (z. B. im Mit­tel­al­ter) um Erfin­dun­gen der Kir­che gehan­delt habe, die Kul­te, die ledig­lich dis­si­dent waren gegen­über der domi­nie­ren­den christ­li­chen Reli­gi­on, als „Sata­nis­mus“ eti­ket­tiert habe… Daher über­rascht es nicht, daß auch van Lui­jk – wie zuvor Per Fax­neld – die Rea­li­tät des frei­mau­re­ri­schen Luzi­fe­ris­mus leug­net. Es sei betont, daß sowohl der Text van Lui­jks als auch der Fax­nelds Teil der Rei­he Oxford Stu­dies in Western Eso­te­ri­cism des Frei­mau­rers Bog­dan sind. Ich glau­be nicht zu über­trei­ben, wenn ich mei­ne, daß ein sol­ches aka­de­mi­sches Umfeld mitt­ler­wei­le a prio­ri das ideo­lo­gi­sche Ziel hat, auch die Exi­stenz des frei­mau­re­ri­schen Luzi­fe­ris­mus zu leugnen.

Gehen wir in das Buch von van Lui­jk hinein.

4.1. Eine Liste von Satanisten – einige echte, andere nicht, andere vermeintliche…

In der Ein­lei­tung erklärt van Lui­jk, daß im Lau­fe der Geschich­te fol­gen­de Grup­pen oder Per­so­nen beschul­digt wur­den, Sata­nis­mus zu prak­ti­zie­ren („to prac­ti­ce Sata­nism“): die Esse­ner, die Gno­sti­ker, die Juden, die Katha­rer, die Temp­ler, Päp­ste des Mit­tel­al­ters und der Neu­zeit, dar­un­ter Pius IX. und Leo XIII., Kar­di­nal Ratz­in­ger, die Illu­mi­na­ten, die Rosen­kreu­zer, Hit­ler, die SS, die US-Prä­si­den­ten ab Bush Seni­or… und ande­re (vgl. S. 1).
Zunächst fällt auf, daß van Lui­jk in die­ser Liste die Frei­mau­rer über­haupt nicht erwähnt, auch nicht die Hoch­g­rad­frei­mau­rer oder soge­nann­te „irreguläre“/„Rand“-Freimaurereien… Wirk­lich merkwürdig.

Außer­dem macht die Auf­nah­me von Päp­sten in eine Liste angeb­li­cher Sata­ni­sten das gan­ze The­ma Sata­nis­mus absurd und unglaub­wür­dig – aber genau das ist es, wor­auf van Lui­jk hin­aus­will. Ins­ge­samt ist es ein irre­füh­ren­des Buch.

4.2. Was versteht van Luijk unter Satanismus?

Van Lui­jk ver­steht unter Sata­nis­mus den expli­zi­ten und inten­tio­na­len Kult des Satans (vgl. S. 2), gleich­gül­tig, wie Satan ver­stan­den oder inter­pre­tiert wird (vgl. S. 3). Es gibt Sata­nis­mus nur dann, wenn in die­sem Kult die Ver­eh­rung Satans domi­niert; daher han­delt es sich bei Kul­ten, in denen die Ver­eh­rung rebel­li­scher Engel nur ein Aspekt ist, ledig­lich um Ele­men­te des Sata­nis­mus („ele­ments of Sata­nism“, S. 6), aber nicht um Sata­nis­mus im eigent­li­chen Sinne…

Was van Lui­jk jedoch nicht weiß oder nicht sagt, ist, daß es auch in der Frei­mau­re­rei (von der „regu­lä­ren“ bis zur „Rand­frei­mau­re­rei“) min­de­stens Ele­men­te des Luzi­fe­ris­mus gibt, wie ich bereits beschrie­ben habe.

Wie soll­te man nicht an die klar gno­sti­sche Ver­si­on der Legen­de von Hiram des drit­ten Gra­des des Frei­mau­rer­mei­sters den­ken – bekannt und geschätzt von Frei­mau­rern –, in wel­cher Hiram (Held und Vor­bild des Frei­mau­rer­mei­sters) von der Linie Kains abstammt und Kain aus der Ver­ei­ni­gung Evas mit Eblis, dem Engel des Lichts, also Luzi­fer, her­vor­ge­gan­gen sei? Die­se frei­mau­re­ri­sche und gno­sti­sche Legen­de ist kei­ne Erfin­dung des berüch­tig­ten Leo Taxil…

4.3. Was sagt van Luijk über das Buch Satanskult und Schwarze Messe von Gerhard Zacharias?

Van Lui­jk behan­delt ver­schie­de­ne Bücher über Sata­nis­mus. Er beginnt mit dem von Ger­hard Zacha­ri­as, Satans­kult und Schwar­ze Mes­se (1964; vier Neu­auf­la­gen). Zacha­ri­as, ehe­ma­li­ger katho­li­scher Prie­ster, spä­ter grie­chisch-ortho­do­xer Prie­ster und Jung­scher Psy­cho­ana­ly­ti­ker, sieht im Sata­nis­mus den dunk­len und nicht-dua­li­sti­schen Aspekt des Chri­sten­tums, der von der christ­li­chen Reli­gi­on unter­drückt wer­de…
Laut van Lui­jk schließt Zacha­ri­as damit in den Bereich des Sata­nis­mus ein, was kei­ner ist (vgl. S. 8).

Ich hal­te dage­gen die Arbeit von Zacha­ri­as für wich­tig, weil sie die eso­te­ri­sche Theo­rie der Ver­ei­ni­gung der Gegen­sät­ze her­vor­hebt, die eine Art Zugang oder Recht­fer­ti­gung des Sata­nis­mus bil­det – ins­be­son­de­re des (neo)gnostischen. Die­se Theo­rie setzt näm­lich vor­aus (oder führt dazu) die Ein­heit von Licht und Fin­ster­nis, Gut und Böse, Gott und Teu­fel usw. Auch dar­über habe ich bereits geschrieben.

4.4. Was sagt van Luijk über das Buch Indagine sul satanismo von Massimo Introvigne?

Wei­ter­hin bespricht van Lui­jk auch das Buch von Mas­si­mo Intro­vi­gne, Inda­gi­ne sul sata­nis­mo („Unter­su­chung des Sata­nis­mus“), dem zufol­ge jedes Mal, wenn der Sata­nis­mus an die Öffent­lich­keit kommt, eine anti­sa­ta­ni­sti­sche Reak­ti­on ent­steht, die dann in Über­trei­bung ver­fällt; dies wie­der­um ermög­li­che eine neue Wel­le des Sata­nis­mus (vgl. S. 10).
Intro­vi­gne gibt eine enge Defi­ni­ti­on von Sata­nis­mus: kul­ti­sche oder lit­ur­gi­sche Ver­eh­rung durch orga­ni­sier­te Grup­pen jenes Wesens, das die Bibel Teu­fel oder Satan nennt (vgl. S. 3).
Des­halb beginnt Intro­vi­gne sei­ne „Unter­su­chung“ im 17. Jahr­hun­dert und berück­sich­tigt weder frü­he­re Zei­ten noch den soge­nann­ten roman­ti­schen Sata­nis­mus des 19. Jahr­hun­derts („Roman­tic Sata­nists“), auf den van Lui­jk hin­ge­gen eingeht.

Auch ich fin­de – wie van Lui­jk – den „Pendel“-Mechanismus Sata­nis­mus/An­ti-Sata­nis­mus bei Intro­vi­gne schwach („a weak point“): Die­se Theo­rie scheint fast zu sug­ge­rie­ren, daß über­trie­be­ner Anti-Sata­nis­mus den Sata­nis­mus her­vor­brin­ge, indem er Men­schen dazu ver­lei­te, Sata­ni­sten zu wer­den (vgl. S. 11)…

4.5. Satanismus? Eine Erfindung der Christenheit…

Laut van Lui­jk ist das Kon­zept des Sata­nis­mus eine Erfin­dung der Chri­sten­heit („The con­cept of Sata­nism is an inven­ti­on of Chri­stia­ni­ty“, S. 16). Die Chri­sten hät­ten die alten Göt­ter als böse dämo­ni­siert (vgl. S. 24). Der Vor­wurf des „Sata­nis­mus“, also des Teu­fels­kults, sei ein Mit­tel gewe­sen, den „ande­ren“, den Nicht­chri­sten, zu dämo­ni­sie­ren (vgl. S. 29).
Wie soll­te man die­se Theo­rien van Lui­jks nicht als ideo­lo­gisch verstehen?

4.6. Literarischer oder romantischer Satanismus zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert

Im Eng­land des 18. und 19. Jahr­hun­derts reha­bi­li­tier­ten Schrift­stel­ler wie Shel­ley und Byron sowie Künst­ler wie Fuse­li und Bla­ke den Satan, indem sie ihn als wohl­wol­len­des Wesen oder als Hel­den dar­stell­ten (vgl. S. 69).
Van Lui­jk stellt fest, daß es sich lite­ra­risch um roman­ti­schen Sata­nis­mus („Roman­tic Sata­nism“, S. 73) han­delt. Der Satan oder Luzi­fer der roman­ti­schen Autoren ist ein Engel oder eine Kraft oder ein Sym­bol der Frei­heit, der Rebel­li­on gegen die Tyran­nei (vgl. S. 87).

Aus reli­giö­ser Sicht jedoch – also aus Sicht der Reli­gi­ons­wis­sen­schaft – kön­nen die­se Autoren laut van Lui­jk nicht als Sata­ni­sten im Sin­ne von Satans­ver­eh­rern bezeich­net wer­den (vgl. S. 108f).

In jedem Fall gesteht van Lui­jk zu, daß die­ser roman­ti­sche lite­ra­ri­sche Sata­nis­mus zum Ent­ste­hen des moder­nen „reli­giö­sen“ bzw. kul­ti­schen Sata­nis­mus bei­getra­gen hat:

„I belie­ve, Roman­tic Sata­nism con­tri­bu­ted to the later rise of modern reli­gious Sata­nism“ (S. 113).

In Wil­liams Blakes Mar­ria­ge of Hea­ven and Hell („Ver­mäh­lung von Him­mel und Höl­le“), löst sich der gute Engel in der höl­li­schen Flam­me des Teu­fels auf; Bla­ke lobt die Sicht­wei­se des Teu­fels und der Höl­le (vgl. S. 71).
Der Titel ent­hält das Kon­zept der „coni­unc­tio oppo­si­torum“ (vgl. S. 94), das – wie van Lui­jk bewußt ist – ein wich­ti­ges The­ma im west­li­chen Eso­te­ris­mus ist und eines der Ele­men­te des moder­nen reli­giö­sen Sata­nis­mus („modern reli­gious Sata­nism“), in dem der Teu­fel zu Gott wer­de und Gott zum Teu­fel („the devil could trans­form into god, and god into devil“, S. 95).

Mary Shel­ley geb. Gold­win, Lord Byron und Per­cy Byss­he Shelley

Aber van Lui­jk weiß nicht oder sagt nicht, daß das Kon­zept der „coni­unc­tio oppo­si­torum“ auch in der Frei­mau­re­rei vor­kommt, und zwar in den Schrif­ten erfah­re­ner eso­te­ri­scher Meisterfreimaurer.

4.7. Luzifer–Satan bei Eliphas Lévi und Madame Blavatsky

Der berühm­te fran­zö­si­sche Okkul­tist des 19. Jahr­hun­derts, Eli­phas Lévi (Künst­ler­na­me von Alphon­se Lou­is Con­stant, 1810–1875), stellt Luzi­fer als Engel der Frei­heit, des Lichts und der Wis­sen­schaft dar. Constant/​Lévi meint, Luzi­fers Rebel­li­on sei ein Akt der Frei­heit und Lie­be… Er unter­schei­det zwi­schen Satan und Luzi­fer: Satan sei der Ver­su­cher, Luzi­fer aber der Erlö­ser… (vgl. S. 129f).

Auch Madame Hele­na Petrov­na Blava­ts­ky (1831–1891), Grün­de­rin der Theo­so­phi­schen Gesell­schaft, behaup­tet, Satan sei nicht das Böse, son­dern die dunk­le Sei­te der Natur, der Schat­ten des Lichts, und preist Luzi­fer als Licht­brin­ger. Für Blava­ts­ky ist nicht Satan böse, son­dern der per­so­nal ver­stan­de­ne Gott des Mono­the­is­mus (vgl. S. 144f).

Es ist wirk­lich merk­wür­dig, daß van Lui­jk nicht weiß oder nicht sagt, daß:

a) Eli­phas Lévi regu­lä­rer Frei­mau­rer des Grand Ori­ent de France war und sei­ne okkul­ti­sti­schen Schrif­ten von eng­li­schen Frei­mau­rern der Ver­ei­nig­ten Groß­lo­ge von Eng­land (UGLE) und der Socie­tas Rosi­cru­cia­na in Anglia (SRIA) geschätzt wurden;

b) Madame Blava­ts­ky Frei­mau­re­rin des Adop­ti­ons­ri­tus von John Yar­ker war [die­ser wie­der­um regu­lä­rer eng­li­scher Frei­mau­rer der UGLE und Mit­glied der SRIA usw.] und viel­leicht auch des Mem­phis-Ritus von Giu­sep­pe Gari­bal­di (sie­he: Wiki­pe­dia zu Blavatsky).

4.8. Freimaurerischer Luziferismus: Erfindung der katholischen Kirche und Leo Taxils?

Laut van Lui­jk exi­stiert frei­mau­re­ri­scher Luzi­fe­ris­mus nicht, er sei eine Erfin­dung Leo Taxils („inven­tor of Pal­la­dism“, vgl. S. 216), und Taxil habe auch die Unter­schei­dung zwi­schen Sata­nis­mus und Luzi­fe­ris­mus erfun­den (vgl. S. 222).

Van Lui­jk gibt jedoch zu, daß bereits in den Schrif­ten von Eli­phas Lévi und Madame Blava­ts­ky Luzi­fer und Satan als zwei ver­schie­de­ne Enti­tä­ten dar­ge­stellt wer­den (vgl. S. 222f).

Van Lui­jk meint, Taxil habe die Gegen­set­zung zwi­schen Luzi­fe­ria­nern und Sata­ni­sten geschaf­fen, um die Teu­fels­an­be­ter in gute und schlech­te ein­zu­tei­len (vgl. S. 223).
Wei­ter, laut van Lui­jk, sei es Taxil gewe­sen, der den Sata­nis­mus in die Frei­mau­re­rei ein­ge­führt habe („the intro­duc­tion of Sata­nism in Free­ma­son­ry“, S. 239).

Bis dahin bezog sich der Begriff „Sata­nis­mus“ im Zusam­men­hang mit der Frei­mau­re­rei nicht auf inten­tio­na­len reli­giö­sen Kult, son­dern nur auf die „dia­bo­li­sche Essenz“ der Logen, ohne daß die Frei­mau­rer sich des­sen bewußt gewe­sen wären (vgl. S. 240).

Van Lui­jk kennt jedoch das Buch von Msgr. Lou­is Gaston Adri­en de Ségur, Les Francs-Maçons („Die Frei­mau­rer“), etwa 20 Jah­re vor Taxils Auf­tre­ten ver­faßt, in dem behaup­tet wird, daß frei­mau­re­ri­sche Zir­kel von Män­nern und Frau­en dem Teu­fel hul­di­gen, Orgi­en fei­ern und eucha­ri­sti­sche Pro­fa­na­tio­nen bege­hen… Aber laut van Lui­jk irre sich de Ségur – ver­mut­lich habe es sich um Car­bo­na­ri [ita­lie­ni­scher revo­lu­tio­nä­rer natio­na­li­stisch-libe­ra­ler Geheim­bund], gehan­delt, nicht um Frei­mau­rer (vgl. S. 241). Auch hier zeigt sich bei van Lui­jk eine ideo­lo­gi­sche Les­art – eine abso­lu­te, vor­weg­ge­nom­me­ne Ver­nei­nung jeder Ver­bin­dung zwi­schen Frei­mau­rern und Luzifer.

Nach van Lui­jk habe Taxil die gesam­te anti­ma­so­ni­sche Lite­ra­tur genutzt und ihr sei­ne „Neu­heit“ hin­zu­ge­fügt: den frei­mau­re­ri­schen Sata­nis­mus der Retro-Logen (vgl. S. 244).
Der reli­giö­se Sata­nis­mus in der Frei­mau­re­rei, wie von katho­li­schen Anti­frei­mau­rern und Taxil beschrie­ben, habe nie exi­stiert, son­dern sei rei­ne Fantasie:

„Except as a pro­duct of human fan­ta­sy, the reli­gious Sata­nism within Free­ma­son­ry that its Catho­lic oppon­ents and Taxil descri­bed never exi­sted“ (S. 263).

4.8.1. Laut van Luijk gibt es auch bei Albert Pike 33° keinen Luziferismus. Doch es gibt ihn!

Van Lui­jk weiß sehr gut, daß es im Buch Morals and Dog­ma („Moral und Dog­ma“, 1871) des Frei­mau­rers Albert Pike 33°, Sou­ve­rä­ner Groß­kom­man­deur des Ober­sten Rates des 33. Gra­des des Alten und Ange­nom­me­nen Schot­ti­schen Ritus, Süd­staa­ten­ju­ris­dik­ti­on der USA (zunächst Charles­ton, spä­ter Washing­ton D.C.), Pas­sa­gen gibt, aus denen eine posi­ti­ve Neu­be­wer­tung des Teu­fels oder Luzi­fers hervortritt.

Doch van Lui­jk spielt die­se Stel­len her­un­ter und deu­tet an, sie sei­en von Eli­phas Lévi inspi­riert (vgl. S. 264).
Van Lui­jk ver­steht nicht: Daß Pike die­se luzi­fe­ria­ni­schen Pas­sa­gen aus Lévi über­nimmt, min­dert ihre Bedeu­tung nicht, son­dern bestä­tigt, daß Pike den gno­stisch-magi­schen Luzi­fe­ris­mus von Constant/​Lévi übernimmt.

Auf S. 210 von Morals and Dog­ma schreibt Pike:

„LUCIFER, the Light-bea­rer“, „Luci­fer, the Son of the Mor­ning!“ („Luzi­fer, der Licht­brin­ger“, „Luzi­fer, der Sohn des Morgens“)

In Anm. 115 auf S. 515 sei­nes eige­nen Buches (das ich hier rezen­sie­re) spielt van Lui­jk auch die­se Stel­le her­un­ter. Laut ihm wol­le Pike sagen, „Luzi­fer“ sei nur das Licht der mate­ri­el­len Welt, das schwa­che, sinn­li­che und stol­ze See­len ver­blen­de. Tat­säch­lich erkennt Pike jedoch in Luzi­fer – dem Geist der Fin­ster­nis – den Licht­trä­ger, und die „schwa­chen, sinn­li­chen und stol­zen Men­schen“ sind für Pike die Nicht-Eingeweihten…

Außer­dem weiß van Lui­jk nicht oder sagt nicht, daß Arthur Edward Wai­te in einem Buch von 1896 – damals Okkul­tist und Theo­soph, spä­ter ab 1901 Frei­mau­rer – einer­seits behaup­tet, der frei­mau­re­ri­sche Luzi­fe­ris­mus bzw. Pal­la­dis­mus sei eine Erfin­dung Taxils, aber ande­rer­seits selbst den Kult des Luzi­fer, des Mor­gen­sterns, recht­fer­tigt (er meint, das sei kein Sata­nis­mus, weil er nicht das Böse ver­eh­ren wol­le…) und dann zugibt, daß Albert Pike einen gewis­sen luzi­fe­ri­schen Tran­szen­den­ta­lis­mus ver­tre­ten habe („Albert Pike’s Luci­fe­ri­an tran­s­cen­den­ta­lism“).

4.8.2. Satanismus in der italienischen Freimaurerei des 19. Jahrhunderts? Nur „romantisch“, literarisch…

Van Lui­jk gibt allen­falls zu, daß es in der ita­lie­ni­schen Frei­mau­re­rei jener Epo­che, also des spä­ten 19. Jahr­hun­derts, Lob­lie­der auf den Teu­fel gab; aber laut van Lui­jk han­de­le es sich nicht um kul­ti­schen Sata­nis­mus, son­dern um meta­pho­ri­schen Sata­nis­mus, ver­wur­zelt im lite­ra­ri­schen roman­ti­schen Satanismus:

„[…] The­se utteran­ces do not pro­ve the exi­stence of a hid­den cult of Satan within Ita­li­an Free­ma­son­ry. But they do sug­gest the exi­stence of a meta­pho­ric ‘Sata­nism’ tre­a­ding in the foots­teps of the Roman­tic Sata­nists“ („Die­se Äuße­run­gen bewei­sen nicht die Exi­stenz eines ver­bor­ge­nen Satans­kults inner­halb der ita­lie­ni­schen Frei­mau­re­rei. Sie deu­ten jedoch auf die Exi­stenz eines meta­pho­ri­schen ‚Sata­nis­mus‘ hin, der in den Fuß­stap­fen der roman­ti­schen Sata­ni­sten wan­delt“, S. 266).

Van Lui­jk bekräftigt:

„It seems safe to assu­me that true ‘vene­ra­ti­on of Satan’ never occur­red within Free­ma­son­ry“ („Es erscheint sicher anzu­neh­men, daß es inner­halb der Frei­mau­re­rei nie­mals zu einer wirk­li­chen ‚Ver­eh­rung Satans‘ gekom­men ist“, S. 268).

Und die sata­ni­schen Pas­sa­gen in ita­lie­ni­schen Frei­mau­rer­zeit­schrif­ten jener Zeit bezö­gen sich ledig­lich in meta­pho­ri­scher Wei­se auf den gefal­le­nen Engel, wie es bereits die „Roman­tic Sata­nists“ getan hät­ten (vgl. S. 268).
Nichts deu­te dar­auf hin, daß die­se „roman­ti­schen“ Teu­fels­lob­sprü­che sich zu einem reli­giö­sen Sata­nis­mus („a pro­per­ly reli­gious Sata­nism“) ent­wickelt hätten.

Zwar habe es laut van Lui­jk gewis­se „Pal­la­di­sten“ oder Luzi­fe­ria­ner zwi­schen den bei­den Welt­krie­gen in Paris gege­ben, doch Pal­la­dis­mus oder frei­mau­re­ri­scher Luzi­fe­ris­mus sei eine Erfin­dung („an inven­ti­on“: S. 268).

Tat­säch­lich dürf­te ein wis­sen­schaft­lich kri­ti­scher For­scher zumin­dest nicht aus­schlie­ßen, daß der „sym­bo­li­sche“ oder „lite­ra­ri­sche“ Sata­nis­mus von Mit­glie­dern einer ritu­ell-eso­te­ri­schen Initia­ti­ons­ge­sell­schaft wie der Frei­mau­re­rei Vor­aus­set­zun­gen schafft oder hin­führt zu einer Art „reli­giö­sem“ Sata­nis­mus – einem initia­ti­schen, esoterischen.

Doch statt­des­sen betreibt van Lui­jk eine ent­schie­de­ne, a prio­ri gesetz­te, frei­mau­rer­freund­li­che Apo­lo­gie – genau wie Frei­mau­rer selbst.

4.8.3. Wieder Taxil – unter „Konservativen“, oder doch nicht…

Van Lui­jk behaup­tet, die taxil­schen Erfin­dun­gen hiel­ten in ultra­kon­ser­va­ti­ven sed­eva­kan­ti­sti­schen Krei­sen an (vgl. S. 279), wäh­rend die Mehr­heit der katho­li­schen Anti­frei­mau­rer nach Taxil die The­se eines frei­mau­re­ri­schen Sata­nis­mus fal­len gelas­sen habe (vgl. S. 280).

Ich füge hin­zu, daß dies auch in bestimm­ten „kon­ser­va­ti­ven“ katho­li­schen Milieus gesche­hen ist, die in der Pra­xis dazu bei­getra­gen haben, der Frei­mau­re­rei gün­sti­ge sozio­lo­gi­sche und aka­de­mi­sche The­sen zu ver­brei­ten wie die Nicht­exi­stenz des frei­mau­re­ri­schen Luzi­fe­ris­mus und die Beschrän­kung von Magie und Eso­te­rik auf Randfreimaurereien…

4.9. Satanisten oder Luziferianer: Ben Kadosh, Fraternitas Saturni, Maria de Naglowska

Van Lui­jk kennt den Fall von Carl Wil­liam Han­sen (1872–1936), Okkul­tist, Mar­ti­nist und däni­scher Frei­mau­rer, der 1906 ein Buch (auf dänisch) unter dem Pseud­onym „Ben Kado­sh“ ver­öf­fent­licht. Der eng­li­sche Titel lau­tet: The Dawn of a New Mor­ning („Der Anbruch eines neu­en Mor­gens“).
Dar­in pro­pa­giert Ben Kado­sh einen frei­mau­re­ri­schen Kult des Luzi­fer; er selbst bezeich­net sich als Luzi­fe­ria­ner.
Er erklärt, der Gro­ße Bau­mei­ster des Uni­ver­sums sei Luzi­fer (vgl. S. 286).

Van Lui­jk spielt auch die­sen Umstand her­un­ter: Für ihn schöp­fe Ben Kado­sh die Reha­bi­li­tie­rung Luzi­fers ledig­lich aus Eli­phas Lévis Schrif­ten (vgl. S. 286f).
Ja mehr noch: Gemein­sam mit Per Fax­neld behaup­tet van Lui­jk, Han­sen schöp­fe sei­ne luzi­fe­ri­sche Begei­ste­rung aus den Schrif­ten Taxils.
Van Lui­jk merkt an, daß Taxil zufol­ge der 30. Grad des Alten und Ange­nom­me­nen Schot­ti­schen Ritus, der Kado­sh-Rit­ter, den Frei­mau­rer in das wah­re Geheim­nis der Frei­mau­re­rei ein­füh­re, näm­lich den Kult Luzi­fers. So habe Han­sen bei Taxil das Pseud­onym „Ben Kado­sh“ und den Luzi­fe­ris­mus über­nom­men – und damit eine Art Neo-Pal­la­dis­mus geschaf­fen („a genui­ne exam­p­le of neo-Pal­la­dism of some sort“: S. 287)!

Für van Lui­jk ist der Fall Ben Kado­sh ein Ein­zel­fall (vgl. S. 287).

Die­se Theo­rie van Lui­jks ist ideo­lo­gisch.
Die Annah­me, Hansen/​Ben Kado­sh habe sich den frei­mau­re­ri­schen Luzi­fe­ris­mus aus­ge­dacht, nach­dem er Taxil gele­sen habe, ist eine törich­te Theo­rie, die sowohl die Leser als auch die Frei­mau­rer für töricht hält.
Aber Frei­mau­rer sind nicht töricht.
Und wenn Han­sen sich offen in den Luzi­fe­ris­mus ver­tief­te, dann des­halb, weil es in der Frei­mau­re­rei zumin­dest etwas gibt, das den Frei­mau­rer dazu dis­po­niert oder neigt, Luzi­fer neu zu betrachten…

In Anbe­tracht des initia­ti­schen Cha­rak­ters der Frei­mau­re­rei (frü­her hät­te man gesagt: „sek­ten­ar­tig“), die eben kei­ne öffent­li­che Reli­gi­on mit völ­lig expli­zi­tem Glau­bens­be­kennt­nis wie die katho­li­sche Kir­che ist, ist es wis­sen­schaft­lich nicht kor­rekt, den Fall Ben Kado­sh als iso­liert darzustellen…

Spä­ter erwähnt van Lui­jk den Fall der Fra­ter­ni­tas Satur­ni (FS), der Saturn-Bru­der­schaft, einer magi­schen Orga­ni­sa­ti­on, die 1926 vom Buch­händ­ler Eugen Gro­sche (1888–1964) gegrün­det wur­de.
Sie ist auf Luzifer–Saturn zen­triert… Luzi­fer als dunk­le Sei­te Got­tes… Luzi­fer + Chri­stus…
die Not­wen­dig­keit der Dua­li­tät und der Gegen­sät­ze in Gott, der ein hel­les und ein dunk­les Ant­litz hat…
Auf jeden Fall ist Luzi­fer für die Fra­ter­ni­tas Satur­ni der gro­ße Licht­brin­ger der Mensch­heit… Licht und Fin­ster­nis sind not­wen­dig für das Leben… Das Böse ist not­wen­dig für das Gute (vgl. S. 301f).

Van Lui­jk bemerkt, daß – wie bei Maria de Nag­lows­ka (rus­si­sche Sata­ni­stin, über die ich im vor­he­ri­gen Teil schrieb) – die­se Leh­ren der Fra­ter­ni­tas Satur­ni ihre Wur­zeln im „Roman­tic Sata­nism“ und im „Lévi­an occul­tism“ (Lévis Okkul­tis­mus) haben.

Laut van Lui­jk habe Luzi­fer inner­halb der Fra­ter­ni­tas Satur­ni eher eine zen­tra­le Rol­le in der Mytho­lo­gie als in Lite­ra­tur und Ritu­al (vgl. S. 302)…
Van Lui­jk meint, nach dem Tod Gro­sches sei die Bedeu­tung der luzi­fe­ri­schen Ele­men­te inner­halb der Fra­ter­ni­tas Satur­ni zurück­ge­gan­gen („Luci­fe­ri­an ele­ments seem to have fur­ther dimi­nis­hed in importance“), doch sofort danach erkennt er an, daß die Fra­ter­ni­tas Satur­ni bis heu­te fort­be­steht und ihre Ver­eh­rung des luzi­fe­ri­schen Saturn aufrechterhält:

„Nevert­hel­ess the Fra­ter­ni­tas per­sists to this day and con­ti­nues its vene­ra­ti­on for the Luci­fe­ri­an Saturn“ (S. 302).

4.10. Wieder: Satanismus als christliche Erfindung – ebenso wie der freimaurerische Luziferismus…

Ich kom­me zu den Schluß­fol­ge­run­gen („Con­clu­si­on“: S. 386–410), wo van Lui­jk fol­gen­des nahe­legt (ich fas­se sei­ne Theo­rien kur­siv zusammen):

Der Sata­nis­mus ist eine Reak­ti­on auf das Chri­sten­tum; das Chri­sten­tum hat das Kon­zept des Sata­nis­mus ein­ge­führt, indem es die Gott­hei­ten der heid­ni­schen Reli­gi­on als Dämo­nen dar­stell­te; über mehr als ein Jahr­tau­send hät­ten christ­li­che, kirch­li­che und welt­li­che Auto­ri­tä­ten reli­giö­se und sozia­le Dis­si­den­ten des „Satans­kults“ beschul­digt, bis hin zur katho­lisch-anti­frei­mau­re­ri­schen Kam­pa­gne Leo Taxils. (vgl. S. 387f)

Laut van Luijk:

„During most of its histo­ry, Sata­nism thus func­tion­ed as a mythi­cal reli­gi­on, a ghost sect with no actu­al adher­ents that was used to demo­ni­ze rival reli­gious or ideo­lo­gi­cal groups“ („Wäh­rend eines Groß­teils sei­ner Geschich­te fun­gier­te der Sata­nis­mus somit als mythi­sche Reli­gi­on, als Gei­ster­sek­te ohne tat­säch­li­che Anhän­ger, die dazu genutzt wur­de, riva­li­sie­ren­de reli­giö­se oder ideo­lo­gi­sche Grup­pen zu dämo­ni­sie­ren“, S. 388).

4.10.1. Die üblichen „Erfindungen“ des Mittelalters…

Nach van Lui­jk ent­steht im 13. Jahr­hun­dert – als Papst Gre­gor IX. die Exi­stenz einer Sek­te von Luzi­fe­ria­nern anpran­gert, die den Teu­fel ver­eh­ren und trans­gres­si­ve, unmo­ra­li­sche, böse Hand­lun­gen, Orgi­en, Men­schen­op­fer bege­hen – das Ste­reo­typ des Sata­nis­mus als inten­tio­na­ler Ver­eh­rung Satans (vgl. S. 388)…

In der Chri­sten­heit bestehe laut Lui­jk stets ein Hang zur Dämo­ni­sie­rung („this ten­den­cy for demo­nizati­on is always pre­sent in Chri­stia­ni­ty at lar­ge“, S. 389).

Somit exi­stiert laut van Lui­jk der Sata­nis­mus nicht… er wer­de von der Chri­sten­heit zuge­schrie­ben oder erfun­den… doch die tat­säch­li­chen Sata­ni­sten sei­en wenige:

„Up to the twen­tieth cen­tu­ry, to sum up, the histo­ry of Sata­nism can ade­qua­te­ly be resu­med as a con­ti­nu­um of attri­bu­ti­on: prac­ti­cal­ly no real, and an abun­dance of alle­ged Sata­nists. Yet it would be too rash to con­clude that the­re had been no actu­al Sata­nism at all. Par­ti­cu­lar­ly during the ear­ly modern era, scat­te­red archi­val records testi­fy of genui­ne cases of peo­p­le opting for Satan“ („Bis zum zwan­zig­sten Jahr­hun­dert läßt sich die Geschich­te des Sata­nis­mus zusam­men­fas­send als ein Kon­ti­nu­um der Zuschrei­bung dar­stel­len: prak­tisch kei­ne ech­ten, dafür aber eine Fül­le ver­meint­li­cher Sata­ni­sten. Den­noch wäre es zu vor­schnell zu schlie­ßen, daß es gar kei­nen tat­säch­li­chen Sata­nis­mus gege­ben habe. Beson­ders in der früh­neu­zeit­li­chen Epo­che bele­gen ver­ein­zel­te Archiv­quel­len ech­te Fäl­le von Men­schen, die sich dem Satan zuwand­ten“, S. 390).

4.10.2. In Wirklichkeit eine ideologische, nicht wissenschaftliche These

Tat­säch­lich ist die aka­de­mi­sche The­se, daß der „wah­re“ Sata­nis­mus erst im Frank­reich des 17. Jahr­hun­derts beginnt (mit den Schwar­zen Mes­sen von Prie­stern und Ari­sto­kra­tin­nen), wäh­rend im Mit­tel­al­ter kein wirk­li­cher Sata­nis­mus exi­stiert habe – son­dern nur Miß­ver­ständ­nis­se oder Erfin­dun­gen der Kir­che (etwa Gre­gors IX.) – weder logisch noch wissenschaftlich…

Sogar der Pakt mit dem Teu­fel („The idea of the dia­bo­li­cal pact had been a cons­truc­tion of Chri­sti­an theo­lo­gy and hagio­gra­phy […]“: S. 391) und die dia­bo­li­sche Magie sei­en Kon­struk­te der christ­li­chen Theo­lo­gie (vgl. S. 391).

4.10.3. Unterschied zwischen französischem Satanismus des 17. Jahrhunderts und zeitgenössischem Satanismus

Van Lui­jk meint, daß im „ersten“ Sata­nis­mus – jenem fran­zö­si­schen des 17. Jahr­hun­derts – noch Ele­men­te des christ­li­chen Glau­bens erkenn­bar sei­en, also eine Syn­kre­ti­sie­rung von Chri­sten­tum und Sata­nis­mus: etwa die Ver­wen­dung kon­se­krier­ter Hosti­en, weil man an die Real­prä­senz Jesu glaub­te, die über Satan ste­he, sodaß die Teil­neh­mer Satan durch die Hostie zum Pakt zwin­gen woll­ten.
Im zeit­ge­nös­si­schen Sata­nis­mus hin­ge­gen gebe es die völ­li­ge Ableh­nung des Chri­sten­tums (vgl. S. 391).

In Wirk­lich­keit besteht die Ableh­nung des Chri­sten­tums in bei­den For­men des Sata­nis­mus, und der Glau­be an die Real­prä­senz Jesu in der kon­se­krier­ten Hostie ist auch bei moder­nen Sata­ni­sten vorhanden…

4.10.4. Romantischer Satanismus als Grundlage des modernen religiösen Satanismus

In der Lite­ra­tur des 17.–19. Jahr­hun­derts wird Satan von den Autoren, die van Lui­jk „Roman­tic Sata­nists“ nennt, reha­bi­li­tiert.
John Mil­ton macht Satan im Para­di­se Lost zu einem tra­gi­schen Hel­den, der sich gegen eine tyran­ni­sche Gott­heit erhebt (vgl. S. 392).

Van Lui­jk meint, die „Roman­tic Sata­nists“ hät­ten auf drei Wegen die Grund­la­ge für den spä­te­ren reli­giö­sen Sata­nis­mus gelegt:

  1. Sie reha­bi­li­tier­ten die Figur Satans, des gefal­le­nen Engels, als Hel­den, sodaß er attrak­tiv wur­de als Iden­ti­fi­ka­ti­ons- oder Verehrungsobjekt;
  2. Sie ver­lie­hen sei­nem Satan drei Attri­bu­te, die lang­fri­stig Ein­fluß gewan­nen: Sexua­li­tät, Wis­sen­schaft und Frei­heit (Frei­den­ker­tum, Wis­sen, Emanzipation);
  3. Sie lehn­ten die bibli­schen Erzäh­lun­gen als Trä­ger wört­li­cher Wahr­hei­ten („lite­ral truths“) ab, da für sie die mensch­li­che Vor­stel­lungs­kraft gött­li­che oder kos­mi­sche Wahr­hei­ten erschaf­fe; nicht die Göt­ter inspi­rier­ten die Dich­ter, son­dern die Dich­ter erschaf­fen die Göt­ter… (vgl. S. 392f).

Die­ser Satan der roman­ti­schen Dich­ter fin­det Zustim­mung in der west­li­chen säku­la­ri­sier­ten Kul­tur zwi­schen 17. und 19. Jahr­hun­dert (vgl. S. 394f).
Der Okkul­tis­mus Lévis, die Theo­so­phie Blava­ts­kys und die Anthro­po­so­phie Stei­ners behal­ten den Ein­fluß des roman­ti­schen Sata­nis­mus („all retain influen­ces of Roman­tic Sata­nism“), denn die­ser reha­bi­li­tiert als erster Satan und för­dert die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit ihm.

Bei­spiels­wei­se stellt Shel­ley die gno­sti­schen Ophi­ten als Modell mensch­li­cher Gemein­schaft dar (vgl. S. 395)…
Viel­leicht weiß van Lui­jk nicht, daß Shel­ley auch der zeit­ge­nös­si­schen ita­lie­ni­schen Frei­mau­re­rei gefällt.

Van Lui­jk sieht die ersten Instan­zen reli­giö­sen bzw. kul­ti­schen Sata­nis­mus zwi­schen dem spä­ten 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­dert auf­tre­ten (Ben Kado­sh, Przy­by­szew­ski, de Nag­lows­ka, Fra­ter­ni­tas Satur­ni). Doch erst in den 1960er Jah­ren tritt, laut ihm, im Westen der reli­giö­se Sata­nis­mus sicht­bar her­vor: die Church of Satan von Anton LaVey in den USA und die Pro­cess Church of the Final Jud­ge­ment in Eng­land (vgl. S. 395).

Ein per­sön­li­cher Kom­men­tar:
Tat­säch­lich ist der „reli­giö­se“, d. h. orga­ni­sier­te und kul­ti­sche Sata­nis­mus, der offen oder teil­wei­se offen auf­tritt, ein moder­nes Phä­no­men, weil er an die Moder­ne gebun­den ist: Solan­ge es den Kir­chen­staat gab, die Thron-Altar-Alli­anz, christ­li­che König­rei­che und Impe­ri­en, Staa­ten mit katho­li­scher Staats­re­li­gi­on, muß­te der Teu­fels­kult (gleich­gül­tig in wel­cher Form, mit wel­chen magi­schen Ele­men­ten und wie vie­len Betei­lig­ten) im ver­bor­ge­nen blei­ben, um nicht ver­folgt und bestraft zu wer­den…
Heu­te hin­ge­gen, mit Moder­ne, Revo­lu­ti­on und Säku­la­ri­sie­rung, sind sogar aner­kann­te „Kir­chen Satans“ möglich.

4.10.5. Satanismus zwischen revolutionärer Linker und nazi-faschistischer Rechter

Van Lui­jk bemerkt, daß der roman­ti­sche Sata­nis­mus eher links­ge­rich­tet sei („a ‘Left-wing’ affair“), der moder­ne reli­giö­se Sata­nis­mus hin­ge­gen eher rechts­ge­rich­tet, teils neo­na­zi­stisch („toward neo­fa­scism or neo-Nazism“).
Doch auch letz­te­re Form sei revo­lu­tio­när („a reli­gious vehic­le for the values of the Western Revo­lu­ti­on“) (vgl. S. 400).

Laut van Lui­jk ist LaVeys Sata­nis­mus weder demo­kra­tisch noch ega­li­tär, son­dern eli­tär, was er mit dem natio­nal­so­zia­li­sti­schen Geist tei­le.
Post-laveyani­sche For­men wie der Order of the Nine Angles inte­grie­ren Neo­na­zis­mus und Anti­se­mi­tis­mus als inte­gra­le Bestand­tei­le ihrer Reli­gi­on („neo-Nazism or anti­se­mi­tism as inte­gral parts of their reli­gi­on“) (vgl. S. 401).

Der von die­sen rech­ten oder neo­na­zi­sti­schen Grup­pen ver­ehr­te Satan – ein herr­schen­der, tyran­ni­scher, gewalt­tä­ti­ger, die Schwa­chen unter­drücken­der Satan – ent­spricht genau dem Bild des jüdisch-christ­li­chen Got­tes, das sich die libe­ra­len, sozia­li­sti­schen, anar­chi­sti­schen roman­ti­schen Sata­ni­sten gemacht haben (vgl. S. 402).

4.10.6. Wir alle „Kinder Luzifers“! Aber warum nicht offen auch die Freimaurer einbeziehen?

Der Schluß van Lui­jks ist sehr bemer­kens­wert: Die Wer­te, die die roman­ti­schen Sata­ni­sten Satan zuschrie­ben, hät­ten die heu­ti­ge west­li­che Gesell­schaft geprägt – eine Gesell­schaft mit bei­spiel­lo­ser Frei­heit –, wes­halb wir in gewis­ser Wei­se alle Kin­der Luzi­fers sei­en. Hier das Zitat:

„From a histo­ri­cal per­spec­ti­ve, one could argue, Satan play­ed a much more important role in the nine­te­enth cen­tu­ry, when he was given a tiny but fasci­na­ting part in the uni­que adven­ture of a civi­lizati­on that spon­ta­neous­ly deci­ded to renoun­ce its old gods and enter into a per­ma­nent sta­te of reli­gious inde­cis­i­on. During this peri­od, he was mobi­li­zed by a small but influ­en­ti­al seg­ment of cul­tu­ral eli­te in its strugg­le against repres­si­on and explo­ita­ti­on and cele­bra­ted as a sym­bo­lic cham­pi­on for values such as the free­dom to wor­ship whom we like and how we like, the free­dom to love whom we like and how we like, and the free­dom to express our­sel­ves how we like and to live how we like. The­se values have made Western socie­ty as it is: that is, for bet­ter or worse, a place of unpre­ce­den­ted liber­ty. In that respect we are all, in a way, child­ren of Luci­fer“ („Aus histo­ri­scher Per­spek­ti­ve könn­te man argu­men­tie­ren, daß Satan im neun­zehn­ten Jahr­hun­dert eine weit­aus wich­ti­ge­re Rol­le spiel­te, als ihm ein klei­ner, aber fas­zi­nie­ren­der Part in dem ein­zig­ar­ti­gen Aben­teu­er einer Zivi­li­sa­ti­on zuge­schrie­ben wur­de, die spon­tan beschloß, ihre alten Göt­ter abzu­leh­nen und in einen dau­er­haf­ten Zustand reli­giö­ser Unent­schlos­sen­heit ein­zu­tre­ten. In die­ser Zeit wur­de er von einem klei­nen, aber ein­fluß­rei­chen Teil der kul­tu­rel­len Eli­te mobi­li­siert im Kampf gegen Unter­drückung und Aus­beu­tung und gefei­ert als sym­bo­li­scher Ver­fech­ter von Wer­ten wie der Frei­heit, zu ver­eh­ren, wen und wie man will, der Frei­heit, zu lie­ben, wen und wie man will, und der Frei­heit, sich aus­zu­drücken und zu leben, wie man will. Die­se Wer­te haben die west­li­che Gesell­schaft zu dem gemacht, was sie ist: das heißt, zum Guten oder Schlech­ten, zu einem Ort bei­spiel­lo­ser Frei­heit. Inso­fern sind wir alle, auf gewis­se Wei­se, Kin­der Luzi­fers“, S. 410).

So endet das Buch van Lui­jks.
Nun, trotz der Absicht des Autors hilft uns auch die­se letz­te Aus­sa­ge zu ver­ste­hen, daß gera­de die Frei­mau­rer, die doch die Moder­ne und ihre anti­christ­li­che, anti­kle­ri­ka­le, anti­dog­ma­ti­sche kul­tu­rel­le Revo­lu­ti­on vor­an­ge­trie­ben haben, beson­ders wür­dig sind, par excel­lence als Kin­der Luzi­fers bezeich­net zu werden.

In die­sem Zusam­men­hang habe ich eine sehr inter­es­san­te Ent­deckung gemacht.
Hier ist sie.

4.11. Br.·. Gustav Steffler: Die Freimaurer sind wirklich Kinder Luzifers (1914)

1914 wird das Buch zum fünf­zig­jäh­ri­gen Jubi­lä­um der Grün­dung der Loge „Imma­nu­el“ in Königs­berg ver­öf­fent­licht, die der Groß­lo­ge von Preu­ßen namens Roy­al York zur Freund­schaft angehörte.

Der Autor ist Gustav Steff­ler, Mei­ster vom Stuhl jener preu­ßi­schen Loge.
Steff­ler lobt den ver­stor­be­nen Jour­na­li­sten und Frei­mau­rer Br. Fer­di­nand Michels (1842–1896), der von 1890 bis 1896 Mei­ster vom Stuhl der „Immanuel“-Loge war.
Steff­ler berich­tet, daß die Frei­mau­rer in den päpst­li­chen Bul­len den Titel „Söh­ne Luzi­fers“ erhal­ten, und er erklärt, daß dies wahr sei: Die Frei­mau­rer sei­en wirk­lich „Söh­ne Luzi­fers“, und Bru­der Michels sei einer der größ­ten unter ihnen gewesen.

Br. Steff­ler sagt, daß die Frei­mau­rer Söh­ne Luzi­fers sei­en, aber nicht in dem Sin­ne, wie die Kir­che es mei­ne, son­dern Licht­brin­ger, Trä­ger von Wahr­heit und Gutem. Er schreibt:

„[…] in den Bann­bul­len, die von dem römi­schen Stuhl gegen uns geschleu­dert wer­den, wird uns Frei­mau­rern der Titel ‘Söh­ne des Luzi­fer’ bei­gelegt. Und in der Tat m. BBr.; wir sind Söh­ne des Luzi­fer, und Michels war einer der größ­ten unter ihnen. Aber in einem ande­ren Sin­ne als dem, in wel­chem unse­re Geg­ner uns die­se Bezeich­nung bei­le­gen. Luzi­fer heißt Licht­brin­ger. Und Licht­brin­ger wol­len wir Frei­mau­rer sein; wir wol­len die Mensch­heit schon hier auf Erden zum Glücke erzie­hen, und wenn wir glau­ben, dies dadurch zu errei­chen, daß wir den Ver­stand erleuch­ten für die ewi­ge Wahr­heit, die uns Natur und Geschich­te leh­ren, und daß wir das Gemüt erwär­men für die ewi­ge Schön­heit, die uns umgibt und die in den gei­sti­gen Schät­zen der Mensch­heit in so reich­li­cher Fül­le auf­ge­spei­chert liegt; wenn wir die See­le durch ihre Arbeit stark zu machen ver­su­chen, daß sie, die im täg­li­chen Leben oft genug abge­stumpft wird gegen die idea­len Bestre­bun­gen, emp­fäng­lich wer­de für das Licht der Wahr­heit und für die erwär­men­de Wohl­tat des Schö­nen, dann sind wir in der Tat Kin­der des Luzi­fer, und dann war Michels einer der größ­ten unter ihnen.“
(Gustav Steff­ler, Geschich­te der Johan­nis­lo­ge Imma­nu­el Or.·. Königs­berg i. Pr. 1864–1914. Zur fünf­zig­jäh­ri­gen Gedenk­fei­er, Druck von Br. W. Tele­mann, Königs­berg i. Pr. 1914, S. 48).

Br. Steff­ler macht auch deut­lich, daß die Frei­mau­rer kein „Dog­ma“ mögen, son­dern „Frei­heit des Den­kens und Frei­heit des Han­delns“ (vgl. S. 49).

Damit bestä­tigt Br. Steff­ler, unfrei­wil­lig, die Aus­sa­gen der anti­ma­so­ni­schen päpst­li­chen Bul­len und hilft, den Nega­tio­nis­mus zu wider­le­gen, den Stu­di­en wie jene von Ruben van Lui­jk vertreten.

(Fort­set­zung folgt)

*Pater Pao­lo Maria Sia­no gehört dem Orden der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta (FFI) an; der pro­mo­vier­te Kir­chen­hi­sto­ri­ker gilt als einer der besten katho­li­schen Ken­ner der Frei­mau­re­rei, der er meh­re­re Stan­dard­wer­ke und zahl­rei­che Auf­sät­ze gewid­met hat. In zahl­rei­chen sei­ner Ver­öf­fent­li­chun­gen geht es ihm dar­um, den Nach­weis zu erbrin­gen, daß die Frei­mau­re­rei von Anfang an eso­te­ri­sche und gno­sti­sche Ele­men­te ent­hielt, die bis heu­te ihre Unver­ein­bar­keit mit der kirch­li­chen Glau­bens­leh­re begründen.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana/​Wikicommons