Die Musik im Vatikan hat über die Jahrhunderte hinweg eine wechselvolle Geschichte erlebt, geprägt von den persönlichen Vorlieben und Einstellungen der Päpste. Luis Badilla beleuchtete in einer detaillierten Analyse die Entwicklungen der musikalischen Präsenz unter den Nachkonzils-Päpsten und macht dabei deutlich, wie sehr die Haltung des Heiligen Stuhls das kulturelle Leben beeinflussen kann. Dieser Zusammenschau soll gefolgt werden bis hin zur großen Leere unter dem argentinischen Papst, dem der musikalische und vielleicht auch kulturelle Zugang zur Sakralmusik, aber auch zur klassischen Musik fehlte. Da nützten auch die unbeholfenen Rechtfertigungsversuche von Kardinal Ravasi nichts.
Die Anfänge mit Paul VI.
1966 nahm die Tradition, große Orchesterkonzerte in den Vatikan zu bringen, ihren Anfang. Am 20. April desselben Jahres veranstaltete das RAI-Symphonieorchester unter Nino Antonellini und Piotr Wollny ein Konzert im damaligen Auditorium Pio in der Via della Conciliazione (heute Auditorium Santa Cecilia). Im selben Jahr begann der Bau der neuen großen vatikanischen Audienzhalle, konzipiert von Pier Luigi Nervi, 1971 eröffnet, die fortan zu einem zentralen Ort für vatikanische Konzerte wurde.
Historische Höhepunkte folgten: Am 23. Mai 1970 trat das RAI-Orchester unter Wolfgang Sawallisch im Petersdom auf, um anläßlich des 50. Priesterjubiläums von Papst Paul VI. die Missa solemnis von Ludwig van Beethoven aufzuführen. Paul VI., selbst ein großer Liebhaber klassischer Musik, pflegte eine besondere Vorliebe für Werke von Bach, Mozart, Händel, Haydn und Beethoven sowie für das Stabat Mater von Palestrina, Scarlatti und Pergolesi.
Johannes Paul II.: Musik als persönliche Leidenschaft
Karol Wojtyla, der spätere Papst Johannes Paul II., war bereits vor seiner Wahl ein passionierter Musikliebhaber. Musik begleitete ihn sowohl im Alltag als auch bei offiziellen Anlässen. In Polen besuchte er regelmäßig Konzerte, und auch in seiner vatikanischen Amtszeit blieb er dieser Leidenschaft treu. Neben klassischer Musik nahm er auch an Volksmusikkonzerten teil und empfing zahlreiche weltbekannte Künstler.
Ein besonders bemerkenswertes Ereignis fand am 29. Juni 1985 statt: Zum Hochfest der Apostel Petrus und Paulus dirigierte der unumstrittene Meisterdirigent Herbert von Karajan im Petersdom die „Krönungsmesse“ von Mozart. Trotz gesundheitlicher Einschränkungen aufgrund seines hohen Alters begab sich der Meister, unterstützt von seiner Familie, zum Papst, um die Kommunion zu empfangen – ein bewegender Moment, der die tiefe religiöse Dimension dieses kulturellen Großereignisses unterstrich.
Benedikt XVI.: Musik als Ausdruck des Göttlichen
Joseph Ratzinger, später Benedikt XVI., setzte die musikalische Tradition fort und brachte seine fundierten Kenntnisse klassischer und sakraler Musik ein. Er spielte selbst Klavier und nahm häufig aktiv Einfluß auf die Programmgestaltung von Konzerten, etwa bei der Aufführung von Dvořáks Symphonie „Neue Welt“ unter Gustavo Dudamel. Für ihn war Musik nicht nur Kunst, sondern ein Weg, das Göttliche zu erfahren. In einer Ansprache erläuterte er, daß die Qualität der Musik aus der Reinheit und Tiefe der Begegnung mit Liebe, Schmerz und Gott entstehe – eine klare Verbindung von musikalischer Schönheit und geistlicher Erfahrung. Benedikt XVI. bezeichnete die Sakralmusik, aber nicht nur sie, als „große theologische Partitur“ und als „Realität von theologischem Rang“.
So kam es während des deutschen Pontifikates zu mehreren hochrangigen musikalischen Ereignissen im Vatikan. Hervorzuheben ist das Konzert zum 80. Geburtstage Benedikts XVI., das Daniel Barenboim mit den Berliner Philharmonikern am 26. April 2007 darbot. Zur Aufführung gelangten Werke von Beethoven und Bruckner, zwei Komponisten, die Benedikt XVI. besonders schätzte.

Am 1. Juni 2012 nahm Benedikt XVI. an der Scala in Mailand der ihm zu Ehren erfolgten Aufführung der Neunten Symphonie von Beethoven teil, wiederum dirigiert von Daniel Barenboim mit Orchester und Chor der Scala. Damals befand sich Benedikt XVI. zu einem Pastoralbesuch in der lombardischen Metropole, wo das Weltfamilientreffen stattfand, das noch ganz auf die natürliche Familie konzentriert war (ganz ohne bergoglianisches Homo-Spezialprogramm). Am Tag nach dem Konzert besuchte Benedikt XVI. in seiner Güte den emeritierten und bereits schwer kranken Mailänder Erzbischof Kardinal Carlo Maria Martini SJ, den Initiator des Geheimzirkels von Sankt Gallen, von dessen Existenz damals öffentlich noch niemand Kenntnis hatte. An jenem 2. Juni 2012 erwiderte Martini die Freundlichkeit des amtierenden Kirchenoberhaupts, indem er von Benedikt XVI. den sofortigen Rücktritt forderte. Martini starb kurz darauf und Benedikt XVI. trat tatsächlich wenige Monate später überraschend zurück. Ein bis heute ungeklärtes Kapitel.
Die Lücke unter Papst Franziskus
Diese lange Tradition wurde unter Papst Franziskus unterbrochen. Er ließ diesen Abbruch nicht erklären, sondern erschien am 22. Juni 2013 überraschend einfach nicht zu einem Konzert, das im Rahmen des „Jahres des Glaubens“ für ihn ausgerichtet wurde. Der verlegene Msgr. Rino Fisichella, damals Vorsitzender des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung, mußte den Gästen kurzfristig die Abwesenheit des Heiligen Vaters erklären. Medien berichteten, daß Franziskus gesagt habe, er sei ja kein Renaissancefürst, der sich um solche Dinge kümmere.
Der leere Papst-Sessel in der Aula Paolo VI wurde zum Symbol für die „neue Haltung“ gegenüber der Musik im Vatikan. Badilla spricht sehr wohlwollend von einer „kritischen Sicht“ des argentinischen Papstes auf „spirituelle Weltlichkeit“. Andere erinnerten an das Sprichwort: Jesuitæ non cantant, non rubricant. Frei übersetzt: Jesuiten singen nicht und halten sich nicht an liturgische Vorschriften.
Das glanzvolle Comeback
Am 12. Dezember 2025 wird die Musik mit einem besonderen Ereignis in den Vatikan zurückkehren: Papst Leo XIV. wird Maestro Riccardo Muti den „Ratzinger-Preis“ überreichen, der seit 2011 von der vatikanischen Fondazione Vaticana Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. verliehen wird – nicht zu verwechseln mit der bereits einige Jahre zuvor vom Ratzinger-Schülerkreis gegründeten Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung mit Sitz in München.
Muti, 84 Jahre alt, wird zugleich ein Konzert dirigieren – fast vierzig Jahre nach seiner ersten Aufführung im Vatikan. Die Rückkehr dieser Konzerte markiert nicht nur die Fortsetzung einer historischen Tradition, sondern auch ein kulturell bedeutendes Zeichen der Kontinuität und Wertschätzung für die sakrale Musik.
Der Joseph-Ratzinger-Preis gilt als „Nobelpreis der Theologie“. Allerdings wurde der Radius in den vergangenen Jahren erweitert. Er wird nicht mehr ausschließlich Theologen und Philosophen verliehen, sondern auch an Künstler, wenn ihr Werk als relevant für Kultur und Glaube eingeschätzt wird.
Ein Resümee
Die Geschichte der Musik im Vatikan zeigt, wie eng kulturelles Leben und kirchliches Amt verknüpft sind. Von Paul VI. über Johannes Paul II. bis Benedikt XVI. wird deutlich: Musik ist mehr als Unterhaltung; sie ist ein Medium spiritueller Erfahrung, das die Päpste in unterschiedlichen Formen unterstützten. Die Pause unter Franziskus zeigt, daß dies kein Selbstverständnis ist, sondern von der jeweiligen Sichtweise des Papstes abhängt. Mit dem bevorstehenden Konzert von Riccardo Muti wird diese Tradition neu belebt – ein eindrucksvolles Beispiel für die harmonische Verbindung von Kunst und Religion.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: MiL/Youtube (Screenshots)