Der Patristiker Leonardo Lugaresi, dessen Meinung in kirchlichen, vor allem theologischen Kreisen Gewicht hat, veröffentlichte auf seinem Blog Leonardo Lugaresi ‑Vanitas ludus omnis eine Analyse zum neugewählten Papst Leo XIV., mit der man nicht in allem übereinstimmen mag, die jedoch behilflich sein kann, das soeben begonnene Pontifikat besser einordnen zu können. Daher dokumentieren wir Lugaresis Analyse:
Tradition und ihr rechter Gebrauch – Eine Anmerkung zum Stil Papst Leos XIV.
Von Leonardo Lugaresi*
In den Analysen, die zahlreiche Beobachter zu den ersten Schritten des Pontifikats von Leo XIV. vorlegen, scheint bislang vor allem die Kategorie der Kontinuität bzw. Diskontinuität im Vergleich zum vorhergehenden Pontifikat vorzuherrschen. Um eine spielerische Metapher zu bemühen: Von den Rängen der gegnerischen Fanlager aus beurteilt man die ersten Züge des neuen Papstes vor allem anhand seines „Spielstils“ und versucht daraus zu erkennen, ob er sich als „bergoglianisch“, „nicht bergoglianisch“ oder gar „antibergoglianisch“ erweist.
Diese Tendenz ist durchaus verständlich, nicht zuletzt deshalb, weil es sich dabei um den unmittelbarsten und oft einzigen möglichen Vergleich handelt – in einer sozialen Kultur, die weitgehend ihres historischen Gedächtnisses beraubt ist und sich ganz auf die eng getaktete Gegenwart der Tagesereignisse konzentriert. Zudem war „Diskontinuität“ gewissermaßen das programmatische Kennzeichen des Pontifikats von Papst Franziskus – von Beginn an mit Nachdruck angestrebt und mit unbestreitbarem kommunikativem Geschick zur Geltung gebracht, oder zumindest in der medialen Darstellung, die er selbst aktiv gefördert hat. Und eben dieses Bild ist bei der großen Mehrheit der Menschen, innerhalb wie außerhalb der Kirche, angekommen: Franziskus war ein anderer Papst – anders als seine Vorgänger, anders als der Rest der kirchlichen Hierarchie, anders selbst als das Papsttum, ja als die Kirche selbst. Und genau wegen dieser Andersartigkeit wurde er „außergewöhnlich“ geliebt oder gehaßt – als „Ausnahme“.
Der Stil von Papst Leo
Doch dieser Maßstab erscheint mir gänzlich ungeeignet, um das, was sich gegenwärtig in der Kirche ereignet, wirklich zu erfassen. Er vermag vor allem einen Wesenszug des Denkens und Handelns von Papst Leo XIV. nicht zu erkennen – einen Zug, der in seinen ersten Reden deutlich hervortritt und der größter Aufmerksamkeit würdig ist, nicht nur inhaltlich, sondern insbesondere auch methodisch. Zweifellos wirkt dieses neue Pontifikat im Vergleich zur „Ausnahme“ Franziskus – zumindest was den Stil betrifft – wie eine Rückkehr zur Ordnung, zur „Normalität“ und zur katholischen Tradition (wenn man diesen Begriff in seinem eigentlichen Sinne versteht, worauf ich gleich zurückkomme). Aber es wäre ein schwerer Irrtum, darin eine bloße Reaktion zu sehen, also ein entgegengesetztes, aber im Wesen gleichartiges Gegenprogramm zu den vielen „Neuerungen“ des vorhergehenden Pontifikats – mit dem Ziel, durch Rückgewinnung der Kontinuität alles auszulöschen, was dieses in jüngerer Vergangenheit in Frage gestellt hatte.
Auffallend ist in den ersten Äußerungen des neuen Papstes die selbstverständliche, natürliche Berufung auf die Tradition der Kirche durch große Zeugen: In der Predigt zur Messe mit den Kardinälen nach seiner Wahl zitierte er Ignatius von Antiochien; am 12. Mai, in seiner Ansprache an die Medienschaffenden, Augustinus; am 14. Mai, beim Jubiläum der orientalischen Kirchen, sprach er über Ephraim den Syrer, Isaak von Ninive, Simeon den Neuen Theologen – und erneut über „seinen“ Augustinus, der auch in der Predigt zur Messe zum Amtsantritt am 18. Mai wieder vorkam, ebenso am 19. Mai im Gespräch mit Vertretern anderer Kirchen, in der Predigt in der Basilika St. Paul vor den Mauern am 20. Mai, in der er auch Benedikt von Nursia erwähnte, sowie in seiner Ansprache vor den Päpstlichen Missionswerken am 22. Mai und schließlich in der Predigt am 25. Mai in der Lateranbasilika, in der er auch Leo den Großen zitierte. Diese Bezüge sind kurz (wie auch seine Reden kurz sind – was an sich schon bezeichnend ist), aber niemals bloß formelhaft: Sie sind jeweils thematisch genau passend. Zu diesen patristischen Referenzen gesellt sich ein ständiger Rückgriff auf das Lehramt der modernen Päpste, insbesondere Leo XIII., der in den ersten Reden mindestens fünf- oder sechsmal genannt wurde – und vor allem Franziskus, der gleichsam omnipräsent ist: Der neue Papst hat ihn, soweit ich sehe, in jeder seiner Ansprachen erwähnt.
Ein traditioneller, aber kein traditionalistischer Papst
Gerade diesen letzten Aspekt möchte ich besonders hervorheben. In der eingangs erwähnten hermeneutischen Perspektive des Vergleichs zwischen Leo und Franziskus könnte man dies als Zeichen wesentlicher „Kontinuität“ deuten – wobei die Unterschiede lediglich im Temperament lägen. Oder man könnte es im Gegenteil für ein taktisches Manöver halten, um Widerstände gegen ein Papsttum zu entschärfen, das in Wahrheit eine fundamentale (und von gewissen Kreisen als heilsam betrachtete) Abkehr von der sogenannten „Franziskus-Kirche“ betreibe.
Beide Deutungen halte ich für falsch. Was Papst Leo in Wort und Tat während der ersten Wochen seines Pontifikats zum Ausdruck bringt, ist nichts anderes als das authentisch katholische Verständnis von Tradition.
In bezug auf dieses Verständnis herrscht heute unter Katholiken ein weit verbreitetes Mißverständnis, das – paradoxerweise – Traditionalisten und Progressisten (ich verwende diese erschöpften Etiketten hier der Kürze halber) gleichermaßen betrifft: die Neigung, Tradition mit der Vergangenheit zu identifizieren – sei es, um diese zu bewahren und zu bewundern, oder um sie endgültig zu überwinden. In beiden Fällen wird Tradition als ein bloßes depositum verstanden, ein geerbter Schatz oder Speicher, in dem das Denken und Leben der Vorfahren kristallisiert liegt – ein Objekt, das von den lebenden Subjekten nach Belieben verwendet oder verworfen werden kann.
So gesehen unterscheiden sich Traditionalisten und Reformer kaum: Beide könnten – wie Papst Franziskus es ausdrückte – des „Rückschritts“ bezichtigt werden. Am Beispiel des Konflikts um die Liturgie läßt sich dies gut veranschaulichen: Sowohl die Verteidiger des vetus ordo als auch die ausschließlichen Vertreter des novus ordo können als traditionis custodes gelten – jedoch in einem verkürzten, unzureichenden Sinn. Die einen leugnen, daß auch die Entwicklungen nach 1962 zur Tradition gehören, und erklären sie dadurch implizit für tot. Die anderen übersehen, daß auch der sogenannte novus ordo bereits einer vergangenen kirchlichen Epoche entstammt – und als vermeintliche Innovation rasch gealtert ist. Die einen betreiben Antiquariat, die anderen Modernariat. Beide aber verfehlen den entscheidenden Punkt: daß Tradition lebendig ist – Gegenwart, nicht Vergangenheit.
Tradition als lebendige Wirklichkeit
Tradition im eigentlichen katholischen Sinne ist kein Objekt, sondern ein Prozeß – genauer: eine Beziehung. Sie ist ein nomen relationis, ein Begriff der Beziehung, die eine Weitergabe bedeutet – oder besser: eine Schenkung, die lebendige Akteure (Schenkende und Empfangende) voraussetzt und über den Zeitlauf hinausweist. Tradition ist daher immer lebendig, gehört dem Heute an, weil sie sich jetzt vollzieht – und gerade deshalb vermag sie auch im Heute Gehorsam zu fordern. Sie ist ein Wesensbestandteil des Glaubens – ohne sie gäbe es kein Christentum.
Der christliche Glaube ist nämlich per definitionem eine Antwort – niemals ein menschlich erzeugtes Erstwort, sondern stets eine Antwort auf den Ruf Gottes, der sich zuerst offenbart. Dies ist der Glaube Abrahams, Moses’, der Propheten, der Apostel – auf dem unser Glaube gründet. Daraus folgt: Das Wort der Kirche ist immer ein empfangenes Wort, also wesensmäßig traditionell. Und als empfangenes Wort muß es treu bewahrt und weitergegeben werden – gemäß der klaren Formel des Paulus, zu Beginn der christlichen Geschichte (als es kaum Vergangenheit gab): „Ich habe euch überliefert, was auch ich empfangen habe“ (1 Kor 15,3). Dies bedeutet auch: Die Kirche – in all ihren Ebenen, einschließlich des Papstes! – hat keine Verfügungsgewalt über dieses Wort. Sie dient ihm, sie bedient sich nicht seiner. Sie kann es nicht nach Belieben umgestalten, um es etwa besser an den Zeitgeist oder gesellschaftliche Erwartungen anzupassen.
Doch es gibt noch einen weiteren entscheidenden Aspekt: Das Wort Gottes, auf das jeder persönlich antwortet, erreicht uns nicht durch eine unmittelbare Offenbarung (wie im protestantischen Verständnis von sola scriptura), sondern wird uns überliefert durch eine ununterbrochene, märtyrerhafte Kette autoritativer Zeugen – und ist dadurch bereichert, ja durchlebt durch all die Antworten, die es im Lauf der christlichen Geschichte empfangen hat. Wie Joseph Ratzinger es treffend ausdrückte: Nur weil das Wort Antwort gefunden hat, ist es bestehen geblieben. Wort ist eine relationale Realität: Es existiert nicht nur dann nicht, wenn es niemand ausspricht, sondern auch dann nicht, wenn es niemand hört. Daher können wir es nie hören oder lesen, ohne die Antwort mitzuhören, die es empfangen hat – sie ist konstitutiv für seine bleibende Gegenwart.
Deshalb kann die Kirche nie, unter keinen Umständen, die Tradition abbrechen oder vernachlässigen. Sie liest die Schrift und versteht die Offenbarung stets „im Geiste der Väter“ – also in der Kontinuität all jener, die uns im Glauben vorausgegangen sind. Tradition hat somit eine Autorität, der sich niemand in der Kirche entziehen kann – am wenigsten der Papst. Aus katholischer Sicht ist daher die Vorstellung zweier getrennter Pole – auf der einen Seite das depositum fidei, quasi ein toter Besitz, der neu aktiviert werden muß, und auf der anderen ein „charismatisches Papsttum“, das diesen Schatz nach Belieben interpretieren oder sogar korrigieren könne – nicht nur irrig, sondern gefährlich. Dies führte zu einem „unkatholischen Papismus“, der dem Nachfolger Petri nicht mehr die Aufgabe zuschreibt, seine Brüder im Glauben zu stärken, sondern die Kirche nach seinem Bild zu formen – gestern die „Kirche Franziskus’“, heute die Leos, morgen die eines anderen.
Dem ist nicht so: Die einzige Kirche, die wir kennen, ist die Kirche Christi, und das einzige menschliche Attribut, das ihr in bezug auf Leitung zukommt, ist apostolisch – verwurzelt in der Tradition, die in ihrer Gesamtheit angenommen und verstanden werden muß. Diese darf nicht zerstückelt werden – weder von Traditionalisten noch von Progressisten. Auch das Zweite Vatikanische Konzil und die ihm folgenden Pontifikate – einschließlich jenes, das vor wenigen Wochen endete – gehören unwiderruflich zur Tradition. So sehr man auch Kritik üben mag: Eine damnatio memoriae wäre kein katholischer Weg.
Unterscheidung (krisis) und der „gerechte Gebrauch“ (chrêsis) auch der Kirchengeschichte
Heißt das etwa, daß alles, was sich im Laufe der zweitausendjährigen Geschichte der Kirche ereignet hat, allein darum gebilligt, geheiligt und mit einer „normativen Geltung“ für die Gegenwart belegt werden müsse, in einer Art katholischer Variante des hegelianischen Prinzips „Alles Wahre ist vernünftig“? Keineswegs, das wäre noch schöner! Die Kirchengeschichte, welche eine theandrische Wirklichkeit ist, ist auf ihrer menschlichen Seite voller Fehler und sogar böser Taten, und gerade deshalb muß an ihr ein unversöhnlicher Discernimento ausgeübt werden. Hier tritt ein weiterer Aspekt hervor, der mich in den ersten Amtshandlungen des neuen Papstes sehr beeindruckt hat, nämlich die Praxis des „gerechten Gebrauchs“, die chrêsis, von der die Kirchenväter sprechen. Es ist das Verdienst eines großen, kürzlich verstorbenen Gelehrten, dem ich hiermit gern mein Ehrenzeichen erweise, Christian Gnilka (1936–2025), die Aufmerksamkeit der Forscher auf die zentrale Bedeutung dieses Begriffs im Umgang der Kirchenväter mit der profanen Kultur und überhaupt mit allen weltlichen Gütern gelenkt zu haben. Die chrêsis ist eine Haltung, die der heute vorherrschenden Dichotomie von Einbeziehung und Ausschluß entgeht, da sie sich gleichermaßen von kritikloser Annahme (die sich bald zur Unterwerfung wandelt) und von vorurteilsvollem Ablehnen (aus dem der Sektierertum entspringt) fernhält, vielmehr darauf ausgerichtet ist, dem anderen in jeder Gelegenheit zu begegnen, „alles zu prüfen und das Gute zu behalten“ (nach dem paulinischen Wortlaut aus 1 Thess 5, 21), das heißt eine krisis auszuüben, ein Urteil, das „eintreten und scheiden“ vermag: Sie nimmt Anteil an allem, sie bezieht sich auf jedermann, doch unterscheidet sie dabei das Gute, Schöne und Wahre von dem, was dies nicht ist. Nach welchem Maßstab? Dem einzigen, der für den Christen möglich ist: jenem, den Paulus mit einem strahlenden Ausdruck den nous (den Geist, den Verstand) Christi nennt (vgl. 1 Kor 2, 16).
Jeden menschlichen Wert, dem der Christ begegnet, annimmt und sich zu eigen macht, darf er daher nicht versäumen, ihn zu kritisieren und im Lichte Christi neu zu deuten. Es handelt sich dabei nicht um eine kulturelle Aneignung, wie man heute vielleicht sagen würde, um sie zu stigmatisieren, sondern darum, alles zur ursprünglichen Wahrheit zurückzuführen. Die Dinge an ihren Platz zu setzen: Das ist der „gerechte Gebrauch“, die chrêsis, von der die Kirchenväter sprechen, die sich in der prägnanten Aussage des Paulus zu den Athenern bündelt: „Was ihr anbetet, ohne es zu kennen, das verkündige ich euch“ (Apg 17, 23). Dieser christliche Anspruch, in dem sich die Aufgabe verkörpert, „Salz der Erde und Licht der Welt“ zu sein, wie Christus sie seinen Jüngern auferlegt hat, gilt jedoch nicht nur gegenüber der Welt, sondern gewissermaßen auch gegenüber der Kirche selbst in ihrer menschlichen Komponente. Denn alles Menschliche bedarf beständiger Reinigung, Korrektur und Wiedereinordnung – mit einem Worte: der Rückgabe an die Wahrheit des göttlichen Plans. Hier liegt der Ursprung des Prinzips ecclesia semper reformanda, nicht in einem bloßen Anspruch auf eine Anpassung an das Weltgeschehen.
Um eine solche Operation zu vollziehen, sind drei Dinge nötig: eine feste Gewißheit der eigenen Stellung, bestimmt durch das Selbstbewußtsein, neue Geschöpfe zu sein, da nicht mehr wir leben, sondern Christus in uns lebt; eine vollkommene und herzliche Offenheit für die Wirklichkeit, die von vornherein nichts Menschliches prejudiziert ablehnt (denn alle Dinge bestehen in Christus); und ein großer Mut im Urteil (denn das Urteil ist eine Form des Zeugnisgebens Christi, also ein Martyrium).
Der Papst als Hüter der katholischen Einheit
In der Geschichte der katholischen Kirche gibt es weder Revolutionen noch Restaurationsbewegungen. Soweit Brüche entstehen, führen sie – wenn sie nicht wieder zusammengesetzt werden, und zwar nicht „politisch“ durch Kompromisse oder Verstellung, sondern in der Wahrheit des Glaubens – zu Schismen und Exkommunikationen, das heißt zu einem Herausschneiden von Teilen, die „Anstoß erregen“, damit der Leib in seiner organischen Einheit weiterleben kann. Die Aufgabe des Petrus besteht im wesentlichen darin, die Wahrheit des Glaubens und die Einheit des Gottesvolkes zu bewahren. Ein Mißverständnis, das in den letzten Jahren meines Erachtens das kirchliche Bewußtsein getrübt hat, war die Annahme, der Papst habe „Prozesse“ einzuleiten, um die Wesensart der Kirche zu verändern, und das auch noch ohne klare Zielrichtung – man denke nur an das wirre Gerede von „Synodalität“ als angeblich neuem Wesensmerkmal der Kirche. Ebenso falsch wäre es heute zu verlangen, der Papst solle eine Art „Gegenreformation“ vollziehen. Wenn ich mir eine Prognose erlauben darf, glaube ich, daß dies nicht geschehen wird. Vielmehr dürfen wir von Leo XIV. nicht so sehr explizite Korrekturen oder formelle Widerrufe mancher zweifelhaften, verwirrenden und teilweise problematischen Aspekte des vorhergehenden Pontifikats erwarten, sondern einen „gerechten Gebrauch“ derselben, der, wenn ich es so sagen darf, sie „an ihren Platz“ zurückstellt.
Um nur ein Beispiel zu nennen: Manchem mißfiel, daß Leo in seiner Ansprache am 19. Mai vor den Vertretern anderer Kirchen und Religionen die umstrittene Erklärung von Abu Dhabi zitierte. Es stimmt, daß dieses Dokument den womöglich „problematischsten“ Satz des Pontifikats Franziskus enthält, nämlich eine Aussage über den göttlichen Willen, daß Menschen anderen Glaubens als dem christlichen angehören können, die sich kaum vereinbaren läßt mit der katholischen Glaubenslehre; doch wer fest in der Gewißheit steht (schriftgemäß und traditionell!), daß alle Menschen zur Bekehrung zu Christus berufen sind, denn „in keinem andern ist das Heil; denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir gerettet werden“ (Apg 4, 12), der kann durchaus einen anderen, völlig unbedenklichen Abschnitt desselben Dokuments zitieren, gerade in der von mir beschriebenen Logik. Auch auf diese Weise, so hoffe ich, wird sich eine Art „Wiedereingliederung der bergoglianischen Ausnahme“ in den lebendigen Leib der Tradition vollziehen.
Ein grundsätzlicher Faktor der Sicherheit im neuen Pontifikat scheint uns aufgrund der Erfahrungen der ersten Wochen jedenfalls schon gewiß zu sein: Im Unterschied zu seinem Vorgänger wird Leo uns nicht fürchten lassen, daß er ein Papst „nach eigenem Gutdünken“ sei, und das ist entscheidend. Er hat dies von Anfang an klargestellt, als er sich auf eine Aussage des Ignatius von Antiochien bezog (in der wiederum auch Benedikt XVI. nachklingt, der auch darüber reflektierte) und die „unverzichtbare Verpflichtung für jeden, der in der Kirche ein Amt der Autorität ausübt“, definierte, „zu verschwinden, damit Christus bleibt, sich klein zu machen, damit Er erkannt und verherrlicht wird, sich ganz hinzugeben, damit niemand die Gelegenheit verliere, Ihn zu erkennen und zu lieben“. In diesem Sinn wage ich die Hoffnung, daß der Stil seines Pontifikats „ratzingerianisch“ und „patristisch“ sein wird.
*Leonardo Lugaresi, Patristiker, Lehrbeauftragter an den Universitäten Bologna, Pisa, Urbino sowie Gastprofessor in Ravenna und Chieti, ein profunder Kenner der frühchristlichen Tradition und Liturgie.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Vatican.va (Screenshot)