Tradition und ihr rechter Gebrauch – Eine Anmerkung zum Stil Papst Leos XIV.

Die Hoffnung, daß der Stil des neuen Pontifikats "ratzingerianisch" und "patristisch" sein wird


Papst Leo XIV. heute bei der Audienz für mehrere Generalkapitel, darunter dem des Drittordens der Franziskaner
Papst Leo XIV. heute bei der Audienz für mehrere Generalkapitel, darunter dem des Drittordens der Franziskaner

Der Patri­sti­ker Leo­nar­do Luga­re­si, des­sen Mei­nung in kirch­li­chen, vor allem theo­lo­gi­schen Krei­sen Gewicht hat, ver­öf­fent­lich­te auf sei­nem Blog Leo­nar­do Luga­re­si ‑Vani­tas ludus omnis eine Ana­ly­se zum neu­ge­wähl­ten Papst Leo XIV., mit der man nicht in allem über­ein­stim­men mag, die jedoch behilf­lich sein kann, das soeben begon­ne­ne Pon­ti­fi­kat bes­ser ein­ord­nen zu kön­nen. Daher doku­men­tie­ren wir Luga­re­sis Analyse:

Tradition und ihr rechter Gebrauch – Eine Anmerkung zum Stil Papst Leos XIV.

Von Leo­nar­do Lugaresi*

In den Ana­ly­sen, die zahl­rei­che Beob­ach­ter zu den ersten Schrit­ten des Pon­ti­fi­kats von Leo XIV. vor­le­gen, scheint bis­lang vor allem die Kate­go­rie der Kon­ti­nui­tät bzw. Dis­kon­ti­nui­tät im Ver­gleich zum vor­her­ge­hen­den Pon­ti­fi­kat vor­zu­herr­schen. Um eine spie­le­ri­sche Meta­pher zu bemü­hen: Von den Rän­gen der geg­ne­ri­schen Fan­la­ger aus beur­teilt man die ersten Züge des neu­en Pap­stes vor allem anhand sei­nes „Spiel­stils“ und ver­sucht dar­aus zu erken­nen, ob er sich als „berg­o­glia­nisch“, „nicht berg­o­glia­nisch“ oder gar „anti­ber­go­glia­nisch“ erweist.

Die­se Ten­denz ist durch­aus ver­ständ­lich, nicht zuletzt des­halb, weil es sich dabei um den unmit­tel­bar­sten und oft ein­zi­gen mög­li­chen Ver­gleich han­delt – in einer sozia­len Kul­tur, die weit­ge­hend ihres histo­ri­schen Gedächt­nis­ses beraubt ist und sich ganz auf die eng getak­te­te Gegen­wart der Tages­er­eig­nis­se kon­zen­triert. Zudem war „Dis­kon­ti­nui­tät“ gewis­ser­ma­ßen das pro­gram­ma­ti­sche Kenn­zei­chen des Pon­ti­fi­kats von Papst Fran­zis­kus – von Beginn an mit Nach­druck ange­strebt und mit unbe­streit­ba­rem kom­mu­ni­ka­ti­vem Geschick zur Gel­tung gebracht, oder zumin­dest in der media­len Dar­stel­lung, die er selbst aktiv geför­dert hat. Und eben die­ses Bild ist bei der gro­ßen Mehr­heit der Men­schen, inner­halb wie außer­halb der Kir­che, ange­kom­men: Fran­zis­kus war ein ande­rer Papst – anders als sei­ne Vor­gän­ger, anders als der Rest der kirch­li­chen Hier­ar­chie, anders selbst als das Papst­tum, ja als die Kir­che selbst. Und genau wegen die­ser Anders­ar­tig­keit wur­de er „außer­ge­wöhn­lich“ geliebt oder gehaßt – als „Aus­nah­me“.

Der Stil von Papst Leo

Doch die­ser Maß­stab erscheint mir gänz­lich unge­eig­net, um das, was sich gegen­wär­tig in der Kir­che ereig­net, wirk­lich zu erfas­sen. Er ver­mag vor allem einen Wesens­zug des Den­kens und Han­delns von Papst Leo XIV. nicht zu erken­nen – einen Zug, der in sei­nen ersten Reden deut­lich her­vor­tritt und der größ­ter Auf­merk­sam­keit wür­dig ist, nicht nur inhalt­lich, son­dern ins­be­son­de­re auch metho­disch. Zwei­fel­los wirkt die­ses neue Pon­ti­fi­kat im Ver­gleich zur „Aus­nah­me“ Fran­zis­kus – zumin­dest was den Stil betrifft – wie eine Rück­kehr zur Ord­nung, zur „Nor­ma­li­tät“ und zur katho­li­schen Tra­di­ti­on (wenn man die­sen Begriff in sei­nem eigent­li­chen Sin­ne ver­steht, wor­auf ich gleich zurück­kom­me). Aber es wäre ein schwe­rer Irr­tum, dar­in eine blo­ße Reak­ti­on zu sehen, also ein ent­ge­gen­ge­setz­tes, aber im Wesen gleich­ar­ti­ges Gegen­pro­gramm zu den vie­len „Neue­run­gen“ des vor­her­ge­hen­den Pon­ti­fi­kats – mit dem Ziel, durch Rück­ge­win­nung der Kon­ti­nui­tät alles aus­zu­lö­schen, was die­ses in jün­ge­rer Ver­gan­gen­heit in Fra­ge gestellt hatte.

Auf­fal­lend ist in den ersten Äuße­run­gen des neu­en Pap­stes die selbst­ver­ständ­li­che, natür­li­che Beru­fung auf die Tra­di­ti­on der Kir­che durch gro­ße Zeu­gen: In der Pre­digt zur Mes­se mit den Kar­di­nä­len nach sei­ner Wahl zitier­te er Igna­ti­us von Antio­chi­en; am 12. Mai, in sei­ner Anspra­che an die Medi­en­schaf­fen­den, Augu­sti­nus; am 14. Mai, beim Jubi­lä­um der ori­en­ta­li­schen Kir­chen, sprach er über Ephra­im den Syrer, Isaak von Nini­ve, Sime­on den Neu­en Theo­lo­gen – und erneut über „sei­nen“ Augu­sti­nus, der auch in der Pre­digt zur Mes­se zum Amts­an­tritt am 18. Mai wie­der vor­kam, eben­so am 19. Mai im Gespräch mit Ver­tre­tern ande­rer Kir­chen, in der Pre­digt in der Basi­li­ka St. Paul vor den Mau­ern am 20. Mai, in der er auch Bene­dikt von Nur­sia erwähn­te, sowie in sei­ner Anspra­che vor den Päpst­li­chen Mis­si­ons­wer­ken am 22. Mai und schließ­lich in der Pre­digt am 25. Mai in der Late­ran­ba­si­li­ka, in der er auch Leo den Gro­ßen zitier­te. Die­se Bezü­ge sind kurz (wie auch sei­ne Reden kurz sind – was an sich schon bezeich­nend ist), aber nie­mals bloß for­mel­haft: Sie sind jeweils the­ma­tisch genau pas­send. Zu die­sen patri­sti­schen Refe­ren­zen gesellt sich ein stän­di­ger Rück­griff auf das Lehr­amt der moder­nen Päp­ste, ins­be­son­de­re Leo XIII., der in den ersten Reden min­de­stens fünf- oder sechs­mal genannt wur­de – und vor allem Fran­zis­kus, der gleich­sam omni­prä­sent ist: Der neue Papst hat ihn, soweit ich sehe, in jeder sei­ner Anspra­chen erwähnt.

Ein traditioneller, aber kein traditionalistischer Papst

Gera­de die­sen letz­ten Aspekt möch­te ich beson­ders her­vor­he­ben. In der ein­gangs erwähn­ten her­me­neu­ti­schen Per­spek­ti­ve des Ver­gleichs zwi­schen Leo und Fran­zis­kus könn­te man dies als Zei­chen wesent­li­cher „Kon­ti­nui­tät“ deu­ten – wobei die Unter­schie­de ledig­lich im Tem­pe­ra­ment lägen. Oder man könn­te es im Gegen­teil für ein tak­ti­sches Manö­ver hal­ten, um Wider­stän­de gegen ein Papst­tum zu ent­schär­fen, das in Wahr­heit eine fun­da­men­ta­le (und von gewis­sen Krei­sen als heil­sam betrach­te­te) Abkehr von der soge­nann­ten „Fran­zis­kus-Kir­che“ betreibe.

Bei­de Deu­tun­gen hal­te ich für falsch. Was Papst Leo in Wort und Tat wäh­rend der ersten Wochen sei­nes Pon­ti­fi­kats zum Aus­druck bringt, ist nichts ande­res als das authen­tisch katho­li­sche Ver­ständ­nis von Tradition.

In bezug auf die­ses Ver­ständ­nis herrscht heu­te unter Katho­li­ken ein weit ver­brei­te­tes Miß­ver­ständ­nis, das – para­do­xer­wei­se – Tra­di­tio­na­li­sten und Pro­gres­si­sten (ich ver­wen­de die­se erschöpf­ten Eti­ket­ten hier der Kür­ze hal­ber) glei­cher­ma­ßen betrifft: die Nei­gung, Tra­di­ti­on mit der Ver­gan­gen­heit zu iden­ti­fi­zie­ren – sei es, um die­se zu bewah­ren und zu bewun­dern, oder um sie end­gül­tig zu über­win­den. In bei­den Fäl­len wird Tra­di­ti­on als ein blo­ßes depo­si­tum ver­stan­den, ein geerb­ter Schatz oder Spei­cher, in dem das Den­ken und Leben der Vor­fah­ren kri­stal­li­siert liegt – ein Objekt, das von den leben­den Sub­jek­ten nach Belie­ben ver­wen­det oder ver­wor­fen wer­den kann.

So gese­hen unter­schei­den sich Tra­di­tio­na­li­sten und Refor­mer kaum: Bei­de könn­ten – wie Papst Fran­zis­kus es aus­drück­te – des „Rück­schritts“ bezich­tigt wer­den. Am Bei­spiel des Kon­flikts um die Lit­ur­gie läßt sich dies gut ver­an­schau­li­chen: Sowohl die Ver­tei­di­ger des vetus ordo als auch die aus­schließ­li­chen Ver­tre­ter des novus ordo kön­nen als tra­di­tio­nis cus­to­des gel­ten – jedoch in einem ver­kürz­ten, unzu­rei­chen­den Sinn. Die einen leug­nen, daß auch die Ent­wick­lun­gen nach 1962 zur Tra­di­ti­on gehö­ren, und erklä­ren sie dadurch impli­zit für tot. Die ande­ren über­se­hen, daß auch der soge­nann­te novus ordo bereits einer ver­gan­ge­nen kirch­li­chen Epo­che ent­stammt – und als ver­meint­li­che Inno­va­ti­on rasch geal­tert ist. Die einen betrei­ben Anti­qua­ri­at, die ande­ren Modern­ari­at. Bei­de aber ver­feh­len den ent­schei­den­den Punkt: daß Tra­di­ti­on leben­dig ist – Gegen­wart, nicht Vergangenheit.

Tradition als lebendige Wirklichkeit

Tra­di­ti­on im eigent­li­chen katho­li­schen Sin­ne ist kein Objekt, son­dern ein Pro­zeß – genau­er: eine Bezie­hung. Sie ist ein nomen rela­tio­nis, ein Begriff der Bezie­hung, die eine Wei­ter­ga­be bedeu­tet – oder bes­ser: eine Schen­kung, die leben­di­ge Akteu­re (Schen­ken­de und Emp­fan­gen­de) vor­aus­setzt und über den Zeit­lauf hin­aus­weist. Tra­di­ti­on ist daher immer leben­dig, gehört dem Heu­te an, weil sie sich jetzt voll­zieht – und gera­de des­halb ver­mag sie auch im Heu­te Gehor­sam zu for­dern. Sie ist ein Wesens­be­stand­teil des Glau­bens – ohne sie gäbe es kein Christentum.

Der christ­li­che Glau­be ist näm­lich per defi­ni­tio­nem eine Ant­wort – nie­mals ein mensch­lich erzeug­tes Erst­wort, son­dern stets eine Ant­wort auf den Ruf Got­tes, der sich zuerst offen­bart. Dies ist der Glau­be Abra­hams, Moses’, der Pro­phe­ten, der Apo­stel – auf dem unser Glau­be grün­det. Dar­aus folgt: Das Wort der Kir­che ist immer ein emp­fan­ge­nes Wort, also wesens­mä­ßig tra­di­tio­nell. Und als emp­fan­ge­nes Wort muß es treu bewahrt und wei­ter­ge­ge­ben wer­den – gemäß der kla­ren For­mel des Pau­lus, zu Beginn der christ­li­chen Geschich­te (als es kaum Ver­gan­gen­heit gab): „Ich habe euch über­lie­fert, was auch ich emp­fan­gen habe“ (1 Kor 15,3). Dies bedeu­tet auch: Die Kir­che – in all ihren Ebe­nen, ein­schließ­lich des Pap­stes! – hat kei­ne Ver­fü­gungs­ge­walt über die­ses Wort. Sie dient ihm, sie bedient sich nicht sei­ner. Sie kann es nicht nach Belie­ben umge­stal­ten, um es etwa bes­ser an den Zeit­geist oder gesell­schaft­li­che Erwar­tun­gen anzupassen.

Doch es gibt noch einen wei­te­ren ent­schei­den­den Aspekt: Das Wort Got­tes, auf das jeder per­sön­lich ant­wor­tet, erreicht uns nicht durch eine unmit­tel­ba­re Offen­ba­rung (wie im pro­te­stan­ti­schen Ver­ständ­nis von sola scrip­tu­ra), son­dern wird uns über­lie­fert durch eine unun­ter­bro­che­ne, mär­ty­rer­haf­te Ket­te auto­ri­ta­ti­ver Zeu­gen – und ist dadurch berei­chert, ja durch­lebt durch all die Ant­wor­ten, die es im Lauf der christ­li­chen Geschich­te emp­fan­gen hat. Wie Joseph Ratz­in­ger es tref­fend aus­drück­te: Nur weil das Wort Ant­wort gefun­den hat, ist es bestehen geblie­ben. Wort ist eine rela­tio­na­le Rea­li­tät: Es exi­stiert nicht nur dann nicht, wenn es nie­mand aus­spricht, son­dern auch dann nicht, wenn es nie­mand hört. Daher kön­nen wir es nie hören oder lesen, ohne die Ant­wort mit­zu­hö­ren, die es emp­fan­gen hat – sie ist kon­sti­tu­tiv für sei­ne blei­ben­de Gegenwart.

Des­halb kann die Kir­che nie, unter kei­nen Umstän­den, die Tra­di­ti­on abbre­chen oder ver­nach­läs­si­gen. Sie liest die Schrift und ver­steht die Offen­ba­rung stets „im Gei­ste der Väter“ – also in der Kon­ti­nui­tät all jener, die uns im Glau­ben vor­aus­ge­gan­gen sind. Tra­di­ti­on hat somit eine Auto­ri­tät, der sich nie­mand in der Kir­che ent­zie­hen kann – am wenig­sten der Papst. Aus katho­li­scher Sicht ist daher die Vor­stel­lung zwei­er getrenn­ter Pole – auf der einen Sei­te das depo­si­tum fidei, qua­si ein toter Besitz, der neu akti­viert wer­den muß, und auf der ande­ren ein „cha­ris­ma­ti­sches Papst­tum“, das die­sen Schatz nach Belie­ben inter­pre­tie­ren oder sogar kor­ri­gie­ren kön­ne – nicht nur irrig, son­dern gefähr­lich. Dies führ­te zu einem „unka­tho­li­schen Papis­mus“, der dem Nach­fol­ger Petri nicht mehr die Auf­ga­be zuschreibt, sei­ne Brü­der im Glau­ben zu stär­ken, son­dern die Kir­che nach sei­nem Bild zu for­men – gestern die „Kir­che Fran­zis­kus’“, heu­te die Leos, mor­gen die eines anderen.

Dem ist nicht so: Die ein­zi­ge Kir­che, die wir ken­nen, ist die Kir­che Chri­sti, und das ein­zi­ge mensch­li­che Attri­but, das ihr in bezug auf Lei­tung zukommt, ist apo­sto­lisch – ver­wur­zelt in der Tra­di­ti­on, die in ihrer Gesamt­heit ange­nom­men und ver­stan­den wer­den muß. Die­se darf nicht zer­stückelt wer­den – weder von Tra­di­tio­na­li­sten noch von Pro­gres­si­sten. Auch das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil und die ihm fol­gen­den Pon­ti­fi­ka­te – ein­schließ­lich jenes, das vor weni­gen Wochen ende­te – gehö­ren unwi­der­ruf­lich zur Tra­di­ti­on. So sehr man auch Kri­tik üben mag: Eine dam­na­tio memo­riae wäre kein katho­li­scher Weg.

Unterscheidung (krisis) und der „gerechte Gebrauch“ (chrêsis) auch der Kirchengeschichte

Heißt das etwa, daß alles, was sich im Lau­fe der zwei­tau­send­jäh­ri­gen Geschich­te der Kir­che ereig­net hat, allein dar­um gebil­ligt, gehei­ligt und mit einer „nor­ma­ti­ven Gel­tung“ für die Gegen­wart belegt wer­den müs­se, in einer Art katho­li­scher Vari­an­te des hege­lia­ni­schen Prin­zips „Alles Wah­re ist ver­nünf­tig“? Kei­nes­wegs, das wäre noch schö­ner! Die Kir­chen­ge­schich­te, wel­che eine the­an­dri­sche Wirk­lich­keit ist, ist auf ihrer mensch­li­chen Sei­te vol­ler Feh­ler und sogar böser Taten, und gera­de des­halb muß an ihr ein unver­söhn­li­cher Dis­cer­ni­me­n­to aus­ge­übt wer­den. Hier tritt ein wei­te­rer Aspekt her­vor, der mich in den ersten Amts­hand­lun­gen des neu­en Pap­stes sehr beein­druckt hat, näm­lich die Pra­xis des „gerech­ten Gebrauchs“, die chrê­sis, von der die Kir­chen­vä­ter spre­chen. Es ist das Ver­dienst eines gro­ßen, kürz­lich ver­stor­be­nen Gelehr­ten, dem ich hier­mit gern mein Ehren­zei­chen erwei­se, Chri­sti­an Gnil­ka (1936–2025), die Auf­merk­sam­keit der For­scher auf die zen­tra­le Bedeu­tung die­ses Begriffs im Umgang der Kir­chen­vä­ter mit der pro­fa­nen Kul­tur und über­haupt mit allen welt­li­chen Gütern gelenkt zu haben. Die chrê­sis ist eine Hal­tung, die der heu­te vor­herr­schen­den Dicho­to­mie von Ein­be­zie­hung und Aus­schluß ent­geht, da sie sich glei­cher­ma­ßen von kri­tik­lo­ser Annah­me (die sich bald zur Unter­wer­fung wan­delt) und von vor­ur­teils­vol­lem Ableh­nen (aus dem der Sek­tie­rer­tum ent­springt) fern­hält, viel­mehr dar­auf aus­ge­rich­tet ist, dem ande­ren in jeder Gele­gen­heit zu begeg­nen, „alles zu prü­fen und das Gute zu behal­ten“ (nach dem pau­li­ni­schen Wort­laut aus 1 Thess 5, 21), das heißt eine kri­sis aus­zu­üben, ein Urteil, das „ein­tre­ten und schei­den“ ver­mag: Sie nimmt Anteil an allem, sie bezieht sich auf jeder­mann, doch unter­schei­det sie dabei das Gute, Schö­ne und Wah­re von dem, was dies nicht ist. Nach wel­chem Maß­stab? Dem ein­zi­gen, der für den Chri­sten mög­lich ist: jenem, den Pau­lus mit einem strah­len­den Aus­druck den nous (den Geist, den Ver­stand) Chri­sti nennt (vgl. 1 Kor 2, 16).

Jeden mensch­li­chen Wert, dem der Christ begeg­net, annimmt und sich zu eigen macht, darf er daher nicht ver­säu­men, ihn zu kri­ti­sie­ren und im Lich­te Chri­sti neu zu deu­ten. Es han­delt sich dabei nicht um eine kul­tu­rel­le Aneig­nung, wie man heu­te viel­leicht sagen wür­de, um sie zu stig­ma­ti­sie­ren, son­dern dar­um, alles zur ursprüng­li­chen Wahr­heit zurück­zu­füh­ren. Die Din­ge an ihren Platz zu set­zen: Das ist der „gerech­te Gebrauch“, die chrê­sis, von der die Kir­chen­vä­ter spre­chen, die sich in der prä­gnan­ten Aus­sa­ge des Pau­lus zu den Athe­nern bün­delt: „Was ihr anbe­tet, ohne es zu ken­nen, das ver­kün­di­ge ich euch“ (Apg 17, 23). Die­ser christ­li­che Anspruch, in dem sich die Auf­ga­be ver­kör­pert, „Salz der Erde und Licht der Welt“ zu sein, wie Chri­stus sie sei­nen Jün­gern auf­er­legt hat, gilt jedoch nicht nur gegen­über der Welt, son­dern gewis­ser­ma­ßen auch gegen­über der Kir­che selbst in ihrer mensch­li­chen Kom­po­nen­te. Denn alles Mensch­li­che bedarf bestän­di­ger Rei­ni­gung, Kor­rek­tur und Wie­der­ein­ord­nung – mit einem Wor­te: der Rück­ga­be an die Wahr­heit des gött­li­chen Plans. Hier liegt der Ursprung des Prin­zips eccle­sia sem­per refor­man­da, nicht in einem blo­ßen Anspruch auf eine Anpas­sung an das Weltgeschehen.

Um eine sol­che Ope­ra­ti­on zu voll­zie­hen, sind drei Din­ge nötig: eine feste Gewiß­heit der eige­nen Stel­lung, bestimmt durch das Selbst­be­wußt­sein, neue Geschöp­fe zu sein, da nicht mehr wir leben, son­dern Chri­stus in uns lebt; eine voll­kom­me­ne und herz­li­che Offen­heit für die Wirk­lich­keit, die von vorn­her­ein nichts Mensch­li­ches pre­ju­di­ziert ablehnt (denn alle Din­ge bestehen in Chri­stus); und ein gro­ßer Mut im Urteil (denn das Urteil ist eine Form des Zeug­nis­ge­bens Chri­sti, also ein Martyrium).

Der Papst als Hüter der katholischen Einheit

In der Geschich­te der katho­li­schen Kir­che gibt es weder Revo­lu­tio­nen noch Restau­ra­ti­ons­be­we­gun­gen. Soweit Brü­che ent­ste­hen, füh­ren sie – wenn sie nicht wie­der zusam­men­ge­setzt wer­den, und zwar nicht „poli­tisch“ durch Kom­pro­mis­se oder Ver­stel­lung, son­dern in der Wahr­heit des Glau­bens – zu Schis­men und Exkom­mu­ni­ka­tio­nen, das heißt zu einem Her­aus­schnei­den von Tei­len, die „Anstoß erre­gen“, damit der Leib in sei­ner orga­ni­schen Ein­heit wei­ter­le­ben kann. Die Auf­ga­be des Petrus besteht im wesent­li­chen dar­in, die Wahr­heit des Glau­bens und die Ein­heit des Got­tes­vol­kes zu bewah­ren. Ein Miß­ver­ständ­nis, das in den letz­ten Jah­ren mei­nes Erach­tens das kirch­li­che Bewußt­sein getrübt hat, war die Annah­me, der Papst habe „Pro­zes­se“ ein­zu­lei­ten, um die Wesens­art der Kir­che zu ver­än­dern, und das auch noch ohne kla­re Ziel­rich­tung – man den­ke nur an das wir­re Gere­de von „Syn­oda­li­tät“ als angeb­lich neu­em Wesens­merk­mal der Kir­che. Eben­so falsch wäre es heu­te zu ver­lan­gen, der Papst sol­le eine Art „Gegen­re­for­ma­ti­on“ voll­zie­hen. Wenn ich mir eine Pro­gno­se erlau­ben darf, glau­be ich, daß dies nicht gesche­hen wird. Viel­mehr dür­fen wir von Leo XIV. nicht so sehr expli­zi­te Kor­rek­tu­ren oder for­mel­le Wider­ru­fe man­cher zwei­fel­haf­ten, ver­wir­ren­den und teil­wei­se pro­ble­ma­ti­schen Aspek­te des vor­her­ge­hen­den Pon­ti­fi­kats erwar­ten, son­dern einen „gerech­ten Gebrauch“ der­sel­ben, der, wenn ich es so sagen darf, sie „an ihren Platz“ zurückstellt.

Um nur ein Bei­spiel zu nen­nen: Man­chem miß­fiel, daß Leo in sei­ner Anspra­che am 19. Mai vor den Ver­tre­tern ande­rer Kir­chen und Reli­gio­nen die umstrit­te­ne Erklä­rung von Abu Dha­bi zitier­te. Es stimmt, daß die­ses Doku­ment den womög­lich „pro­ble­ma­tisch­sten“ Satz des Pon­ti­fi­kats Fran­zis­kus ent­hält, näm­lich eine Aus­sa­ge über den gött­li­chen Wil­len, daß Men­schen ande­ren Glau­bens als dem christ­li­chen ange­hö­ren kön­nen, die sich kaum ver­ein­ba­ren läßt mit der katho­li­schen Glau­bens­leh­re; doch wer fest in der Gewiß­heit steht (schrift­ge­mäß und tra­di­tio­nell!), daß alle Men­schen zur Bekeh­rung zu Chri­stus beru­fen sind, denn „in kei­nem andern ist das Heil; denn es ist kein ande­rer Name unter dem Him­mel den Men­schen gege­ben, durch den wir geret­tet wer­den“ (Apg 4, 12), der kann durch­aus einen ande­ren, völ­lig unbe­denk­li­chen Abschnitt des­sel­ben Doku­ments zitie­ren, gera­de in der von mir beschrie­be­nen Logik. Auch auf die­se Wei­se, so hof­fe ich, wird sich eine Art „Wie­der­ein­glie­de­rung der berg­o­glia­ni­schen Aus­nah­me“ in den leben­di­gen Leib der Tra­di­ti­on vollziehen.

Ein grund­sätz­li­cher Fak­tor der Sicher­heit im neu­en Pon­ti­fi­kat scheint uns auf­grund der Erfah­run­gen der ersten Wochen jeden­falls schon gewiß zu sein: Im Unter­schied zu sei­nem Vor­gän­ger wird Leo uns nicht fürch­ten las­sen, daß er ein Papst „nach eige­nem Gut­dün­ken“ sei, und das ist ent­schei­dend. Er hat dies von Anfang an klar­ge­stellt, als er sich auf eine Aus­sa­ge des Igna­ti­us von Antio­chi­en bezog (in der wie­der­um auch Bene­dikt XVI. nach­klingt, der auch dar­über reflek­tier­te) und die „unver­zicht­ba­re Ver­pflich­tung für jeden, der in der Kir­che ein Amt der Auto­ri­tät aus­übt“, defi­nier­te, „zu ver­schwin­den, damit Chri­stus bleibt, sich klein zu machen, damit Er erkannt und ver­herr­licht wird, sich ganz hin­zu­ge­ben, damit nie­mand die Gele­gen­heit ver­lie­re, Ihn zu erken­nen und zu lie­ben“. In die­sem Sinn wage ich die Hoff­nung, daß der Stil sei­nes Pon­ti­fi­kats „ratz­in­ge­ria­nisch“ und „patri­stisch“ sein wird.

*Leo­nar­do Luga­re­si, Patri­sti­ker, Lehr­be­auf­trag­ter an den Uni­ver­si­tä­ten Bolo­gna, Pisa, Urbi­no sowie Gast­pro­fes­sor in Raven­na und Chie­ti, ein pro­fun­der Ken­ner der früh­christ­li­chen Tra­di­ti­on und Lit­urgie.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati​can​.va (Screen­shot)