Zu einigen grundlegenden Neuerungen, die den Karsamstag betreffen, siehe die einführenden Beiträge zur Reihe (Links am Ende des Beitrags).
Von Caminante Wanderer*
Erste Neuerung
Es wird eine Segnung der Osterkerze im Atrium, jedenfalls vor dem Eingang der Kirche, eingeführt; diese muß während der gesamten Feier vom Diakon getragen werden.
Traditionelle Praxis vor der Reform:
Außerhalb der Kirche wurden das Osterfeuer und die Weihrauchkörner gesegnet, nicht jedoch die Kerze. Das Feuer wurde auf die Arundo, eine Art Rohr oder Stab mit drei Kerzen an seinem Ende, übertragen, die während der Prozession ins Innere der Kirche nach und nach entzündet wurden: daher die drei Anrufungen des Lumen Christi.
Mit einer dieser Kerzen wurde dann die Osterkerze entzündet, die sich von Beginn der Feier an bereits auf dem Leuchter befand. In vielen frühchristlichen Kirchen machte die Höhe dieses Leuchters den Bau eines eigenen Ambos erforderlich, um die Kerze erreichen zu können. Das Feuer wurde durch den Stab mit den drei Kerzen – die Allerheiligste Dreifaltigkeit – auf die große Osterkerze – den auferstandenen Christus – übertragen, um zu symbolisieren, daß die Auferstehung ein Werk der Dreifaltigkeit ist.
Durch die Neuerung wurden gerade am Karsamstag sämtliche alten Osterleuchter nutzlos, von denen viele aus den Anfängen des Christentums stammten. Unter dem Vorwand, zu den Ursprüngen zurückzukehren, werden Kunstwerke der Antike zu unbrauchbaren Museumsstücken. Und die drei Anrufungen des Lumen Christi haben ihre liturgische Bedeutung verloren.
Zweite Neuerung
Die Osterkerze wird nach einer Prozession in die Mitte des Chorraums gestellt, während die Kirche bei jeder Anrufung des Lumen Christi allmählich erleuchtet wird. Bei jeder Anrufung erfolgt eine Kniebeuge vor der Kerze, und bei der dritten wird die gesamte Kirche erleuchtet.
Traditionelle Praxis vor der Reform:
Die Kerze befand sich gewöhnlich auf der Evangelienseite, und Diakon und Subdiakon näherten sich ihr mit der Arundo, um sie während des Gesangs des Osterlobes zu entzünden. Die einzigen Lichter im Kirchenraum waren bis zum Exsultet die drei Kerzen des Stabes.
Dritte Neuerung
Verzerrung der Symbolik des Exsultet-Gesangs und seines Charakters als diakonaler Segensakt.
Traditionelle Praxis vor der Reform:
Der Gesang des Exsultet begann vor der noch nicht entzündeten Osterkerze; die Weihrauchkörner wurden eingefügt, wenn der Gesang vom Weihrauch sprach; die Kerze wurde entzündet und mit ihr zugleich die Lichter der Kirche, sobald der Text darauf Bezug nahm – diese Handlungen bildeten zusammen mit dem Gesang den Segensakt.
Obwohl mehrere Neuerer diese Feier umgestalten wollten, widersetzten sich andere Mitglieder der Kommission, sodaß das Ergebnis ein „Pasticcio“ wurde: ein traditioneller Gesang, verbunden mit einem völlig veränderten Ritus. So wird einer der bedeutendsten Momente des gesamten liturgischen Jahreskreises zu einer theatralischen Szene von großer Inkohärenz. Tatsächlich werden nun die Handlungen, von denen der Sänger des Exsultet spricht, bereits eine halbe Stunde zuvor im Atrium vollzogen. Es wird von der Einfügung der Weihrauchkörner gesungen (suscipe pater incensi huius sacrificium vespertinum), doch diese sind bereits in die Kerze eingefügt. Das Entzünden der Kerze mit dem Licht der Auferstehung wird gepriesen (sed iam columnae huius praeconia novimus quam in honorem Dei rutilans ignis accendit), doch die Kerze ist längst entzündet. Die Lichtsymbolik wird entstellt, denn wenn triumphierend der Befehl ertönt, alle Lichter zu entzünden – Symbol der Auferstehung (alitur enim liquantibus ceris, quas in substantiam pretiosae huius lampadis apis mater eduxit) –, ist die Kirche bereits durch die Kerzen der Gläubigen erleuchtet. Es entsteht eine unverständliche Symbolik, in der die gesprochenen Worte keinen Bezug mehr zur Realität des Ritus haben.
Zudem bildete der Gesang des Osterlobes zusammen mit den begleitenden Gesten den diakonalen Segensakt schlechthin. Mit der Neuerung jedoch wird die Kerze außerhalb der Kirche mit Wasser gesegnet.
Vierte Neuerung
Einführung der Praxis, die Litanei in zwei Teile zu teilen und dazwischen die Segnung des Taufwassers einzufügen.
Traditionelle Praxis vor der Reform:
Nach der Segnung des Taufbeckens wurde die Litanei gesungen, die der Messe vorausgeht.
Fünfte Neuerung
Die Segnung des Taufwassers erfolgt in einer Schale in der Mitte des Chorraums, wobei der Zelebrant dem Volk zugewandt ist und dem Altar den Rücken kehrt.
Traditionelle Praxis vor der Reform:
Die Segnung des Taufwassers erfolgte im Baptisterium, das sich außerhalb der Kirche oder im hinteren Bereich befand. Etwaige Katechumenen wurden am Eingang der Kirche empfangen und dort getauft; anschließend konnten sie das Kirchenschiff betreten, jedoch weder den Chor noch das Presbyterium – weder vor noch nach der Taufe.
In der Praxis wurde das Taufbecken durch ein großes Gefäß in der Mitte des Presbyteriums ersetzt. Der Grund war, daß alle Riten „zum Volk hin“ vollzogen werden sollten, wie in den Dokumenten der Kommission ausdrücklich betont wird:
„damit die Gläubigen wirkliche Akteure der Feier seien … deshalb hat die Kommission auf die berechtigten Bestrebungen des Volkes Gottes gehört … denn die Kirche ist offen für die Impulse der Erneuerung“.
Der Nachweis wäre erst zu erbringen, daß das Volk tatsächlich diese Änderungen verlangt hat, die letztlich die gesamte Ordnung der sakralen Architektur von ihren Ursprüngen bis in die Gegenwart zerstörten. Ursprünglich befand sich das Baptisterium außerhalb der Kirche, später im Inneren nahe dem Eingang, da die Taufe die „Pforte der Sakramente“ ist, die den außerhalb Stehenden zum Glied der Kirche macht.
Sechste Neuerung
Veränderung der Symbolik des Gesangs Sicut cervus.
Traditionelle Praxis vor der Reform:
Nach dem Gesang der Prophetien begab sich der Zelebrant zur Taufquelle, um das Wasser zu segnen und die Katechumenen zu taufen, während das Sicut cervus gesungen wurde (Wie der Hirsch lechzt nach Wasser, Ps 41). Der Gesang ging somit logisch der Spendung der Taufe voraus.
Da die Wasserweihe nun im Chor erfolgt, mußte eine Zeremonie eingeführt werden, um das Wasser unter dem Gesang des Sicut cervus zum Baptisterium zu bringen – also jenes Teils von Psalm 41, der den Durst des Hirsches beschreibt, der, von der Schlange gebissen, nur durch das rettende Wasser gestillt wird. Durch diese Änderung ergibt sich jedoch, daß der Hirsch bereits getrunken hat, da die Taufe schon gespendet ist. Die Symbolik wird dadurch vollständig verfälscht.
Siebte Neuerung
Einführung der Taufversprechen-Erneuerung ex nihilo.
Traditionelle Praxis vor der Reform:
Eine Erneuerung der Taufversprechen existierte nicht; in dieser Form hatte sie weder in den Liturgien des Ostens noch des Westens jemals bestanden.
Es handelt sich um eine „pastorale Neuschöpfung“ ohne eigentliche liturgische Grundlage, deren Ziel es ist, das Bewußtsein für die empfangenen Sakramente zu fördern. Analog verfährt man bei der Chrisammesse am Gründonnerstag mit der Erneuerung der priesterlichen Versprechen. Auf diese Weise wird eine Verbindung zwischen dem sakramentalen Geschehen und dem emotionalen Erleben hergestellt, zwischen der objektiven Wirksamkeit des Sakraments und dessen subjektiver Aneignung. Diese Praktiken, die weder in der Heiligen Schrift noch in der überlieferten kirchlichen Praxis verankert sind, scheinen ein vermindertes Vertrauen in die Wirksamkeit der Sakramente zum Ausdruck zu bringen.
Achte Neuerung
Einführung des zweiten Teils der zuvor unterbrochenen Litanei nach der Wasserweihe – ohne liturgische Begründung.
Traditionelle Praxis vor der Reform:
Die Litanei wurde vollständig und ohne Unterbrechung nach der Segnung des Taufbeckens und vor der Messe gesungen.
Es handelt sich um eine inkohärente und unverständliche Neuerung.
Neunte Neuerung
Abschaffung des Stufengebets am Fuß des Altars mit dem Psalm Iudica me Deus (Ps 43) und dem Confiteor zu Beginn der Messe.
Traditionelle Praxis vor der Reform:
Die Messe beginnt mit dem Stufengebet als Reinigungs- und Bußritus: Wechselgebet zwischen Priester und Ministranten, Psalm 43, dem Confiteor usw.
Dies ist ein deutliches Vorzeichen dessen, was einige Jahre später mit dem Novus Ordo Missae geschehen wird, in dem der Psalm Iudica endgültig abgeschafft wird, der an die Unwürdigkeit des Priesters erinnerte, der sich dem Altar nähert.
Zehnte Neuerung
Mit der Reform der Karwoche wurden auch alle Riten der Pfingstvigil – mit Ausnahme der Messe – abgeschafft.
Traditionelle Praxis vor der Reform:
Die Pfingstvigil besaß eine Reihe eigener Riten, auf die im Hanc igitur der Messe Bezug genommen wird.
Es handelt sich um eine schändliche und empörende Abschaffung. Der Pfingsttag besaß seit den frühesten Zeiten eine Vigil, die der Osternacht ähnlich war. Nach den Dokumenten der Kommission habe es an der Zeit gefehlt, sie zu reformieren; zugleich habe man sie nicht beibehalten können, da bereits fünfzig Tage zuvor eine vollständig reformierte Ostervigil gefeiert werde. Folglich entschied man sich, sie abzuschaffen – unter Mißachtung einer mehr als tausendjährigen Tradition.
*Caminante Wanderer ist ein argentinischer Philosoph und Blogger
Bisher veröffentlichte Beiträge in der Reihe „Die Reform der Karwoche unter Pius XII.“:
- Die Karwoche als Sancta Sanctorum des liturgischen Jahres
- Die Reform der Karwoche unter Pius XII.
- Die Reform der Karwoche: Prolegomena
- Die Reform der Karwoche: der Palmsonntag
- Die Reform der Karwoche: vom Montag bis zum Gründonnerstag
- Die Reform der Karwoche: der Karfreitag
- Die Reform der Karwoche: die Osternacht
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons

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