Von Caminante Wanderer*
1. Neuerung: Verwendung der Farbe Rot für die Prozession und Violett für die Messe
Traditionelle Praxis vor der Reform: Verwendung von Violett sowohl für die Prozession als auch für die Messe.
Begründung der Kommission: „…man könnte das ursprüngliche Rot wieder einführen, das im Mittelalter für diese feierliche Prozession verwendet wurde. Die Farbe Rot erinnert an den königlichen Purpur … und auf diese Weise würde sich die Prozession als ein sui generis geartetes Element auszeichnen“ (Archivio della Congregazione dei Santi, fondo Sacra Congregatio Rituum, Annotazione intorno alla riforma della liturgia della Domenica delle Palme, S. 9. Sämtliche nachfolgenden Zitate aus Texten der Kommission stammen aus diesem Dokument).
Einwand: Es geht nicht darum zu bestreiten, daß die Farbe Rot ein Zeichen des königlichen Purpurs sein kann, wenngleich erst noch nachzuweisen wäre, daß sie im Mittelalter tatsächlich in diesem Sinne verwendet wurde. Auffällig ist jedoch die Vorgehensweise sowie der Beweggrund, aus dem nach sui generis gearteten Begründungen gesucht wird und man entscheidet, daß Rot an diesem Tag eine rational festgelegte Symbolik erhalten solle – je nach Belieben oder Vorstellungskraft der Liturgiker. Tatsächlich ist im Römischen Ritus Rot die Farbe des Martyriums oder des Heiligen Geistes; im Ambrosianischen Ritus, der am Palmsonntag verwendet wird, dient sie dazu, das Blut der Passion zu bezeichnen und nicht die Königswürde. Im Pariser Ritus wurde Schwarz verwendet. Diese Änderung ist daher nicht einer historisch bezeugten Praxis zuzuschreiben, sondern vielmehr der willkürlichen Idee eines „pastoralen Professors eines Schweizer Seminars“ (L. Gromier, Semaine Sainte Restaurée, in: Opus Dei, 1962, Nr. 2, S. 3).
2. Neuerung: Abschaffung der gefalteten Meßgewänder (Kaseln) und folglich auch der sogenannten stola largior
Traditionelle Praxis vor der Reform: Verwendung der gefalteten Kasel und der Stola sowie der vom Diakon während des Evangeliengesangs schräg umgelegten, zusammengerollten Kasel.
Es handelte sich hierbei um eine der ältesten Praktiken des Römischen Ritus, die bis dahin überdauert hatte und die man niemals zu ändern gewagt hatte – aus Ehrfurcht vor ihrer Bedeutung, wegen des außergewöhnlichen Charakters der Riten der Karwoche und aufgrund des tiefen Schmerzes der Kirche in diesen Tagen. Auf der anderen Seite ist nicht erklärlich, weshalb dieselbe Kommission, die die Farbe Rot mit der Begründung einführte, sie sei eine mittelalterliche Praxis, eine andere mittelalterliche Praxis gerade deshalb abschaffte, weil sie, eben, mittelalterlich sei.
3. Neuerung: Segnung der Palmzweige mit dem Gesicht zum Volk, mit dem Rücken zum Kreuz und zum Altar und in einigen Fällen sogar zum Allerheiligsten
Traditionelle Praxis vor der Reform: Die Palmzweige wurden am Altar, auf der Epistelseite, nach einer Lesung, einem Graduale, einem Evangelium und vor allem nach einer Präfation mit dem Sanctus gesegnet, die die Segensgebete einleitete.
Mit dem Ziel, die Teilnahme der Gläubigen zu fördern, wurde die Idee eingeführt, liturgische Feiern dem Volk zugewandt und Gott den Rücken kehrend zu gestalten. Es wurde ein Tisch errichtet, der zwischen Altar und Kommunionbank aufgestellt wird, mit den Amtsträgern versus populum, wodurch ein neues Verständnis des liturgischen Raumes und der Gebetsrichtung eingeführt wurde.
4. Neuerung: Streichung der Präfation mit den Aussagen über die Herrschaft Christi über die Reiche und seine Autorität über diese Welt
Traditionelle Praxis vor der Reform: Der Römische Ritus sah bei den großen liturgischen Anlässen – wie der Weihe der Öle oder der Priesterweihe – den Gesang einer Präfation als besonders feierliche Anrede an Gott vor. Auch für die Segnung der Palmzweige war eine Präfation vorgesehen, die die göttliche Ordnung der Schöpfung und ihre Unterordnung unter Gott den Vater beschrieb – eine Unterordnung des Geschaffenen, die zugleich eine Mahnung an Könige und Herrscher hinsichtlich ihrer eigenen Unterordnung unter Gott darstellte:
„Denn dir dienen deine Geschöpfe, weil sie dich allein als ihren Schöpfer und Gott erkennen; und all deine Werke loben dich, und deine Heiligen preisen dich. Denn sie bekennen freimütig vor den Königen und Mächten dieser Welt den großen Namen deines eingeborenen Sohnes.“
Der Text offenbart in wenigen Zeilen die theologische Grundlage, die die Pflicht der weltlichen Herrscher begründet, sich Christus, dem König, zu unterwerfen.
Die erstaunliche Begründung der Kommission für diese Änderung lautet wie folgt:
„Angesichts der geringen Kohärenz dieser Präfationen, ihrer großen Länge und in manchen Fällen der gedanklichen Dürftigkeit erscheint ihr Verlust nicht bedeutsam (C. Braga, op. cit., S. 306).
5. Neuerung: Streichung der Segensgebete über die Palmzweige, die sich auf die Bedeutung und den Nutzen der Sakramentalien sowie auf deren Macht gegen den Teufel beziehen
Traditionelle Praxis vor der Reform: Die alten Gebete erinnerten an die Rolle der Sakramentalien, die eine wirksame Kraft (ex opere operantis Ecclesiae) gegen den Teufel besitzen.
Die Kommission betrachtete diese Gebete als „weitschweifig … mit allen Merkmalen der für die karolingische Epoche typischen Gelehrsamkeit“. Es zeigt sich, daß die Reformer zwar die Altertümlichkeit der Texte anerkennen, sie aber offenbar nicht ihrem Geschmack entsprechen, weil
„die unmittelbare Beziehung der Feier zur konkreten Erfahrung des christlichen Lebens – das heißt ihre pastoral-liturgische Bedeutung als Huldigung an Christus den König – sehr schwach ist.“
Niemand kann den Grund für eine derart „schwache Beziehung“ nachvollziehen.
Die „konkrete christliche Lebenserfahrung“ der Gläubigen wird wenig später von derselben Kommission vollständig abgewertet, da sie der Ansicht ist, daß
„diese frommen Bräuche [die gesegneten Palmzweige], auch wenn sie theologisch gerechtfertigt sind, in Aberglauben ausarten können – wie es tatsächlich geschieht.“
Über den kaum verhüllten rationalistischen Ton hinaus ist zu berücksichtigen, daß die alten Gebete bewußt durch neue Formeln ersetzt wurden, wie die Autoren ausdrücklich angeben. Mit anderen Worten: Die alten Gebete gefielen nicht, weil sie die Wirksamkeit der Sakramentalien zu deutlich zum Ausdruck brachten; daher wurden neue erfunden.
6. Neuerung: Das Prozessionskreuz wird nicht verhüllt, obwohl das Altarkreuz verhüllt bleibt
Traditionelle Praxis vor der Reform: Sowohl das Altarkreuz als auch das Prozessionskreuz bleiben verhüllt; an letzteres wird ein gesegneter Palmzweig gebunden – als Hinweis auf das verherrlichte Kreuz und die siegreiche Passion des Herrn.
Der Grund für diese Neuerung entzieht sich vollständig dem Verständnis. Mehr als eine mögliche mystische Bedeutung scheint sie vielmehr das Ergebnis der Eile zu sein, unter der die Verfasser durch den Druck der Bischofskonferenzen standen.
7. Änderung: Abschaffung des Anklopfens an die geschlossene Kirchentür mit dem Kreuz
Traditionelle Praxis vor der Reform: Die Prozession versammelte sich vor der verschlossenen Kirchentür. Ein gesungener Dialog zwischen einem Chor von Sängern im Freien wechselte sich ab mit einem Chor innerhalb des Gotteshauses. Anschließend wurde die Tür geöffnet, nachdem mit dem unteren Teil der Stange des Prozessionskreuzes angekopft worden war.
Dieser Ritus symbolisierte den anfänglichen Widerstand des jüdischen Volkes und den triumphalen Einzug Christi in Jerusalem, zugleich aber auch das siegreiche Kreuz Christi, das die Himmelstüren öffnet und Ursache unserer Auferstehung ist: „hebraeorum pueri resurrectionem vitae pronuntiantes“.
8. Neuerung: Ein Gebet, das am Ende der Prozession in der Mitte des Altars zum Volk gewandt gesprochen wird
Traditionelle Praxis vor der Reform: Die Prozession endete gewöhnlich, und anschließend begann die Messe wie üblich mit den Gebeten am Fuß des Altars.
Das eingeführte Gebet erscheint aufgrund seiner willkürlichen Natur wie dem Ritus aufgeklebt: „Um der Prozession ein bestimmtes Abschlusselement zu geben, haben wir daran gedacht, ein besonderes Oremus vorzuschlagen“, heißt es von Seiten der Kommission.
Der gleiche Pater Braga gestand fünfzig Jahre später ganz offen, daß die Erfindung dieses Gebets nicht glücklich gewesen sei:
„Das Element, das im neuen Ordo ein wenig unharmonisch wirkt, ist, daß das abschließende Gebet der Prozession die Einheit der Feier unterbricht“ (C. Braga, a.a.O., S. 25).“
9. Neuerung: Aufhebung der Unterscheidung zwischen Passion und Evangelium; zudem wird der Schluß der Passion gestrichen
Traditionelle Praxis vor der Reform: Der Gesang der Passion unterschied sich vom Evangeliumsgesang, der bis Matthäus 27, 66 reichte.
Die Passion hatte stets einen erzählerischen Stil, als einen vom Evangelium getrennten Moment. Sie wurde von drei verschiedenen Stimmen nach der Evangelienlesung gesungen; das Evangelium selbst wurde nur vom Diakon mit einem anderen Ton vorgetragen, unter Verwendung von Weihrauch, jedoch ohne Kerzen. Die Reform vermischte die beiden Aspekte; Passion und Evangelium wurden zu einem einzigen Gesang vereinigt, ohne auf auffällige Kürzungen vom Anfang bis zum Ende zu verzichten. Auf diese Weise wurde der Messe und dem Diakon der Evangeliengesang entzogen, der formal abgeschafft wurde.
10. Neuerung: Streichung der Evangelienstelle, die die Einsetzung der Eucharistie mit der Passion Christi verbindet (Mt 26,1–36).
Traditionelle Praxis vor der Reform: Der Passion ging stets die Lesung über die Einsetzung der Eucharistie voraus, wodurch die enge, wesentliche und theologische Verbindung beider Texte deutlich wurde.
Diese Änderung ist irritierend. Nach den Akten der Kommission war beschlossen worden, an der Lesung der Passion keine Änderungen vorzunehmen, da es sich um eine sehr alte Institution handelte. Dennoch ist nicht bekannt, wie oder warum die Erzählung vom letzten Abendmahl gestrichen wurde. Es erscheint schwer vorstellbar, daß der einzige Grund die Zeitersparnis gewesen sei, um die Lesung nicht zu lange zu machen – zumal die herausragende Bedeutung des Textes zu berücksichtigen ist. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Tradition verlangt, daß in der Passionsgeschichte der Synoptiker stets die Einsetzung der Eucharistie enthalten war, die mit der sakramentalen Trennung von Leib und Blut Christi die Ankündigung der Passion darstellt. Die Reform amputiert einen fundamentalen Schrifttext, der die Verbindung zwischen dem letzten Abendmahl, dem Opfer des Karfreitags und der Eucharistie darstellt.
Der Abschnitt über die Einsetzung der Eucharistie wurde auch am Dienstag und Mittwoch der Karwoche gestrichen, mit dem außerordentlichen Ergebnis, daß er im gesamten liturgischen Zyklus fortan fehlte! Das heißt: Seit der Reform der Karwoche durch Pius XII. wird zu keinem Zeitpunkt des Jahres mehr das Evangelium über die Einsetzung der Eucharistie gelesen.
Dies war die Folge einer übereilten Änderung, die ein jahrhundertealtes Werk aus dem Gleichgewicht brachte.
*Caminante Wanderer ist ein argentinischer Philosoph und Blogger.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Caminante Wanderer
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