Ein Kommentar von Mag. Michael Gurtner*
Die Fußwaschung, welche der Heiland beim letzten Abendmahle an seinen Aposteln vollzog, wird jedes Jahr gerne in verschiedenen Predigten und Kommentaren ausgelegt, und zwar mit gutem Recht. Allerdings ist es auffällig, daß sich die allermeisten dabei auf einen einzigen Aspekt beschränken, nämlich jenen der Demutsgeste. Diese Lesart ist gewiß nicht falsch und hat ihre gute Tradition, welche bis in die Patristik zurückreicht. Allerdings ist dieser Akt Jesu weitaus vielschichtiger und beinhaltet sehr viel mehr als allein diesen Aspekt, so richtig er als Teil der Gesamtbedeutung auch sein mag. Daneben gibt es noch andere, tiefere und theologisch bedeutsamere Aspekte, welche kaum einmal Erwähnung finden, etwa die sakramentale Beziehung von Taufe und Buße.
St. Augustinus erklärt die Fußwaschung beispielsweise so, daß das Bad die Reinigung bei der Taufe bedeutet, während die immer wieder erfolgende Verschmutzung der Füße die Sünden meint, welche wir trotz des an sich reinen Zustandes immer wieder begehen, und uns davon immer wieder reinwaschen müssen.
Doch auch auf diesen Aspekt wollen wir uns heute nur sehr flüchtig beziehen, sondern vorrangig den Bezug zum Opfer und Opferpriestertum betrachten, welcher die zentralste Kernaussage und die eigentliche, innerste Bedeutung der Fußwaschung darstellt.
Die Fußwaschung war allgemein üblich
Zunächst ist festzuhalten, daß die Fußwaschung nur für unser modernes, westlich geprägte Verständnis einen außergewöhnlichen Akt bedeutet, der uns vollkommen unerwartet und originell neu erscheint, und damit als solcher bereits von vornherein oftmals romantisiert gedacht wird. Wir denken uns die Fußwaschung meist als etwas, das Jesus gleichsam als ein besonders ausdrucksstarkes Zeichen neu erdacht hat. Sie erscheint uns als ein in sich „extremer“ Ausdruck, der in seiner vermeintlichen Überzogenheit auch die Demut, mit welcher sie gemeinhin in Verbindung gebracht wird, ins Extreme steigert. Doch bereits diese Vorstellung ist völlig verfehlt, und folglich auch jene Deutungen, die auf ihr beruhen.
Im hellenistischen und jüdischen Kulturraum der damaligen Zeit war das Waschen der Füße anderer etwas vollkommen Normales und Alltägliches, nichts was jemanden erstaunt oder verwundert hätte. Es gehörte zum ganz gewöhnlichen kulturellen und auch religiösen Alltag, und niemand hätte darin etwas besonders Eindrucksvolles oder Bedeutendes gesehen. Auch in der profanen, vorchristlichen und heidnischen Welt begegnet uns die Fußwaschung mit großer Selbstverständlichkeit, beispielsweise in den griechischen Dramen und Epen, in den profanen Alltagsbeschreibungen und vielen anderen Texten heidnischer Völker, insbesondere der Griechen.
Bereits hier treten uns die Fußwaschungen in unterschiedliche Bedeutungen entgegen. Welche Bedeutung eine Fußwaschung im konkreten Falle hat, läßt sich allein aus dem jeweiligen Gesamtkontext erschließen. Bald wurde sie von Sklaven oder Hausdienern vollzogen, bald vom Ranghöchsten oder dem Hausvater selbst; bals war sie praktischer Natur, bald eine symbolische Geste; mitunter war sie reine Hygiene, sie konnte ebenso religiös motiviert wie rein profan sein, rituell-kultisch oder protokollarisch, sie konnte Hierarchie oder Freundschaft ausdrücken. Die Bandbreite ihrer Bedeutung war enorm und stark situationsbezogen. Was sie im konkreten Fall jeweils bedeutete, muß aus der speziellen Situation erschlossen werden, und dies gilt auch für die Fußwaschung Jesu an seinen Jüngern.
Daß es sich bei der Fußwaschung während des letzten Abendmahles nicht um eine solche im gewöhnlichen Kontext handeln konnte, geht bereits aus dem Zeitpunkt hervor, in welchem sie stattfand: nicht am Beginn beim Eintritt vor dem Mahl, sondern “als das Abendmahl gehalten ward” (Joh 13,2). Tasten wir die Fußwaschung im Abendmahlssaal also auf ihren eigenen Kontext hin ab und versuchen wird, daraus ihre innere Bedeutung zu extrapolieren.
Die Fußwaschung im Kontext der Vorwegnahme des Kreuzesopfers
Dabei ist zunächst daran zu erinnern, daß sie von Johannes beschrieben wird und im Rahmen des letzten Abendmahls stattfand, welches somit auch den kontextuellen Rahmen bildet und daher den anzuwendenden Interpretationsschlüssel liefert. In diesem Zusammenhang ist von Bedeutung, daß das letzte Abendmahl kein reines Abschiedsmahl ist, sondern jener historische Augenblick der Heilsgeschichte, in welchem der Alte Bund sein Ende fand und in den Neuen Bund übergeführt wurde: Die vielen Tempelopfer, welche nur eine vorläufige Vorbereitung auf das eigentliche, heilswirksame Opfer sein konnten, wurden nun durch die Darbringung des Kreuzesopfers des Gottmenschen Jesus Christus ersetzt und damit obsolet.
Johannes, der die Einsetzung der Eucharistie als bekannt voraussetzt und durch die Synoptiker als hinlänglich belegt sieht, bietet, an vielen Stellen eine Vertiefung, Ergänzung und theologische Deutung.
Zunächst einmal ist die zeitliche Einordnung von Belang. Das Paschamahl, so betont der heilige Evangelist, fand noch „vor dem Osterfeste“ (Joh 13,1) statt, weil Jesus wußte, „daß seine Stunde gekommen war“ (ebd.). Jesus zieht daher das Pessachmahl vor, so daß das „wahre Opferlamm Gottes“, das er selbst ist, genau zu jenem Zeitpunkt geschlachtet bzw. gekreuzigt und damit geopfert wird, an dem die Opferlämmer des Tempels geschlachtet werden, nämlich am „Rüsttag“, d. h. am Freitagnachmittag vor dem Pessach (Joh 19,14).
Der Tod des wahren Opferlammes Gottes fällt dadurch zeitlich mit der Schlachtung der Tempellämmer zusammen, wodurch der Heiland bewußt den Übergang vom Alten in den Neuen Bund markiert. Das letzte Abendmahl nimmt das historisch-reale Opfer des Karfreitags sakramenlich-real vorweg, was den Jüngern erst im Nachhinein, nach dem Kreuzestod Jesu, vollständig bewußt wird. Zugleich setzt Jesus damit das eucharistische Opfer sowie das damit untrennbar verbundene Opferpriestertum ein. Alles, was im unmittelbaren Nachgang im Abendmahlssaal geschieht, ist auf diesen Kern des letzten Abendmahls hin bezogen.
Der Dialog mit Petrus
„Als das Abendmahl gehalten ward“ (Joh 13,2), und somit das Opferpriestertum eingesetzt wurde, „stand er… vom Mahle auf, legte seine Oberkleider ab, nahm ein leinenes Tuch, und umgürtete sich damit. Dann goß er Wasser in ein Becken, und fing an, seinen Jüngern die Füße zu waschen, und sie mit dem leinenen Tuche, mit dem er umgürtet war, abzutrocknen“ (Joh 13,3–5), und „kam zu Simon Petrus“ (Joh 13,6). Dieser konnte zu diesem Zeitpunkt den Sinn dieser Handlung noch nicht erfassen und protestierte daher: „Herr! Du willst mir die Füße waschen?“ (Joh 13,6).
Dieser Einwand ist verständlich, denn normalerweise wusch nicht der Herr seinen Knechten die Füße, sondern umgekehrt. Doch die Antwort Jesu macht klar, daß es bei dieser Fußwaschung eben gerade nicht um die Frage nach hierarchischer Ordnung ging, wie Petrus implizierte, sondern um Anderes und Höheres, um einen tieferliegenden Sinn:
„Jesus antwortete, und sprach zu ihm: Was ich tue, verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber nachher verstehen.“ (Joh 13,7).
Dieses „nachher“ bezieht sich auf drei Momente: zunächst auf die Belehrung Jesu, die er gleich nach der Fußwaschung an seine Jünger hielt (Joh 13,12 ff und die anschließenden Kapitel), sodann auf die Vollendung des Opfers am Karfreitag, durch welches die Ereignisse des Gründonnerstags erst ihren Sinn erhalten, und schließlich auf die Belehrung durch den Paraklet (Joh 14,26).
Auf den erneuten Protest Petri gibt der Heiland den entscheidenden Hinweis: „Wenn ich dich nicht wasche, so wirst du keinen Teil mit mir haben“ (Joh 13,8).
Damit macht Jesus deutlich, daß es sich bei seiner Fußwaschung nicht um jenen Typus von Fußwaschung handelt, den Petrus zunächst vermutet hatte und den er aus dem gewöhnlichen Alltag kannte. Die Fußwaschung Jesu an seinen Jüngern bedeutete vielmehr Anteilhabe mit ihm. Dies ist jedenfalls eine von mehreren Bedeutungen dieser Handlung Jesu, und zwar die zentralste von allen, wie wir noch feststellen werden.
Aus dieser Anteilhabe geht schließlich die amicitia Iesu, die „Freundschaft Jesu“ hervor, welche sie von Knechten zu Freunden werden läßt: „Ich nenne euch nun nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut; euch aber habe ich Freunde genannt; denn alles, was ich von meinem Vater gehört, habe ich euch kundgetan“ (Joh 15,15). Allerdings gilt diese unter der strikten Voraussetzung, daß sie auch tatsächlich das tun, was der Heiland ihnen gebietet: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete“ (Joh 15,14).
Eine zweite Bedeutung wird durch Jesus selbst gleich im unmittelbaren Anschluß hinzugefügt, nämlich jene, auf welche die eingangs angedeutete Auslegung durch Augustinus basiert: „Wer gewaschen ist, bedarf nicht mehr, als daß er sich die Füße wasche, sondern er ist ganz rein. Auch ihr seid rein, aber nicht alle“ (Joh 13,10).
Dies ist eine weitere Bedeutung, um die es an dieser Stelle jedoch nicht gehen soll; wir wollen uns zunächst dem Aspekt der Fußwaschung als Symbol der Anteilhabe an Jesus widmen.
Die Fußwaschung als Amtsunterweisung an die Apostel
Unmittelbar nach der Fußwaschung beginnt Jesus mit einer langen Abschiedsrede, die sich über mehrere Kapitel (13–17) erstreckt, nahtlos in das hohepriesterliche Gebet übergeht und mit diesem auch endet. Diese Abschiedsrede greift ihrerseits verschiedene Thematiken auf, die teils ineinandergreifen, was der Dynamik der Rede geschuldet ist: Es handelt sich nicht um einen Monolog des Herrn mit streng systematisch aufbauendem Verlauf, sondern um ein Lehrgespräch zwischen dem Heiland und den Aposteln. Sie unterbrechen ihn, stellen Fragen, es kommt zu Diskursen, und Jesus kehrt zu jenen Gedanken zurück, bei denen er unterbrochen wurde, um die Antworten sogleich in seine eigentliche Rede einzufügen.
Aus dieser Rede lässt sich, in ihrem Gesamtzusammenhang betrachtet, die eigentliche Bedeutung der Fußwaschung extrapolieren.
In diesem Kontext ist es bedeutsam, in Erinnerung zu rufen, daß die Abschiedsrede (samt dem hohepriesterlichen Gebet) keine allgemeine Zusammenfassung der Lehre Jesu darstellt und auch nicht in erster Linie an die Gesamtheit der Gläubigen gerichtet ist. Die Adressaten Jesu sind zunächst die Apostel, und zwar insbesondere in deren Eigenschaft als Opferpriester, zu denen er sie wenige Augenblicke zuvor gemacht hatte.
Diese Rede ist daher vorrangig als eine monitio, als Amtsunterweisung, zu verstehen, was sich aus zahlreichen Stellen ableiten läßt, die sich über die gesamte Rede verteilen. Es geht, ineinandergreifend um das Priestertum, das Opfer, welches die Priester darbringen (werden), sowie die daraus resultierenden eschatologischen Heilsfrüchte für jene, für die es dargebracht wird. Aus eben diesem Gesamtkontext muß auch die Bedeutung der Fußwaschung erschlossen werden.
Die kultischen Fußwaschungen beim Opfer des Alten Bundes
Nachdem wir also die Bedeutung, sozusagen den Deutungsschlüssel im Groben erkannt haben, ist für die Feinjustierung die Heilige Schrift, insbesondere das Alte Testament, daraufhin abzutasten, ob es Stellen gibt, welche ebenfalls eine Fußwaschung im Zusammenhang mit Priestertum und Opfer kennen. Denn wir wissen, daß das einmalige Heilsopfer Christi bereits im vorläufigen Kult und Opfer des Alten Bundes vorgezeichnet wurde und dessen Funktion darin bestand, auf das Kreuzesopfer hinzuführen, um anschließend mit diesen Erkenntnissen nochmals zur Abschiedsrede zurückzukehren.
Die Fußwaschung der Priester des Alten Bundes
Im Buch Exodus finden wir eine erste bedeutsame Stelle. Nachdem im Kapitel 29 Moses seinem älteren Bruder Aaron auf Gottes Geheiß hin das (erbliche) Hohepriestertum übertragen hatte, ergeht folgender Befehl an Mose:
”Und der Herr redete zu Moses und sprach: Mache auch ein ehernes Becken mit einem Fußgestelle dazu zum Waschen; stelle es zwischen dem Zelte des Zeugnisses und dem Altare auf und tue Wasser hinein, und Aaron und seine Söhne sollen ihre Hände und ihre Füße darin waschen, wenn sie in das Zelt des Zeugnisses gehen und wenn sie zu dem Altare hinzutreten wollen, um dem Herrn auf demselben Rauchopfer darzubringen, auf daß sie nicht sterben. Dies soll ein ewig geltendes Gesetz sein für ihn und für seine Nachkommen von Geschlecht zu Geschlecht” (Ex 30,17ff).
Dieses Gesetz ergeht im Rahmen der Übertragung des Priestertums: Bevor Aaron und seine Söhne, d. h. seine Nachfolger als Hohepriester, Gott das Opfer darbringen, müssen sie Hände und Füße waschen.
Einige Kapitel später, im Kap. 40, geht es um die Weihe der Priester und um das Opfer, welches diese darbringen müssen:
“Und Moses, und Aaron und dessen Söhne wuschen sich Hände und Füße, so oft sie in das Zelt des Bundes hineingingen und an den Altar traten, wie der Herr dem Moses geboten hatte” (Ex 40,29f).
Das Buch Levitikus berichtet uns gleich eingangs noch eine Vorschrift des Herrn: Nicht nur der Opferpriester hatte sich die Füße zu waschen, sondern auch den Opfertieren mußten die Füße (und die Eingeweide) gewaschen werden. Nach Lev 1,9; 13 “sollen sie aber die Eingeweide und die Füße mit Wasser waschen”.
Nehmen wir beide Anweisungen zusammen, so sehen wir, daß sich die Anweisung zum Waschen der Füße sowohl auf den Opferpriester als auch auf die Opfergabe bezieht.
Die Fußwaschung am Yom Kippur
Von besonderem Interesse ist für uns auch die Beschreibung aus dem sechzehnten Kapitel desselben Buches Levitikus, da sie den Dialog zwischen Jesus und Petrus bei der Fußwaschung nochmals weiter erhellt. Hier geht es um das bekannte Opfer am großen Versöhnungstag, dem Yom Kippur, an welchem die Sünden des Volkes Israel durch Auflegung der Hände des Priesters auf den Kopf eines Bockes symbolisch auf diesen geladen werden (der „Sündenbock“ Azazel), der dann lebend in die Wüste verstoßen wird, während dem Herrn ein anderer Bock sowie ein männliches Kalb als Sünd- und Brandopfer dargebracht werden.
Wenn der Hohepriester Aaron dieses Versöhnungsopfer darbringt, “bekleide (er) sich mit dem linnenen Gewande, und verhülle seine Blöße mit den linnenen Hüftkleidern, und lege den linnenen Gürtel um, und setze die linnene Kopfbedeckung auf sein Haupt; denn dies sind die heiligen Kleider, die er alle anlegen soll, nachdem er sich gebadet hat” (Lev 16,4).
Weiters erging die Weisung Gottes:
“Nachdem er so das Heiligtum und das Zelt und den Altar gereinigt hat, soll er den lebenden Bock herzubringen, beide Hände auf sein Haupt legen, und alle Verschuldungen der Söhne Israels, alle ihre Übertretungen und Sünden bekennen, und sie ihm auf den Kopf wünschen, und ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste verstoßen. Und wenn der Bock alle ihre Vergehungen in die Einöde getragen hat und in der Wüste freigelassen ist, soll Aaron in das Zelt des Zeugnisses zurückkehren, und die Kleider, die er zuvor angezogen hatte, als er in das Heiligtum einging, ablegen und daselbst lassen. Sodann soll er seinen Leib an heiliger Stätte baden und seine Kleider anziehen. Hierauf soll er hinauskommen, und sein und des Volkes Brandopfer darbringen, und sowohl für sich als für das Volk beten, und das Fett, welches als Sündopfer dargebracht ist, auf dem Altare verbrennen.… Und der, welcher dies verbrannt hat, soll seine Kleider waschen und seinen Leib in Wasser baden, und dann erst soll er in das Lager kommen” (Lev 16, 20ff; 28).
Die Fußwaschung der Jünger am Übergang zum neuen Opferpriestertum
Wenn wir diese alttestamentarischen Stellen, die sich auf das vorläufige Opfer beziehen, beachten, so wird uns aus dem Kontext, in welchem sich die Fußwaschung vollzog – unmittelbar nach der Vorwegnahme des Kreuzesopfers und der Einsetzung des Opferpriestertums – deutlich, daß sie damit in engem Zusammenhang steht und weit über eine bloße moralische Demutsaufforderung hinausgeht. Vielmehr ist sie vornehmlich auf das Opferpriestertum hin zu deuten. Sie bezieht sich auf jene alttestamentarischen Fußwaschungen, welche mit dem Opfer verbunden sind, was dann auch in der Abschiedsrede und im hohepriesterlichen Gebet weiter entfaltet wird. Die Fußwaschung im Abendmahlssaal ist somit als ein Teil des Übergangs vom Priestertum des Alten Bundes in das Priestertum des Neuen Bundes zu verstehen.
Im Folgenden wollen wir noch einige exemplarische Schlüsselstellen der Abschiedsrede betrachten, die diesen Gestus im Hinblick auf das Opferpriestertum erläutern, und dabei mit dem zuvor Gesagten anknüpfen.
Wie der Hohepriester Aaron umgürtet sich auch der Heiland mit dem linnernen Hüftgewand. Zwar vollzieht Aaron dies vor der Darbringung des Opfers, während der Heiland dies vor der Fußwaschung tut; doch indem Johannes dieses Detail so ausführlich beschreibt, verbindet er die Szene der Fußwaschung durch Christus – den wahren Hohepriester, der das Kreuzesopfer vorweggenommen und sein Priestertum übertragen hat – mit der priesterlichen Handlung Aarons beim Versöhnungsopfer.
Der Verweis auf das Bad, das Aaron beim Versöhnungsopfer zu nehmen hatte (im Gegensatz zur Hand- und Fußwaschung, wie bei den anderen Opfern), gibt uns auch einen Einblick in die theologische Bedeutung des zweiten Teils des Dialoges zwischen Petrus und Jesus bei der Fußwaschung, als dieser plötzlich auch nach der Waschung von Händen und Haupt verlangt, um noch mehr mit Christus vereint zu sein: “Da sprach Simon Petrus zu ihm: Herr! nicht allein meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt. Jesus sprach zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nicht mehr, als daß er sich die Füße wasche, sondern er ist ganz rein” (Joh 13,9f.).
Beim Versöhnungsopfer reicht die Fußwaschung alleine nicht aus, da Aaron durch den Umgang mit dem Sündenbock (Azazel) unrein geworden ist und ein vollständiges Reinigungsbad benötigt. Wie alle alttestamentarischen Opfer im allgemeinen auf das Kreuzesopfer Christi vorausdeuten, so tut es das große Versöhnungsopfer in besonderer Weise. Beide Böcke, die an diesem Opfer beteiligt sind – der “unschuldige Opferbock für den Herrn” sowie der Sündenbock Azazel, auf den die Sünden des Volkes geladen werden – gehören zusammen und sind gemeinsam ein Urbild Jesu Christi. (Deshalb streckt der Priester währen des heiligen Meßopfers beim Hanc igitur seine Hände über den Opfergaben aus – analog zum Sündenbock –, die nun nicht mehr Stiere und Böcke, sondern Brot und Wein sind, welche Christus, das Opferlamm, werden, das die Sünden der Welt auf sich trägt).
Die Fußwaschung deutet die Anteilhabe am Opferpriestertum Christi an
Jedoch gibt es einen Unterschied: während die alttestamentarischen Opfer lediglich ein Vorverweis sind, ist das hohepriesterliche Kreuzesopfer Christi das einzig wahre, wirksame Versöhnungsopfer. Nur er vermag tatsächlich die Schuld der Welt auf sich zu nehmen, nicht aber die vorläufigen Opfer. Die Anteilhabe der Apostel an Christus, von welcher er zu Petrus spricht und welche er durch die Fußwaschung anzeigt, ist in erster Linie eine Anteilhabe an seinem Hohepriestertum. Doch es ist eben eine Anteilhabe daran, und nicht das Hohepriestertum selbst, welches allein Christus zukommt. Da er als einzig wahre Hohepriester jedoch tatsächlich und wirksam die Schuld auf sich nimmt (analog zum Bock der Sünde) und das Opfer vollzieht (analog zum Opferbock für den Herrn), macht die Anteilhabe an Christus nicht mehr unrein. Denn nicht der Priester selbst bringt das Opfer dar, sondern Christus, welcher es selbst durch den Opferpriester auf den Altären gegenwärtig setzt. Deshalb kann der Umgang mit Christus niemals zur Unreinheit führen, außerdem ist es nicht der Priester der die Sünde trägt, sondern Christus selbst. Somit bleibt die erlangte Reinheit, die sich aus den Früchten des Kreuzesopfers auch auf die Priester erstreckt, grundsätzlich bestehen, da das Opfer endgültig vollzogen ist: es bedarf somit, anders als bei Aaron, keiner anderen Reinigung zur Anteilhabe mehr als jene der Fußwaschung, welche sinnenfälliger Ausdruck einer anderen, vorangegangenen Wirklichkeit ist, nicht aber selbst diese Wirklichkeit stiftet. Der tiefere Sinn des Dialogs von Petrus und Jesus ist also im Wesen des Hohepriestertums Jesu Christi gelegen, der zugleich Opferpriester und Opfergabe ist, in der Anteilhabe der Apostel (Priester) an jenem einen Hohepriestertum, sowie in den Unterschieden darin: Christus bingt das Opfer einmalig dar, während derjenige, der Anteil daran hat, dieses selbe Opfer gegenwärtigsetzt .
Daß der Heiland den Aposteln die Füße wäscht und nicht umgekehrt ihm – als Opferpriester und Opfergabe – die Füße gewaschen werden, ist deshalb schlüssig und folgerichtig, weil er als wahrer Gott keiner Reinigung bedarf. Er selbst ist es ja, der die Reinigung unmittelbar bewirkt und sie als Einziger auch wirklich zu vollbringen vermag.
Deshalb wendet er als der Überträger des Opferpriestertums die Reinigungsvorschriften auf diejenigen an, denen dieses Priestertum übertragen wird, die es jedoch nicht aus eigener Kraft vollziehen können, sondern nur aus der Anteilhabe an Christus heraus. So stellt er zugleich den Übergang vom alten, vorläufigen Bund zum neuen, ewigen Bund dar.
Wie sich die Priester des alten Bundes vor jedem ihrer vorläufigen Opfer Hände und Füße waschen mußten, so werden auch den Aposteln – bevor sie als Opferpriester kraft ihrer Anteilhabe am Priestertum des Herrn das einmalige und endgültig vollzogene Opfer Christi sakramental vergegenwärtigen – einmalig die Füße gewaschen.
Christus stellt durch diese Geste also einen unmittelbaren Bezug zum Opfer her.
Die Demut kommt erst aus dem Kreuz
Christus verdemütigt sich nicht dadurch, daß er den Jüngern die Füße wäscht, sondern durch sein Kreuzesopfer, das er als der einzig wahre Hohepriester darbringt und an dem die Apostel (und deren Nachfolger) Anteil erhalten. Durch die Fußwaschung zeigt er vielmehr an, daß das Priestertum, welches ihnen übertragen ist, nicht aus ihnen selbst kommt, sondern von Christus her, der der wahre Herr und Meister ist.
Deshalb muß auch derjenige diesen Gestus vollziehen, der allein imstande ist, dieses Priestertum zu übertragen, weil nur er Herr und Meister ist. Jesus nimmt darauf unmittelbar nach der Fußwaschung selbst Bezug:
“Nachdem er nun ihre Füße gewaschen, und seine Oberkleider angelegt hatte, setzte er sich wieder zu Tische, und sprach zu ihnen: Wisset ihr, was ich euch getan habe? Ihr nennet mich Meister und Herr, und mit Recht sagt ihr es; denn ich bin es. Wenn nun ich euch die Füße gewaschen habe, euer Herr und Meister, so müsset auch ihr, einer dem andern, die Füße waschen. Denn ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so tuet, wie ich euch getan habe” (Joh 13,12–15).
Da Christus, von dem das Priestertum ausgeht, der Herr und Meister ist, diejenigen aber, denen er das Priestertum übertragen hat, daran nur Anteil haben und als Diener und Gesandte nicht größer sein können als der, der sie gesandt hat, müssen auch sie so handeln wie Christus:
“Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ein Diener ist nicht größer als sein Herr, und ein Gesandter nicht größer als der, welcher ihn gesandt hat! Wenn ihr dieses wisset, selig seid ihr, wenn ihr es tut!” (Joh 13,16f).
Und erst von genau diesem Punkt her, vom Opferpriestertum aus, bestimmen sich auch alle weiteren Aspekte der Fußwaschung, von denen wir zwei bereits kurz angedeutet haben: die Reinigung von Schuld und die Fußwaschung als Akt der Demut. Erst wenn sie vom Kreuz her verstanden werden und als integraler Bestandteil des Opfers, nicht aber gleichsam danebenstehend oder gar von ihm isoliert gedacht werden, sind sie recht verstanden.
Denn das Kreuzesopfer Christi, in das die Apostel von nun an hineingestellt sind und dessen Vergegenwärtigung ihnen aufgetragen ist, ist der eigentliche Akt der Verdemütigung des Herrn: “Er erniedrigte sich selbst, indem er gehorsam ward bis zum Tode, ja, zum Tode am Kreuze” (Phil 2,8). Würde die Fußwaschung lediglich als eine moralisch-soziologische Demutsgeste aufgefaßt, so wäre damit viel zu wenig ausgesagt; denn die in ihr enthaltene Demut ist keine geringere als jene des Kreuzesopfers des Gottesknechtes.
Weil die Fußwaschung mit dem Priestertum in Zusammenhang steht, ist auch der Auftrag “damit auch ihr so tuet, wie ich getan habe” (Joh 13,15) analog zu dem Herrenauftrag bei der Einsetzung des Opferpriestertums “Dieses tut zu meinem Gedächtnisse” (Lk 22,19 bzw. 1 Kor 11,24) zu verstehen: In der Fußwaschung wiederholt Christus jenen Auftrag, den er wenige Augenblicke zuvor bereits im Zusammenhang mit der Einsetzung des Priestertums gegeben hatte.
Sie sind daher die Wiederholung, Fortführung und Bekräftigung des priesterlichen Sendungsauftrages des Heilandes an seine Jünger und nicht lediglich eine allgemeine Aufforderung zu Demut und Dienstbereitschaft. Ihr Auftrag ist das opus Dei und geht somit weit über jede menschliche Dienstbarkeit hinaus.
Die Reinigung fließt aus dem Kreuze
Ganz ähnlich verhält es sich auch mit dem Aspekt der Fußwaschung als Reinigung. Auch sie entspringt aus dem hohepriesterlichen Kreuzesopfer unseres Heilands; hat dieses doch als seine Hauptfrucht die Reinigung von Schuld. Sie bleibt daher – wie die Fußwaschung, durch welche sie angezeigt ist, sowie das letzte Abendmahl selbst, in dessen Rahmen dies alles geschah – nicht bei jener alttestamentarischen, hinweisenden Bedeutung stehen, sondern wird durch das Kreuzesopfer des göttlichen Heilands zu einer neuen, vollendeten Wirklichkeit.
Auch der gesamte weitere Verlauf der Abschiedsrede und des hohepriesterlichen Gebetes des Heilands, in welchem sich die Thematik des Opfers, seiner Früchte sowie des Priestertums wie ein roter Faden hindurchzieht, macht deutlich, daß sich die Fußwaschung nur im Zusammenhang mit der Übertragung des Opferpriestertums recht deuten läßt. Die verschiedenen Stellen würden das hier Gesagte unterstreichen; doch erscheint es nicht nötig, dies hier in extenso darzulegen.
Abschließend bleibt nur noch zu wünschen, daß es in Predigt, Lehre und Katechese bald wieder zu einer Vertiefung des katholischen Glaubens und der göttlichen Heilsmysterien komme; denn sie sind zu groß und zu bedeutsam, als daß man sie auf rein pseudomoralische oder gesellschaftskritische Aspekte reduzieren dürfte.
*Mag. Don Michael Gurtner ist ein aus Österreich stammender Diözesanpriester, der in der Zeit des öffentlichen (Corona-) Meßverbots diesem widerstanden und sich große Verdienste um den Zugang der Gläubigen zu den Sakramenten erworben hat. Von ihm stammen die Kolumne „Zur Lage der Kirche“ und weitere Beiträge.
Bild: Fußwaschung von Giovanni Agostino da Lodi (um 1500)/Wikicommons
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