Der kirchliche Gehorsam – Grenze und Bindung

Gehorsam als der schwierigste der drei evangelischen Räte


Der Gehorsam, dargestellt von Giotto in der Unterkirche der Basilika des heiligen Franziskus in Assisi
Der Gehorsam, dargestellt von Giotto in der Unterkirche der Basilika des heiligen Franziskus in Assisi

Von Don Micha­el Gurtner*

Eine Prä­mis­se: Grund­sätz­lich muß man zwi­schen rein dis­zi­pli­na­ri­schem Gehor­sam und einem Gehor­sam unter­schei­den, der auch den Glau­ben betrifft, d. h. dort, wo der soge­nann­te „Glau­bens­ge­hor­sam“ berührt ist. Uns geht es hier aus­schließ­lich um den Glau­bens­ge­hor­sam, auch wenn es eben­so viel über den dis­zi­pli­na­ri­schen Gehor­sam zu sagen gäbe, da auch in die­sem Bereich viel Amts­miß­brauch geschieht.

Gehorsam als der schwierigste der drei evangelischen Räte

Fragt man jun­ge Prie­ster, die erst seit eini­gen Jah­ren im kirch­li­chen Dienst ste­hen, oder auch jun­ge Ordens­brü­der und Prie­ster­se­mi­na­ri­sten, wel­ches denn der schwie­rig­ste der drei evan­ge­li­schen Räte sei, so lau­tet die häu­fig­ste Ant­wort wohl: der Gehor­sam. Dies weni­ger wegen sei­ner theo­lo­gi­schen Impli­ka­tio­nen, die von den aller­mei­sten jün­ge­ren Prie­stern und Semi­na­ri­sten geteilt wer­den, als viel­mehr wegen sei­ner prak­ti­schen Umset­zung inner­halb einer umge­deu­te­ten, über­zo­ge­nen, mani­pu­la­ti­ven und reich­lich selek­ti­ven Ein­for­de­rung bzw. Anwen­dung durch die kirch­li­che Obrigkeit.

Prie­ster und Bischö­fe for­dern im Namen des Gehor­sams oft­mals Din­ge ein, die weit über das hin­aus­ge­hen, was der Gehor­sam eigent­lich betrifft. Wenn man auf die Fra­ge des Bischofs: „Ver­sprichst Du mir und mei­nen Nach­fol­gern Ehr­furcht und Gehor­sam?“ ant­wor­ten soll, so weiß man im Grun­de noch gar nicht, was man damit genau ver­spricht. Denn wer weiß schon, was die­ser „Nach­fol­ger“ alles ver­lan­gen wird?

Dies ist Grund genug, ein­mal über den Gehor­sam in sei­nen bibli­schen, dog­ma­ti­schen und kir­chen­recht­li­chen Dimen­sio­nen nachzudenken.

Tugend, seinen Willen zu bewegen

Zuerst ist es rat­sam zu über­le­gen, wor­in der Gehor­sam eigent­lich besteht und wel­che See­len­kräf­te er berührt. Für unse­re Zwecke genügt es, auf eine grund­le­gen­de zwei­fa­che Unter­schei­dung des Gehor­sams hin­zu­wei­sen, näm­lich auf den eigent­li­chen und den unei­gent­li­chen Gehorsam.

Der Gehor­sam, so kön­nen wir zusam­men­fas­send sagen, ist in sei­nem eigent­li­chen Sin­ne jene Tugend, wel­che den eige­nen Wil­len dazu bewegt, die Gebo­te der Obe­ren zu befol­gen. Im unei­gent­li­chen und rein recht­li­chen Sin­ne ist Gehor­sam hin­ge­gen die rein äußer­li­che Anpas­sung der eige­nen Hand­lun­gen und Unter­las­sun­gen an den Wil­len der Vorgesetzten.

Wäh­rend der tugend­haf­te Gehor­sam immer auch zumin­dest das Stre­ben nach der äuße­ren Umset­zung ein­schließt, setzt umge­kehrt der rein äuße­re Gehor­sam nicht not­wen­dig auch den tugend­haf­ten Gehor­sam vor­aus. Ist es mir dar­an gele­gen, mei­nen Wil­len wirk­lich mit dem Wil­len des Vor­ge­setz­ten in Ein­klang zu brin­gen, so wird es mir gera­de des­halb ein Anlie­gen sein, alles in mei­ner Kraft Ste­hen­de zu tun, um die­sen Wil­len auch äußer­lich in Taten umzusetzen.

Geht es hin­ge­gen nur um die blo­ße Umset­zung des Wil­lens eines ande­ren, so müs­sen mein Wil­le und sein Wil­le nicht not­wen­dig in Ein­klang ste­hen. Ich kann auch wider­wil­lig etwas tun, allein des­halb, weil es ein ande­rer will, ohne selbst auch das­sel­be zu wollen.

Ungehorsam als Wesen der Sünde

In der Hei­li­gen Schrift begeg­net uns der Gehor­sam von Anbe­ginn an. Bereits im zwei­ten Kapi­tel der Gene­sis sto­ßen wir auf ein erstes Gebot – oder eigent­lich ein Ver­bot – Got­tes an die Menschen:

„Und er gebot ihm und sprach: Von allen Bäu­men des Gar­tens magst du essen; aber von dem Bau­me der Erkennt­nis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn wel­chen Tages du davon issest, wirst du des Todes ster­ben.“ (Gen 2,16f)

Gott, der Schöp­fer, legt sei­nen Geschöp­fen also vor, was gut und böse ist, und damit auch, was sie zu tun und zu unter­las­sen haben. Dem schöp­fen­den Wil­lens­akt Got­tes liegt sei­ne Weis­heit zugrunde:

„Quam magni­fi­ca­ta sunt ope­ra tua Domi­ne! omnia in sapi­en­tia fecis­ti: imple­ta est ter­ra pos­ses­sio­ne tua – Wie groß sind dei­ne Wer­ke, o Herr! Du hast sie alle mit Weis­heit geschaf­fen; was die Erde erfüllt, ist dein.“ (Ps 103,24)

Die Ver­su­chung, vom „Baum der Erkennt­nis des Guten und Bösen“ zu essen, ist die Ver­su­chung, der törich­ten Mei­nung des Teu­fels zu erlie­gen: zu mei­nen, man kön­ne selbst bes­ser als der Schöp­fer Gut und Böse – und damit auch Wahr und Unwahr – erken­nen, als lie­ge dies außer­halb Got­tes, und es folg­lich selbst fest­le­gen zu wol­len. Damit wider­spricht man nicht nur der Natur, son­dern auch der Ver­nunft und der gesam­ten Schöp­fungs­ord­nung, die nichts ande­res ist als die ver­nünf­tig erschaf­fe­ne Natur. Dem Men­schen­paar waren die Kon­se­quen­zen voll­kom­men und in aller Klar­heit bekannt, denn sie befan­den sich noch – anders als wir heu­te – im Zustand der Integrität.

Ursprüng­lich, am Beginn der Schöp­fung, stand der Mensch voll­kom­men in der Gna­de Got­tes: Er war mit der hei­lig­ma­chen­den Gna­de aus­ge­stat­tet und daher gerecht. Des­halb hat­ten die Men­schen – also die Stamm­eltern – Anteil an der gött­li­chen Natur. Die­se Anteil­ha­be an der gött­li­chen Natur fand ihren natür­li­chen Aus­druck dar­in, daß der Mensch, das „sehr gute Geschöpf“, kei­nem natür­li­chen Man­gel unter­wor­fen war.

Er war leib­lich unver­sehrt, das heißt in sei­nen kör­per­li­chen und gei­sti­gen Anla­gen unbe­ein­träch­tigt. Sei­ne Sin­ne waren voll­kom­men aus­ge­prägt, sein Ver­stand unge­trübt, und eben­so sei­ne Auf­fas­sungs­ga­be voll aus­ge­bil­det und durch nichts beein­träch­tigt. Der Mensch besaß die vol­le, unge­bro­che­ne Ein­sicht in die Din­ge, die ihn umga­ben, in sein eige­nes Han­deln, Sein und Tun. Des­halb war er voll­kom­men frei und in sei­nem Wil­len unbe­hin­dert, denn die Kon­ku­pis­zenz [hef­ti­ges Ver­lan­gen, Begier­de] ist erst eine Fol­ge der Erb­sün­de und exi­stier­te vor die­ser noch nicht im Men­schen. In die­sem Zustand war er voll­kom­men gottgefällig.

Jedes Wis­sen, das der Mensch hat­te, war irr­tums­frei und abso­lut, also kei­nem unsi­che­ren Zwei­fel unter­wor­fen, denn es war von Gott gege­be­nes Wis­sen, frei von Ver­fäl­schun­gen. Es han­del­te sich dabei frei­lich nicht um All­wis­sen­heit, die Gott allein zukommt, son­dern um das Wis­sen, das dem Men­schen zu wis­sen zuge­stan­den war. Die­sen ursprüng­li­chen Zustand des Men­schen nennt man den Zustand der Integrität.

Wie all die ande­ren Eigen­schaf­ten, die wir exem­pla­risch zur Inte­gri­tät gezählt haben, gehör­te auch das zwi­schen­mensch­li­che Auf­ein­an­der­be­zo­gen­sein zu die­sem Zustand. Gott schuf die Frau, weil es nicht gut war, daß der Mensch allein sei, und allein­sein der Inte­gri­tät wider­spro­chen hät­te. Nur wenn der Mensch auch in zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen lebt – und nicht allein in der Bezie­hung zu Gott – kann er wirk­lich inte­ger sein.

Die Stamm­eltern waren nicht nur Men­schen neben­ein­an­der, son­dern vor allem auch Men­schen mit­ein­an­der. Sie stan­den unter­ein­an­der in Ver­bin­dung und damit auch mit allem, wor­in sie sonst noch ver­bun­den waren, beson­ders mit Gott. Die Got­tes­be­zie­hung ist daher gleich­sam dop­pelt: Sie ist zunächst und haupt­säch­lich per­sön­lich, wird aber über die Mit­men­schen auch kol­lek­ti­ver Natur, denn ohne ver­bin­den­des Mit­ein­an­der gibt es kei­ne Integrität.

Damit geht ein­her, daß der Mensch unter einer dop­pel­ten Gna­de steht: jener, die er als per­sön­li­cher Mensch, als „Ich“ mit Namen, vor Gott hat, und jener, die ihm über sei­ne Zuge­hö­rig­keit zum Kol­lek­tiv des Men­schen­ge­schlech­tes zukommt. Denn der Mensch ist nur gemein­sam inte­ger. Dies hat sei­nen Grund dar­in, daß er nur dann im Eben­bild Got­tes geschaf­fen ist; und Gott selbst ist drei­fal­tig: Es gibt eine inner­tri­ni­ta­ri­sche Gemein­schaft und Rela­ti­on unter den drei gött­li­chen Per­so­nen. Sie ste­hen nicht zusam­men­hang­los neben­ein­an­der, son­dern bil­den zusam­men den einen drei­ei­ni­gen Gott.

Ist der Mensch gott­ähn­lich geschaf­fen, so muß die­ses inner­tri­ni­ta­ri­sche Gefü­ge von Ich-Du-Wir sich auch in sei­nem inte­gren Mensch­sein wie­der­fin­den. Die Über­na­tur will sich stets auch in der Natur widerspiegeln.

Die ursprüngliche Integrität

Bis­lang haben wir ver­sucht zu bestim­men, wie der Mensch vor der Ursün­de beschaf­fen war, um dar­aus die Erb­schuld bes­ser ein­ord­nen zu kön­nen. In die­sem Kon­trast lösen sich bereits eini­ge Ver­ständ­nis­schwie­rig­kei­ten von selbst, wenn wir der Inte­gri­tät die Erb­sün­de gegen­über­stel­len und fra­gen, wor­in die­se eigent­lich besteht.

Wir spra­chen zuvor von der Gna­den­fül­le, in der die Stamm­eltern leb­ten – im Zustand der hei­lig­ma­chen­den Gna­de. Die­se Gna­de ist es, die uns in Got­tes Nähe rückt. Wird sie schuld­haft ver­min­dert, spre­chen wir von Sün­de. Sün­de ist also das schuld­haf­te Ver­min­dern der Hei­lig­keit, wodurch wir, je nach Schwe­re der Schuld, ein Stück weit von Gott ent­fernt wer­den. Die Gna­den gehen ver­lo­ren, die Gna­den­fül­le ist nicht mehr gege­ben. Sün­de fügt nichts hin­zu, son­dern nimmt etwas vom Guten weg. Zu sün­di­gen bedeu­tet daher nicht, den Spiel­raum der eige­nen Frei­heit zu ver­grö­ßern, son­dern im Gegen­teil, ihn ein­zu­schrän­ken. Im Leben der Gna­de spre­chen wir vom „Ster­ben“ durch die Sünde.

In die­sem Zusam­men­hang ist beson­ders Gene­sis 2,17 inter­es­sant, denn hier fin­den sich zwei Punk­te: Erstens wird betont, daß die Stamm­eltern vol­les Wis­sen über Ver­bot und Kon­se­quenz hat­ten – was ohne­hin durch die Inte­gri­tät und die damit ver­bun­de­ne unge­trüb­te Erkennt­nis gege­ben war, hier jedoch aus­drück­lich her­vor­ge­ho­ben wird. Zwei­tens wird die Kon­se­quenz als „Ster­ben“ bezeich­net. Des­halb spricht man auch von der „Tod­sün­de“, weil sie unmit­tel­bar das Ster­ben und den Tod des Gna­den­le­bens zur Fol­ge hat: „[…] von dem Bau­me der Erkennt­nis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn wel­chen Tages du davon issest, wirst du des Todes ster­ben.

Die Stamm­eltern waren sich also der Trag­wei­te ihres Han­delns voll bewußt, und ihre Sün­de geschah in vol­lem Wis­sen und mit vol­ler Zustim­mung. Da Erkennt­nis und Wil­le voll­kom­men waren und noch kei­ne Kon­ku­pis­zenz bestand, wäre jede Sün­de not­wen­di­ger­wei­se eine Tod­sün­de gewe­sen. Im Zustand der Inte­gri­tät und der Gna­den­fül­le gibt es kei­ne läß­li­che Sün­de, son­dern nur die todbringende.

Sün­de ist Han­deln gegen den Wil­len Got­tes und bewirkt ein Abster­ben des Gna­den­le­bens, wie wir gese­hen haben. Dadurch ist alles betrof­fen, was mit der Gna­de zusam­men­hängt – anders gesagt: Nichts bleibt inte­ger. Alles, was zuvor zur Inte­gri­tät gehör­te, wird ver­min­dert und vom Abster­ben betrof­fen: die Sin­ne, die Erkennt­nis, die Bezie­hung zu Gott (Hei­lig­keit) und zu den Mit­men­schen sowie zur gesam­ten Schöp­fung über­haupt. Erst durch die­se Schwä­chung wird es mög­lich, daß „leich­te Sün­den“ auf­tre­ten, weil nun die Aus­gangs­po­si­ti­on ent­schei­dend ver­än­dert ist – was wie­der­um für die Fra­ge der Schuld weit­rei­chen­de Kon­se­quen­zen hat.

Ungehorsam gegenüber Gott als Erb-Schuld

Nun ist noch die Behand­lung der Haupt­fra­ge aus­stän­dig, wel­che wohl die mei­sten Schwie­rig­kei­ten berei­tet, näm­lich die Fra­ge, wie es sein kann, daß die per­sön­li­che Schuld Adams über alle Orts- und Zeit­gren­zen hin­weg auf jeden ein­zel­nen Men­schen über­geht, noch dazu „durch Fort­pflan­zung“ (pro­pa­ga­tio­ne) und nicht bloß durch Nach­ah­mung, also weil wir schlicht­weg von Sün­de umge­ben sind und es unse­rer Umwelt gleich­tä­ten. „Hoc Adae pec­ca­tum, quod ori­gi­ne unum est et pro­pa­ga­tio­ne, non imi­ta­tio­ne trans­fusum omni­bus inest uni­cui­que pro­pri­um“, sagt das Triden­ti­num hier­zu eindeutig.

Den Ansatz für die Ant­wort haben wir bereits ange­deu­tet. Er liegt dar­in, daß es zur Inte­gri­tät des Men­schen gehört, zu Gott und zu ande­ren in Bezie­hung zu ste­hen. In der Inte­gri­tät zeich­net sich das Gna­den­da­sein des Men­schen ab. Durch die Erb­schuld wird jedoch alles, was zu die­ser Inte­gri­tät gehört, betrof­fen, und des­halb auch die Bezie­hung zu Gott und zu den Mitmenschen.

Da das Gna­den­da­sein nicht für die Stamm­eltern allein vor­ge­se­hen war, son­dern in ihnen für die gesam­te Mensch­heit aller Zei­ten begrün­det sein soll­te, gilt dies eben­so für deren Umgang mit die­ser Gna­de. Das Gna­den­le­ben ist daher auf die nach­fol­gen­den Men­schen getrübt und gebro­chen über­ge­gan­gen, wie es die Stamm­eltern getrübt und gebro­chen haben. An den Stamm­eltern lag es, für die Nach­fah­ren das Maß der Gna­de fest­zu­le­gen, das ihnen in Fül­le gege­ben war. So wie sie es bra­chen, blieb es gebrochen.

Dabei müs­sen wir jedoch gut unter­schei­den: Die Sün­de ist eine ein­zi­ge und per­sön­li­che, näm­lich die Adams. Was durch Fort­pflan­zung wei­ter­ge­tra­gen wird, ist nicht die Sün­de selbst, son­dern die Schuld Adams – mit allen Kon­se­quen­zen. Des­halb ist die Ursün­de Adams jene, wel­che die Erb­schuld her­vor­bringt (pec­ca­tum ori­gi­na­le ori­gin­ans), wäh­rend „unse­re“ Erb­schuld uns zwar per­sön­lich trifft, aber nicht durch eige­ne Schuld, son­dern durch pas­si­ves Emp­fan­gen ent­steht (pec­ca­tum ori­gi­na­le ori­gi­na­tum). Es wird also die Schuld Adams über­tra­gen, nicht sei­ne per­sön­li­che Sün­de. Die­se bleibt sei­ne eige­ne, wäh­rend die Erb­schuld uns zwar per­sön­lich und ein­zeln betrifft, aber nicht auf Grund unse­rer per­sön­li­chen Sün­de ent­steht. Des­halb war sie nur in Adam eine aktu­el­le Sün­de (pec­ca­tum actua­le), wäh­rend sie in den nach­fol­gen­den Men­schen als habi­tu­el­le Sün­de (pec­ca­tum habi­tua­le), also als Sün­den­zu­stand, gegen­wär­tig ist.

Die erste Schuld des Men­schen, die Urschuld Adams, bestand also letzt­lich im Unge­hor­sam, und hier­in liegt das Wesen jeder Sün­de auch noch heu­te. Zu sün­di­gen bedeu­tet, unge­hor­sam gegen­über Gott zu sein; Sün­de ist, sich dem erkann­ten Wil­len Got­tes zu wider­set­zen und die­sen nicht zu erfül­len, den eige­nen Wil­len an die Stel­le des gött­li­chen Wil­lens zu set­zen und somit selbst über Recht und Unrecht, über Gut und Böse ent­schei­den zu wollen.

Gehor­sam erscheint uns damit der Gerech­tig­keit zuge­ord­net. Denn gerecht ist, was dem Wil­len Got­tes ent­spricht, oder anders for­mu­liert: Gerecht ist, was der gött­li­chen Ord­nung entspricht.

Der vollkommene Gehorsam Jesu Christi

Jesus Chri­stus, der mensch­ge­wor­de­ne Sohn Got­tes, ist des­halb voll­kom­men gehor­sam, weil er voll­kom­men der gött­li­chen Ord­nung ent­spricht: „Denn ich bin vom Him­mel her­ab­ge­kom­men, nicht damit ich mei­nen Wil­len tue, son­dern den Wil­len des­sen, der mich gesandt hat“ (Jo 6,38). Da es Gott unmög­lich ist zu sün­di­gen, weil er wesen­haft gut ist, war der Gehor­sam des Soh­nes gegen­über dem Vater so voll­kom­men, daß selbst im Kreuz der mensch­li­che Wil­le ganz eins mit dem gött­li­chen Wil­len blieb: „Vater! wenn du willst, so nimm die­sen Kelch hin­weg von mir; jedoch nicht mein Wil­le, son­dern der dei­ne gesche­he“ (Lk 22,42). Dar­um sagt der hl. Pau­lus in sei­nem Phil­ip­per­hym­nus: „Er ernied­rig­te sich selbst, indem er gehor­sam ward bis zum Tode, ja, zum Tode am Kreu­ze.

Gehor­sam heißt also, den Wil­len Got­tes zu erfül­len und den eige­nen Wil­len mit dem Wil­len Got­tes gleich­sam „deckungs­gleich“ wer­den zu las­sen – und nur mit die­sem! Dar­an ist auch unser ganz per­sön­li­ches Heil gele­gen: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Him­mel­reich ein­ge­hen, son­dern wer den Wil­len mei­nes Vaters tut, der im Him­mel ist, der wird in das Him­mel­reich ein­ge­hen“ (Mt 7,21).

Wenn wir uns nun erin­nern an das, was wir ein­gangs noch ganz all­ge­mein fest­ge­stellt hat­ten, näm­lich daß der Gehor­sam dar­in besteht, den eige­nen Wil­len so zu bewe­gen, daß er die Gebo­te des Obe­ren erfüllt, so erken­nen wir nun auch, wer der eigent­li­che und letz­te „Obe­re“ ist: der Schöp­fer selbst! In ihm liegt der Beginn und Urgrund eines jeden Gehorsams.

Des­halb ist Gehor­sam immer auch etwas Hier­ar­chi­sches: Denn Hier­ar­chie ist der „hei­li­ge Beginn“! Im Anfang aber war der Logos, und der Logos war bei Gott, und Gott war der Logos; jener Logos, der dann Fleisch wur­de, war im Beginn bei Gott (vgl. Jo 1,1f.). Von die­sem „hei­li­gen Beginn“, das heißt von die­ser „Hier­ar­chie“ her, muß sich der Gehor­sam letzt­lich bis nach unten fortsetzen.

Die hierarchische Ordnung als Grundlage jeden Gehorsams

Es gehört zur gött­li­chen Ord­nung selbst, daß wir unse­ren Obe­ren Gehor­sam schul­den. Es ist Got­tes Wil­le, und außer­dem auch von der Ver­nunft her erkenn­bar, daß Gehor­sam nicht nur legi­tim, son­dern auch not­wen­dig ist, schon allein für das ganz nor­ma­le Zusam­men­le­ben. Die Welt ist von Gott nun ein­mal hier­ar­chisch geord­net – d. h. gemäß dem hei­li­gen Beginn. Und die­ser ist Gott selbst, da alles in ihm sei­nen abso­lu­ten Ursprung hat.

Und genau an die­ser Über­le­gung tref­fen wir auch an die Grenz­li­ni­en des Gehor­sams: Es kann nur das im Gehor­sam bin­dend sein, was sich auf die Hier­ar­chie, also auf den hei­li­gen Anfang in Gott zurück­füh­ren läßt. Denn Gott schul­det der Mensch mehr Gehor­sam als allen ande­ren! „Man muß Gott mehr gehor­chen als den Men­schen“ (Apg 5,29).

Im Fal­le eines Kon­flik­tes zwi­schen einer kirch­li­chen Instanz und der geof­fen­bar­ten Leh­re Got­tes ist es also höch­ster Unge­hor­sam, die kirch­li­che Auto­ri­tät der gött­li­chen vor­zu­zie­hen, weil es nie­mals Gott ist, wel­cher die „Gehor­sams­ket­te“ durch­bricht – er ist ja der eigent­li­che und ein­zig wah­re „Hier­arch“. Unter der Vor­aus­set­zung, daß die kirch­li­che Instanz nach­weis­lich und objek­tiv gegen den Wil­len und die Leh­re Got­tes lehrt oder ver­langt, ist der­je­ni­ge im Gehor­sam, der Gott gegen­über gehor­sam ist!

John H. Card. New­man zitier­te ger­ne Card. Tur­re­cre­ma­ta mit den Wor­ten: „Soll­te der Papst irgend etwas gegen die hei­li­ge Schrift oder die Glau­bens­ar­ti­kel, die Wahr­heit der Sakra­men­te, die For­de­run­gen des Natur­ge­set­zes oder der gött­li­chen Gebo­te befeh­len, so dürf­te man ihm nicht gehor­chen…“.

Ein hei­li­ger Kir­chen­leh­rer, Robert Card. Bell­ar­min SJ, wird eben­falls mit fol­gen­dem Grund­satz vom hei­li­gen Card. New­man zitiert: „Um Wider­stand zu lei­sten und uns zu ver­tei­di­gen, brau­chen wir kei­ne Auto­ri­tät… So wie es erlaubt ist, dem Papst Wider­stand zu lei­sten, wenn er jeman­den angreift, so ist es auch zuläs­sig, sich ihm zu wider­set­zen, wenn er See­len angreift oder den Staat stört oder, noch viel mehr, wenn er ver­such­te, die Kir­che zu zer­stö­ren. Es ist erlaubt… sich ihm zu wider­set­zen, indem man nicht tut, was er befiehlt, und die Aus­füh­rung sei­nes Wil­lens ver­hin­dert1.

Der Vorwurf der Spaltung bei Gehorsam gegenüber Gott

Zum Schluß soll­ten wir uns noch mit einem Vor­wurf aus­ein­an­der­set­zen, wel­chen man oft­mals zu hören bekommt, wenn man eben das bibli­sche Gebot, Gott mehr zu gehor­chen als den Men­schen, umzu­set­zen ver­sucht, näm­lich den Vor­wurf, zu „spal­ten“ und „Unein­heit“ zu stiften.

Die­ser Vor­wurf der Spal­tung wird ger­ne auch dann laut, wenn man eine Per­son in kirch­li­chen Funk­tio­nen in Miß­kre­dit brin­gen möch­te. Wer Spal­tung oder Unfrie­de bringt, so sagt man, sei völ­lig unhalt­bar und müs­se ver­schwin­den. Die­ses Sche­ma wie­der­holt sich in den letz­ten Jah­ren immer wie­der und ist bei­na­he immer gegen Per­so­nen gerich­tet, wel­che im Ruf ste­hen, der Leh­re der Kir­che treu anzu­han­gen, „tra­di­ti­ons­ver­bun­den“ und kon­ser­va­tiv zu sein. Mit einer sol­chen Hal­tung der Treue und Stand­haf­tig­keit fin­det man sich heu­te schnell in einer Min­der­hei­ten­po­si­ti­on wie­der und kann mit­un­ter die quan­ti­ta­ti­ve Mehr­heit zum Geg­ner haben. Unter einer oft­mals fromm anmu­ten­den For­de­rung nach Demut steckt in Wahr­heit nichts ande­res als der unver­fro­re­ne Befehl: „Sei still, setz Dich nie­der und hal­te end­lich Dei­nen Mund“. Es ist die­sel­be For­de­rung, man for­mu­liert sie nur anders, damit ein Nicht-Gehor­chen als Sün­de des Hoch­mu­tes erscheint. Durch die Art und Wei­se, wie man man­che Din­ge for­mu­liert, kön­nen sehr sub­til wei­te­re Bot­schaf­ten impli­ziert wer­den, und die­ses lin­gu­isti­sche Phä­no­men macht man sich immer wie­der zunutze.

Dabei müs­sen wir immer vor Augen haben: „Spal­tung“ steht nie für sich, son­dern bedarf stets eines Bezugspunktes.

Es stellt einen fun­da­men­ta­len Feh­ler dar, Spal­tung ein­fach so für sich zum Vor­wurf zu machen, ohne dabei anzu­ge­ben, wer sich wovon abspal­tet. Denn Spal­tung an sich ist zunächst noch nicht ein­deu­tig mit einer posi­ti­ven oder einer nega­ti­ven Qua­li­tät belegt, son­dern es kommt immer dar­auf an, wor­in der Spalt besteht und was des­sen Bezugs­punkt ist: Spal­tung bedeu­tet näm­lich, daß eine Tren­nung ent­steht von etwas, was vor­hin ver­eint war. Und die­ses vor­hin Ver­ein­te muß benenn­bar und kon­kre­ti­sier­bar sein – und auch expli­zit gemacht wer­den, um die­se Spal­tung qua­li­ta­tiv bewer­ten zu kön­nen. Andern­falls muß man von einer ille­gi­ti­men, bewuß­ten und inter­es­sier­ten Beein­flus­sung der Gläu­bi­gen aus­ge­hen, die eine nega­ti­ve Hal­tung sug­ge­rie­ren soll. Spal­tung wie auch Ein­heit müs­sen erst in ihrer Bezüg­lich­keit ange­ge­ben wer­den, um sagen zu kön­nen, ob die­se Spal­tung bzw. Ein­heit gut oder schlecht ist. Mit­un­ter ist es auch not­wen­dig und das mora­lisch Gute, sich abzu­spal­ten und eine bestimm­te Ein­heit zu ver­las­sen. Es kann Situa­tio­nen geben, in wel­chen man auch gar nicht umhin kann, als sich von einer Sache zu spal­ten, um einer ande­ren, guten Sache treu und in Ein­heit mit die­ser zu bleiben.

Um bei unse­rem kon­kre­ten Vor­wurf der Spal­tung zu blei­ben, erken­nen wir eine Ver­la­ge­rung des Bezugs­punk­tes, durch die eine Situa­ti­on des Sich­ent­schei­den­müs­sens entsteht:

Die hei­li­ge Kir­che ist als Glau­bens­ge­mein­schaft an Jesus Chri­stus, an des­sen Leh­re, an die Wahr­heit und an den Wil­len Got­tes gebun­den. Sie erzeugt nicht die Wahr­heit, son­dern emp­fängt und bewahrt sie. Die Kir­che wur­de gezeugt, um dem Men­schen einen klar defi­nier­ten „Ort“ der Wahr­heit und der Gegen­wart Got­tes zu geben.

In-der-Kir­che-Sein bedeu­tet ein Sein in Got­tes Gegen­wart. Die­ses kann jedoch nicht unab­hän­gig von der Wahr­heit, und damit nicht unab­hän­gig vom wah­ren Glau­ben sein, denn Unwahr­heit ist mit dem Wesen Got­tes unver­ein­bar. Daher ist die Kir­che allein der Wahr­heit Jesu Chri­sti ver­pflich­tet. Sie wur­de gezeugt, um den Men­schen zu hei­li­gen und ihn zur ewi­gen Gegen­wart Got­tes zu füh­ren. Dies ist von Gott gewollt, und dar­in liegt ihr Auftrag.

Weil die Kir­che der Wahr­heit Got­tes ver­pflich­tet ist und nicht dem Wil­len der Welt und dar­an auch das ewi­ge See­len­heil hängt, zu dem die Kir­che durch ihren Auf­trag und ihre Voll­macht die Men­schen füh­ren soll und will, sind auch alle Glie­der der Kir­che – das heißt die Kir­che als Glau­bens­ge­mein­schaft – die­ser Wahr­heit verpflichtet.

Die Gemein­schaft der Gläu­bi­gen unter­ein­an­der kommt jedoch erst sekun­där zustan­de: Sie ergibt sich aus der vor­ran­gi­gen Gemein­schaft des ein­zel­nen mit Gott. Gleich­sam auto­ma­tisch ent­steht eine hori­zon­ta­le Gemein­schaft, weil ver­schie­de­ne Per­so­nen den­sel­ben Glau­ben haben und sich der Bin­dung an Gott unter­wer­fen. Zuerst also ist die Gemein­schaft des ein­zel­nen mit Gott, die vor­nehm­lich durch den wah­ren Glau­ben begrün­det ist. Dies führt frei­lich auch zu rech­ter Sit­te, zum sakra­men­ta­len Leben und ähnlichem.

Dadurch, daß vie­le ein­zel­ne Per­so­nen die­sen wah­ren Glau­ben besit­zen und die ent­spre­chen­den Kon­se­quen­zen zie­hen – etwa Kir­chen­glied­schaft und Sakra­men­te – ent­steht durch das indi­vi­du­el­le Anhan­gen an der­sel­ben Wahr­heit nach der ver­ti­ka­len Gemein­schaft mit Gott auto­ma­tisch eine wei­te­re Gemein­schaft: die hori­zon­ta­le Gemein­schaft der Gläu­bi­gen unter­ein­an­der. Inso­fern ist die Kir­che auch eine Glau­bens­ge­mein­schaft. Die ver­ti­ka­le Gemein­schaft geht abso­lut vor­aus, die hori­zon­ta­le Gemein­schaft muß ihr unbe­dingt nachfolgen.

Der wesent­li­che Bezugs­punkt für den Gläu­bi­gen ist also Chri­stus und des­sen unab­än­der­li­che, ewi­ge Wahr­heit, nicht die mensch­li­che Gemein­schaft, die sich erst vom wah­ren Glau­ben her erge­ben muß und kann.

Die wahren Spalter sind von daher gerade jene, die sich von der Wahrheit abwenden

Nun kann es aber vor­kom­men, daß sich ein Teil jener, wel­che unter­ein­an­der eine Gemein­schaft gebil­det haben, weil sie sich alle um Chri­stus und sei­ne Wahr­heit geschart hat­ten, plötz­lich ganz oder teil­wei­se von die­ser einen Wahr­heit abson­dert. Dadurch ent­steht ein Spalt sowohl zwi­schen ihnen und Chri­stus sowie sei­ner Kir­che als auch zwi­schen ihnen und jenen, die wei­ter­hin der einen Wahr­heit Jesu Chri­sti und sei­ner Kir­che anhan­gen. Unter­ein­an­der blei­ben die sich Abspal­ten­den zwar eine Gemein­schaft, doch ist die­se nicht mehr getra­gen vom gemein­sa­men Blei­ben in der einen Wahr­heit des Herrn, son­dern vom gemein­sa­men Abwen­den von derselben.

Dies muß nicht immer eine expli­zi­te Leug­nung von Dog­men, Lehr­sät­zen oder mora­li­schen Nor­men sein, son­dern kann mit­un­ter sehr sub­til und lei­se gesche­hen, etwa durch bestimm­te gesetz­te oder unter­las­se­ne Handlungen.

In die­sem Fall ist es ganz klar, wer die Spal­tung her­bei­führt: Die­je­ni­gen, die sich von der Wahr­heit abwen­den, spal­ten sich sowohl von die­ser als auch von jenen, die in der Wahr­heit blei­ben. Dadurch wird die Spal­tung ver­ur­sacht. Die­je­ni­gen, die in der Wahr­heit des Herrn blei­ben, spal­ten sich eben gera­de nicht.

Um von der eige­nen Ver­ur­sa­chung der Spal­tung abzu­len­ken, wird die­se ande­ren zuge­scho­ben – jenen, die sich nicht für die Ein­heit mit der Grup­pe, son­dern für die wah­re Ein­heit mit Chri­stus ent­schie­den haben und damit den rich­ti­gen Bezugs­punkt gewählt haben. Ihr Nicht-Spal­ten durch das Ver­blei­ben in der Wahr­heit wird fälsch­li­cher­wei­se als Spal­tung dar­ge­stellt, beson­ders dann, wenn die Ver­blei­ben­den die Min­der­heit und die sich Abspal­ten­den die Mehr­heit bilden.

Die Spalt­be­we­gung wird also den Fal­schen zuge­schrie­ben: Im Ver­har­ren in der Wahr­heit wird die Spal­tung gese­hen, weil jene sich der von der Wahr­heit sich ent­fer­nen­den Mehr­heit nicht anschlie­ßen wol­len. Gleich­zei­tig wird die Kon­se­quenz der Spal­tung von den sich Abspal­ten­den den Ver­har­ren­den zuge­scho­ben, näm­lich daß die­se angeb­lich Unfrie­den stif­ten würden.

Friede ist Ruhen in der göttlichen Ordnung

Um den Bogen wie­der zum Beginn unse­rer Über­le­gun­gen zu schlie­ßen, kön­nen wir also sagen: Pax autem est tran­quil­li­tas ordi­nis. Frie­de und Ein­tracht ist die Ruhe der Ord­nung bzw. besteht im Ruhen und Ver­blei­ben in der Ord­nung. Die­se Ord­nung aber ist allein von Gott bestimmt, der alle Din­ge der Welt geschaf­fen und geord­net hat.

Frie­de ist somit nicht bloß eine rein äußer­li­che Grö­ße; es ist nicht die Abwe­sen­heit von Zank und Streit, wie es ger­ne sug­ge­riert wird. Wah­rer Frie­de bedeu­tet ein Ruhen in der gött­li­chen Ord­nung. Das Vor­han­den­sein die­ser gött­li­chen Ord­nung ist eine wesent­li­che Vor­aus­set­zung für das Bestehen­kön­nen von Frie­den. Wah­rer Frie­de ist somit vor­nehm­lich eine dog­ma­tisch gebun­de­ne Grö­ße, die wei­ter reicht als bloß in das Inner­welt­li­che hinein.

Unfrie­de wird gera­de dadurch gesät, daß sich man­che von der Wahr­heit und der gött­li­chen Ord­nung abspal­ten. Wo alle in der Wahr­heit geeint sind, herrscht auto­ma­tisch Frie­de, so wie auch im Him­mel Frie­de herrscht, wo alle See­len sich der gött­li­chen Gegen­wart erfreu­en, weil sie ohne Abstri­che in der Wahr­heit sind.

Es ist also nicht der­je­ni­ge, der in der Min­der­heit ist, der Unru­he­stif­ter, son­dern stets der­je­ni­ge, der sich von der Wahr­heit – in wel­cher Dimen­si­on auch immer – los­löst und abspaltet.

Denn auch hier gilt immer: Bezugs­punkt und Maß sind nicht „die ande­ren“, auch nicht die Mehr­heit, son­dern allein Chri­stus. Wer sich von ihm und sei­nem Wil­len ent­fernt, spal­tet, und der dar­aus ent­ste­hen­de Unfrie­de geht auf des­sen Kon­to. Es kann kei­nen legi­ti­men Zwang geben, sich auf Grund eines ober­fläch­li­chen Schein­frie­dens im Sin­ne einer Nicht-Unru­he von der Wahr­heit, der Gerech­tig­keit, dem Guten oder dem Wil­len Got­tes zu lösen.

Des­halb ist der­je­ni­ge Frie­dens­stif­ter, der an der Wahr­heit Got­tes hält und die­se auch unter Wider­stand und Anfein­dun­gen unver­kürzt ver­kün­det. Auf die Wahr­heit zu ver­zich­ten wür­de bedeu­ten, das Ruhen der Ord­nung Got­tes durch­ein­an­der­zu­brin­gen und lang­fri­stig selbst den Frie­den zu stö­ren, da ohne die voll­stän­di­ge Wahr­heit nie­mals Frie­de sein wird.

Sich mit einer rein äuße­ren Ruhe zufrie­den zu geben wäre fatal: Nicht das Sym­ptom bedarf einer Hei­lung, son­dern die Ursa­che des Sym­ptoms. Wür­de man alles nur dar­an set­zen, daß Ruhe ein­kehrt, so wür­de dies vor­erst zwar erfolg­reich erschei­nen, aber der Spalt, der vie­le Men­schen von Chri­stus und sei­ner Kir­che trennt, wür­de sich nur noch vergrößern.

Daß die Wahr­heit bedeu­ten kann, daß es zu Tren­nung und Spal­tung kommt, lehr­te bereits der Herr: Der wah­re Glau­be wird sogar Fami­li­en spal­ten, sag­te er, einer wird gegen den ande­ren ste­hen. Doch die­ser Unfrie­de geht von denen aus, die die Wahr­heit nicht anneh­men wol­len, nicht von der Wahr­heit selbst. Denn Chri­stus will der Welt einen Frie­den geben, der nicht blo­ße Kon­flikt­lo­sig­keit bedeu­tet, son­dern ein Frie­de ist, wie ihn die Welt nicht zu geben vermag.

Um die­sen Frie­den muß man rin­gen, man muß um ihn strei­ten und sich der Ver­su­chung einer ober­fläch­li­chen Lösung wider­set­zen. Nur das Ver­har­ren in der Ord­nung Got­tes bringt wah­ren Frie­den – jenen Frie­den, den die Welt uns nicht zu geben ver­mag, da sie weder Wahr­heit noch Ord­nung stif­ten, son­dern die­se nur über­neh­men und umset­zen kann, son­dern den wir uns allein vom Hei­land schen­ken las­sen können.

Die Bischofsweihen waren ein Akt des Gehorsams gegenüber dem Auftrag Christi an seine Kirche

Bleibt man in einem rein welt­li­chen, rechts­po­si­ti­vi­sti­schen Den­ken stecken, mögen die Bischofs­wei­hen von 1988 tat­säch­lich als unge­hor­sam erschei­nen: Es lag nicht nur kein päpst­li­ches Man­dat vor, son­dern sogar ein expli­zi­tes Ver­bot – und den­noch miß­ach­te­te man dieses.

Von jedem Katho­li­ken, und erst recht von Kle­ri­kern, ist jedoch eine weit umfas­sen­de­re Sicht ver­langt: Er muß zual­ler­erst Gott gehor­chen – mehr noch als den Men­schen und selbst mehr als der Kir­che, wenn ihr Geheiß den Gebo­ten Got­tes, dem Auf­trag Chri­sti oder der offen­bar­ten Wahr­heit wider­spricht. Wenn die Kir­che selbst die­sem Auf­trag ent­ge­gen­steht, hat man das Recht – ja, sogar die hei­li­ge Pflicht –, sich zu wider­set­zen und zur höhe­ren Ehre Got­tes sowie zum Heil der See­len zuerst an Chri­stus zu hal­ten. Chri­stus steht über sei­nen Vika­ren auf Erden!

Nimmt man also die geist­li­che Sicht der Din­ge hin­zu, erken­nen wir: Die „uner­laub­ten“ Bischofs­wei­hen waren nur in einem rein rechts­po­si­ti­vi­sti­schen Sinn unge­hor­sam. Aus geist­li­cher Sicht waren sie viel­mehr ein Akt des Gehor­sams gegen­über Chri­stus, denn sie waren not­wen­dig, um die rei­ne Leh­re, die Ver­brei­tung des unver­kürz­ten und unver­fälsch­ten wah­ren Glau­bens sowie eine Lit­ur­gie zu gewähr­lei­sten, die die­sem Glau­ben voll­stän­dig entspricht.

Wo sich die Kir­che von den Vor­ga­ben Chri­sti ent­fernt, bleibt der­je­ni­ge in Recht und Gehor­sam, der dabei nicht mitgeht.

*Mag. Don Micha­el Gurt­ner ist ein aus Öster­reich stam­men­der Diö­ze­san­prie­ster, der in der Zeit des öffent­li­chen (Coro­na-) Meß­ver­bots die­sem wider­stan­den und sich gro­ße Ver­dien­ste um den Zugang der Gläu­bi­gen zu den Sakra­men­ten erwor­ben hat. Von ihm stam­men die Kolum­ne „Zur Lage der Kir­che“ und wei­te­re Bei­trä­ge.

Bild: Wiki­com­mons


1 R. Bell­ar­mi­no, De Roma­no Pon­ti­fi­ce II,29, zitiert in: J.H. New­man, Let­ter to Pusey, Lon­don 1874, cap. 4, 2. Für ähn­li­che Stim­men s. De Mat­tei, Il Con­ci­lio Vati­ca­no II. Una sto­ria mai scrit­ta, Tori­no, Lin­dau, 2010 S. 130–136.

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