Von Roberto de Mattei*
Der Name Lourdes, gemeinsam mit dem von Fatima, ruft eine der bedeutendsten Marienerscheinungen der Geschichte in Erinnerung. In der französischen Gemeinde am Fuße der Pyrenäen erschien die Gottesmutter zwischen dem 11. Februar und dem 16. Juli 1858 in der Grotte von Massabielle achtzehnmal einem vierzehnjährigen Bauernmädchen, Bernadette Soubirous. Den wundersamen Charakter dieses Ereignisses erkannte Papst Pius IX. ebenso an wie alle seine Nachfolger auf dem Papstthron, von denen einige Lourdes auch persönlich besuchten. Bernadette wurde von der Kirche heiliggesprochen, und an der Erscheinungsstätte wurden drei Basiliken errichtet, die zusammen ein einziges Heiligtum bilden – das drittgrößte der Welt, gemessen an der Zahl der Pilger, nach dem Petersdom und dem Heiligtum von Guadalupe.
Der Name Lourdes ist in erster Linie mit der Unbefleckten Empfängnis verbunden, denn die selige Jungfrau Maria bestätigte dort das Dogma, das Pius IX. vier Jahre zuvor, am 8. Dezember 1854, feierlich verkündet hatte. Am 25. März 1858 wandte sich Bernadette an die geheimnisvolle Dame, die ihr seit einiger Zeit erschien: „Gnädige Frau, wollen Sie mir die Freundlichkeit erweisen, mir zu sagen, wer Sie sind?“ Dreimal wiederholte Bernadette diese Frage, bis die Madonna – so berichtet Bernadette selbst – die Arme nach unten ausbreitete, dann die Augen zum Himmel und zugleich die Hände erhob und sie auf Brusthöhe zusammenfügte und sprach: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“. „Es scheint“, so kommentierte Pius XII. ein Jahrhundert später, „daß die selige Jungfrau Maria auf wunderbare Weise mit dem Beifall der ganzen Kirche das Urteil des Stellvertreters ihres göttlichen Sohnes auf Erden selbst bestätigen wollte“ (Enzyklika Fulgens Corona, 8. September 1953).
Die Worte von Lourdes: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“, bestätigen auch das Gebet, das die selige Jungfrau auf der Wundertätigen Medaille eingraviert wissen wollte, die der heiligen Katharina Labouré am 27. November 1830 in der Rue du Bac offenbart wurde und das seitdem von Generationen von Katholiken millionenfach gesprochen wurde: „O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir zu Dir unsere Zuflucht nehmen.“ Die Menschen sind im Zustand der Sünde empfangen, und um Erlösung zu finden, müssen sie sich der Fürsprache der seligen Jungfrau Maria bedienen, die voller Gnade und frei von jedem Makel ist.
Neben diesen Worten „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“ gibt es jedoch noch ein weiteres Wort, das von der Madonna in Lourdes während der Erscheinung an die heilige Bernadette am 24. Februar 1858 mit Nachdruck ausgesprochen wurde. Pius XII. erinnert daran: „Die unbefleckte Jungfrau, die niemals von der Sünde berührt wurde, erscheint einem unschuldigen Mädchen in einer Gesellschaft, die sich der Übel, die sie verschlingen, überhaupt nicht bewußt ist, die ihr Elend und ihre Ungerechtigkeiten hinter einem Anschein von Wohlstand, Glanz und Unbeschwertheit verbirgt. In mütterlichem Verständnis wirft sie einen Blick auf diese von dem Blut ihres Sohnes erlöste Welt, in der leider die Sünde täglich so viele Verwüstungen anrichtet, und sie richtet dreimal ihren eindringlichen Ruf: ‚Buße, Buße, Buße!‘ Sie fordert zudem bedeutende Handlungen: ‚Geht und küßt den Boden als Buße für die Sünder.‘ Und zu den Handlungen muß das Gebet hinzugefügt werden: ‚Ihr werdet für die Sünder zu Gott beten.‘ Wie zur Zeit Johannes des Täufers, wie zu Beginn des Wirkens Jesu, weist dieser starke und zwingende Aufruf den Menschen den Weg zurück zu Gott: ‚Kehrt um!‘ (Mt 3,2; 4,17). Wer würde wagen zu sagen, daß dieser Appell zur Umkehr des Herzens in unseren Tagen irgendetwas von seiner Wirksamkeit eingebüßt hat?“ (Enzyklika Le pèlerinage de Lourdes, 2. Juli 1957, zum hundertjährigen Jubiläum der Erscheinungen).
Die Buße, wie Pius XII. erklärt, ist in erster Linie ein Aufruf zur Umkehr des Herzens, eine tiefe Reue, eine Versöhnung des Menschen mit Gott. Nur aus dieser Perspektive können wir die Bedeutung der Wunder verstehen, die Lourdes von Anbeginn an kennzeichnen und es zu einem weltweiten Bezugspunkt für Kranke und Leidende machen. Um jede Form von Sensationslust zu vermeiden, wollte die Kirche von Anfang an eine strenge Prüfung dieser Heilungen. Im Jahr 1905 richtete Papst Pius X. offiziell das Bureau des constatations médicales, das Amt für medizinische Feststellungen im Heiligtum, ein, wo Ärzte verschiedener Fachdisziplinen und religiöser Überzeugung die gemeldeten Heilungen nach wissenschaftlichen Kriterien prüfen.
Nach Alessandro De Franciscis, Leiter des Büros seit 2009, sind in den Archiven des Heiligtums Dokumentationen von etwa 7.500 Heilungen aufbewahrt, die aus medizinischer Sicht unerklärlich sind. Von diesen wurden nur 72 offiziell von der Kirche als Wunder anerkannt, was eine äußerst vorsichtige Prüfung bestätigt. Am 16. April 2025 verkündete das Heiligtum das jüngste offizielle Wunder von Lourdes: die Heilung von Antonia Raco, die 2009 an Primärer Lateralsklerose (PLS) erkrankt war.
Lourdes auf einen bloßen „Ort der Wunder“ zu reduzieren, wäre jedoch irreführend: Die körperlichen Heilungen, so außergewöhnlich sie auch sein mögen, sind in einen größeren Horizont eingebettet, dessen Zentrum die Umkehr des Herzens ist. Wenn Jesus zum Gelähmten sagt: „Dir sind deine Sünden vergeben“ (Mk 2,5) und ihn dann körperlich heilt, zeigt er, daß die körperliche Heilung Zeichen einer höheren Autorität ist. „Christus“, erklärt der heilige Thomas von Aquin, „vollbrachte körperliche Wunder, um zu zeigen, daß er die Macht hat, geistliche Wunder zu wirken, die größer sind“ (Summa Theologiae, III, q. 44, a. 2). Wer die Körper heilen kann, kann auch die Seele heilen und dem Leben zurückgeben, was scheinbar dem Tod geweiht ist. Um geheilt zu werden, müssen wir jedoch die Gnaden der Reue und Umkehr annehmen, die Jesus uns schenkt.
Der Appell zur Buße und Umkehr in Lourdes unterscheidet sich nicht von dem in Fatima, wo laut dem „Dritten Geheimnis“ die drei Hirtenkinder „auf der linken Seite Unserer Frau, etwas höher, einen Engel mit einem brennenden Schwert in der linken Hand sahen; funkelnd entfachte er Flammen, die die Welt zu entzünden schienen; doch sie erloschen im Kontakt mit dem Glanz, den Unsere Frau aus ihrer rechten Hand auf ihn strahlte. Der Engel wies mit der rechten Hand auf die Erde und sprach mit lauter Stimme: ‚Buße, Buße, Buße!‘“ Dreimal, wie in Lourdes, werden diese Worte wiederholt, jedoch nicht von der Madonna, sondern von einem Engel, der ein brennendes Schwert hält.
Wer Reue und Buße verweigert, zieht nicht die Barmherzigkeit, sondern die Gerechtigkeit Gottes auf sich. In der Rue du Bac, in Lourdes, in Fatima bleibt die Botschaft des Himmels unverändert: Es ist ein dringender Aufruf an die Menschen, zu Gott zurückzukehren, bevor sie die schrecklichen Folgen ihrer Abkehr von Ihm erfahren. Wann und wie wird die Erde auf die barmherzigen Bitten des Himmels antworten?
*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom, Vorsitzender der Stiftung Lepanto, Autor zahlreicher Bücher, zuletzt in deutscher Übersetzung: Verteidigung der Tradition: Die unüberwindbare Wahrheit Christi, mit einem Vorwort von Martin Mosebach, Altötting 2017, und Das Zweite Vatikanische Konzil. Eine bislang ungeschriebene Geschichte, 2. erw. Ausgabe, Bobingen 2011.
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Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana