Der „assistierte Selbstmord“ von Menschen und Nationen

Auf welche Vernichtung bezieht sich die Gottesmutter in Fatima?


Asssistierter Suizid als Ausdruck der Selbstauflösung des Westens.
Asssistierter Suizid als Ausdruck der Selbstauflösung des Westens.

Von Rober­to de Mattei*

Die zeit­ge­nös­si­sche Kul­tur des Todes fin­det ihre jüng­sten Aus­drucks­for­men in der Eutha­na­sie und dem soge­nann­ten „assi­stier­ten Sui­zid“, über die heu­te in ver­schie­de­nen euro­päi­schen Län­dern dis­ku­tiert wird. Der Pro­zeß der Lega­li­sie­rung von Mord/​Selbstmord, der vor etwa fünf­zig Jah­ren mit der Ein­füh­rung der Abtrei­bung in west­li­che Rechts­ord­nun­gen begann, erreicht nun sei­nen logi­schen Abschluß.

Der Sui­zid, also die frei­wil­li­ge und bewuß­te Hand­lung, durch die ein Mensch sich das Leben nimmt, ist schwer­wie­gen­der als Mord, weil er – im Gegen­satz zu die­sem – kei­ne Mög­lich­keit zur Reue läßt. Natür­lich gibt es mög­li­che Aus­nah­men. Der hei­li­ge Pfar­rer von Ars trö­ste­te einst die Ehe­frau eines Selbst­mör­ders und ver­si­cher­te ihr, daß ihr Mann zwi­schen der Brücke, von der er gesprun­gen war, und dem Was­ser, in dem er ertrank, noch Gele­gen­heit zur Reue gehabt habe. Es kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, daß ein Selbst­mör­der in sei­nen letz­ten Lebens­mo­men­ten durch eine gött­li­che Erleuch­tung sein Han­deln bereut. Aus die­sem Grund heißt es im neu­en Kate­chis­mus der katho­li­schen Kir­che: „Man darf die Hoff­nung auf das ewi­ge Heil der Men­schen, die sich das Leben genom­men haben, nicht auf­ge­ben.“ (Nr. 2283).1 Doch dies sind tat­säch­lich Aus­nah­men. Die Moral rich­tet sich nicht nach den Aus­nah­men, son­dern nach der Natur der mensch­li­chen Hand­lung an sich.

Nach katho­li­scher Moral ist der direk­te, gewoll­te und bewuß­te Selbst­mord ein von Natur aus böser, mora­lisch nicht zu recht­fer­ti­gen­der Akt.2 Tho­mas von Aquin erklärt in der Sum­ma Theo­lo­giae (II‑II, q. 64, a. 5) drei Grün­de dafür: Erstens strebt jedes Wesen von Natur aus danach, sein Leben zu erhal­ten. Sich das Leben zu neh­men wider­spricht die­sem grund­le­gen­den Drang und ist ein Akt gegen das Natur­ge­setz. Zwei­tens scha­det man durch Selbst­mord auch ande­ren, da jeder Mensch nicht nur für sich selbst, son­dern auch für die Gesell­schaft, der er ange­hört, lebt. Drit­tens ist das Leben ein Geschenk Got­tes. Sui­zid bedeu­tet, sich ein Recht anzu­ma­ßen, das allein dem Schöp­fer zusteht.

Der Pas­sio­ni­sten­theo­lo­ge Enri­co Zoffo­li (1915–1996) schrieb zutref­fend: „Der Selbst­mör­der ver­neint in sich das Sein, ver­ab­scheut das Leben, fügt dem tief­sten Gewe­be der Wirk­lich­keit eine Wun­de zu und begeht die unver­zeih­lich­ste aller Unge­rech­tig­kei­ten, indem er das Sein als nicht gut betrach­tet und es so ablehnt, um sei­nem Herr­schafts­be­reich zu ent­kom­men. Durch sei­ne Tat stürzt der Selbst­mör­der in das Schlimm­ste der Absur­di­tä­ten: Für ihn wider­spricht das Sein sich selbst, indem es sich selbst ver­leug­net“ (Prin­ci­pi di Filoso­fia, Edi­zio­ni Fon­ti Vive, 1988, S. 664).

Aus die­sem Grund qua­li­fi­ziert der hei­li­ge Alfons Maria von Liguo­ri den Selbst­mord als schwer­wie­gen­de Sün­de, die zu Recht zu den Sün­den gezählt wer­den kann, die vor Gott nach Rache schrei­en: „Sui­ci­di­um est pec­ca­tum gra­vi­s­si­mum, et meri­to inter pec­ca­ta vin­dic­tam a Deo cla­man­tia annu­mera­ri potest“ (Theo­lo­gia Mora­lis, Lib. III, Tract. IV, cap. II, Nr. 4).

Wenn der Ver­stand getrübt ist oder man sich in einem Moment psy­chi­scher Stö­rung das Leben nimmt, ist die Ver­ant­wor­tung gemin­dert. Dies trifft jedoch nicht auf den assi­stier­ten Sui­zid zu, der ein vor­be­dach­ter und orga­ni­sier­ter Selbts­mord mit vol­ler Ein­sicht und bewuß­tem Ein­ver­ständ­nis ist. Die­ser Akt stellt in sei­ner Natur eine direk­te Her­aus­for­de­rung an Gott, den höch­sten Herrn des Uni­ver­sums, dar. Denn der Selbst­mord ist, wie Vater Vik­tor Cath­rein (1845–1931) erin­nert, ein Akt der Herr­schaft, ja einer der höch­sten Akte der Herr­schaft (Phi­lo­so­phia mora­lis, Her­der 1959, S. 344).

Das Straf­ge­setz­buch betrach­tet Sui­zid an sich nicht als Straf­tat, weder im Ver­such noch bei Voll­endung. Bestraft wird jedoch, wer jeman­den zum Selbst­mord anstif­tet, sei­nen Vor­satz bestärkt oder die Aus­füh­rung in irgend­ei­ner Wei­se erleich­tert. In die­ser Per­spek­ti­ve zielt das Gesetz dar­auf ab, das Leben als höch­stes Gut zu schüt­zen und die Per­son vor äuße­ren Druck­mit­teln, Ein­flüs­sen oder Hil­fen zu bewah­ren, die sie zu einem irrever­si­blen Akt drän­gen könnten.

Die Befür­wor­ter von Eutha­na­sie und assi­stier­tem Sui­zid wol­len die­se recht­li­che Per­spek­ti­ve umkeh­ren: Sie stre­ben nicht nur die Auf­he­bung jeg­li­cher Straf­bar­keit der Suizid‑Anstifter an, son­dern beab­sich­ti­gen, den assi­stier­ten Selbst­mord zu einem posi­ti­ven Recht zu machen. Folg­lich wür­den nicht die­je­ni­gen ver­ur­teilt, die den Tod för­dern oder erleich­tern, son­dern die­je­ni­gen, die ver­su­chen, ihn zu ver­hin­dern, selbst wenn es nur durch Ableh­nung oder Bera­tung geschieht. Der Ver­such, einen Sui­zid abzu­wen­den, zu beglei­ten oder zu unter­stüt­zen, wür­de als Ver­let­zung der indi­vi­du­el­len Auto­no­mie ange­se­hen. Dies ist zum Bei­spiel im fran­zö­si­schen Geset­zes­ent­wurf vor­ge­se­hen, der der­zeit im Senat im Hôtel du Luxem­bourg blockiert ist. Der ita­lie­ni­sche Geset­zes­ent­wurf ist nicht so radi­kal, wird aber auf­grund der zwin­gen­den Logik der Ideen in die­sel­be Rich­tung tendieren.

Der meta­phy­si­sche Haß auf das Sein, der den Selbst­mord kenn­zeich­net, bil­det auch die See­le des revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­ses des Westens hin zum Nihi­lis­mus. Die­ser Weg der Selbst­auf­lö­sung mani­fe­stiert sich auf viel­fäl­ti­ge Wei­se, ange­fan­gen vom demo­gra­phi­schen Zusam­men­bruch und der „Erset­zung“ der Völ­ker durch unkon­trol­lier­te Ein­wan­de­rung, bis hin zur Aus­lö­schung der Iden­ti­tät und des histo­ri­schen Gedächt­nis­ses einer Nati­on. Der Ver­such, die Ver­gan­gen­heit des Westens, ins­be­son­de­re sei­ne christ­li­chen Wur­zeln, zu ver­nich­ten, wur­de in den letz­ten fünf­zig Jah­ren von den „Mei­stern des zeit­ge­nös­si­schen Den­kens“ theo­re­tisch unter­mau­ert, wie Prof. Rena­to Cri­stin in sei­ner Stu­die I padro­ni del caos („Die Her­ren des Cha­os“, Liber­li­bri, 2017) aus­führ­lich dokumentiert.

In sei­nem Klas­si­ker Euro­pe and the Faith („Euro­pa und der Glau­be“, nie ins Deut­sche über­setzt), ver­öf­fent­licht 1920, stell­te Hilai­re Bel­loc (1870–1953) eine radi­ka­le Alter­na­ti­ve vor, die durch über hun­dert Jah­re Geschich­te bestä­tigt wurde: 

„Euro­pa wird zum Glau­ben zurück­keh­ren oder unter­ge­hen. Denn der Glau­be ist Euro­pa und Euro­pa ist der Glaube.“ 

Drei Jah­re zuvor, am 13. Juli 1917, wand­te sich die seli­ge Jung­frau Maria an die drei Hir­ten­kin­der von Fati­ma mit den Wor­ten: „Gott ist im Begriff, die Welt für ihre Ver­bre­chen zu bestra­fen …“ und „wenn sie sich nicht bekehrt, wer­den … ver­schie­de­ne Natio­nen ver­nich­tet werden.“

Auf wel­che Ver­nich­tung bezieht sich die Madon­na? Auf die mate­ri­el­le Zer­stö­rung der Natio­nen, etwa durch eine nuklea­re Kata­stro­phe, oder auf ihre spi­ri­tu­el­le Selbst­auf­lö­sung durch das Ver­ges­sen jener kul­tu­rel­len Iden­ti­tät, aus der das Leben der Natio­nen erwächst? Oder auf bei­de For­men der Ver­nich­tung als Fol­ge eines kata­stro­pha­len Glaubensverlustes?

Wenn dem so ist, erscheint der von vie­len gefor­der­te „assi­stier­te Sui­zid“ nicht als indi­vi­du­el­le Pra­xis, son­dern als Sym­bol einer kol­lek­ti­ven Ent­schei­dung, die eine tie­fe­re Fra­ge auf­wirft: „Was ist das Schick­sal der mensch­li­chen Gesell­schaft?“ Die Ant­wort wäre düster, wäre sie nicht durch die abschlie­ßen­den Wor­te der Fatima‑Prophezeiung erhellt, die nicht den Tod, son­dern nach einer unver­meid­li­chen Stra­fe Leben und Hoff­nung am Hori­zont verheißen.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Übersetzung/​Fußnoten: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana


  1. „Schwe­re psy­chi­sche Stö­run­gen, Angst oder schwe­re Furcht vor einem Schick­sals­schlag, vor Qual oder Fol­te­rung kön­nen die Ver­ant­wort­lich­keit des Selbst­mör­ders ver­min­dern“ (KKK, 2282). ↩︎
  2. In der deut­schen Spra­che kommt dies bereits durch das Wort Selbst­mord zum Aus­druck, wäh­rend in den roma­ni­schen Spra­chen und im Eng­li­schen der Begriff Sui­zid ledig­lich Selbst­tö­tung meint. Tötung meint straf­recht­lich jede Form, durch die das Leben eines Men­schen been­det wird. Der Begriff sagt nichts dar­über aus, ob dies fahr­läs­sig oder vor­sätz­lich gesche­hen ist. Mord ist hin­ge­gen per defi­ni­tio­nem vor­sätz­lich und behaf­tet mit erschwe­ren­den Umstän­den. ↩︎

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