Die sogenannte Corona-Zeit liegt mittlerweile etwas zurück. Manche möchten sie rasch hinter sich lassen, andere hingegen haben nicht vergessen. Dies hängt vor allem damit zusammen, daß sich die Verantwortlichen – die in rechtlicher wie auch in moralischer Hinsicht nicht selten zu Tätern wurden – einer sachlichen, transparenten und ehrlichen Aufarbeitung verweigern. Gerade dadurch besteht die erhebliche Gefahr, daß aus der Pseudo-Pandemie – nichts anderes war sie –, die beispiellose Schäden angerichtet hat, nichts oder jedenfalls nicht hinreichend gelernt wurde und sich derartige Manipulationen größten Ausmaßes künftig sogar wiederholen könnten.
Von ihrer schlechtesten Seite zeigten sich in dieser Zeit auch höchste kirchliche Verantwortungsträger. Anstatt ihrem eigentlichen Auftrag entsprechend der Welt ein Gegenmodell vor Augen zu führen, reihte man sich weitgehend kritiklos in den weltlichen Strom eines Fake-Narrativs ein (man denke an die Schließung der Wasserbecken in Lourdes, an die Leerung der Weihwasserbecken, an die akrobatisch-grotesken Kommunionspendungen und vor allem an das Zelebrationsverbot). Mehr noch: Papst Franziskus erwies sich als dessen wohl radikalster Verfechter, indem er den Petersdom für Monate verriegelte und die Schließung sämtlicher Kirchen und Kapellen Roms anordnete – ein Vorhaben, das lediglich durch den beherzten Widerstand einzelner Pfarrer verhindert werden konnte. Gleiches gilt für die Impfpflicht mit einem experimentellen Gen-Präparat, das er dem Vatikanstaat unter Androhung von Entlassung aufzwang und sogar Kardinälen, die sich verweigerten (und die Corona-Infektion sogar hatten und genesen waren), den Zutritt zum Vatikan verwehrte.
Dieses Versagen wurde bis heute nicht thematisiert; niemand wurde zur Verantwortung gezogen. Man tat so, als sei nichts gewesen. Auch hierin erwies sich die Kirche als bloßes Double der Welt, als das, was sie niemals sein dürfte.
In dieser Angelegenheit wandte sich nun ein Rechtsanwalt mit einem offenen Brief an Kardinal Victor Manuel „Tucho“ Fernández, den Präfekten des römischen Dikasteriums für die Glaubenslehre.
Lesen Sie selbst:
An den Präfekten des Dikasteriums für die Glaubenslehre
Kardinal Victor Manuel Fernández
über das Staatssekretariat des Heiligen Stuhls
Eminenz,
in Ihrer jüngsten – am 27. Januar gehaltenen – Eröffnungsmeditation zur Plenarversammlung des Dikasteriums für die Glaubenslehre, deren Präfekt Sie sind, haben Sie zu „Gebet“ und „intellektueller Demut“ aufgerufen und dabei ausdrücklich Gestalten von höchster Heiligkeit und Kontemplation wie den heiligen Thomas von Aquin, den heiligen Johannes vom Kreuz und den heiligen Bonaventura angeführt.
Heilige und Gottesschauer, deren Nachfolge – sofern sie ernsthaft geschieht – eine „Bewußtheit der Grenze, unseres eigenen Angewiesenseins auf Gott“ hervorbringt, „um nicht einem furchtbaren Trugbild zu erliegen, demselben, das zu den Exzessen der Inquisition, zu den Weltkriegen, zur Shoah, zu den Massakern in Gaza geführt hat – alles Situationen, die mit trügerischen Argumentationen gerechtfertigt wurden“.
In dieser Aufzählung jedoch fehlt auf geradezu eklatante Weise ein epochales Ereignis, das zuletzt das Leben von Milliarden von Menschen erschüttert hat. Und es entsteht der Eindruck, daß dieses Fehlen auf die – gelinde gesagt, befremdliche – Haltung zurückzuführen ist, die Papst Franziskus, der Sie zum Kardinal erhoben hat, wiederholt dazu eingenommen hat.
Eine Haltung blinden Vertrauens in eine (Pseudo-)Wissenschaft hinsichtlich des SARS-CoV-2-Virus (Coronavirus) und des sogenannten Impfstoffes: Beide haben sich sehr bald als problematisch erwiesen – das erste als von äußerst geringer Letalität und im häuslichen Bereich mit gewöhnlichen Medikamenten behandelbar, der zweite als weder wirksam noch sicher. Nichtsdestoweniger wurde die Impfung von Franziskus selbst als „Akt der Liebe“ dargestellt, begleitet von einem vatikanischen Video sowie von einer dem Impfstoff gewidmeten Gedenksilbermünze.
Doch als ob all dies nicht genügt hätte, wurde der Impfstoff für jene Angestellten des Staates der Vatikanstadt, die sich ihm verweigerten, zur Grundlage des Entzugs von Arbeit und Gehalt gemacht. Kurz gesagt: Der Impfstoff wurde als absolutes Prinzip hingestellt, nahezu als ein neuer Salvator mundi.
Sie erinnern an die historische Inquisition. Nicht wenige jedoch erinnern sich daran, wie auf der Grundlage dieses sogenannten Impfstoffes eine sozio-kulturelle Inquisition betrieben wurde, ausgelöst gerade von Franziskus selbst, der jene, die sich nicht impfen lassen wollten, des „selbstmörderischen Negationismus“ bezichtigte.
Ebenso wenig haben viele die Inquisition vergessen, die Franziskus – abgesehen von jenen, die er als „rigide“ und „rückwärtsgewandt“ bezeichnete – gegen all jene entfesselte, die er als „dumm“ titulierte, weil sie in Fragen des Klimawandels anderer Meinung sind, obwohl es in dieser Materie auch unter hervorragenden Wissenschaftlern ganz unterschiedliche und kritische Positionen gibt.
Kardinal Fernández, sehen Sie, die Schwere der Inquisition unter Franziskus bestand gerade hierin, daß sie nicht in bezug auf theologische und moralische Fragen und auf der Grundlage der Wahrheit geführt wurde, sondern auch zu Themen, wie den eben genannten, die nicht in die Zuständigkeit der Kirche fallen – oder zumindest nicht so lange, wie es keine Wahrscheinlichkeiten oder Gewißheiten gibt, auf deren Grundlage die Kirche selbst moralische Positionen zu diesen Fragen anzeigen oder lehren könnte.
Umgekehrt hat Franziskus bei Themen, die der Kirche genuin eigen sind, weil sie zutiefst die Wahrheit über Gott und die Moral betreffen, unter anderem jene Antworten unterlassen, die nicht von einigen unbedarften Gläubigen oder irgendeinem quisque de populo erbeten wurden, sondern – um nur einige Beispiele zu nennen – von vier Kardinälen mit im Jahr 2016 formulierten fünf Dubia zum Dokument Amoris Laetitia; sowie von einer Reihe sachkundiger Gläubiger (darunter ein emeritierter Bischof, ein Theologe, Philosophen, ein Forschungsdirektor aus Oxford, ein Vertreter katholischer Juristen und ein ehemaliger Präsident der Vatikanbank IOR), die Franziskus im Jahr 2017 eine Correctio filialis unterbreiteten.
Franziskus erwies sich somit als entschlossen – wenn nicht gar drakonisch – in Fragen, die, wie gesagt, nicht in die Zuständigkeit der Kirche fallen, während er zugleich Antworten zu strikt kirchlichen Themen verweigerte, zu denen er die Pflicht gehabt hätte, Antworten zu „geben“ – wie Sie selbst in Ihrer Meditation sagen –: „mit Autorität zu antworten, Dokumente zu verfassen, die Teil des ordentlichen Lehramtes werden, ja sogar zu korrigieren und zu verurteilen“.
Einst hieß es: Roma locuta, causa finita.
Unter ihm mußte man leider sagen: Roma locuta, causa initiata.
Es hat in der Tat nicht den Anschein, daß die Kirche der Barmherzigkeit, des Zuhörens, der Synodalität, des Feldlazaretts, der „Kirche im Aufbruch“ – alles Begriffe, die Franziskus selbst ständig gebrauchte – wirklich und für „todos, todos, todos“ eine solche gewesen ist.
So sehr, daß Sie heute in Fortsetzung jener Grundhaltung beispielsweise keine Abbitte leisten – zutiefst im Sinn des Evangeliums – für den Skandal, der durch das Dokument Fiducia supplicans ausgelöst wurde, gegen das sich nicht nur einzelne Bischöfe, sondern ganze Bischofskonferenzen entschieden gestellt haben.
Für Sie besteht heute die „ernsteste“ Frage vielmehr auch darin, daß „in jedem beliebigen Blog jeder – selbst wenn er nicht viel Theologie studiert hat – seine Meinung äußert und verurteilt, als spräche er ex cathedra“.
Doch wie bereits angedeutet, ist nicht ersichtlich, daß Personen, die Theologie studiert haben und dazu befugt sind, von Franziskus und von Ihnen anders behandelt worden wären, das heißt: Man hat ihnen weder zugehört noch sie einer Antwort gewürdigt.
Erschwerend kommt hinzu, daß jene Kardinäle, Bischöfe, Theologen …, die ignoriert wurden, nicht nur Theologie studiert haben, sondern vielfach mit Autorität und mit der Aufgabe betraut waren, unter anderem „dem Römischen Papst beizustehen“, sowohl „bei der Behandlung der wichtigsten Angelegenheiten“ als auch dadurch, daß sie „ihm ihre Mitarbeit besonders in der täglichen Sorge um die Gesamtkirche leisten“ (Codex des kanonischen Rechtes, can. 349).
Man muß zugeben, daß die Blogger, die Sie ins Visier nehmen, nicht selten wenig Theologie studiert haben; ebenso wahr ist jedoch, daß sie ihre Meinung häufig deshalb äußern, weil sie – trotz allem und noch immer – den Glauben haben.
Jenen Glauben, der gerade den heiligen Thomas, den heiligen Johannes vom Kreuz und den heiligen Bonaventura beseelte, die keineswegs verwirrt oder gespalten, sondern vielmehr die Herde des Herrn gefestigt und gesammelt haben, auch wenn sie nicht zur päpstlichen Würde erhoben waren.
Kann man behaupten, daß sich dasselbe Wirken bei Franziskus verwirklicht hat, der Sie an die Spitze des Dikasteriums für die Glaubenslehre gestellt hat?
„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“, lehrt das Evangelium (vgl. Mt 7,17–20).
Früchte der Verwirrung, der Spaltung, der Häresie bis hin zur Apostasie haben wir in den vergangenen, tragischen Jahren sehen müssen. Und dies, wenn es wahr ist – und es ist wahr –, daß wir sogar der Verehrung des heidnischen Pseudo-Götzen Pachamama mitten im Petersdom beiwohnen mußten, bis hin zum Dokument von Abu Dhabi, das den „Pluralismus und die Verschiedenheit der Religionen“ gar als Frucht des „weisen göttlichen Willens“ darstellt, „mit dem Gott die Menschen erschaffen hat“.
Ein Gott also, der sich selbst widerspricht – zwischen wahr und falsch, zwischen gut und böse – und der das genaue Gegenteil des Herrn der Göttlichen Offenbarung ist, der gebietet: Höre, Israel (vgl. Dtn 5,1)! Ich bin der Herr, dein Gott: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir (vgl. Dtn 5,6–7)!
Ein Gott, für den Christus, Mohammed, Buddha, Zarathustra … alle auf derselben Ebene stehen, da – wie Franziskus selbst auf einer seiner letzten Reisen erklärte – „meine Religion nicht wichtiger ist als deine“. Der Sohn Gottes wird somit entwürdigt und zu einem bloßen Menschen herabgesetzt, wie irgendeiner der Gründer anderer Religionen.
Sie sprechen von „Trugbild“ und von „trügerischen Argumentationen“ (die zur Inquisition, zu den Weltkriegen bis hin zu den Massakern in Gaza geführt hätten); doch die wahrhaft „trügerischen Argumentationen“ bestehen darin, den Aquinaten und die anderen Giganten der Mystik und der Theologie in instrumenteller Weise zu zitieren, gleichsam um unter dem Mantel einer vermeintlichen „Demut“ das zu legitimieren, was in Wahrheit ein fortgesetzter theologischer und moralischer Relativismus ist – von einem Ausmaß, wie es die Geschichte der Kirche noch nie gesehen hat.
Erschreckend ist dies, weil dieser Relativismus nicht nur „von unten“ kommt, sondern auch von jenen ausgeht, die Hirten sein sollten, sichere Führer, und „nicht mehr unmündige Kinder sein, ein Spiel der Wellen, hin und her getrieben von jedem Widerstreit der Meinungen, dem Betrug der Menschen ausgeliefert, der Verschlagenheit, die in die Irre führt“(Eph 4,14).
Der wahre „Trug“ besteht also gerade in diesem Relativismus, dessen gelegentliche ex-cathedra-Verurteilungen, die Sie heute als überaus schwerwiegend brandmarken, vielmehr seine Folge, seine Wirkung, sein Beweis und seine Offenlegung für jene sind, die Augen haben zu sehen und Ohren zu hören (vgl. Mt 13,16). Sie sind der Schrei – nicht laut, wohl aber unerquicklich, da Sie ihn zum Schweigen bringen möchten – jener, die inmitten der vielen, die in diesen Jahren davongegangen sind, an der Barke der Kirche festhalten; einer Kirche, die, sobald sie verweltlicht ist, niemand mehr betreten wird, wie der heilige Pius X. mahnte.
Heute, Kardinal Fernández, sollten Sie auf die wahren Ursachen, auf die tatsächlichen Ursprünge der gegenwärtigen, äußerst schweren kirchlichen Krise blicken, anstatt zu versuchen, abzulenken und die Aufmerksamkeit umzulenken – vermutlich in der Annahme, alle Katholiken seien gleichgültig, unaufmerksam, oberflächlich …, als müsse man beim Betreten einer Kirche – um mit dem großen Konvertiten Chesterton zu sprechen – nicht den Hut, sondern den Kopf ablegen.
Ihnen entgeht nämlich, daß viele – auch ohne vertiefte theologische Studien – gerade und „insbesondere“ an „jenen zentralen Wahrheiten festhalten, die das Herz des Evangeliums bilden“; daß sie in aller Komplexität unserer Zeit Gott, Kirche und Welt in ihrem Wesen, in ihrer Einfachheit betrachten, also sine plico; daß ihr Empfinden und ihr Sprechen ein klares Ja-Ja, Nein-Nein ist, denn alles Weitere stammt vom Bösen (vgl. Mt 5,37); daß sie also die wahre „Demut“ besitzen: die Intelligenz des Glaubens.
Und Sie?
Palermo, 3. Februar 2026 (Gedenktag des heiligen Blasius)
Salvatore Scaglia
Getauft und gefirmt in der katholischen Kirche
Mitglied der Dominikanischen Laienbruderschaft
Rechtsanwalt in utroque iure
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: VaticanMedia/MiL
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