Die großen Konzerte kehren in den Vatikan zurück

"Die Musik ist eine große theologische Partitur"


1985 dirigierte Herbert von Karajan mit den Wiener Philharmonikern und dem Wiener Singverein die "Krönungsmesse" im Petersdom zum Hochfest Peter und Paul
1985 dirigierte Herbert von Karajan mit den Wiener Philharmonikern und dem Wiener Singverein die "Krönungsmesse" im Petersdom zum Hochfest Peter und Paul

Die Musik im Vati­kan hat über die Jahr­hun­der­te hin­weg eine wech­sel­vol­le Geschich­te erlebt, geprägt von den per­sön­li­chen Vor­lie­ben und Ein­stel­lun­gen der Päp­ste. Luis Badil­la beleuch­te­te in einer detail­lier­ten Ana­ly­se die Ent­wick­lun­gen der musi­ka­li­schen Prä­senz unter den Nach­kon­zils-Päp­sten und macht dabei deut­lich, wie sehr die Hal­tung des Hei­li­gen Stuhls das kul­tu­rel­le Leben beein­flus­sen kann. Die­ser Zusam­men­schau soll gefolgt wer­den bis hin zur gro­ßen Lee­re unter dem argen­ti­ni­schen Papst, dem der musi­ka­li­sche und viel­leicht auch kul­tu­rel­le Zugang zur Sakral­mu­sik, aber auch zur klas­si­schen Musik fehl­te. Da nütz­ten auch die unbe­hol­fe­nen Recht­fer­ti­gungs­ver­su­che von Kar­di­nal Rava­si nichts.

Die Anfänge mit Paul VI.

1966 nahm die Tra­di­ti­on, gro­ße Orche­ster­kon­zer­te in den Vati­kan zu brin­gen, ihren Anfang. Am 20. April des­sel­ben Jah­res ver­an­stal­te­te das RAI-Sym­pho­nie­or­che­ster unter Nino Anto­nell­i­ni und Piotr Woll­ny ein Kon­zert im dama­li­gen Audi­to­ri­um Pio in der Via del­la Con­ci­lia­zio­ne (heu­te Audi­to­ri­um San­ta Ceci­lia). Im sel­ben Jahr begann der Bau der neu­en gro­ßen vati­ka­ni­schen Audi­enz­hal­le, kon­zi­piert von Pier Lui­gi Ner­vi, 1971 eröff­net, die fort­an zu einem zen­tra­len Ort für vati­ka­ni­sche Kon­zer­te wurde.

Histo­ri­sche Höhe­punk­te folg­ten: Am 23. Mai 1970 trat das RAI-Orche­ster unter Wolf­gang Sawal­lisch im Peters­dom auf, um anläß­lich des 50. Prie­ster­ju­bi­lä­ums von Papst Paul VI. die Mis­sa solem­nis von Lud­wig van Beet­ho­ven auf­zu­füh­ren. Paul VI., selbst ein gro­ßer Lieb­ha­ber klas­si­scher Musik, pfleg­te eine beson­de­re Vor­lie­be für Wer­ke von Bach, Mozart, Hän­del, Haydn und Beet­ho­ven sowie für das Sta­bat Mater von Pal­e­stri­na, Scar­lat­ti und Pergolesi.

Johannes Paul II.: Musik als persönliche Leidenschaft

Karol Woj­ty­la, der spä­te­re Papst Johan­nes Paul II., war bereits vor sei­ner Wahl ein pas­sio­nier­ter Musik­lieb­ha­ber. Musik beglei­te­te ihn sowohl im All­tag als auch bei offi­zi­el­len Anläs­sen. In Polen besuch­te er regel­mä­ßig Kon­zer­te, und auch in sei­ner vati­ka­ni­schen Amts­zeit blieb er die­ser Lei­den­schaft treu. Neben klas­si­scher Musik nahm er auch an Volks­mu­sik­kon­zer­ten teil und emp­fing zahl­rei­che welt­be­kann­te Künstler.

Ein beson­ders bemer­kens­wer­tes Ereig­nis fand am 29. Juni 1985 statt: Zum Hoch­fest der Apo­stel Petrus und Pau­lus diri­gier­te der unum­strit­te­ne Mei­ster­di­ri­gent Her­bert von Kara­jan im Peters­dom die „Krö­nungs­mes­se“ von Mozart. Trotz gesund­heit­li­cher Ein­schrän­kun­gen auf­grund sei­nes hohen Alters begab sich der Mei­ster, unter­stützt von sei­ner Fami­lie, zum Papst, um die Kom­mu­ni­on zu emp­fan­gen – ein bewe­gen­der Moment, der die tie­fe reli­giö­se Dimen­si­on die­ses kul­tu­rel­len Groß­ereig­nis­ses unterstrich.

Benedikt XVI.: Musik als Ausdruck des Göttlichen

Joseph Ratz­in­ger, spä­ter Bene­dikt XVI., setz­te die musi­ka­li­sche Tra­di­ti­on fort und brach­te sei­ne fun­dier­ten Kennt­nis­se klas­si­scher und sakra­ler Musik ein. Er spiel­te selbst Kla­vier und nahm häu­fig aktiv Ein­fluß auf die Pro­gramm­ge­stal­tung von Kon­zer­ten, etwa bei der Auf­füh­rung von Dvořáks Sym­pho­nie „Neue Welt“ unter Gustavo Duda­mel. Für ihn war Musik nicht nur Kunst, son­dern ein Weg, das Gött­li­che zu erfah­ren. In einer Anspra­che erläu­ter­te er, daß die Qua­li­tät der Musik aus der Rein­heit und Tie­fe der Begeg­nung mit Lie­be, Schmerz und Gott ent­ste­he – eine kla­re Ver­bin­dung von musi­ka­li­scher Schön­heit und geist­li­cher Erfah­rung. Bene­dikt XVI. bezeich­ne­te die Sakral­mu­sik, aber nicht nur sie, als „gro­ße theo­lo­gi­sche Par­ti­tur“ und als „Rea­li­tät von theo­lo­gi­schem Rang“.

So kam es wäh­rend des deut­schen Pon­ti­fi­ka­tes zu meh­re­ren hoch­ran­gi­gen musi­ka­li­schen Ereig­nis­sen im Vati­kan. Her­vor­zu­he­ben ist das Kon­zert zum 80. Geburts­ta­ge Bene­dikts XVI., das Dani­el Baren­bo­im mit den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern am 26. April 2007 dar­bot. Zur Auf­füh­rung gelang­ten Wer­ke von Beet­ho­ven und Bruck­ner, zwei Kom­po­ni­sten, die Bene­dikt XVI. beson­ders schätzte.

Benedikt XVI. am 1. Juni 2012 an der Scala in Mailand
Bene­dikt XVI. am 1. Juni 2012 an der Sca­la in Mailand

Am 1. Juni 2012 nahm Bene­dikt XVI. an der Sca­la in Mai­land der ihm zu Ehren erfolg­ten Auf­füh­rung der Neun­ten Sym­pho­nie von Beet­ho­ven teil, wie­der­um diri­giert von Dani­el Baren­bo­im mit Orche­ster und Chor der Sca­la. Damals befand sich Bene­dikt XVI. zu einem Pasto­ral­be­such in der lom­bar­di­schen Metro­po­le, wo das Welt­fa­mi­li­en­tref­fen statt­fand, das noch ganz auf die natür­li­che Fami­lie kon­zen­triert war (ganz ohne berg­o­glia­ni­sches Homo-Spe­zi­al­pro­gramm). Am Tag nach dem Kon­zert besuch­te Bene­dikt XVI. in sei­ner Güte den eme­ri­tier­ten und bereits schwer kran­ken Mai­län­der Erz­bi­schof Kar­di­nal Car­lo Maria Mar­ti­ni SJ, den Initia­tor des Geheim­zir­kels von Sankt Gal­len, von des­sen Exi­stenz damals öffent­lich noch nie­mand Kennt­nis hat­te. An jenem 2. Juni 2012 erwi­der­te Mar­ti­ni die Freund­lich­keit des amtie­ren­den Kir­chen­ober­haupts, indem er von Bene­dikt XVI. den sofor­ti­gen Rück­tritt for­der­te. Mar­ti­ni starb kurz dar­auf und Bene­dikt XVI. trat tat­säch­lich weni­ge Mona­te spä­ter über­ra­schend zurück. Ein bis heu­te unge­klär­tes Kapitel.

Die Lücke unter Papst Franziskus

Die­se lan­ge Tra­di­ti­on wur­de unter Papst Fran­zis­kus unter­bro­chen. Er ließ die­sen Abbruch nicht erklä­ren, son­dern erschien am 22. Juni 2013 über­ra­schend ein­fach nicht zu einem Kon­zert, das im Rah­men des „Jah­res des Glau­bens“ für ihn aus­ge­rich­tet wur­de. Der ver­le­ge­ne Msgr. Rino Fisi­chel­la, damals Vor­sit­zen­der des Päpst­li­chen Rates zur För­de­rung der Neue­van­ge­li­sie­rung, muß­te den Gästen kurz­fri­stig die Abwe­sen­heit des Hei­li­gen Vaters erklä­ren. Medi­en berich­te­ten, daß Fran­zis­kus gesagt habe, er sei ja kein Renais­sance­fürst, der sich um sol­che Din­ge kümmere.

Der lee­re Papst-Ses­sel in der Aula Pao­lo VI wur­de zum Sym­bol für die „neue Hal­tung“ gegen­über der Musik im Vati­kan. Badil­la spricht sehr wohl­wol­lend von einer „kri­ti­schen Sicht“ des argen­ti­ni­schen Pap­stes auf „spi­ri­tu­el­le Welt­lich­keit“. Ande­re erin­ner­ten an das Sprich­wort: Jesuitæ non can­tant, non rubri­cant. Frei über­setzt: Jesui­ten sin­gen nicht und hal­ten sich nicht an lit­ur­gi­sche Vorschriften.

Das glanzvolle Comeback

Am 12. Dezem­ber 2025 wird die Musik mit einem beson­de­ren Ereig­nis in den Vati­kan zurück­keh­ren: Papst Leo XIV. wird Mae­stro Ric­car­do Muti den „Ratz­in­ger-Preis“ über­rei­chen, der seit 2011 von der vati­ka­ni­schen Fon­da­zio­ne Vati­ca­na Joseph Ratz­in­ger – Bene­dikt XVI. ver­lie­hen wird – nicht zu ver­wech­seln mit der bereits eini­ge Jah­re zuvor vom Ratz­in­ger-Schü­ler­kreis gegrün­de­ten Joseph Ratz­in­ger Papst Bene­dikt XVI.-Stiftung mit Sitz in München.

Muti, 84 Jah­re alt, wird zugleich ein Kon­zert diri­gie­ren – fast vier­zig Jah­re nach sei­ner ersten Auf­füh­rung im Vati­kan. Die Rück­kehr die­ser Kon­zer­te mar­kiert nicht nur die Fort­set­zung einer histo­ri­schen Tra­di­ti­on, son­dern auch ein kul­tu­rell bedeu­ten­des Zei­chen der Kon­ti­nui­tät und Wert­schät­zung für die sakra­le Musik.

Der Joseph-Ratz­in­ger-Preis gilt als „Nobel­preis der Theo­lo­gie“. Aller­dings wur­de der Radi­us in den ver­gan­ge­nen Jah­ren erwei­tert. Er wird nicht mehr aus­schließ­lich Theo­lo­gen und Phi­lo­so­phen ver­lie­hen, son­dern auch an Künst­ler, wenn ihr Werk als rele­vant für Kul­tur und Glau­be ein­ge­schätzt wird.

Ein Resümee

Die Geschich­te der Musik im Vati­kan zeigt, wie eng kul­tu­rel­les Leben und kirch­li­ches Amt ver­knüpft sind. Von Paul VI. über Johan­nes Paul II. bis Bene­dikt XVI. wird deut­lich: Musik ist mehr als Unter­hal­tung; sie ist ein Medi­um spi­ri­tu­el­ler Erfah­rung, das die Päp­ste in unter­schied­li­chen For­men unter­stütz­ten. Die Pau­se unter Fran­zis­kus zeigt, daß dies kein Selbst­ver­ständ­nis ist, son­dern von der jewei­li­gen Sicht­wei­se des Pap­stes abhängt. Mit dem bevor­ste­hen­den Kon­zert von Ric­car­do Muti wird die­se Tra­di­ti­on neu belebt – ein ein­drucks­vol­les Bei­spiel für die har­mo­ni­sche Ver­bin­dung von Kunst und Religion.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL/​Youtube (Screen­shots)