Das wundertätige Kreuz von Christoph Kolumbus auf Hispaniola

Die Christianisierung Amerikas


Ruinen der Fortaleza de la Concepción in La Vega Real auf Hispaniola. Dort errichtete Christoph Kolumbus 1494 ein Kreuz.
Ruinen der Fortaleza de la Concepción in La Vega Real auf Hispaniola. Dort errichtete Christoph Kolumbus 1494 ein Kreuz.

John O’Kane Mur­ray, 1847 im iri­schen Der­ry gebo­ren, war in jun­gen Jah­ren in die USA aus­ge­wan­dert, wo er in New York Medi­zin stu­dier­te und als Arzt prak­ti­zier­te. Bekannt wur­de er jedoch als Schrift­stel­ler und Päd­ago­ge. Durch sei­ne histo­ri­schen und bio­gra­phi­schen Bücher trug er wesent­lich zur Stär­kung einer katho­li­schen Iden­ti­tät in den USA bei. Obwohl er 1885 im Alter von erst 38 Jah­ren ver­starb, hin­ter­ließ er ein umfang­rei­ches schrift­stel­le­ri­sches Werk, das damals wei­te Ver­brei­tung fand. Dazu gehört das Buch „Lives of the Catho­lic Heroes and Hero­i­nes of Ame­ri­ca“ („Die Lebens­ge­schich­ten der katho­li­schen Hel­den und Hel­din­nen Ame­ri­kas“). Aus die­sem Buch stammt der fol­gen­de Auszug:

Kolumbus errichtet ein Kreuz auf Hispaniola – und es geschehen Wunder

Von John O’Kane Murray

Ein Bericht über meh­re­re Wun­der, die mit­tel­bar dem Ent­decker Ame­ri­kas zuzu­schrei­ben sind, fin­det sich beim Gra­fen [Antoine‑François‑Félix Rosel­ly] de Lor­gues­de in sei­nem Werk „Chri­sto­phe Colomb“ („Chri­stoph Kolum­bus“, 1879). Das Fol­gen­de bezieht sich auf ein Kreuz, das Kolum­bus auf His­pa­nio­la bei der heu­te nicht mehr exi­stie­ren­den For­ta­le­za de la Con­cep­ción errichtete:

Anfang April des Jah­res 1495 besuch­te Kolum­bus zum zwei­ten Mal La Vega Real, die könig­li­che Ebe­ne, wo er im Jahr zuvor in Bewun­de­rung inne­ge­hal­ten, Gott laut im Bei­sein sei­ner Sol­da­ten geprie­sen und Ihm dafür gedankt hat­te, ihm ein so schö­nes Land offen­bart zu haben. Nach der Unter­wer­fung von Gua­rionex, dem Häupt­ling jenes Lan­des­teils, hat­te der Admi­ral gemäß den Vetrags­be­stim­mun­gen die Befug­nis erhal­ten, am Ein­gang zu die­ser pracht­vol­len Regi­on eine Festung zu errich­ten. In dem Wunsch, an die­sem lieb­li­chen Ort dem Zei­chen des Heils Ehre zu erwei­sen, befahl er dem Steu­er­mann Alon­zo de Valen­cia, mit einem Trupp von zwan­zig Mann – über­wie­gend See­leu­te und Zim­mer­leu­te – einen schö­nen Baum zu fäl­len, den er zur Her­stel­lung eines Kreu­zes aus­ge­wählt hat­te. Der qua­dra­tisch behaue­ne Stamm bil­de­te den Schaft, und der stärk­ste Ast wur­de quer­ge­legt, um die Arme zu for­men. Es dürf­te acht­zehn oder zwan­zig Span­nen hoch gewe­sen sein. Die­ses gro­ße, weit­hin sicht­ba­re Kreuz wur­de vom Admi­ral auf einem Hügel am Fuß der Ber­ge errich­tet, von dem aus man über eine wei­te Flä­che den schön­sten Blick auf die­se herr­li­che Ebe­ne hatte…

His­pa­nio­la mit Con­cep­ción de la Vega (roter Kreis), Kar­te von Johan­nes Ving­boons (1639)

Da wäh­rend der Aus­füh­rung der Arbei­ten kein Prie­ster oder eine Kir­che zur Ver­fü­gung stand, ver­rich­te­te er sein täg­li­ches Gebet vor die­sem Kreuz. Dort ver­sam­mel­te er mor­gens und abends die Arbei­ter und Sol­da­ten. Er sprach sein Offi­zi­um regel­mä­ßig neben dem hei­li­gen Sym­bol…. For­ta­le­za de la Con­cep­ción ist jener Ort auf His­pa­nio­la, an dem er die läng­ste Zeit ver­brach­te…. Zudem wünsch­te er die­sen bevor­zug­ten Ort zu hei­li­gen, indem er eine Kir­che für die täg­li­che Zele­bra­ti­on von drei hei­li­gen Mes­sen errichtete…

Als der Offen­ba­rer der Erd­ku­gel, als Lohn für sei­ne Ent­deckun­gen, sei­ner Regie­rung ent­ris­sen, in Ket­ten gelegt und nach Spa­ni­en geschickt wor­den war, setz­ten die Spa­ni­er, sei­nem Bei­spiel fol­gend, ihre Gewohn­heit fort, sich dort zu ver­sam­meln und ihre Gebe­te zu spre­chen. Eines Tages wirk­te das Kreuz, mit auf­rich­ti­ger Glau­bens­in­nig­keit ange­ru­fen, ein Wun­der. Eini­ge Per­so­nen wur­den von einem Fie­ber geheilt, indem sie es berühr­ten. Ande­re Lei­den­de wur­den von ihm ange­zo­gen und emp­fah­len sich Gott instän­dig. Vie­le von ihnen wur­den geheilt. Das Kreuz wur­de „das „Vera Cruz“, das „Wah­re Kreuz“, genannt, da es sich durch die Wun­der aus­zeich­ne­te, die es wirkte.

Der Name und die Wun­der des Wah­ren Kreu­zes ver­brei­te­ten sich weit­hin. Die Indi­os, die nach Boba­dil­las Amts­über­nah­me von den Spa­ni­ern unter­drückt wur­den, hat­ten die Ehr­furcht bemerkt, die ihre Her­ren dem hei­li­gen Sym­bol ent­ge­gen­brach­ten, und beschlos­sen, es zu zer­stö­ren. Sie kamen in gro­ßer Zahl zum Angriff, befe­stig­ten star­ke Stricke aus gedreh­ten Fasern am Schaft des Kreu­zes und ver­such­ten, es nie­der­zu­rei­ßen; doch trotz ihrer Men­ge blie­ben all ihre Anstren­gun­gen ver­geb­lich. Das Kreuz trotz­te ihrer Kraft und blieb unbe­weg­lich. Unzu­frie­den über ihren Miß­er­folg ver­such­ten sie, es zu ver­bren­nen. Sie tru­gen gro­ße Men­gen trocke­nen Rei­sigs zusam­men, umga­ben es in der Nacht mit leicht ent­flamm­ba­rem Holz­werk und setz­ten alles in Brand. Die Flam­men loder­ten hef­tig auf. Das Kreuz ver­schwand bald in Feu­er und Rauch. Die Göt­zen­die­ner und ihre Prie­ster, die Bohut­is, zogen befrie­digt davon. Doch am näch­sten Mor­gen sahen sie das Kreuz unver­sehrt inmit­ten der noch rau­chen­den Holz­re­ste ste­hen. Nicht ein­mal die Far­be des Hol­zes hat­te sich ver­än­dert, außer daß der Fuß leicht geschwärzt war, als sei eine bren­nen­de Ker­ze dar­an gehal­ten worden.

Ein­ge­schüch­tert und erschrocken durch die­se wun­der­ba­re Offen­ba­rung flo­hen sie zit­ternd, in der Angst, sie hät­ten den Zorn des Kreu­zes auf sich gela­den, von dem sie nun über­zeugt waren, daß es vom Him­mel stam­me. Den­noch zwang die rach­süch­ti­ge Hef­tig­keit ihrer Bohut­is sie zur Rück­kehr, um erneut den Ver­such zu unter­neh­men, es mit ihren geschärf­ten Stein­bei­len und den Mes­sern, die sie im Tausch von den Spa­ni­ern erhal­ten hat­ten, zu fäl­len. Das Holz bot einen unge­wöhn­li­chen Wider­stand, und sie bemerk­ten, daß die Stel­le, an der sie ein Stück her­aus­ge­schla­gen hat­ten, sich sofort wie­der schloß, sodaß ihre Arbeit von Neu­em begin­nen muß­te. Ihre rasen­de Hart­näckig­keit brach ange­sichts die­ses wei­te­ren Wun­ders zusam­men. Da ihnen bewußt wur­de, daß ihre ver­ein­te Kraft nicht nur nicht imstan­de gewe­sen war, das Kreuz nie­der­zu­rei­ßen, son­dern es nicht ein­mal zu bewe­gen, und da sie sahen, wie die Chri­sten ihm Ehr­erbie­tung erwie­sen, war­fen sie sich von nun an selbst davor nieder.

Die Cruz de la Par­ra von Bara­coa auf Kuba ist das ein­zi­ge Kolum­bus-Kreuz, das erhal­ten geblie­ben ist. Es wird heu­te in der Kathe­dra­le der Stadt aufbewahrt.

Hin­zu kam ein wei­te­res Wun­der, dau­er­haft und für alle sicht­bar, das von Jahr zu Jahr grö­ße­res Stau­nen her­vor­rief, näm­lich die voll­stän­di­ge Erhal­tung des Hol­zes, das ohne jeden schüt­zen­den Über­zug von Teer oder eine che­mi­sche Behand­lung jeg­li­cher Art der Feuch­tig­keit und der Hit­ze trotz­te, die in jenem Kli­ma rasche Ver­wit­te­rung und Fäul­nis her­vor­ru­fen. Das Kreuz war weder geris­sen noch ver­zo­gen noch vom Wurm zer­fres­sen. Es sah aus, als sei es eben erst errich­tet wor­den. Acht­und­fünf­zig Jah­re nach sei­ner Errich­tung war es noch so unver­sehrt wie am ersten Tag. Eine wei­te­re wun­der­ba­re Erschei­nung beein­druck­te die Bewoh­ner jener Gegend tief: Das Kreuz blieb auch unver­sehrt und unbe­rührt von Hur­ri­ka­nen und Wir­bel­stür­men, die rings­um Bäu­me und Häu­ser von ihren Plät­zen geris­sen und zu Boden geschleu­dert hatten.

Die Wun­der ver­mehr­ten sich an Zahl und Bekannt­heit. Gon­za­lo Fernán­dez de Ovie­do, der Gou­ver­neur von San­to Dom­in­go und Kolum­bus feind­lich gesinnt war, bezeugt, daß das wun­der­tä­ti­ge Kreuz, das zu der Zeit, da er schrieb (1535), im Inne­ren der aus Holz errich­te­ten Kathe­dra­le stand, von Kolum­bus selbst in For­ta­le­za de la Con­cep­ción errich­tet wor­den war.

Nachtrag

Die Vera Cruz, das wah­re Kreuz, das Kolum­bus 1484 in Con­cep­ción de la Vega errich­tet hat­te, ver­schwand im Jahr 1562 durch ein schwe­res Erd­be­ben, das die Stadt zer­stör­te. Wahr­schein­lich wur­de es von den Trüm­mern der Kathe­dra­le und ande­rer Gebäu­de ver­schüt­tet und nicht gebor­gen, da die Stadt ins­ge­samt auf­ge­ge­ben wur­de.
Kolum­bus errich­te­te über­all, wo er erst­mals neu­es Land betrat, ein Kreuz. Auf­grund der tro­pi­schen Wit­te­rungs­be­din­gun­gen hat sich kei­nes erhal­ten mit einer Aus­nah­me, jenem auf Kuba. Es gibt jedoch die alte Tra­di­ti­on sym­bo­li­scher Nach­bil­dun­gen, so auch auf His­pa­nio­la, Puer­to Rico, Kuba und Flo­ri­da.
Die Festung und die auf­ge­ge­be­ne Stadt Con­cep­ción de La Vega (La Vega Vie­ja) lagen rund acht Kilo­me­ter nörd­lich der heu­ti­gen Kathe­dra­le der neu­en Stadt La Vega.

Einleitung/​Übersetzung/​Nachtrag: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons