John O’Kane Murray, 1847 im irischen Derry geboren, war in jungen Jahren in die USA ausgewandert, wo er in New York Medizin studierte und als Arzt praktizierte. Bekannt wurde er jedoch als Schriftsteller und Pädagoge. Durch seine historischen und biographischen Bücher trug er wesentlich zur Stärkung einer katholischen Identität in den USA bei. Obwohl er 1885 im Alter von erst 38 Jahren verstarb, hinterließ er ein umfangreiches schriftstellerisches Werk, das damals weite Verbreitung fand. Dazu gehört das Buch „Lives of the Catholic Heroes and Heroines of America“ („Die Lebensgeschichten der katholischen Helden und Heldinnen Amerikas“). Aus diesem Buch stammt der folgende Auszug:
Kolumbus errichtet ein Kreuz auf Hispaniola – und es geschehen Wunder
Von John O’Kane Murray
Ein Bericht über mehrere Wunder, die mittelbar dem Entdecker Amerikas zuzuschreiben sind, findet sich beim Grafen [Antoine‑François‑Félix Roselly] de Lorguesde in seinem Werk „Christophe Colomb“ („Christoph Kolumbus“, 1879). Das Folgende bezieht sich auf ein Kreuz, das Kolumbus auf Hispaniola bei der heute nicht mehr existierenden Fortaleza de la Concepción errichtete:
Anfang April des Jahres 1495 besuchte Kolumbus zum zweiten Mal La Vega Real, die königliche Ebene, wo er im Jahr zuvor in Bewunderung innegehalten, Gott laut im Beisein seiner Soldaten gepriesen und Ihm dafür gedankt hatte, ihm ein so schönes Land offenbart zu haben. Nach der Unterwerfung von Guarionex, dem Häuptling jenes Landesteils, hatte der Admiral gemäß den Vetragsbestimmungen die Befugnis erhalten, am Eingang zu dieser prachtvollen Region eine Festung zu errichten. In dem Wunsch, an diesem lieblichen Ort dem Zeichen des Heils Ehre zu erweisen, befahl er dem Steuermann Alonzo de Valencia, mit einem Trupp von zwanzig Mann – überwiegend Seeleute und Zimmerleute – einen schönen Baum zu fällen, den er zur Herstellung eines Kreuzes ausgewählt hatte. Der quadratisch behauene Stamm bildete den Schaft, und der stärkste Ast wurde quergelegt, um die Arme zu formen. Es dürfte achtzehn oder zwanzig Spannen hoch gewesen sein. Dieses große, weithin sichtbare Kreuz wurde vom Admiral auf einem Hügel am Fuß der Berge errichtet, von dem aus man über eine weite Fläche den schönsten Blick auf diese herrliche Ebene hatte…

Da während der Ausführung der Arbeiten kein Priester oder eine Kirche zur Verfügung stand, verrichtete er sein tägliches Gebet vor diesem Kreuz. Dort versammelte er morgens und abends die Arbeiter und Soldaten. Er sprach sein Offizium regelmäßig neben dem heiligen Symbol…. Fortaleza de la Concepción ist jener Ort auf Hispaniola, an dem er die längste Zeit verbrachte…. Zudem wünschte er diesen bevorzugten Ort zu heiligen, indem er eine Kirche für die tägliche Zelebration von drei heiligen Messen errichtete…
Als der Offenbarer der Erdkugel, als Lohn für seine Entdeckungen, seiner Regierung entrissen, in Ketten gelegt und nach Spanien geschickt worden war, setzten die Spanier, seinem Beispiel folgend, ihre Gewohnheit fort, sich dort zu versammeln und ihre Gebete zu sprechen. Eines Tages wirkte das Kreuz, mit aufrichtiger Glaubensinnigkeit angerufen, ein Wunder. Einige Personen wurden von einem Fieber geheilt, indem sie es berührten. Andere Leidende wurden von ihm angezogen und empfahlen sich Gott inständig. Viele von ihnen wurden geheilt. Das Kreuz wurde „das „Vera Cruz“, das „Wahre Kreuz“, genannt, da es sich durch die Wunder auszeichnete, die es wirkte.
Der Name und die Wunder des Wahren Kreuzes verbreiteten sich weithin. Die Indios, die nach Bobadillas Amtsübernahme von den Spaniern unterdrückt wurden, hatten die Ehrfurcht bemerkt, die ihre Herren dem heiligen Symbol entgegenbrachten, und beschlossen, es zu zerstören. Sie kamen in großer Zahl zum Angriff, befestigten starke Stricke aus gedrehten Fasern am Schaft des Kreuzes und versuchten, es niederzureißen; doch trotz ihrer Menge blieben all ihre Anstrengungen vergeblich. Das Kreuz trotzte ihrer Kraft und blieb unbeweglich. Unzufrieden über ihren Mißerfolg versuchten sie, es zu verbrennen. Sie trugen große Mengen trockenen Reisigs zusammen, umgaben es in der Nacht mit leicht entflammbarem Holzwerk und setzten alles in Brand. Die Flammen loderten heftig auf. Das Kreuz verschwand bald in Feuer und Rauch. Die Götzendiener und ihre Priester, die Bohutis, zogen befriedigt davon. Doch am nächsten Morgen sahen sie das Kreuz unversehrt inmitten der noch rauchenden Holzreste stehen. Nicht einmal die Farbe des Holzes hatte sich verändert, außer daß der Fuß leicht geschwärzt war, als sei eine brennende Kerze daran gehalten worden.
Eingeschüchtert und erschrocken durch diese wunderbare Offenbarung flohen sie zitternd, in der Angst, sie hätten den Zorn des Kreuzes auf sich geladen, von dem sie nun überzeugt waren, daß es vom Himmel stamme. Dennoch zwang die rachsüchtige Heftigkeit ihrer Bohutis sie zur Rückkehr, um erneut den Versuch zu unternehmen, es mit ihren geschärften Steinbeilen und den Messern, die sie im Tausch von den Spaniern erhalten hatten, zu fällen. Das Holz bot einen ungewöhnlichen Widerstand, und sie bemerkten, daß die Stelle, an der sie ein Stück herausgeschlagen hatten, sich sofort wieder schloß, sodaß ihre Arbeit von Neuem beginnen mußte. Ihre rasende Hartnäckigkeit brach angesichts dieses weiteren Wunders zusammen. Da ihnen bewußt wurde, daß ihre vereinte Kraft nicht nur nicht imstande gewesen war, das Kreuz niederzureißen, sondern es nicht einmal zu bewegen, und da sie sahen, wie die Christen ihm Ehrerbietung erwiesen, warfen sie sich von nun an selbst davor nieder.

Hinzu kam ein weiteres Wunder, dauerhaft und für alle sichtbar, das von Jahr zu Jahr größeres Staunen hervorrief, nämlich die vollständige Erhaltung des Holzes, das ohne jeden schützenden Überzug von Teer oder eine chemische Behandlung jeglicher Art der Feuchtigkeit und der Hitze trotzte, die in jenem Klima rasche Verwitterung und Fäulnis hervorrufen. Das Kreuz war weder gerissen noch verzogen noch vom Wurm zerfressen. Es sah aus, als sei es eben erst errichtet worden. Achtundfünfzig Jahre nach seiner Errichtung war es noch so unversehrt wie am ersten Tag. Eine weitere wunderbare Erscheinung beeindruckte die Bewohner jener Gegend tief: Das Kreuz blieb auch unversehrt und unberührt von Hurrikanen und Wirbelstürmen, die ringsum Bäume und Häuser von ihren Plätzen gerissen und zu Boden geschleudert hatten.
Die Wunder vermehrten sich an Zahl und Bekanntheit. Gonzalo Fernández de Oviedo, der Gouverneur von Santo Domingo und Kolumbus feindlich gesinnt war, bezeugt, daß das wundertätige Kreuz, das zu der Zeit, da er schrieb (1535), im Inneren der aus Holz errichteten Kathedrale stand, von Kolumbus selbst in Fortaleza de la Concepción errichtet worden war.
Nachtrag
Die Vera Cruz, das wahre Kreuz, das Kolumbus 1484 in Concepción de la Vega errichtet hatte, verschwand im Jahr 1562 durch ein schweres Erdbeben, das die Stadt zerstörte. Wahrscheinlich wurde es von den Trümmern der Kathedrale und anderer Gebäude verschüttet und nicht geborgen, da die Stadt insgesamt aufgegeben wurde.
Kolumbus errichtete überall, wo er erstmals neues Land betrat, ein Kreuz. Aufgrund der tropischen Witterungsbedingungen hat sich keines erhalten mit einer Ausnahme, jenem auf Kuba. Es gibt jedoch die alte Tradition symbolischer Nachbildungen, so auch auf Hispaniola, Puerto Rico, Kuba und Florida.
Die Festung und die aufgegebene Stadt Concepción de La Vega (La Vega Vieja) lagen rund acht Kilometer nördlich der heutigen Kathedrale der neuen Stadt La Vega.
Einleitung/Übersetzung/Nachtrag: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons