„Nicht nur ausharren, sondern widerstehen“ – Zum Tod des Bibelwissenschaftlers und Jesuiten Manuel Iglesias González

Bibelübersetzer und "Widerständler"

Manuel Iglesias Gonzalez SJ
Manuel Iglesias González SJ

(Madrid) Am Mitt­woch, 21. Dezem­ber, ist der inter­na­tio­nal bekann­te Jesu­it und Bibel­wis­sen­schaft­ler Pater Manu­el Igle­si­as Gon­zá­lez im Alter von acht­und­acht­zig Jah­ren in Madrid ver­stor­ben. Bekannt wur­de er vor allem für sei­ne streng ori­gi­nal­ge­treue Über­set­zung des Neu­en Testa­ments. Er beklag­te, daß die Bibel durch Abmil­de­run­gen zu einer „Kin­der­ge­schich­te“ gemacht wer­de, was ihrer Bedeu­tung und ihrem Ernst nicht gerecht wer­de, schon gar nicht der Treue gegen­über der Offen­ba­rung. „Er war eines der letz­ten ver­blie­be­nen Mit­glie­der der einst so glor­rei­chen Gesell­schaft Jesu“, so der spa­ni­sche Histo­ri­ker, Jour­na­list und Blog­ger Fran­cis­co José Fernán­dez de la Cigoña.

Igle­si­as wur­de 1934 in Mon­le­r­as in der Pro­vinz Sala­man­ca als jüng­stes von sechs Kin­dern in eine from­me katho­li­sche Fami­lie gebo­ren. Alle sechs Geschwi­ster tra­ten ins Ordens­le­ben ein. Zwei wur­den Jesui­ten, zwei Fran­zis­ka­ner und zwei Mari­en­schwe­stern. Der älte­ste Bru­der, Igna­cio Igle­si­as SJ (1925–2009), wur­de Gene­ral­as­si­stent und damit die rech­te Hand des Jesui­ten­ge­ne­rals Pedro Arrupe.

Manu­el erhielt sei­ne phi­lo­so­phi­sche und theo­lo­gi­sche Aus­bil­dung in Comil­las und wur­de auf­grund sei­ner bril­lan­ten intel­lek­tu­el­len Fähig­kei­ten, ins­be­son­de­re in den bibli­schen Spra­chen, in den 60er Jah­ren zum Stu­di­um der Hei­li­gen Schrift an das Päpst­li­che Bibel­in­sti­tut in Rom beru­fen, wo er Pro­fes­sor für Hei­li­ge Schrift und bibli­sches Grie­chisch wurde.

Die nach­kon­zi­lia­re Kri­se und der Umstand, daß eini­ge sei­ner Gefähr­ten in dem neu­en Kli­ma ihr Prie­ster­tum auf­ga­ben, berühr­te den sehr sen­si­blen und emp­find­sa­men Gelehr­ten so sehr, daß er eine selt­sa­me und schwe­re Krank­heit bekam. Er war sehr ent­täuscht von der Rich­tung, die die Kir­che ein­ge­schla­gen hat­te, und lehn­te den Weg ab, den der Jesui­ten­or­den unter Pater Pedro Arru­pe ging, obwohl sein Bru­der Igna­cio einer der eng­sten Mit­ar­bei­ter des Gene­ral­obe­ren war.

Im Gegen­satz zu sei­nen Ordens­mit­brü­dern und vie­len ande­ren Prie­stern wei­ger­te sich P. Manu­el Igle­si­as sei­ne Sou­ta­ne abzu­le­gen. Das Gewand des Prie­sters ist vor allem Bekennt­nis, aber auch Schutz davor, begrün­de­te er sei­nen Schritt, sich in der Anony­mi­tät auf­zu­lö­sen. Viel­mehr trug er sie bis zu sei­nem Tod umso bewußter.

Da er den neu­en Kurs des Vati­kans und sei­nes Ordens nicht gut­hieß, ver­ließ er Rom und zog sich auf Jesui­ten­nie­der­las­sun­gen in Spa­ni­en zurück, zuerst Javier, Madrid, dann Vil­lag­ar­cía de Cam­pos und schließ­lich die Jesui­ten­re­si­denz Pedro Fab­ro in Madrid. Dort arbei­te­te er inten­siv im Gebets­apo­sto­lat, wirk­te an der Zeit­schrift Rei­no de Cri­sto mit und als Exer­zi­ti­en­lei­ter und geist­li­cher Assi­stent für Ordensfrauen.

Über­set­zung nach dem grie­chi­schen Text

Sei­ne inne­re Emi­gra­ti­on gegen­über den äuße­ren Ent­wick­lun­gen führ­te ihn zu einer inni­gen Treue zu sei­ner Prie­ster- und Ordens­be­ru­fung. „Er woll­te nie in Erschei­nung tre­ten, nicht auf­fal­len“, zeich­ne­te sich durch gro­ße Ein­fach­heit und Demut aus und „strahl­te“ gera­de dadurch, so der Prie­ster Pablo Cer­ve­ra Bar­ran­co, Kolum­nist von Reli­gi­on en libert­ad und ehe­ma­li­ger Direk­tor der Biblio­te­ca de Auto­res Cri­stia­nos (BAC). Im täg­li­chen Zusam­men­le­ben mit sei­nen Mit­brü­dern ließ er es trotz inhalt­li­cher Dif­fe­ren­zen nie an Brü­der­lich­keit mis­sen, viel­mehr zeich­ne­te er sich durch einen gro­ßen Humor aus, der ihm das Über­brücken bestimm­ter Här­ten ermög­lich­te, die er erlebte.

Als gro­ßer Lieb­ha­ber von Büchern ver­füg­te er über ein unge­mein gro­ßes kul­tu­rel­les Wis­sen, ins­be­son­de­re in bezug auf die Bibel und deren Spra­che. Er war aber auch über das aktu­el­le Zeit­ge­sche­hen nicht nur am lau­fen­den, son­dern stets erstaun­lich gut informiert.

Zu den Arbei­ten von Pater Manu­el Igle­si­as gehört die von Pro­fes­sor Fran­cis­co Can­te­ra vor­ge­nom­me­ne Aktua­li­sie­rung der von der Biblio­te­ca de Auto­res Cri­stia­nos (BAC) her­aus­ge­ge­be­nen Hei­li­gen Schrift (Nr. 10) und des Neu­en Testa­ments (kri­ti­sche Edi­ti­on des grie­chi­schen Ori­gi­nal­tex­tes), die dank der zwan­zig­tau­send von ihm vor­ge­nom­me­nen Ände­run­gen als Neu­aus­ga­be betrach­tet wer­den kann. Igle­si­as bemüh­te sich um größt­mög­li­che Buch­sta­ben­treue, da er die Über­set­zung vor allem als „Hilfs­mit­tel für die ersten Adres­sa­ten die­ses Werks (Stu­den­ten der Theo­lo­gie und des Neu­en Testa­ments)“ ver­stan­den wis­sen woll­te, wes­halb es „frü­he­re Unge­nau­ig­kei­ten oder Unvoll­kom­men­hei­ten zu kor­ri­gie­ren“ galt.

Die Schwie­rig­keit in der Über­set­zung des Neu­en Testa­ments, so Pater Igle­si­as, „besteht nicht nur dar­in, daß es sich um Schrif­ten von vor zwei­tau­send Jah­ren han­delt, die in der uns vor­lie­gen­den grie­chi­schen Spra­che ver­faßt sind, obwohl sie von Semi­ten erdacht wur­den, son­dern daß Gott sich in die­sen Schrif­ten mit­teilt, sie uns anspre­chen. Daher kön­nen auch die Nuan­cen der Spra­che eine Offen­ba­rung Got­tes sein, wes­halb sie nicht zu ver­nach­läs­si­gen sind.“

„Ein Bibel­ex­eget – und in sei­nem Maße auch ein Bibel­über­set­zer – darf kei­nen Aspekt der mensch­li­chen Spra­che, in der die Offen­ba­rung des leben­di­gen und wah­ren Got­tes ver­mit­telt wird, unter­be­wer­ten. Nicht der Über­set­zer darf spre­chen, son­dern muß sei­nen eige­nen Stil, sei­nen Geschmack und sei­ne Vor­ur­tei­le ver­ber­gen, um zu erken­nen, was der mensch­li­che Schrei­ber (und hin­ter ihm Gott) gedacht und gemeint hat, als er den hei­li­gen Text schrieb, damit er es in einer ande­ren Spra­che wie­der­ge­ben kann.“

Pro­fes­sor Juan Miguel Díaz Roda­les, Mit­glied der Päpst­li­chen Bibel­kom­mis­si­on, sag­te, indem er Igle­si­as selbst zitier­te, daß des­sen Über­set­zung „nicht in die Kate­go­rie der soge­nann­ten Volks­über­set­zun­gen“ gehöre:

„Die mei­sten die­ser soge­nann­ten popu­lä­ren Über­set­zun­gen sind so weit vom Text ent­fernt, daß der­je­ni­ge, der sie liest, nur mit gro­ßen Schwie­rig­kei­ten her­aus­fin­den kann, was der mensch­li­che Autor (und hin­ter ihm Gott) gedacht und gemeint hat.“

Zu sei­nen wei­te­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen gehört De los nom­bres de Cri­sto (Die Namen von Chri­stus, BAC 2018), ein Werk, in dem er die Namen unter­such­te, mit denen sich Jesus in den Evan­ge­li­en bezeich­net, und mit jenen ver­voll­stän­dig­te, die in der Gehei­men Offen­ba­rung ent­hal­ten sind. Ein wei­te­res Werk von ihm, das eben­falls in der BAC her­aus­ge­ge­ben wur­de, ist La Pala­bra y las pala­bras, ein klei­nes hebräi­sches Voka­bu­lar für den geist­li­chen Gebrauch, das auf Nuan­cen oder Details hin­weist, die man nor­ma­ler­wei­se nicht auf den ersten Blick versteht.

Bei der Vor­stel­lung sei­ner Über­set­zung des Neu­en Testa­ments sag­te Iglesias: 

„Ich glau­be, daß vie­le Men­schen die Hei­li­ge Schrift igno­rie­ren, weil sie kei­ne Geschich­te für Kin­der ist und sehr har­te Din­ge ent­hält. Jesus ver­wen­det Wor­te, die wir Prie­ster heu­te kaum noch zu benut­zen wagen, wenn wir pre­di­gen. Sie sagen zu uns: ‚Ihr ver­grault die Kun­den.‘ Aber Jesus dach­te nicht dar­an, daß ihm die Kun­den aus­ge­hen könn­ten. Und Er spricht und sagt, was Er zu sagen hat. Zum Bei­spiel: ‚Wer mein Jün­ger sein will, muß jeden Tag sein Kreuz auf sich neh­men und mir nachfolgen‘.“

Pater Manu­el Igle­si­as war unge­wollt sein gan­zes Leben lang ein „Wider­ständ­ler“. Das Wort brach­te er selbst für das grie­chi­sche ὑπομένω – hypo­me­no ins Gespräch. Es hei­ße immer, so erklär­te er, wer aus­harrt, wer­de geret­tet. Die Nuan­cie­rung von „aus­har­ren, erdul­den, blei­ben“ sei aber passiv. 

„War­um wird ‚hypo­me­no‘ nicht mit ‚wider­ste­hen‘ über­setzt? Wer bis zum Ende wider­steht, wird geret­tet wer­den. Das gibt der Aus­dau­er eine akti­ve Nuan­ce, nicht eine pas­si­ve. Es geht nicht dar­um, ein Rheu­ma zu ‚erdul­den‘, ‚aus­zu­hal­ten‘, son­dern einem Feind zu wider­ste­hen, der mich besie­gen will.“

Pater Manu­el Igle­si­as wider­stand auf sei­ne Wei­se bis zum Tod.

Requiescat in pace!

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Reli­gi­on­di­gi­tal (Screen­shot)

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3 Kommentare

  1. Vie­len Dank! P. Igle­si­as reprä­sen­tier­te wahr­haf­tig eine „glor­rei­che“ Gesell­schaft Jesu. Möge die­se wiedererstehen.

    R. I. P.

    Viel­leicht kann sich ein katho­li­scher Ver­le­ger einer Über­set­zung die­ser Wer­ke ins Deut­sche anneh­men. Viel­leicht Herr Stäb­ler, der schon zwei Bän­de über den hl. Eze­quiel Moreno y Diaz her­aus­brach­te (https://​katho​li​sches​.info/​2​0​2​1​/​1​1​/​1​5​/​d​e​r​-​h​e​i​l​i​g​e​-​e​z​e​q​u​i​e​l​-​m​o​r​e​n​o​-​v​o​r​b​i​l​d​-​i​m​-​b​i​s​c​h​o​f​s​a​mt/)? Es wäre sicher wich­tig, wie­der zu einer echt katho­li­schen Bibel­wis­sen­schaft zurückzukommen.

  2. Auf­fal­lend ist, wie in den letz­ten fünf­zig Jah­ren die Kennt­nis und das Ler­nen der bibli­schen Spra­chen an Fakul­tä­ten der katho­li­schen Theo­lo­gie fast kom­plett unter den Rädern gekom­men ist.
    Die Treue des Über­set­zers zum Text, zum Wort, zur Aus­sa­ge, zur dama­li­gen Gei­stes­welt: Das alles ist bei den vie­len moder­ni­sti­schen Über­set­zun­gen nicht zu finden.
    Das ist ein­fach „Bibel­ver­fäl­schung“, wie der gro­ße deut­sche Neu­te­sta­ment­ler Klaus Ber­ger ein­mal sagte.
    „Upo­me­noo“ hat gera­de im Ver­lau­fe der erste vier nach­christ­li­chen Jahr­hun­der­te eine Nuan­cen­ver­schie­bung durch­ge­macht: von akti­vem Durch­hal­ten, Aus­har­ren unter Bedro­hung und unter Angriff (in dem Mar­kus- und Mat­thä­us­evan­ge­li­um, so auch sehr deut­lich in der syri­schen Pes­chit­ta) bis zu „Ver­dul­den“ bei der Kor­re­spon­denz von Igna­ti­us und Polykarp.
    Emi­nent wich­tig ist dies­be­züg­lich Wal­ter Bau­er: Wör­ter­buch des grie­chi­schen Neu­en Testa­ments und W.H. Lam­pe: A Greek patri­stic Lexicon.
    RIP

  3. Mei­ne bevor­zug­ten Über­set­zun­gen der Bibel sind die von Franz von Allio­li und Hein­rich Joa­chim Jaek. Sie sind sich bei­de im Wort­laut sehr ähn­lich, wobei Jaek ein beson­de­res Gespür für den Sinn der Text­stel­len hat. Man merkt bei­den Über­set­zun­gen an, daß die deut­sche Spra­che ärmer gewor­den ist. Wor­te, die heu­te aus dem Sprach­schatz ver­schwun­den sind, tref­fen viel prä­zi­ser den Sinn als es im heu­ti­gen Deutsch mög­lich ist. 

    Ich lese dann gewöhn­lich die Ein­heits­über­set­zung in der nicht revi­dier­ten Aus­ga­be. Die alten Bibel­aus­ga­ben aus dem 19. Jahr­hun­det sind ja nicht so hand­lich. Um tie­fer in den Text ein­zu­stei­gen kommt dann hin und wie­der eine der alten Bibeln dazu. 

    Von Jaek gibt es eine wun­der­ba­re Pracht­aus­ga­be mit vie­len Stahl­sti­chen aus dem Jah­re 1837. „All­ge­mei­ne wohl­fei­le Bil­der-Bibel für die Katholiken“

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