Wann ein Rechtsakt nichtig und ohne Wert ist

Einem menschlichen Gesetz, das dem Naturrecht und dem Gottesgesetz widerspricht, ist man keinen Gehorsam schuldig

Königskrone Monarchie Vereinigtes Königreich

Der Histo­ri­ker Prof. Rober­to de Mat­tei sprach die Fra­ge an, wie die vor kur­zem ver­stor­be­ne Köni­gin Eli­sa­beth II. 1967 das erste Abtrei­bungs­ge­setz der west­li­chen Welt unter­zeich­nen und damit in Kraft set­zen konn­te. Der Kir­chen­hi­sto­ri­ker und Theo­lo­ge Prof. Alan Fimi­ster ver­tieft die­se Fra­ge. Er bezieht sich dabei kon­kret auf die insti­tu­tio­nel­le und mora­li­sche Rol­le des bri­ti­schen Mon­ar­chen. Sei­ne Aus­füh­run­gen gel­ten eben­so für die Ver­ant­wor­tungs­trä­ger ande­rer Staa­ten (Staats­ober­haupt, Regie­rung, Parlamentsabgeordnete).

Von Alan Fimister*

Der wesent­li­che Feh­ler des Angli­ka­nis­mus ist die Unter­wer­fung der geist­li­chen Macht unter die welt­li­che Macht. Eine sol­che Unter­wer­fung kann nie­mals gewährt wer­den, da die Ermes­sens­be­fug­nis der welt­li­chen Macht über indif­fe­ren­te „tech­ni­sche Ange­le­gen­hei­ten“ aus­ge­übt wird, über wel­che die geist­li­che Macht „sich nicht für ange­mes­sen oder mit Zustän­dig­keit aus­ge­stat­tet hal­ten kann“. In allen Ange­le­gen­hei­ten, die das Sit­ten­ge­setz betref­fen – Ange­le­gen­hei­ten, die das Gut der Wahr­heit berüh­ren, das Gott den Nach­fol­gern der Apo­stel anver­traut hat –, übt hin­ge­gen die kirch­li­che Hier­ar­chie die höch­ste Gerichts­bar­keit aus, und Gott ver­langt, daß die Wahr­hei­ten des Sit­ten­ge­set­zes von den Inha­bern der welt­li­chen Macht zu jeder Zeit und an jedem Ort aner­kannt und geach­tet wer­den. Des­halb lehrt unser Glau­be, daß der Nach­fol­ger des hei­li­gen Petrus das sicht­ba­re Haupt nicht nur des Kle­rus, son­dern der gan­zen Kir­che ist, also sowohl des Kle­rus als auch der Lai­en, wes­halb jeder, der eine sol­che Leh­re ablehnt, der Häre­sie ver­fällt. Die Katho­li­ken müs­sen im Gegen­teil, wie es unser Glau­bens­be­kennt­nis ver­langt, alles anneh­men und beken­nen, was vom Ersten Vati­ka­ni­schen Öku­me­ni­schen Kon­zil über den Pri­mat des Pap­stes über­lie­fert, defi­niert und fei­er­lich erklärt wor­den ist, und alles, was dem wider­spricht, ver­ur­tei­len, zurück­wei­sen und verwerfen.

Gele­gent­lich stößt man auf Men­schen, die davon über­zeugt sind, daß Hein­rich VIII. ein Katho­lik war, weil er vie­le Ele­men­te der katho­li­schen Leh­re ver­trat. Dem war aber kei­nes­wegs so. Indem er sich der ober­sten Gerichts­bar­keit der geist­li­chen Macht ent­zog, trenn­te er sich vom mysti­schen Leib Chri­sti. Der hei­li­ge Tho­mas lehrt:

„Im Häre­ti­ker, der einen ein­zi­gen Glau­bens­ar­ti­kel leug­net, bleibt weder der geform­te noch der unge­form­te Glau­be. Denn die Gat­tung eines jeden Zustan­des hängt ab vom For­mal­grund im Gegen­stand; ist die­ser ent­fernt, so kann der Zustand sei­ner Gat­tung nach nicht mehr blei­ben. Der For­mal­grund im Gegen­stand des Glau­bens aber ist die erste Wahr­heit, inso­weit sie in der Hei­li­gen Schrift und der Leh­re der Kir­che offen­bart wird, wel­che ihren Ursprung in der ersten Wahr­heit hat. Wer also der unfehl­ba­ren und gött­li­chen Richt­schnur, näm­lich der Leh­re der Kir­che, nicht anhängt, die aus der ersten in der Hei­li­gen Schrift geof­fen­bar­ten Wahr­heit her­vor­geht, der hat nicht den Zustand des Glau­bens in sich; mag er auch das, was Gegen­stand des Glau­bens ist, in ande­rer Wei­se fest­hal­ten als durch den Glau­ben“ (Tho­mas von Aquin: Sum­ma Theo­lo­giae, IIª-IIae q. 5 a. 3 co.).

Heu­te sind wir nur all­zu ver­traut mit dem „katho­li­schen“ Poli­ti­ker, der „per­sön­lich“ gegen die Abtrei­bung ist, aber in sei­nen öffent­li­chen Funk­tio­nen jedes Hin­der­nis für die­ses mon­strö­se Ver­bre­chen aus dem Weg räumt. Um ihre bösen Taten zu recht­fer­ti­gen, füh­ren die­se Men­schen nur den Nut­zen oder die „freie Wahl“ als Argu­ment an. Der Sou­ve­rän des Ver­ei­nig­ten König­reichs kann sich dar­auf beru­fen, daß die „Con­ven­ti­ons“ (Kon­ven­tio­nen) – d. h., in katho­li­schen Begrif­fen, das öffent­li­che Gewohn­heits­recht (eine Rechts­quel­le, die in der stän­di­gen Wie­der­ho­lung eines bestimm­ten Ver­hal­tens durch die All­ge­mein­heit besteht, ver­bun­den mit der Über­zeu­gung sei­ner Rechts­ver­bind­lich­keit) – ihn ver­pflich­ten, sei­ne Zustim­mung zu Geset­zes­vor­la­gen, die von bei­den Häu­sern des Par­la­ments ver­ab­schie­det wer­den, nur auf Anra­ten sei­ner Mini­ster zu ver­wei­gern. Die­ser Brauch kann ihn jedoch eben­so­we­nig von der Ver­ant­wor­tung für den Erlaß von „Geset­zen“ befrei­en, die an sich unmo­ra­lisch sind, wie ein Sol­dat sich nicht von einem Kriegs­ver­bre­chen frei­spre­chen kann mit der Begrün­dung, er habe „nur Befeh­le befolgt“.

Es liegt eine tie­fe Iro­nie in der Tat­sa­che, daß die Kro­ne, die das Par­la­ment mit der Befug­nis aus­ge­stat­tet hat, von ihren Unter­ta­nen zu ver­lan­gen, daß sie der welt­li­chen Macht Gehor­sam auf ihr Gewis­sen schwö­ren, nun sieht, wie die­se Befug­nis in die Hän­de des­sel­ben Par­la­ments über­geht, das nun sei­ner­seits von der Kro­ne ver­langt, auf ihr Gewis­sen den Gehor­sam zu schwö­ren. Aber trotz aller Iro­nie ver­langt das Gewis­sen, daß dem mör­de­ri­schen Par­la­ment die­sel­be Ant­wort gege­ben wird, die dem mör­de­ri­schen Mon­ar­chen gege­ben wurde:

„Ich bin des Königs treu­er Die­ner, doch Got­tes zuerst.“1

Dies ist zwei­fel­los der Grund, war­um Papst Zacha­ri­as Pip­pin dem Kur­zen vor­schlug, daß es nicht ange­mes­sen ist, daß jemand sich König nennt, wenn er kei­ne wirk­li­che Macht aus­übt. Auf die­se Wei­se wür­de eine Per­son für Hand­lun­gen mora­lisch ver­ant­wort­lich gemacht wer­den, auf die sie kaum Ein­fluß hat. Eben­so lehr­te der hei­li­ge Augu­sti­nus, daß das öffent­li­che Recht nicht zugun­sten unmo­ra­li­scher öffent­li­cher Hand­lun­gen gel­tend gemacht wer­den kann. Das gött­li­che und natür­li­che Recht kann nicht den Geset­zen der Men­schen unter­ge­ord­net werden.

„Men­schen und Völ­ker gehö­ren nicht zur Klas­se der ewi­gen Din­ge, die sich weder ver­än­dern noch ver­ge­hen kön­nen […], son­dern sind ver­än­der­lich und der Zeit unter­wor­fen […]. Ange­nom­men, ein Volk ist gut in Mäßi­gung und Weis­heit erzo­gen und ach­tet gewis­sen­haft auf das Gemein­wohl, sodaß jeder sein eige­nes Inter­es­se weni­ger hoch ein­schätzt als das Gemein­wohl. Ist in einem sol­chen Fall nicht das Gesetz ver­nünf­tig, das es dem Volk erlaubt, sei­ne eige­nen Rich­ter zu wäh­len, die sein eige­nes Inter­es­se, d. h. das öffent­li­che Inter­es­se, wahr­neh­men? Neh­men wir aber auch an, daß das­sel­be Volk all­mäh­lich ver­kommt und das pri­va­te Inter­es­se über das öffent­li­che stellt, Wahl­be­trug zuläßt und, von Ehr­gei­zi­gen kor­rum­piert, die Regie­rung sei­ner selbst den Unehr­li­chen und Delin­quen­ten anver­traut. Wenn es dann einen ehr­li­chen Men­schen gibt, der viel Anse­hen hat, soll­te er dann nicht, eben­falls der Ver­nunft ent­spre­chend, dem Volk die Macht der Ämter­ver­lei­hung ent­zie­hen und sie auf die unbe­grenz­te Macht eini­ger weni­ger ehr­li­cher Men­schen oder sogar eines ein­zi­gen redu­zie­ren?“ (Augu­sti­nus: De Libe­ro Arbi­trio, Buch I, 6, 14).

Natür­lich schlägt nie­mand einen Mili­tär­putsch zur Ver­tei­di­gung des Lebens­rechts der Unge­bo­re­nen vor, der hei­li­ge Augu­sti­nus hat­te aber ein­deu­tig kei­ne Vor­stel­lung davon, daß das posi­ti­ve mensch­li­che Recht eines Tages irgend­wie die Ober­hand über die For­de­run­gen des mora­li­schen Rechts gewin­nen könnte.

In der Tat ist es für die Bewun­de­rer der Erb­mon­ar­chie als System beson­ders unbe­quem zu argu­men­tie­ren, daß ein Mon­arch, der durch Kon­ven­tio­nen gefan­gen ist, die ihn angeb­lich dazu ver­pflich­ten, sogar unmo­ra­li­schen „Geset­zen“ zuzu­stim­men, sich eher einer sol­chen Schlech­tig­keit unter­wer­fen soll­te, als sich dem Wil­len der unmo­ra­li­schen Reprä­sen­tan­ten eines angeb­lich sou­ve­rä­nen Vol­kes zu widersetzen.

Selbst wenn man sich vor­stel­len wür­de, was ganz offen­sicht­lich nicht stimmt, näm­lich daß die Zustim­mung des Mon­ar­chen all­ge­mein als rein zere­mo­ni­ell aner­kannt wird, sodaß er durch die Behaup­tung, der von ihm gegen­ge­zeich­ne­te Geset­zes­ent­wurf spieg­le sei­nen Wil­len wider, in kei­ner Wei­se mora­lisch kom­pro­mit­tiert wer­de, wür­de dies ins Lee­re lau­fen, da eine sol­che Falsch­be­haup­tung selbst schwer sit­ten­wid­rig wäre. Apo­lo­ge­ten der Frei­mau­re­rei recht­fer­ti­gen manch­mal die bösen Schwü­re ihrer Anhän­ger mit der Begrün­dung, daß die­se nicht wirk­lich die Absicht hät­ten, zu tun, was sie schwö­ren. Die Katho­li­ken aber wen­den zu Recht ein, daß die­se Aus­re­de nichts löst, denn wenn der Frei­mau­rer die Bedeu­tung sei­ner Wor­te ver­steht, begeht er eine Got­tes­lä­ste­rung, im Umkehr­fall einen Mein­eid. Tat­sa­che ist, daß die Zustim­mung des Mon­ar­chen im Par­la­ment von Kom­mis­sa­ren fei­er­lich ver­kün­det wird, die ver­mut­lich für ihn arbei­ten, und die­se Ver­laut­ba­rung ist eine not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung dafür, daß ein Gesetz in Kraft tre­ten kann. Selbst in die­sem Sta­di­um des Pro­zes­ses kann er sei­nen Mini­stern noch anord­nen, die­se Zere­mo­nie nicht zuzu­las­sen, oder sie sogar durch eine öffent­li­che Erklä­rung ablehnen.

Ein unge­rech­tes Gesetz ist kein Gesetz, son­dern ein Gewalt­akt. Wenn ein Mensch sich wei­gert, an einem angeb­li­chen Men­schen­ge­setz mit­zu­wir­ken oder die­ses zu befol­gen, das die Ver­let­zung des gött­li­chen oder natür­li­chen Geset­zes erfor­dert, han­delt er nicht als Revo­lu­tio­när, son­dern als Kon­ter­re­vo­lu­tio­när. In die­sem Fall wür­de die Anpas­sung an das angeb­li­che mensch­li­che Gesetz bedeu­ten, Böses zu tun (gegen Got­tes Gesetz zu ver­sto­ßen), damit Gutes (sozia­ler Frie­de) ent­ste­hen kann. Aber die­ser Frie­de ist eine blo­ße Abwe­sen­heit von Kon­flik­ten und Strei­tig­kei­ten zwi­schen den Men­schen. Es ist nicht die Ruhe der Ord­nung, die nur durch die Über­ein­stim­mung der mensch­li­chen Gesell­schaft mit dem Gesetz Got­tes ent­ste­hen kann.

„Den Scha­den mei­nes Vol­kes möch­ten sie leicht­hin hei­len, indem sie rufen: /​ Heil, Heil! Aber kein Heil ist da“ (Jere­mia 6,14).

Stel­len wir uns vor, ein Christ aus dem zwei­ten Jahr­hun­dert wird von einem römi­schen Rich­ter vor­ge­la­den und auf­ge­for­dert, vor einer Jupi­ter­sta­tue Weih­rauch zu ver­bren­nen. Natür­lich wei­gert er sich und macht sich auf die Qua­len der Are­na gefaßt, bis ein auf­merk­sa­mer Anwalt ihm ver­si­chert, daß Gai­us und Ulpia­nus dar­auf behar­ren, daß die Kon­ven­ti­on es eben vor­sieht, dies zu tun, oder zumin­dest so zu tun, als ob er es tun wür­de, und damit wäre er in die­ser Ange­le­gen­heit völ­lig frei von Ver­ant­wor­tung. Wel­che Absur­di­tät! Was für eine Blasphemie!

Das posi­ti­ve mensch­li­che Recht regelt Ange­le­gen­hei­ten, die von Natur aus mora­lisch indif­fe­rent sind. Das heißt, daß alles, was es ver­bie­tet oder gebie­tet, allein durch das mensch­li­che Recht selbst ver­bo­ten oder vor­ge­schrie­ben wird. In sol­chen Fäl­len drückt das mensch­li­che Recht kein vor­aus­ge­hen­des Ver­bot oder Gebot aus, das bereits im natür­li­chen oder gött­li­chen Recht vor­han­den ist, son­dern ist selbst die Quel­le der Ver­pflich­tung, die ihre Kraft aus dem Wil­len Got­tes bezieht, daß der Mensch in der Gesell­schaft leben soll, aber nicht aus einem spe­zi­fi­schen gött­li­chen Gebot. Wenn der Gehor­sam gegen­über dem mensch­li­chen Recht einen Ver­stoß gegen das gött­li­che oder natür­li­che Recht bedeu­tet, ver­liert das mensch­li­che Recht sei­ne Rechts­kraft. Ihm zu fol­gen wird zu einer Sün­de. Unser Herr hält sehr stren­ge Wor­te für jene bereit, die gegen das gött­li­che oder natür­li­che Recht um des mensch­li­chen Rechts wil­len ver­sto­ßen. Er ant­wor­te­te ihnen:

„Der Pro­phet Jesa­ja hat­te Recht mit dem, was er über euch Heuch­ler sag­te: Die­ses Volk ehrt mich mit den Lip­pen, sein Herz aber ist weit weg von mir. Es ist sinn­los, wie sie mich ver­eh­ren; /​ was sie leh­ren, sind Sat­zun­gen von Men­schen. Ihr gebt Got­tes Gebot preis und hal­tet euch an die Über­lie­fe­rung der Men­schen“ (Mk 7,6–8).

Die Hei­li­ge Schrift selbst schließt die Vor­stel­lung aus, man könn­te die Zustim­mung zu einer unmo­ra­li­schen Hand­lung vor­täu­schen, mit der man pri­vat nicht ein­ver­stan­den ist. Im zwei­ten Buch der Mak­ka­bä­er 6,18–31 (pas­sen­der­wei­se die Lesung für das Fest der Hei­li­gen Johan­nes Fischer und Tho­mas Morus), lesen wir:

„Unter den ange­se­hen­sten Schrift­ge­lehr­ten war Elea­sar, ein Mann von hohem Alter und edlen Gesichts­zü­gen. Man sperr­te ihm den Mund auf und woll­te ihn zwin­gen, Schwei­ne­fleisch zu essen. Er aber zog den ehren­vol­len Tod einem Leben voll Schan­de vor, ging frei­wil­lig auf die Fol­ter­bank zu und spuck­te das Fleisch wie­der aus. In sol­cher Hal­tung muss­ten alle her­an­tre­ten, die sich stand­haft wehr­ten zu essen, was man nicht essen darf – nicht ein­mal um des gelieb­ten Lebens wil­len. Die Leu­te, die bei dem gesetz­wid­ri­gen Opfer­mahl Dienst taten und die den Mann von frü­her her kann­ten, nah­men ihn heim­lich bei­sei­te und rede­ten ihm zu, er sol­le sich doch Fleisch holen las­sen, das er essen dür­fe, und es selbst zube­rei­ten. Dann sol­le er tun, als ob er von dem Opfer­fleisch esse, wie es der König befoh­len habe. Wenn er es so mache, ent­ge­he er dem Tod; weil sie alte Freun­de sei­en, wür­den sie ihn mit Nach­sicht behan­deln. Er aber fass­te einen edlen Ent­schluss, wie es sich gehör­te für einen Mann, der so alt und wegen sei­nes Alters ange­se­hen war, in Wür­de ergraut, der von Jugend an vor­bild­lich gelebt und – was noch wich­ti­ger ist – den hei­li­gen, von Gott gege­be­nen Geset­zen gehorcht hat­te. So erklär­te er ohne Umschwei­fe, man sol­le ihn ruhig zur Unter­welt schicken. Wer so alt ist wie ich, soll sich nicht ver­stel­len. Vie­le jun­gen Leu­te könn­ten sonst glau­ben, Elea­sar sei mit sei­nen neun­zig Jah­ren noch zu der frem­den Lebens­art über­ge­gan­gen. Wenn ich jetzt heu­cheln wür­de, um eine gerin­ge, kur­ze Zeit län­ger zu leben, wür­de ich sie irre­lei­ten, mei­nem Alter aber Schimpf und Schan­de brin­gen. Viel­leicht könn­te ich mich für den Augen­blick der Bestra­fung durch die Men­schen ent­zie­hen; doch nie, weder leben­dig noch tot, wer­de ich den Hän­den des All­herr­schers ent­flie­hen. Dar­um will ich jetzt wie ein Mann ster­ben und mich so mei­nes Alters wür­dig zei­gen. Der Jugend aber hin­ter­las­se ich ein leuch­ten­des Bei­spiel, wie man mutig und mit Hal­tung für die ehr­wür­di­gen und hei­li­gen Geset­ze eines schö­nen Todes stirbt. Nach die­sen Wor­ten ging er gera­de­wegs zur Fol­ter­bank. Da schlug die Freund­lich­keit, die ihm sei­ne Beglei­ter eben noch erwie­sen hat­ten, in Feind­schaft um; denn was er gesagt hat­te, hiel­ten sie für Wahn­sinn. Als man ihn zu Tod prü­gel­te, sag­te er stöh­nend: Der Herr mit sei­ner hei­li­gen Erkennt­nis weiß, dass ich dem Tod hät­te ent­rin­nen kön­nen. Mein Kör­per lei­det qual­voll unter den Schlä­gen, mei­ne See­le aber erträgt sie mit Freu­den, weil ich ihn fürch­te. So starb er; durch sei­nen Tod hin­ter­ließ er nicht nur der Jugend, son­dern den mei­sten aus dem Volk ein Bei­spiel für edle Gesin­nung und ein Denk­mal der Tugend.“

Der bri­ti­sche Mon­arch ist natür­lich ein Angli­ka­ner, der nicht nur im Irr­tum erzo­gen wur­de, son­dern spe­zi­ell in die­sem Irr­tum: dem Kai­ser zu geben, was Gott gehört. Katho­li­ken haben kei­ne sol­che Ausrede.

Die­je­ni­gen, die durch Got­tes Gna­de von der Knecht­schaft des Angli­ka­nis­mus befreit wur­den, dür­fen nicht zurück­schau­en, son­dern müs­sen sich vor­be­halt­los von des­sen Wer­ken und Kunst­grif­fen los­sa­gen. Der größ­te Kon­ver­tit aus die­ser Sek­te rief denk­wür­dig aus:

„Zurück­keh­ren zur Kir­che von Eng­land! Nein! ‚Das Netz ist zer­ris­sen und wir sind frei.‘ Ich wäre ein voll­kom­me­ner Idi­ot (um es mil­de aus­zu­drücken), wenn ich in mei­nem Alter ‚das Land, in dem Milch und Honig flie­ßen‘, für die Stadt der Ver­wir­rung und die Hei­mat der Skla­ve­rei ver­las­sen wür­de“ (Wil­frid Ward: The life of John Hen­ry Car­di­nal New­man, Long­mans Green and Co. Ltd., Lon­don, 1927, S. 581).

Von den Altä­ren schrei­en die Stim­men der eng­li­schen Mär­ty­rer, mit denen sich aus Abtrei­bun­gen und Kre­ma­to­ri­en, die die­ses Reich ver­un­stal­ten, die Stim­men der Unschul­di­gen vereinen:

„Bis wann, o Herr, o Hei­li­ger und Wahr­haf­ti­ger, wirst du nicht rich­ten und unser Blut an denen rächen, die auf der Erde woh­nen?“ (Offb 6,10).

*Dr. Alan Fimi­ster ist Assi­stenz­pro­fes­sor für Theo­lo­gie und Kir­chen­ge­schich­te am St. John Vian­ney Semi­na­ry in Den­ver. Er stu­dier­te in Oxford, Aber­deen und Öster­reich und lehr­te Geschich­te, Katho­li­sche Sozi­al­leh­re, Kir­chen­ge­schich­te und Pat­ro­lo­gie in Öster­reich und Groß­bri­tan­ni­en. Schwer­punk­te sei­ner Publi­ka­tio­nen sind die euro­päi­sche poli­ti­sche Geschich­te und tho­mi­sti­sche poli­ti­sche Philosophie.

Erst­ver­öf­fent­li­chung: Voice of the Fami­ly
Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Pix­a­bay


1 Hein­rich VIII. regier­te von 1509 bis 1547 als König von England.

2 Die­se berühm­ten Wor­te, die ein Bekennt­nis der wah­ren Gewis­sens­frei­heit sind, stam­men vom hei­li­gen Tho­mas Morus, der Lord­kanz­ler unter Hein­rich VIII. war, und damit erster Die­ner des Staa­tes. Hein­rich VIII. ließ ihn des­halb am 6. Juli 1535 ent­haup­ten und das Haupt einen Monat lang an der Lon­don Bridge öffent­lich zur Schau stellen.

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3 Kommentare

  1. Der Gegen­satz geist­li­che Macht = Papst, Bischö­fe etc und welt­li­che Macht = Kai­ser, König ist zu kurz gegrif­fen. Die Mon­ar­chen sind selbst auch kirch­li­che Auto­ri­tä­ten. Das hin­dert sie eben­so wenig dar­an, in Irr­tum fal­len zu kön­nen, wie es die nach­kon­zi­liä­ren Päp­ste dar­an hin­der­te. Am besten ist die kirch­li­che Stel­lung des Mon­ar­chen in den ‚Gal­li­ka­ni­schen Arti­keln‘ aus­ge­drückt – und natür­lich in der Sal­bung mit Chri­sam­öl am Haup­te vor dem ‚Putsch‘ Gre­gors VII und des­sen unmit­tel­ba­rer Nach­fol­ger. Damit sind die­se Päp­ste selbst schuld am ent­ste­hen­den Dua­lis­mus geist­li­che – welt­li­che Macht und am nach­fol­gen­den Exzeß des posi­ti­ven Rechtes.

  2. Nie­mand kann sagen, ob die Köni­gin ange­sichts die­ses Geset­zes Gewis­sen­bis­se hat­te oder nicht. Es kann sein, daß sie von ihrer Fami­lie dazu gedrängt wur­de. Denn alle hät­ten in welt­li­cher Sicht wahr­schein­lich viel zu ver­lie­ren gehabt.
    Es ging auch nicht mehr so sehr um den Schutz der Unge­bo­re­nen, son­dern um den Schutz des Staa­tes und sei­ner Insti­tu­tio­nen vor sich selbst.
    Die Queen könn­te unaus­ge­spro­chen gesagt haben: „hier habt ihr was ihr wollt. Ihr Poli­ti­ker kommt und geht, die Mon­ar­chie aber bleibt.“ Und sie hat­te vie­le Pre­mier­mi­ni­ster über­dau­ert. Wie auch immer: den unge­bo­re­nen Unter­ta­nen hat sie kei­nen Gefal­len getan und Groß­bri­tan­ni­en als Staat auch nicht, der tief gespal­ten und zer­ris­sen ist.

  3. Von einem deutsch-jüdi­schen Sän­ger gibt es einen bereits in die Jah­re gekom­me­nen Spruch über Ange­li­ka Mer­kel: „Ange­li­ka Mer­kel hat weni­ger Macht als mei­ne Putzfrau!“
    So auch sehe ich das schreck­lich anbie­dern­de Geba­ren des angli­ka­ni­schen Königs­hau­ses an den Zeit­geist. Unter Charles und Wil­liam wird noch viel deut­li­cher, wie sehr sie only pup­pet masters sind, nicht mehr und nicht weniger.
    Als Reprä­sen­tan­ten der Regie­rung sind die Roy­als zudem alle­samt Freimaurer.
    Kein Wun­der dass Groß­bri­ta­ni­en nach dem WK II sei­ne Mon­ar­chie behal­ten durf­te, wäh­rend die besieg­ten Staa­ten selbst des Scheins der Wür­de beraubt wur­den und fak­tisch einer Dau­er­de­mü­ti­gung aus­ge­setzt waren
    Heu­te wer­den die­se Ver­de­mü­ti­gun­gen nicht mehr emp­fun­den, da ein dege­ne­rier­ter Volks­geist nichts mehr zu tun hat mit dem Begriff von Nati­on und Natio­nal­be­wusst­sein unse­rer Vorfahren.
    Die Wind­sors hin­ter­las­sen in mei­nen Augen ledig­lich den Ein­druck, an der Fir­ma und deren Pfrün­den fest­zu­kle­ben, wes­halb sie auch in jeder nur denk­ba­ren Form erpress­bar von Sei­ten ihrer Brot­her­ren (der Par­la­men­ta­ri­er) sind.
    Mit Moral, Ehre und Gewis­sen hat das nichts mehr zu tun, wenn eine Köni­gin ein Abtrei­bungs­ge­setz rati­fi­ziert. Zu erklä­ren ist das alles nur durch den sata­ni­schen Geist der Frei­mau­re­rei, der die­se Fami­lie fest in sei­nen Klau­en gefan­gen hält.

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