DILECTA MEA – eine neue Initiative von Erzbischof Carlo Maria Viganò

Bekenntnis – die neue Initiative von Erzbischof Carlo Maria Viganò

Wie ich den überlieferten Ritus wiederentdeckt habe und Zeugnis gebe. Eine neue Initiative von Erzbischof Carlo Maria Viganò.
Wie ich den überlieferten Ritus wiederentdeckt habe und Zeugnis gebe. Eine neue Initiative von Erzbischof Carlo Maria Viganò.

Der über­lie­fer­te Ritus steht seit dem Motu pro­prio Tra­di­tio­nis custo­des von Papst Fran­zis­kus schwer unter Druck. Laut päpst­li­chem Wil­len sei er nicht nur über­flüs­sig, son­dern Aus­druck des Wider­spruchs. Wer sich zu ihm bekennt, gebe sich als Oppo­nent des amtie­ren­den Pap­stes und der kirch­li­chen Ein­heit zu erken­nen, so die Logik hin­ter Tra­di­tio­nis custo­des. Die­ser setzt Erz­bi­schof Car­lo Maria Viganò, der ehe­ma­li­ge Apo­sto­li­sche Nun­ti­us in den USA, der die Ver­strickung von Papst Fran­zis­kus in den McCarrick-Skan­dal auf­deck­te, eine neue Initia­ti­ve ent­ge­gen: Das Bekennt­nis, indem er schil­dert, wie er selbst den über­lie­fer­ten Ritus wie­der­ent­deck­te. Zugleich wen­det er sich an sei­ne Mit­brü­der im Bischofs­amt und an alle Prie­ster, selbst Zeug­nis abzu­le­gen bzw. sich auf­zu­ma­chen, um den über­lie­fer­ten Ritus jetzt und gera­de jetzt wie­der­zu­ent­decken oder neu zu entdecken.

Dilecta mea

Ihr, die ihr euch erlaubt, die apo­sto­li­sche Hei­li­ge Mes­se zu ver­bie­ten, habt ihr sie jemals zele­briert? Ihr, die ihr von euren hohen lit­ur­gi­schen Lehr­stüh­len aus schar­fe Urtei­le über die „alte Mes­se“ sprecht, habt ihr jemals über ihre Gebe­te, ihre Riten, ihre uralten und hei­li­gen Gesten nach­ge­dacht? Ich habe mir die­se Fra­ge in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mehr­mals gestellt, weil ich selbst, der ich die­se Mes­se seit mei­ner Kind­heit kann­te und, als Mini­strant, als ich noch kur­ze Hosen trug, gelernt hat­te, auf den Zele­bran­ten zu ant­wor­ten, sie fast ver­ges­sen und ver­lo­ren hat­te. Introi­bo ad alta­re Dei. Im Win­ter vor dem Weg zur Schu­le auf den eisi­gen Stu­fen des Altars knien. In der Hit­ze man­cher Som­mer­ta­ge schwit­ze ich unter mei­nem Gewand als Meß­die­ner. Ich hat­te die­se Mes­se ver­ges­sen, die auch die mei­ner Prie­ster­wei­he am 24. März 1968 war: eine Zeit, in der man bereits die Zei­chen der Revo­lu­ti­on spü­ren konn­te, die die Kir­che bald ihres wert­voll­sten Schat­zes berau­ben wür­de, um einen gefälsch­ten Ritus einzuführen.

Nun, die Mes­se, wel­che die Kon­zils­re­form in mei­nen ersten Prie­ster­jah­ren aus­ge­löscht und unter­sagt hat­te, blieb wie eine fer­ne Erin­ne­rung, wie das Lächeln eines lie­ben, aber fer­nen Men­schen, wie der Blick eines ver­stor­be­nen Ver­wand­ten, wie der Klang eines Sonn­tags mit sei­nem Glocken­ge­läut und sei­nen freund­li­chen Stim­men. Aber es hat­te etwas Nost­al­gi­sches, das die Jugend betraf, mit dem Enthu­si­as­mus einer Zeit, in der die kirch­li­chen Ver­pflich­tun­gen noch vor uns lagen, in der wir alle glau­ben woll­ten, daß die Welt die Nach­kriegs­zeit und die Bedro­hung durch den Kom­mu­nis­mus mit einem neu­en gei­sti­gen Schwung über­win­den könn­te. Wir woll­ten glau­ben, daß der wirt­schaft­li­che Wohl­stand irgend­wie mit einer mora­li­schen und reli­giö­sen Wie­der­ge­burt des Lan­des ein­her­ge­hen könn­te. Trotz 68, der Beset­zun­gen, des Ter­ro­ris­mus, der Roten Bri­ga­den, der Nah­ost­kri­se. Inmit­ten von Tau­sen­den von kirch­li­chen und diplo­ma­ti­schen Ver­pflich­tun­gen hat­te sich in mei­nem Gedächt­nis aber die Erin­ne­rung an etwas her­aus­kri­stal­li­siert, das eigent­lich unge­löst geblie­ben war und jahr­zehn­te­lang „vor­über­ge­hend“ bei­sei­te­ge­legt wur­de. Etwas, das gedul­dig war­te­te, mit der Nach­sicht, die nur Gott uns entgegenbringt.

Wappen von Erzbischof Carlo Maria Viganò
Wap­pen von Erz­bi­schof Car­lo Maria Viganò

Mei­ne Ent­schei­dung, die Skan­da­le der ame­ri­ka­ni­schen Prä­la­ten und der Römi­schen Kurie anzu­pran­gern, hat mich dazu gebracht, nicht nur mei­ne Rol­le als Erz­bi­schof und Apo­sto­li­scher Nun­ti­us in einem ande­ren Licht zu betrach­ten, son­dern auch die See­le die­ses Prie­ster­tums, das der Dienst zuerst im Vati­kan und dann in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten irgend­wie unvoll­stän­dig gelas­sen hat­te: mehr wegen mei­nes Prie­sterseins als wegen des Amtes. Und was ich bis dahin nicht ver­stan­den hat­te, wur­de mir durch einen schein­bar uner­war­te­ten Umstand klar, als mei­ne per­sön­li­che Sicher­heit in Gefahr zu sein schien und ich mich trotz allem gezwun­gen sah, fast im Unter­grund zu leben, weit weg von den Palä­sten der Kurie. Damals führ­te mich die­se geseg­ne­te Abson­de­rung, die ich heu­te als eine Art mön­chi­sche Ent­schei­dung betrach­te, zur Wie­der­ent­deckung der hei­li­gen triden­ti­ni­schen Mes­se. Ich erin­ne­re mich gut an den Tag, an dem ich anstel­le der übli­chen Kasel das tra­di­tio­nel­le Gewand mit dem Ambro­sia­ni­schen Cap­pi­no und der Mani­pel trug: Ich erin­ne­re mich an die Befürch­tun­gen, die ich emp­fand, als ich nach fast fünf­zig Jah­ren die Gebe­te aus dem Meß­buch aus­sprach, und die mir wie­der aus dem Mund kamen, als hät­te ich sie noch bis vor kur­zem rezi­tiert. Con­fite­mi­ni Domi­no, quo­ni­am bonus, anstel­le des Psalms Judi­ca me, Deus des Römi­schen Ritus. Mun­da cor meum ac labia mea. Es waren nicht mehr die Wor­te des Meß­die­ners oder des jun­gen Semi­na­ri­sten, son­dern die Wor­te des Zele­bran­ten, die Wor­te von mir, der ich zum ersten Mal wie­der vor der Aller­hei­lig­sten Drei­fal­tig­keit zele­brier­te. Denn es stimmt zwar, daß der Prie­ster eine Per­son ist, die im wesent­li­chen für ande­re lebt – für Gott und für den Näch­sten –, aber es stimmt auch, daß sein Apo­sto­lat so unfrucht­bar ist wie eine klin­gen­de Zim­bel, wenn er sich sei­ner eige­nen Iden­ti­tät nicht bewußt ist und sei­ne eige­ne Hei­lig­keit nicht pflegt.

Ich bin mir bewußt, daß die­se Über­le­gun­gen jene teil­nahms­los las­sen, wenn nicht sogar Mit­leid erre­gen, die nie die Gna­de hat­ten, die über­lie­fer­te Mes­se zu fei­ern. Aber das Glei­che pas­siert jenen, so stel­le ich es mir vor, die noch nie ver­liebt waren und die die Begei­ste­rung und die keu­sche Hin­wen­dung des Gelieb­ten zu sei­ner Gelieb­ten nicht ver­ste­hen, denen, die die Freu­de nicht ken­nen, sich in ihren Augen zu ver­lie­ren. Der graue römi­sche Lit­ur­gi­ker, der Prä­lat mit sei­nem maß­ge­schnei­der­ten Cler­gy­man und dem Brust­kreuz in der Tasche, der Con­sul­tor einer Kon­gre­ga­ti­on mit der neue­sten Aus­ga­be von Con­ci­li­um oder Civil­tà Cat­to­li­ca in der Hand, betrach­ten die Mes­se des hei­li­gen Pius V. mit den Augen des Ento­mo­lo­gen (jener Wis­sen­schaft, die Insek­ten stu­diert), der eine Peri­ko­pe unter die Lupe nimmt wie ein Natur­for­scher die Adern eines Blat­tes oder die Flü­gel eines Schmet­ter­lings. In der Tat fra­ge ich mich manch­mal, ob sie das nicht mit der Asep­sis eines Patho­lo­gen tun, der mit dem Skal­pell in einen leben­den Kör­per schnei­det. Aber wenn ein Prie­ster mit einem Min­dest­maß an inne­rem Leben sich der über­lie­fer­ten Mes­se nähert, unab­hän­gig davon, ob er sie schon ein­mal gekannt hat oder sie zum ersten Mal ent­deckt, wird er von der geord­ne­ten Maje­stät des Ritus tief bewegt, als ob er aus der Zeit hin­aus­tritt und in die Ewig­keit Got­tes hin­ein.

Ich möch­te mei­nen Mit­brü­dern im Bischofs- und Prie­ster­amt ver­ständ­lich machen, daß die­se Mes­se an sich gött­lich ist, weil man in ihr das Hei­li­ge auf eine ganz intui­ti­ve Wei­se wahr­nimmt: Man wird buch­stäb­lich in den Him­mel ent­rückt, in die Gegen­wart der Aller­hei­lig­sten Drei­fal­tig­keit und des himm­li­schen Hofes, weit weg vom Lärm der Welt. Sie ist ein Lie­bes­lied, in dem die Wie­der­ho­lung der Zei­chen, Ehr­er­bie­tun­gen und hei­li­gen Wor­te nichts Unnüt­zes an sich hat, so wie die Mut­ter nicht müde wird, ihr Kind zu küs­sen, und die Braut ihrem Bräu­ti­gam immer wie­der „Ich lie­be dich“ zu sagen. Alles ist ver­ges­sen, denn alles, was dort gesagt und gesun­gen wird, ist ewig, alle Gesten, die dort aus­ge­führt wer­den, sind immer­wäh­rend, außer­halb der Geschich­te und doch ein­ge­bet­tet in ein Kon­ti­nu­um, das den Abend­mahls­saal, den Kal­va­ri­en­berg und den Altar, auf dem sie zele­briert wird, ver­eint. Der Zele­brant wen­det sich nicht an die Ver­samm­lung, um ver­ständ­lich zu sein oder sich sym­pa­thisch zu machen oder à la page zu erschei­nen, son­dern an Gott: Und vor Gott gibt es nur das Gefühl der unend­li­chen Dank­bar­keit für das Pri­vi­leg, die Gebe­te des christ­li­chen Vol­kes, die Freu­den und Sor­gen so vie­ler See­len, die Sün­den und Feh­ler derer, die um Ver­ge­bung und Barm­her­zig­keit fle­hen, die Dank­bar­keit für die emp­fan­ge­nen Gna­den und die Für­bit­ten für unse­re lie­ben Ver­stor­be­nen mit­tra­gen zu dür­fen. Man ist allein, und gleich­zei­tig doch eng ver­bun­den mit einer unend­li­chen Schar von See­len, die Zeit und Raum umspan­nen.

Wenn ich die apo­sto­li­sche Mes­se zele­brie­re, den­ke ich dar­an, daß auf dem­sel­ben Altar, der mit den Reli­qui­en der Mär­ty­rer geweiht ist, schon vie­le Hei­li­ge und Tau­sen­de von Prie­stern zele­briert haben, indem sie die­sel­ben Wor­te gebraucht haben wie ich, die­sel­ben Gesten wie­der­hol­ten, die glei­chen Ver­beu­gun­gen und Knie­beu­gen mach­ten und die­sel­ben Gewän­der tru­gen. Vor allem aber haben sie mit dem­sel­ben Leib und Blut unse­res Herrn kom­mu­ni­ziert, dem wir alle uns durch die Dar­brin­gung des hei­li­gen Opfers gleich­ge­macht haben. Wenn ich die Mes­se zele­brie­re, erken­ne ich auf die erha­ben­ste und voll­stän­dig­ste Wei­se die wah­re Bedeu­tung des­sen, was die Leh­re uns lehrt. Das Han­deln in per­so­na Chri­sti ist kei­ne mecha­ni­sche Wie­der­ho­lung einer For­mel, son­dern das Wis­sen, daß mein Mund die­sel­ben Wor­te spricht, die der Erlö­ser im Abend­mahls­saal über Brot und Wein gespro­chen hat; daß ich, wenn ich Hostie und Kelch zum Vater erhe­be, die Opfe­rung wie­der­ho­le, die Chri­stus am Kreuz voll­zo­gen hat; daß ich bei der Kom­mu­ni­on das Süh­ne­op­fer zu mir neh­me und mich von Gott ernäh­re, und nicht an irgend­ei­nem Fest­chen teil­neh­me. Und mit mir ist die gan­ze Kir­che: die tri­um­phie­ren­de Kir­che, die sich mei­nem fle­hen­den Gebet anschließt, die lei­den­de Kir­che, die dar­auf war­tet, den Auf­ent­halt der See­len im Fege­feu­er zu ver­kür­zen, die kämp­fe­ri­sche Kir­che, die sich im täg­li­chen geist­li­chen Kampf stärkt. Wenn aber, wie wir im Glau­ben beken­nen, unser Mund der Mund Chri­sti ist, wenn unse­re Wor­te bei der Kon­se­kra­ti­on die Wor­te Chri­sti sind, wenn die Hän­de, mit denen wir die hei­li­ge Hostie und den Kelch berüh­ren, die Hän­de Chri­sti sind, wel­che Ehr­furcht soll­ten wir dann vor unse­rem Kör­per haben und ihn rein und unver­sehrt hal­ten? Gibt es einen bes­se­ren Anreiz, in der Gna­de Got­tes zu blei­ben? Mun­da­mi­ni, qui fer­tis vasa Domi­ni [Hal­tet euch rein, denn ihr tragt die Gerä­te des Herrn, Jes 52,11]. Und mit den Wor­ten des Mis­sa­le: Auf­er a nobis, quæ­su­mus, Domi­ne, ini­qui­ta­tes nostras: ut ad sanc­ta sanc­torum puris merea­mur men­ti­bus introi­re [Herr, wir bit­ten Dich: Nimm unse­re Sün­den von uns weg und laß uns mit rei­ner See­le ins Aller­hei­lig­ste ein­ge­hen, Gebet des Prie­sters beim Auf­stieg zum Altar].

Der Theo­lo­ge wird mir sagen, daß dies die all­ge­mei­ne Leh­re ist, und daß die Mes­se genau das ist, unab­hän­gig vom Ritus. Ich leug­ne es nicht, ratio­nal gese­hen. Aber wäh­rend die Zele­bra­ti­on der triden­ti­ni­schen Mes­se eine stän­di­ge Erin­ne­rung an die unun­ter­bro­che­ne Kon­ti­nui­tät des Erlö­sungs­wer­kes ist, das mit Hei­li­gen und Seli­gen umrahmt ist, scheint mir das beim refor­mier­ten Ritus nicht der Fall zu sein. Wenn ich auf den Tisch ver­sus popu­lum schaue, sehe ich den luthe­ri­schen Altar oder den pro­te­stan­ti­schen Tisch; wenn ich die Ein­set­zungs­wor­te in Form einer Erzäh­lung des letz­ten Abend­mahls lese, höre ich dort die Ände­run­gen von Cran­mers Com­mon Book of Pray­er und Cal­vins Got­tes­dienst; wenn ich durch den refor­mier­ten Kalen­der blät­te­re, fin­de ich dort genau die Hei­li­gen getilgt, die die Ket­zer der Pseu­do-Refor­ma­ti­on aus­ge­löscht haben. Das Glei­che gilt für die Gesän­ge, die einen eng­li­schen oder deut­schen Katho­li­ken ent­set­zen müß­ten: Unter den Gewöl­ben einer Kir­che die Chö­re jener zu hören, die unse­re Prie­ster gemar­tert und das Aller­hei­lig­ste Sakra­ment aus Trotz gegen den „päpst­li­chen Aber­glau­ben“ mit Füßen getre­ten haben, soll­te die Kluft zwi­schen der katho­li­schen Mes­se und ihrer kon­zi­lia­ren Fäl­schung ver­ste­hen las­sen. Ganz zu schwei­gen von der Spra­che: Die ersten, die die latei­ni­sche Spra­che abschaff­ten, waren die Ket­zer selbst, im Namen eines bes­se­ren Ver­ständ­nis­ses der Riten für das Volk; ein Volk, das sie täusch­ten, indem sie die offen­bar­te Wahr­heit in Fra­ge stell­ten und den Irr­tum ver­brei­te­ten. Im Novus Ordo ist alles pro­fan. Alles ist vor­über­ge­hend, alles zufäl­lig, alles kon­tin­gent, varia­bel, ver­än­der­bar. Es gibt nichts Ewi­ges, denn die Ewig­keit ist unver­än­der­lich, so wie auch der Glau­be unver­än­der­lich ist. So unwan­del­bar, wie Gott ist.

Es gibt noch einen wei­te­ren Aspekt der tra­di­tio­nel­len Hei­li­gen Mes­se, den ich her­vor­he­ben möch­te und der uns mit den Hei­li­gen und Mär­ty­rern der Ver­gan­gen­heit ver­bin­det. Seit der Zeit der Kata­kom­ben und bis her­auf zu den letz­ten Ver­fol­gun­gen ist der Prie­ster, wo immer er das Hei­li­ge Opfer dar­bringt, ob auf dem Dach­bo­den oder im Kel­ler, im Gebüsch, in einer Scheu­ne oder sogar in einem Lie­fer­wa­gen, auf mysti­sche Wei­se mit die­ser Schar heroi­scher Glau­bens­zeu­gen ver­bun­den, und auf jedem noch so behelfs­mä­ßi­gen Altar ruht der Blick der Hei­lig­sten Drei­fal­tig­keit, vor ihm ver­nei­gen sich alle Engel­scha­ren in Anbe­tung, vor ihm schau­en die See­len im Fege­feu­er. Auch dar­in, vor allem dar­in, ver­steht jeder von uns, wie die Tra­di­ti­on über die Jahr­hun­der­te hin­weg ein unauf­lös­li­ches Band schafft, nicht nur in der eifer­süch­ti­gen Bewah­rung die­ses Schat­zes, son­dern auch in der Bewäl­ti­gung der Prü­fun­gen, die sie mit sich bringt, bis hin zum Tod. Ange­sichts die­ses Gedan­kens muß uns die Arro­ganz des gegen­wär­ti­gen Tyran­nen mit sei­nen wahn­wit­zi­gen Dekre­ten in unse­rer Treue zu Chri­stus bestär­ken und uns als inte­gra­len Bestand­teil der Kir­che aller Zei­ten füh­len las­sen, denn man kann nicht die Sie­ge­spal­me gewin­nen, wenn man nicht bereit ist, das bonum cer­ta­men [den guten Kampf] zu kämp­fen.

Ich möch­te, daß mei­ne Mit­brü­der das Undenk­ba­re wagen: Ich möch­te, daß sie sich der triden­ti­ni­schen Mes­se nähern, nicht um sich an der Spit­ze eines Chor­hem­des oder der Sticke­rei eines Mess­ge­wan­des zu erfreu­en, oder aus blo­ßer ratio­na­ler Über­zeu­gung über ihre kano­ni­sche Legi­ti­mi­tät oder die Tat­sa­che, daß sie nie abge­schafft wur­de, son­dern mit der Ehr­furcht, mit der Moses sich dem bren­nen­den Dorn­busch näher­te; in dem Wis­sen, daß jeder von uns, wenn wir nach dem letz­ten Evan­ge­li­um vom Altar her­ab­stei­gen, in gewis­ser Wei­se inner­lich ver­klärt ist, weil wir dort dem Aller­hei­lig­sten begeg­net sind. Nur dort, auf jenem mysti­schen Sinai, kön­nen wir das Wesen unse­res Prie­ster­tums ver­ste­hen, das vor allem Selbst­hin­ga­be an Gott ist, die Hin­ga­be des eige­nen Wesens zusam­men mit Chri­stus, dem Opfer, zur grö­ße­ren Ehre Got­tes und zur Ret­tung der See­len, ein geist­li­ches Opfer, das sei­ne Kraft und Stär­ke aus der Mes­se bezieht; Selbst­ver­leug­nung, um dem Hohe­prie­ster Platz zu machen; ein Zei­chen wah­rer Demut, in der Ver­nich­tung des eige­nen Wil­lens und der Hin­ga­be an den Wil­len des Vaters, nach dem Bei­spiel des Herrn; eine Geste ech­ter „Gemein­schaft“ mit den Hei­li­gen, indem man das­sel­be Glau­bens­be­kennt­nis und den­sel­ben Ritus teilt. Und ich wün­sche mir, daß die­se „Erfah­rung“ nicht nur von denen gemacht wird, die seit Jahr­zehn­ten den Novus Ordo zele­brie­ren, son­dern vor allem von den jun­gen Prie­stern und denen, die ihren Dienst an vor­der­ster Front aus­üben: Die Mes­se des hei­li­gen Pius V. ist für unbeug­sa­me Gei­ster, für hoch­her­zi­ge und hel­den­haf­te See­len, für Her­zen, die vor Lie­be zu Gott und zum Näch­sten bren­nen.

Ich weiß: Das Leben der Prie­ster besteht heu­te aus tau­send Prü­fun­gen, aus Streß, aus dem Gefühl, allein gegen die Welt zu kämp­fen, aus dem Des­in­ter­es­se und der Äch­tung durch die Obe­ren, aus einer lang­sa­men Abnut­zung, die von der Besin­nung, vom inne­ren Leben, vom geist­li­chen Wachs­tum ablenkt. Und ich weiß sehr wohl, daß die­ses Gefühl der Bela­ge­rung, sich wie ein ein­sa­mer See­mann zu füh­len, der ein stür­mi­sches Schiff steu­ern muß, weder das Vor­recht der Tra­di­tio­na­li­sten noch der Pro­gres­si­ven ist, son­dern das gemein­sa­me Schick­sal all derer, die ihr Leben dem Herrn und der Kir­che geop­fert haben, jeder mit sei­nen eige­nen Nöten, wirt­schaft­li­chen Pro­ble­men, Miß­ver­ständ­nis­sen mit dem Bischof, Kri­tik der Brü­der, Bit­ten der Gläu­bi­gen. Und die­se Stun­den der Ein­sam­keit, in denen die Gegen­wart Got­tes und die Beglei­tung der Jung­frau zu ver­schwin­den schei­nen, wie in der dunk­len Nacht des hei­li­gen Johan­nes vom Kreuz. Qua­re me repu­li­sti? Et qua­re tri­stis ince­do, dum aff­li­git me ini­mi­cus? [War­um hast du mich ver­sto­ßen? War­um muß ich trau­ernd umher­ge­hen, von mei­nem Feind bedrängt?, Ps 43,2]. Wenn der Teu­fel bös­wil­lig durch Inter­net und Fern­se­hen schleicht, quæ­rens quem devor­et [und sucht, wen er ver­schlin­gen kann, 1 Pet 5,8], und unse­re Müdig­keit heim­tückisch aus­nutzt. In die­sen Fäl­len, denen wir alle gegen­über­ste­hen, wie unser Herr in Geth­se­ma­ne, ist es unser Prie­ster­tum, das Satan angrei­fen will, indem er sich über­zeu­gend wie Salo­me vor Hero­des prä­sen­tiert und uns den Kopf des Täu­fers als Geschenk anbie­tet. Ab homi­ne ini­quo, et dolo­so erue me [Ret­te mich vor bösen und tücki­schen Men­schen!, Ps 42,1]. In der Prü­fung sind wir alle gleich, denn der Sieg, den der Feind errin­gen will, ist nicht nur über unse­re arme See­le als Getauf­te, son­dern über Chri­stus, den Prie­ster, des­sen Sal­bung wir tragen.

Aus die­sem Grund ist die hei­li­ge triden­ti­ni­sche Mes­se heu­te mehr denn je der ein­zi­ge Ret­tungs­an­ker für das katho­li­sche Prie­ster­tum, denn in ihr wird der Prie­ster jeden Tag in jener pri­vi­le­gier­ten Zeit der inni­gen Ver­ei­ni­gung mit der hei­li­gen Drei­fal­tig­keit erneu­ert und schöpft dar­aus die unent­behr­li­chen Gna­den, um nicht in Sün­de zu ver­fal­len, um auf dem Weg der Hei­lig­keit vor­an­zu­schrei­ten und um das gesun­de Gleich­ge­wicht zu fin­den, mit dem er sich dem Amt stel­len kann. Wer glaubt, daß all dies als eine rein zere­mo­ni­el­le oder ästhe­ti­sche Ange­le­gen­heit abge­tan wer­den kann, hat nichts von sei­ner eige­nen Beru­fung ver­stan­den. Denn die Hei­li­ge Mes­se „aller Zei­ten“ – und das ist sie wirk­lich, da sie immer vom Wider­sa­cher bekämpft wur­de – kei­ne will­fäh­ri­ge Gelieb­te, die sich jedem anbie­tet, son­dern eine eifer­süch­ti­ge und keu­sche Braut, so wie der Herr eifer­süch­tig ist.

Wollt ihr Gott gefal­len oder denen, die euch von Ihm fern­hal­ten? Letzt­lich geht es immer um die­se eine Fra­ge: die Wahl zwi­schen dem sanf­ten Joch Chri­sti und den Ket­ten der Skla­ve­rei des bösen Fein­des. Die Ant­wort wird euch klar wer­den, wenn auch ihr, stau­nend über die­sen uner­meß­li­chen Schatz, der euch vor­ent­hal­ten wur­de, ent­deckt, was es bedeu­tet, das hei­li­ge Opfer nicht als arm­se­li­ge „Vor­ste­her der Ver­samm­lung“ zu zele­brie­ren, son­dern als „Die­ner Chri­sti und als Ver­wal­ter von Geheim­nis­sen Got­tes“ (1 Kor 4,1).

Nehmt das Mis­sa­le in die Hand, bit­tet einen befreun­de­ten Prie­ster um Hil­fe und steigt hin­auf zum Berg der Ver­klä­rung: Emit­te lucem tuam et veri­tatem tuam: ipsa me dedu­xer­unt, et addu­xer­unt in mon­tem sanc­tum tuum, et in taber­nacu­la tua [Sen­de dein Licht und dei­ne Wahr­heit, damit sie mich lei­ten; sie sol­len mich füh­ren zu dei­nem hei­li­gen Berg und zu dei­ner Woh­nung, Ps 43,3]. Wie Petrus, Jako­bus und Johan­nes wer­det ihr aus­ru­fen: Domi­ne, bonum est nos hic esse, „Herr, es ist gut, daß wir hier sind“ (Mt 17,4). Oder, mit den Wor­ten des Psal­mi­sten, die der Zele­brant beim Offer­to­ri­um wie­der­holt: Domi­ne, dil­e­xi decorem domus tuæ, et locum habi­ta­tio­nis glo­riæ tuæ [Herr, ich lie­be den Ort, wo dein Tem­pel steht, die Stät­te, wo dei­ne Herr­lich­keit wohnt, Ps 26,8].

Wenn ihr das ent­deckt habt, wird euch nie­mand mehr das neh­men kön­nen, wofür der Herr euch nicht mehr als Knech­te bezeich­net, son­dern Freun­de nennt (Joh 15,15). Nie­mand wird euch jemals dazu über­re­den kön­nen, dar­auf zu ver­zich­ten, und euch zwin­gen, sich mit ihrer Ver­fäl­schung durch rebel­li­sche Gei­ster zufrie­den zu geben. Era­tis enim ali­quan­do tenebræ: nunc enim lux in Domi­no. Ut filii lucis ambu­la­te. „Denn einst wart ihr Fin­ster­nis, jetzt aber seid ihr durch den Herrn Licht gewor­den. Lebt als Kin­der des Lichts!“ (Eph 5,8). Prop­ter quod dicit: Sur­ge qui dor­mis, et exsur­ge a mor­tuis, et illu­mina­bit te Chri­stus. Des­halb steht geschrie­ben: „Wach auf, du Schlä­fer, und steh auf von den Toten und Chri­stus wird dein Licht sein“ (Eph 5,14).

+ Car­lo Maria Viganò, Erz­bi­schof

2. Janu­ar 2022
Sanc­tis­si­mi Nomi­nis JESU

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: NLM/Youtuve (Screen­shot)

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