„Das Gebet ist die Lunge, die den Jüngern aller Zeiten Atem gibt“

Mittwochskatechese von Papst Franziskus

Generalaudienz

Lie­be Brü­der und Schwe­stern,
guten Tag!

50 Tage nach Ostern erle­ben die Apo­stel in jenem Abend­mahls­saal, der nun­mehr ihr Zuhau­se ist und wo die Gegen­wart Mari­ens, der Mut­ter des Herrn, das Ele­ment ist, das Zusam­men­halt schafft, ein Ereig­nis, das ihre Erwar­tun­gen über­trifft. Im Gebet ver­sam­melt – das Gebet ist die »Lun­ge«, die den Jün­gern aller Zei­ten Atem gibt:

Ohne Gebet kann man kein Jün­ger Jesu sein; ohne Gebet kön­nen wir kei­ne Chri­sten sein! Es ist die Luft, es ist die Lun­ge des christ­li­chen Lebens – wer­den sie über­rascht vom Ein­bre­chen Got­tes. Es ist ein Ein­bre­chen, das kei­ne Ver­schlos­sen­heit dul­det: Es öff­net die Türen weit durch die Kraft eines Win­des, der an die »Ruach«, den ursprüng­li­chen Hauch, erin­nert, und erfüllt die Ver­hei­ßung der »Kraft«, die der Auf­er­stan­de­ne vor sei­nem Abschied gemacht hat (vgl. Apg 1,8). Da kam plötz­lich vom Him­mel her »ein Brau­sen, wie wenn ein hef­ti­ger Sturm daher­fährt, und erfüll­te das gan­ze Haus, in dem sie saßen« (Apg 2,2).

Zum Wind kommt dann das Feu­er hin­zu, das an den bren­nen­den Dorn­busch und den Sinai erin­nert, mit dem Geschenk der zehn Wor­te (vgl. Ex 19,16–19). In der bibli­schen Über­lie­fe­rung beglei­tet das Feu­er die Offen­ba­rung Got­tes. Im Feu­er über­gibt Gott sein leben­di­ges und wirk­sa­mes Wort (vgl. Hebr 4,12), das zur Zukunft hin öff­net; das Feu­er drückt sym­bo­lisch sein Werk aus, die Her­zen zu erwär­men, zu erleuch­ten und zu prü­fen, und sei­ne Für­sor­ge, indem er die mensch­li­chen Wer­ke auf ihre Wider­stands­fä­hig­keit prüft, sie läu­tert und neu belebt. Wäh­rend man am Sinai die Stim­me Got­tes hört, spricht in Jeru­sa­lem am Pfingst­fest Petrus, der Fels, auf den Chri­stus beschlos­sen hat, sei­ne Kir­che zu bau­en. Sein Wort, das schwach und sogar fähig ist, den Herrn zu ver­leug­nen, bekommt, vom Geist durch­drun­gen, Kraft und wird fähig, die Her­zen zu durch­boh­ren und zur Umkehr zu bewe­gen. Denn Gott erwählt das Schwa­che in der Welt, um das Star­ke zuschan­den zu machen (vgl. 1 Kor 1,27).

Die Kir­che ent­steht also aus dem Feu­er der Lie­be und aus einem »Brand«, der an Pfing­sten auf­lo­dert und die Kraft des Wor­tes des Auf­er­stan­de­nen, vom Hei­li­gen Geist getränkt, zum Aus­druck bringt. Der neue und end­gül­ti­ge Bund ist nicht mehr auf ein Gesetz gegrün­det, das in Stein­ta­feln geschrie­ben ist, son­dern auf das Wir­ken des Gei­stes Got­tes, der alles neu macht und in Her­zen aus Fleisch ein­ge­schrie­ben ist.

Das Wort der Apo­stel wird vom Geist des Auf­er­stan­de­nen durch­tränkt und wird zum neu­en, ande­ren Wort, das man jedoch ver­steht, gleich­sam als wer­de es simul­tan in alle Spra­chen über­setzt: Denn »jeder hör­te sie in sei­ner Spra­che reden « (Apg 2,6). Es ist die Spra­che der Wahr­heit und der Lie­be, die uni­ver­sa­le Spra­che: Auch die Analpha­be­ten kön­nen sie ver­ste­hen. Alle ver­ste­hen die Spra­che der Wahr­heit und der Lie­be. Wenn du mit der Wahr­heit dei­nes Her­zens, mit Auf­rich­tig­keit hin­gehst und mit Lie­be hin­gehst, wer­den alle dich ver­ste­hen. Auch wenn du nicht spre­chen kannst, aber mit einer Lieb­ko­sung, die wahr­haf­tig und lie­be­voll ist.

Der Hei­li­ge Geist offen­bart sich nicht nur durch eine Sym­pho­nie der Klän­ge, die die Viel­falt har­mo­nisch ver­eint und zusam­men­setzt, son­dern er tritt als Kapell­mei­ster auf, der die Par­ti­tu­ren des Lob­prei­ses der »gro­ßen Wer­ke« Got­tes spie­len lässt. Der Hei­li­ge Geist ist der Urhe­ber der Gemein­schaft, er ist der Künst­ler der Ver­söh­nung, der es ver­steht, die Schran­ken zwi­schen Juden und Grie­chen, zwi­schen Skla­ven und Frei­en hin­weg zu neh­men, um sie zu einem Leib zu machen. Er erbaut die Gemein­schaft der Gläu­bi­gen, indem er die Ein­heit des Lei­bes und die Viel­falt der Glie­der in Ein­klang bringt. Er lässt die Kir­che wach­sen und hilft ihr, über die mensch­li­chen Gren­zen, über die Sün­den und über jeden Skan­dal hin­aus­zu­ge­hen.

Das Stau­nen ist groß, und manch einer fragt sich, ob jene Män­ner betrun­ken sei­en. Da greift Petrus im Namen aller Apo­stel ein und legt jenes Ereig­nis im Licht von Joël 3 aus, wo ein neu­es Aus­gie­ßen des Hei­li­gen Gei­stes ange­kün­digt wird. Die Jün­ger Jesu sind nicht betrun­ken, son­dern leben das, was der hei­li­ge Ambro­si­us als »nüch­ter­ne Trun­ken­heit des Gei­stes« bezeich­net, die im Volk die Pro­phe­tie durch Träu­me und Visio­nen ent­zün­det. Die­se pro­phe­ti­sche Gabe ist nicht eini­gen weni­gen vor­be­hal­ten, son­dern allen, die den Namen des Herrn anru­fen.

Von jetzt an, von die­sem Augen­blick an, bewegt der Geist Got­tes die Her­zen, das Heil anzu­neh­men, das durch eine Per­son geht: Jesus Chri­stus, den die Men­schen an das Holz des Kreu­zes gena­gelt haben und den Gott von den Toten auf­er­weckt und »von den Wehen des Todes befreit« hat (Apg 2,24). Er ist es, der jenen Geist aus­ge­gos­sen hat, der die Poly­pho­nie des Lob­prei­ses orche­striert und den alle hören kön­nen. Bene­dikt XVI. sag­te: »Das ist Pfing­sten: Jesus, und durch ihn Gott selbst, kommt zu uns und zieht uns in sich hin­ein« (Pre­digt in der Pfingst­vi­gil, 3. Juni 2006; in O.R. dt., Nr. 24, S. 8). Der Geist wirkt die gött­li­che Anzie­hung: Gott ver­führt uns mit sei­ner Lie­be und bezieht uns so ein, um die Geschich­te zu bewe­gen und Pro­zes­se in Gang zu set­zen, durch die er das neue Leben fil­tert. Denn nur der Geist Got­tes hat die Macht, jedes Umfeld mensch­li­cher und brü­der­li­cher zu machen, begon­nen bei denen, die ihn anneh­men.

Bit­ten wir den Herrn, uns ein neu­es Pfing­sten erfah­ren zu las­sen, das unse­re Her­zen wei­tet und unse­ren Sinn mit dem Sinn Chri­sti in Ein­klang bringt, damit wir ohne Scham sein ver­wan­deln­des Wort ver­kün­di­gen und die Kraft der Lie­be bezeu­gen, die alles, dem sie begeg­net, zum Leben ruft.

* * *

Herz­lich hei­ße ich alle Brü­der und Schwe­stern deut­scher Spra­che will­kom­men. Der Hei­li­ge Geist macht leben­dig und führt uns in Chri­stus als sei­ne Kir­che zusam­men. Las­sen wir uns von sei­ner Kraft ver­wan­deln, um das Heil des Herrn zu ver­kün­den und sei­nen Frie­den und sei­ne Ver­söh­nung zu bezeu­gen, die die Welt so sehr braucht. Der Hei­li­ge Geist erleuch­te und füh­re uns alle­zeit.

Bild. Vatican.va (Screen­shot)