„Der Herr »erhob seine Augen zum Himmel und sagte: Vater, die Stunde ist gekommen«“

Mittwochskatechese von Papst Franziskus

Generalaudienz
Generalaudienz

Lie­be Brü­der und Schwe­stern,
guten Tag!

In die­sen Wochen den­ken wir über das »Vater­un­ser« nach. Jetzt, am Vor­tag des Oster­tri­du­ums, wol­len wir bei eini­gen Wor­ten ver­wei­len, mit denen Jesus wäh­rend sei­ner Pas­si­on zum Vater gebe­tet hat. Die erste Anru­fung fin­det nach dem Letz­ten Abend­mahl statt. Der Herr »erhob sei­ne Augen zum Him­mel und sag­te: Vater, die Stun­de ist gekom­men: Ver­herr­li­che dei­nen Sohn.« Und dann: »Ver­herr­li­che du mich, Vater, bei dir mit der Herr­lich­keit, die ich bei dir hat­te, bevor die Welt war!«

(Joh 17,1.5). Jesus bit­tet um die Herr­lich­keit – eine Bit­te, die para­dox erscheint, wäh­rend das Lei­den vor der Tür steht. Um wel­che Herr­lich­keit han­delt es sich? In der Bibel ver­weist die Herr­lich­keit auf die Offen­ba­rung Got­tes. Sie ist das Merk­mal sei­ner heil­brin­gen­den Gegen­wart unter den Men­schen. Jesus ist jener, der die Gegen­wart und das Heil Got­tes end­gül­tig offen­bart. Und er tut dies am Pascha­fest: Am Kreuz erhöht wird er ver­herr­licht (vgl. Joh 12,23–33). Dort offen­bart Gott end­lich sei­ne Herr­lich­keit: Er nimmt den letz­ten Schlei­er hin­weg und erstaunt uns wie nie zuvor. Denn wir ent­decken, dass die Herr­lich­keit Got­tes nur die Lie­be ist: rei­ne, irr­sin­ni­ge und undenk­ba­re Lie­be, die jede Gren­ze und jedes Maß übersteigt.

Brü­der und Schwe­stern, machen wir uns das Gebet Jesu zu eigen: Bit­ten wir den Vater, die Schlei­er von unse­ren Augen zu neh­men, damit wir in die­sen Tagen, wenn wir auf das Kreuz blicken, erfas­sen kön­nen, dass Gott Lie­be ist. Wie oft stel­len wir ihn uns als Herr­scher vor und nicht als Vater, wie oft den­ken wir an ihn als stren­gen Rich­ter statt als barm­her­zi­gen Ret­ter! Aber am Pascha­fest löscht Gott die Distan­zen aus und zeigt sich in der Demut einer Lie­be, die nach unse­rer Lie­be ver­langt. Wir ver­herr­li­chen ihn also, wenn wir all das leben, was wir mit Lie­be tun, wenn wir alles von Her­zen tun, gleich­sam für ihn (vgl. Kol 3,17). Die wah­re Herr­lich­keit ist die Herr­lich­keit der Lie­be, denn sie ist die ein­zi­ge, die der Welt Leben schenkt. Gewiss, die­se Herr­lich­keit ist das Gegen­teil der welt­li­chen Herr­lich­keit, die dann kommt, wenn man bewun­dert wird, gelobt wird, beju­belt wird: Wenn »ich« im Mit­tel­punkt der Auf­merk­sam­keit ste­he. Die Herr­lich­keit Got­tes dage­gen ist para­dox: kein Bei­fall, kei­ne Zuhö­rer­schaft. Im Mit­tel­punkt steht nicht das Ich, son­dern der ande­re: Denn am Pascha­fest sehen wir, dass der Vater den Sohn ver­herr­licht, wäh­rend der Sohn den Vater ver­herr­licht. Nie­mand ver­herr­licht sich selbst. Wir kön­nen uns heu­te fra­gen: »Für wel­che Herr­lich­keit lebe ich? Für mei­ne oder für Got­tes Herr­lich­keit? Möch­te ich nur von den ande­ren etwas emp­fan­gen oder auch den ande­ren etwas geben?«

Nach dem Letz­ten Abend­mahl tritt Jesus in den Gar­ten Get­se­ma­ni ein; auch hier betet er zum Vater. Wäh­rend es den Jün­gern nicht gelingt, wach zu blei­ben, und Judas mit den Sol­da­ten ankommt, ergreift Jesus »Furcht und Angst«. Er spürt die gan­ze Angst vor dem, was ihn erwar­tet: Ver­rat, Ver­ach­tung, Lei­den, Schei­tern. Er ist »betrübt«, und dort, im Abgrund, in jener Trost­lo­sig­keit, rich­tet er an den Vater das zärt­lich­ste und sanf­te­ste Wort: »Abba«, also Papa (vgl. Mk 14,33–36). In der Prü­fung lehrt Jesus uns, den Vater zu umar­men, denn im Gebet zu ihm liegt die Kraft, im Schmerz vor­an­zu­ge­hen. In der Mühe ist das Gebet Erleich­te­rung, Ver­trau­en, Trost. Von allen ver­las­sen, in der inne­ren Trost­lo­sig­keit ist Jesus nicht allein, er ist beim Vater. Wir dage­gen blei­ben in unse­ren Get­se­ma­ni oft lie­ber allein, statt »Vater« zu sagen und uns ihm anzu­ver­trau­en, wie Jesus uns sei­nem Wil­len anzu­ver­trau­en, der unser wah­res Wohl ist.

Wenn wir in der Prü­fung jedoch in uns selbst ver­schlos­sen blei­ben, dann gra­ben wir in unse­rem Innern einen Tun­nel, einen schmerz­haf­ten ent­ge­gen­ge­setz­ten Weg, der nur in eine ein­zi­ge Rich­tung führt: immer tie­fer in uns hin­ein. Das größ­te Pro­blem ist nicht der Schmerz, son­dern wie man ihm begeg­net. Die Ein­sam­keit bie­tet kei­ne Aus­we­ge; das Gebet ja, denn es ist Bezie­hung, ist Ver­trau­en. Jesus ver­traut alles und ver­traut sich selbst dem Vater an und bringt ihm das, was er spürt, und stützt sich im Kampf auf ihn.

Wenn wir in unse­re Get­se­ma­ni ein­tre­ten – jeder von uns hat die eige­nen Get­se­ma­ni oder hat­te sie oder wird sie haben –, müs­sen wir uns dar­an erin­nern: Wenn wir ein­tre­ten, wenn wir in unse­ren Get­se­ma­ni ein­tre­ten, dann müs­sen wir uns dar­an erin­nern, so zu beten: »Vater«. Schließ­lich rich­tet Jesus ein drit­tes Gebet an den Vater, für uns: »Vater, ver­gib ihnen, denn sie wis­sen nicht, was sie tun!« (Lk 23,24). Jesus betet für jene, die böse zu ihm gewe­sen sind, für sei­ne Mör­der. Das Evan­ge­li­um macht deut­lich, dass die­ses Gebet im Augen­blick der Kreu­zi­gung stattfindet.

Es war wahr­schein­lich der Augen­blick des schlimm­sten Schmer­zes, als Jesus die Nägel in Hand­ge­len­ke und Füße geschla­gen wur­den. Hier, am Höhe­punkt des Schmer­zes, gelangt er zur höch­sten Lie­be: Es kommt die Ver­ge­bung, also die Hin­ga­be an die höch­ste Macht, die den Kreis­lauf des Bösen durch­bricht. Lie­be Brü­der und Schwe­stern, wenn wir in die­sen Tagen das »Vater­un­ser beten«, dann kön­nen wir um eine die­ser Gna­den bit­ten: unse­re Tage für die Herr­lich­keit Got­tes zu leben, also mit Lie­be zu leben; uns in den Prü­fun­gen dem Vater anzu­ver­trau­en zu wis­sen und zum Vater »Papa« zu sagen und in der Begeg­nung mit dem Vater die Ver­ge­bung und den Mut zu fin­den zu ver­ge­ben. Bei­de Din­ge gehö­ren zusam­men. Der Vater ver­gibt uns, aber er schenkt uns den Mut, ver­ge­ben zu können.

* * *

Herz­lich grü­ße ich alle Pil­ger deut­scher Spra­che. Ich wün­sche euch eine gna­den­rei­che Fei­er der hei­li­gen drei Tage vom Lei­den, Ster­ben und der Auf­er­ste­hung des Herrn. Ver­bin­den wir uns inner­lich und im Gebet mit ihm auf sei­nem Weg der ver­trau­ens­vol­len Hin­ga­be an den Vater. Geseg­ne­te Feiertage!

Bild: Vatican.va (Screen­shot)