Geschichtsklitterung

Geschichtsklitterung
Der vor 50 Jahren verstorbene Jurist Fritz Bauer betrieb Geschichtsverdrehung, um den Deutschen eine Kollektivschuld an den Naziverbrechen anzuhängen.

Der vor 50 Jah­ren ver­stor­be­ne Jurist Fritz Bau­er betrieb Geschichts­ver­dre­hung, um den Deut­schen eine Kol­lek­tiv­schuld an den Nazi­ver­bre­chen anzu­hän­gen. Auch die katho­li­sche Kir­che wur­de für das Auf­kom­men des Natio­nal­so­zia­lis­mus ange­schwärzt.

Fritz Bau­er war von 1956 bis zu sei­nem Tod 1968 hes­si­scher Gene­ral­staats­an­walt. In die­sem Amte lei­te­te er die Frank­fur­ter Pro­zes­se gegen Ausch­witz- Ver­bre­cher ein. Das bleibt sein Ver­dienst.

Zur Vor­be­rei­tung der gericht­li­chen Ver­hand­lun­gen ent­fal­te­te Bau­er eine rege publi­zi­sti­sche Tätig­keit. Auf Ein­la­dung des Lan­des­ju­gend­rings Rhein­land-Pfalz hielt er im Okto­ber 1960 einen Vor­trag mit dem Titel: „Die Wur­zeln faschi­sti­schen und natio­nal­so­zia­li­sti­schen Han­delns“. Der spä­ter gedruck­te Rede­text soll­te pro­gram­ma­ti­sche Bedeu­tung bekom­men. In der nach­ste­hen­den Unter­su­chung wird die Neu­aus­ga­be des Tex­tes der Euro­päi­schen Ver­lags­an­stalt zugrun­de gelegt.

Der Jurist Bau­er hat­te jüdi­sche Wur­zeln. Auf reli­giö­se und sozia­le Bin­dun­gen an das Juden­tum leg­te er aber wenig wert. Seit 1920 SPD-Mit­glied, wur­de er im März 1933 für acht Mona­te ins KZ gesperrt. 1936 emi­grier­te er nach Däne­mark und von dort 1943 wei­ter nach Schwe­den. 1949 kehr­te er nach Deutsch­land zurück und wur­de bald zum Braun­schwei­ger Lan­des­ge­richts­di­rek­tor ernannt.

Der ange­spro­che­ne Vor­trag von Fritz Bau­er bekam nach­träg­lich deutsch­land­wei­te Publi­zi­tät. Der Lan­des­ju­gend­ring hat­te vor­ge­schla­gen, das Refe­rat Bau­ers als Lehr­bro­schü­re an die Ober­stu­fen­schü­ler ver­tei­len zu las­sen. Das rhein­land-pfäl­zi­sche Kul­tus­mi­ni­ste­ri­um lehn­te das ab, begrün­det mit meh­re­ren Gut­ach­ten. Die öffent­li­che Aus­ein­an­der­set­zung gip­fel­te 1962 in einer von der SPD bean­trag­ten Land­tags­de­bat­te.

Pauschale Konzepte und Urteile

Ähn­lich wie in Ador­nos Grund­schrift vom „auto­ri­tä­ren Cha­rak­ter“ sah der Text von Bau­er in einem angeb­lich „auto­ri­täts­hö­ri­gen“ Grund­zug der Deut­schen den Wur­zel­grund des deut­schen Natio­nal­so­zia­lis­mus. Die­ser Ansatz sowie pater­na­li­sti­sche Töne von Poli­ti­kern bei der Text­kom­men­tie­rung mögen dazu bei­getra­gen haben, dass Bau­ers Refe­rat auch als Impuls für die spä­te­re „anti­au­to­ri­tä­re“ Bewe­gung der 68er wirk­te.

Fritz Bauers neu aufgelegtes Buch
Fritz Bau­ers neu auf­ge­leg­tes Buch

Zunächst defi­nier­te der Refe­rent den in Euro­pa ver­brei­te­ten Faschis­mus am Bei­spiel Ita­li­ens als ein auto­ri­tä­res und tota­li­tä­res System, in dem Frei­heit und Demo­kra­tie abge­schafft sind. Ein faschi­sti­scher Füh­rer­staat wür­de jedoch in rechts­staat­li­chen For­men und ohne den Ver­nich­tungs­wil­len gegen­über geg­ne­ri­schen Staa­ten, Ras­sen, Klas­sen oder Grup­pen agie­ren. Letz­te­res sei ein spe­zi­fi­sches Kenn­zei­chen des deut­schen Natio­nal­so­zia­lis­mus. Dar­über hin­aus qua­li­fi­ziert Bau­er die NS-Bewe­gung pau­schal als kri­mi­nell und den Nazi-Staat als durch­ge­hen­des Unrechts­sy­stem.

In die­sem Punk­te stand Bau­er im Gegen­satz zu sei­nem Kol­le­gen Ernst Fra­en­kel. Der war eben­falls von jüdi­scher Her­kunft. Nach dem 1. Welt­krieg als sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Rechts­an­walt tätig, emi­grier­te er 1938 über Eng­land in die USA. Aus sei­nen fünf­jäh­ri­gen Erfah­run­gen mit dem NS-Staat ent­wickel­te er das dif­fe­ren­zier­te System­kon­zept des natio­nal­so­zia­li­sti­schen „Dop­pel­staa­tes“: Die NS-Regie­rung han­del­te in Gesetz­ge­bung und Ver­wal­tung ab 1933 wei­ter im Rah­men des klas­si­schen Rechts­nor­men-Staa­tes. Ande­rer­seits wei­te­ten die Nazis auf der Basis der Not­ver­ord­nung vom 28. 2. 1933 den „Maß­nah­me­staat“ ins­be­son­de­re mit Gesta­po- und SS-Gewalt immer wei­ter aus. Im Sek­tor die­ses „Aus­nah­me­staats“ agier­ten die Nazis ohne Bin­dung an Rechts­nor­men in Will­kür und Ter­ror.
Bau­er ging davon aus, dass das nazi­sti­sche Unrechts­sy­stem damals für jeder­mann evi­dent gewe­sen wäre. Dar­aus lei­te­te er eine Wider­stands­pflicht für alle Bür­ger ab. Doch die mei­sten der Deut­schen sei­en die­sem pflicht­mä­ßi­gen Wider­ste­hen nicht nach­ge­kom­men. Bau­ers über­stei­ger­tem Urteil zum NS-Staat als Unrechts­sy­stem von Anfang an ent­spricht eine über­zo­ge­ne Ver­ur­tei­lung aller Deut­schen als Mit­schul­di­ge an NS-Ver­bre­chen.

In sei­nem Refe­rats­text ist die Kol­lek­tiv­schuld­the­se mehr­fach nach­zu­wei­sen: „Das deut­sche Volk“ sei „mil­lio­nen­fach Hit­ler nach­ge­lau­fen — berauscht, begei­stert, fas­zi­niert“ (S.37). Der gan­ze deut­sche „Volks­kör­per“ sei „falsch oder unglück­lich erzo­gen“ und des­halb „krank“ (S. 64). Daher „wur­den die Deut­schen zu einem Volk, dass sich pas­siv betei­lig­te“ an der Het­ze und Ver­fol­gung „der Sün­den­böcke Juden und Sla­wen“ (S. 63). Nach dem Krieg müss­ten „die Deut­schen an das Ent­setz­li­che her­an­ge­hen, das hin­ter ihnen liegt“ (S. 75).

Geschichtsklitterung

Die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der Deut­schen hät­te das nazi­sti­sche System gewollt. „Hit­ler wur­de gewählt, zunächst mit 40 bis 45 Pro­zent und nach­her mit 99 Pro­zent“ (S. 31). Wider bes­se­res Wis­sen ver­biegt Bau­er die histo­ri­schen Tat­sa­chen: Bei den letz­ten frei­en Wah­len im Novem­ber 1932 bekam die NSDAP 33,0 Pro­zent der Stim­men. Die von Hit­ler ange­setz­te Wahl vom März 1933 nach Reichs­tags­brand, Not­ver­ord­nung und mit SA-Ter­ror war nicht mehr frei, das NS-Ergeb­nis von 43,9 Pro­zent nicht als demo­kra­tisch-reprä­sen­ta­tiv anzu­se­hen.

Keine Wahl bei der Hitler-Wahl 1936
Kei­ne Wahl bei der Hit­ler-Wahl 1936

Die 90- bis 99-Pro­zent-Ergeb­nis­se der drei fol­gen­den natio­nal­so­zia­li­sti­schen Akkla­ma­ti­ons-Abstim­mun­gen waren über­haupt kei­ne ‚Wah­len’. Unter den Bedin­gun­gen von Par­tei­en­ver­bot, Ein­heits­pres­se und sozia­lem Zwang, mit teil­wei­se offe­ner Stimm­ab­ga­be, num­me­rier­ten Stimm­zet­teln, Ter­ror gegen Nicht-Wäh­ler und Ergeb­nis­fäl­schun­gen insze­nier­ten die Nazis Pro­pa­gan­da- und Betrugs­ma­nö­ver. 1936 gab es auf dem ‚Stimm­zet­tel’ neben der ‚Liste Adolf Hit­ler’ kei­ne Alter­na­tiv­wahl, nicht ein­mal die Mög­lich­keit einer Nein-Stim­me war vor­ge­se­hen. In der Wahl­f­ar­ce im April 1938 war die Abstim­mung über die NS-Ein­heits­li­ste für den „Groß­deut­schen Reichs­tag“ gekop­pelt mit der nach­träg­li­chen Zustim­mung zur „Wie­der­ver­ei­ni­gung Öster­reichs mit dem Deut­schen Reich“. Zu den bei­den unzu­läs­si­gen Ele­men­ten wie Ein­heits­li­ste und Dop­pel­fra­ge-Abstim­mung kam noch die gra­phi­sche Mani­pu­la­ti­on auf dem „Stimm­zet­tel“, auf dem ein „Ja“ mit einem gro­ßen Kreis bevor­zugt wur­de und ein Mini­kreis das abzu­leh­nen­de „Nein“ signa­li­sier­te.

Dreifache Abstimmungsmanipulation 1938
Drei­fa­che Abstim­mungs­ma­ni­pu­la­ti­on 1938

Wenn man sol­che tota­li­tä­re Zwangs­mo­bi­li­sie­run­gen – in frap­pan­ter Ähn­lich­keit zu DDR-Abstim­mun­gen („Fal­ten­ge­hen“) — als freie Zustim­mung der Deut­schen zu Hit­ler inter­pre­tiert, dann wer­den eher natio­nal­so­zia­li­sti­sche Pro­pa­gan­da­mu­ster nach­ge­zeich­net: Was die Nazis als uto­pi­sches Ziel mit Gleich­schal­tung und Pres­se­ter­ror zu erzwin­gen ver­such­ten, die angeb­li­che Über­ein­stim­mung von Füh­rer- und Volks­wil­len, das behaup­tet Bau­er als ver­wirk­lich­te Rea­li­tät: 99 Pro­zent der Deut­schen hät­ten Hit­ler gewählt.

Nach­dem Bau­er Hit­ler als vom deut­schen Volk gewollt hin­ge­stellt hat­te, folg­te der Ver­such des Gene­ral­staats­an­walts, die Deut­schen der Sache nach als Täter­volk anzu­kla­gen. Sei­ne Defi­ni­ti­on der Täter­schaft ging weit über die ca. 12 Mil­lio­nen beken­nen­de Nazi-Akti­vi­sten in den NS-Orga­ni­sa­tio­nen hin­aus. Auch die pas­si­ven Mit­läu­fer, Nutz­nie­ßer, Zuschau­er, sogar die NS-Distan­zier­ten und Resi­sten­ten und selbst deut­sche NS-Ver­folg­te gal­ten bei Bau­er als Mit­schul­di­ge am natio­nal­so­zia­li­sti­schen Ver­bre­cher-System.

Sein Ankla­ge­maß­stab ergab sich aus der rigi­den Pflicht zum Wider­stand für jeden Bür­ger bei staat­li­chem Unrechts­han­deln, wie oben schon erwähnt. Und da er den NS-Staat als durch­ge­hen­des Unrechts­sy­stem defi­niert hat­te, muss­te jede Koope­ra­ti­on in den Ver­dacht der Kol­la­bo­ra­ti­on kom­men. Auch das pas­si­ve Nicht-Wider­ste­hen wur­de zur Schuld der Dul­dung. Aus den angeb­lich 99 Pro­zent Hit­ler­wäh­lern in Deutsch­land wur­den ver­meint­lich 99 Pro­zent schul­di­ge Deut­sche am NS-System.

Deutsche Kollektivschuld

Mit sei­ner Kol­lek­tiv­schuld­the­se führ­te Bau­er eine poli­ti­sche Pro­pa­gan­da­li­nie der West­al­li­ier­ten fort, die seit dem 1. Welt­krieg die Deut­schen viel­fach als grau­sam-mili­ta­ri­sti­sches Volk hin­stell­ten. Die­se Ideo­lo­gie ging auch in die ame­ri­ka­ni­sche Besat­zungs­di­rek­ti­ve vom April 1945 ein, wor­in es heißt: „Es muss den Deut­schen klar gemacht wer­den“, dass sie die „Ver­ant­wor­tung für Cha­os und Lei­den“ zu tra­gen hät­ten, die von Nazi-Deutsch­land ver­ur­sacht wur­de. Noch ein­deu­ti­ger sag­te es das Pots­da­mer Abkom­men: „Das deut­sche Volk“ habe für die „furcht­ba­ren Ver­bre­chen zu büßen, die unter der Lei­tung derer, wel­che es (das deut­sche Volk) zur Zeit ihrer Erfol­ge offen gebil­ligt und denen es blind gehorcht hat, began­gen wur­den.“

Götz Aly hat in sei­nem Buch: „Vol­kes Stim­me“ an ver­schie­de­nen Indi­ka­to­ren nach­ge­wie­sen, dass die rela­tiv größ­te Zustim­mung zu Hit­ler von 1938 bis 39 bestand, also in der Zeit, als er noch mit den West­mäch­ten in Ver­hand­lun­gen stand. Seit dem Polen­feld­zug nahm die ideo­lo­gisch moti­vier­te Loya­li­tät zum NS-Staat deut­lich ab, der Schwund ver­stärk­te sich mit Beginn des Russ­land­krie­ges. „Zur Zeit ihrer (Blitzkrieg-)Erfolge“ erfolg­te eher eine Abwen­dung von der NS-Füh­rung.

Bei den Kriegs­ver­bre­cher­pro­zes­sen ab 1946 sowie den spä­te­ren Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren rück­te die ame­ri­ka­ni­sche Poli­tik de fac­to von der Kol­lek­tiv­schuld­an­nah­me ab, indem sie rea­li­sti­scher die poli­ti­schen, sozia­len und indi­vi­du­el­len Bedin­gun­gen in Nazi-Deutsch­land ein­schätz­te. In der ame­ri­ka­ni­schen Öffent­lich­keit und Histo­rio­gra­phie dage­gen blieb die Kol­lek­tiv­schuld­the­se viel­fach ver­brei­tet, etwa in Wil­liam L. Shirers „Auf­stieg und Fall des Drit­ten Reichs“ von 1960.

In den 90er Jah­ren impli­zier­te der Ansatz von Dani­el J. Gold­ha­gen erneut die Mit­schuld aller Deut­schen an den NS-Ver­bre­chen. Der US-Autor behaup­te­te, dass die Deut­schen durch die Anti­se­mi­tis­mus­pro­pa­gan­da seit dem 19. Jahr­hun­dert so prä­dis­po­niert gewe­sen wären, dass jeder „gewöhn­li­che Deut­sche“ zum NS-Ver­bre­cher hät­te wer­den kön­nen und es dem­nach poten­ti­ell auch war.

Gro­ße Tei­le der deut­schen Öffent­lich­keit haben sich seit der Täter­volk-Debat­te um die Jahr­tau­send­wen­de de fac­to der Kol­lek­tiv­schuld­the­se ange­schlos­sen. Das Maga­zin DER SPIEGEL spiel­te Vor­rei­ter für die­sen Trend – etwa mit sei­ner The­se, dass die Deut­schen das „wah­re Täter­volk“ sei­en (im Arti­kel vom 3. 11. 2003 mit dem Titel: ‚CDU Der ganz rech­te Weg’).

In der Zeit um 2010 mach­te sich der dama­li­ge Direk­tor des Fritz-Bau­er-Insti­tuts, Prof. Dr. Rapha­el Gross, die Kol­lek­tiv­schuld­the­se zu eigen. In den Edi­to­ri­al der Insti­tuts-Bul­le­tins Nr. 3, 6 und 8 sprach Gross vom „deut­schen Ver­nich­tungs­krieg in der Sowjet­uni­on“, den „deut­schen Mensch­heits­ver­bre­chen“ oder den „deut­schen Mör­dern“. Der Insti­tuts­di­rek­tor folg­te damit Gold­ha­gens The­se, dass die NS-Täter „zunächst und vor allem als Deut­sche und erst in zwei­ter Linie als Natio­nal­so­zia­li­sten oder SS-Leu­te“ zu sehen sei­en. Im Ergeb­nis wur­den die tat­säch­li­chen Nazi-Ver­bre­cher in der grau­en Mas­se „der Deut­schen“ unsicht­bar gemacht. Auch die Nazi-Ver­bre­chen wur­den als „deut­sche Ver­ant­wor­tung und Schuld“ für die „am jüdi­schen Volk began­ge­nen Ver­bre­chen“ umeti­ket­tiert. Nach 2013 tauch­te die Ineins­set­zung von natio­nal­so­zia­li­stisch und deutsch in den Bul­le­tins nicht mehr auf.

Zurück zum Jah­re 1960. Fritz Bau­er fol­ger­te aus sei­ner Posi­ti­on der all­ge­mei­nen deut­schen Schuld­ver­strickung, die gan­ze Kriegs­ge­nera­ti­on müss­te „Gerichts­tag hal­ten“ über sich selbst (S.31). Dabei soll­ten sich die Deut­schen scho­nungs­los selbst­auf­klä­ren, sich selbst­be­schul­di­gen als akti­ve und pas­si­ve Täter, zum Schuld­ur­teil kom­men und dann Bes­se­rung gelo­ben. Gene­ral­staats­an­walt Bau­er woll­te mit sei­nem Refe­rat und wei­te­ren Publi­ka­tio­nen die Linie und erwar­te­ten Ergeb­nis­se der kol­lek­ti­ven mora­li­schen Selbst­rei­ni­gung vor­prä­gen.

Als zwei­ter Teil sei­ner Ankla­ge­schrift sind die Aus­füh­run­gen Bau­ers zu sei­ner Fra­ge­stel­lung anzu­se­hen: Wie kam es zu dem von ihm dia­gno­sti­zier­ten mora­li­schen Ver­sa­gen der Deut­schen? Was hat zu deren spe­zi­fi­scher Auto­ri­täts­hö­rig­keit geführt?

Von alli­ier­ter Sei­te gab es dazu zwei extre­me Vor­la­gen: Der Plan des ame­ri­ka­ni­schen Finanz­mi­ni­sters Hen­ry Mor­gent­hau zur Deindu­stria­li­sie­rung Deutsch­lands war damit begrün­det, dass die Deut­schen „von Natur aus mili­ta­ri­stisch“ wären. Lord Robert Van­sit­tard, Staats­se­kre­tär im bri­ti­schen Außen­mi­ni­ste­ri­um, mein­te in sei­ner frü­hen The­se von der deut­schen Kol­lek­tiv­schuld, die Deut­schen sei­en ein „grau­sa­mes Volk“, das „zu Lug und Trug gebo­ren ist“. Des­halb müs­se die­se gemein­ge­fähr­li­che Nati­on unter dau­ern­de Bevor­mun­dung und mili­tä­ri­sche Über­wa­chung gestellt wer­den.

Politische Dekadenzgeschichte seit Luther

Gegen­über die­ser bio-deter­mi­ni­sti­schen Auf­fas­sung von gemein­deut­scher Schlech­tig­keit beton­te Bau­er die histo­ri­sche Gene­se eines nega­ti­ven deut­schen Natio­nal­cha­rak­ters. Dazu ent­wickel­te er den Gegen­satz zwi­schen dem cäsa­risch-füh­rer­staat­li­chen Ord­nungs- und Unter­ord­nungs­den­ken der römi­schen Staats- und Rechts­tra­di­ti­on einer­seits und der Gesin­nung der alten Ger­ma­nen von Frei­heit und Selbst­be­stim­mung ande­rer­seits (S. 39ff). Wäh­rend die pro­te­stan­ti­schen Län­der Skan­di­na­vi­ens, auch Hol­land, die Schweiz, Eng­land und Ame­ri­ka den alt-ger­ma­ni­schen Geist von Demo­kra­tie und Frei­heit, Kri­tik und Oppo­si­ti­on sowie Wider­stand aus dem Ein­zel­ge­wis­sens bewahrt und wei­ter­ent­wickelt hät­ten, wären die Deut­schen im Spät­mit­tel­al­ter auf das römi­sche System von Auto­ri­tät und Ord­nung, skla­vi­scher Unter­tä­nig­keit und knech­ti­scher Gefolg­schaft umge­schwenkt.

Zahl der Katholiken (Karte oben) und Zahl der NS-Wähler 1932 (Karte unten)
Zahl der Katho­li­ken (Kar­te oben) und Zahl der NS-Wäh­ler 1932 (Kar­te unten)

Nach Fritz Bau­er präg­te Luther mit sei­nem Dik­tum von der bedin­gungs­lo­sen Unter­wür­fig­keit unter die gott­ge­ge­be­ne Obrig­keit den deut­schen Natio­nal­cha­rak­ter „seit dem 16. Jahr­hun­dert bis zum Nazis­mus“ (S. 43). Über die Phi­lo­so­phen Kant und Hegel sowie den Rechts­phi­lo­so­phen Stahl füh­re „ein gera­der Weg zum Genick­schuss der Gesta­po und den Ver­nich­tungs­la­gern von Ausch­witz“. Wei­ter­hin hät­ten die Poli­ti­ker Fried­rich der Gro­ße und Bis­marck als „mephi­sto­phe­li­sche Men­schen­ver­äch­ter und ‑hasser“ die Deut­schen zu „blin­der Staats­gläu­big­keit und Abstump­fung des Rechts­ge­fühl“ zuge­rich­tet. Schließ­lich nennt Bau­er als wei­te­re „Erzie­hungs­mäch­te für den Zug zum Auto­ri­tä­ren“ die deut­sche Mili­tär­aus­bil­dung („Der preu­ßi­sche Feld­we­bel war der Zucht­mei­ster auf Hit­ler.“), das „deut­sche Eltern­haus“ und die „katho­li­sche Kir­che mit ihrem hier­ar­chi­schen Auf­bau“ (S. 57).

Pamphletistenstil

Nach der Publi­ka­ti­on sei­nes Vor­trags hagel­te es Kri­tik von Publi­zi­sten, Histo­ri­kern und Päd­ago­gen an Bau­ers Posi­tio­nen: ver­klä­ren­de Ger­ma­nen­tü­me­lei bei Ver­teu­fe­lung der römi­schen Tra­di­ti­on; Benut­zung der Geschich­te als Rari­tä­ten­ka­sten; extre­me Ver­ein­sei­ti­gung und Ver­ein­fa­chung; unbe­wie­se­ne Kon­ti­nui­tä­ten; ein­di­men­sio­na­le statt mul­tik­au­sa­le Erklä­rung des Natio­nal­so­zia­lis­mus; Pau­scha­li­sie­rung statt Dif­fe­ren­zie­rung; Schwarz­ma­len statt Erhel­len der Geschich­te; die alte Per­so­na­li­sie­rung der Geschich­te – nur dies­mal nicht als Hel­den­ge­schich­te son­dern als Schur­ken­hi­sto­rie; zusam­men­ge­fasst eine „Ver­ge­wal­ti­gung der Ver­gan­gen­heit“ und „Defor­mie­rung des histo­ri­schen Urteils“ – so der Histo­ri­ker Tho­mas Nip­per­dey damals.

Bau­er reagier­te auf die­se Vor­wür­fe mit dem Hin­weis, er habe nicht deut­sche Geschich­te, son­dern nur die Wur­zeln der natio­nal­so­zia­li­sti­schen Kata­stro­phe auf­zei­gen wol­len. Doch die­se Ant­wort über­zeugt nicht: Indem er von der Kol­lek­tiv­schuld aller Deut­schen aus­ging, wur­de sei­ne histo­ri­sche Wur­zel­su­che zwangs­läu­fig zu einer Ankla­ge der gesam­ten Geschich­te der Deut­schen. Auch den Jugend­li­chen, denen die­se Ver­hack­stückung der Histo­rie zuge­dacht war, wur­de der Ein­druck ver­mit­telt: Die deut­sche Geschich­te wäre seit 500 Jah­ren eine nega­ti­ve Deka­denz auf Hit­ler hin. Die Deut­schen hät­ten sich zu einem auto­ri­täts­hö­ri­gen Knechts­volk ent­wickelt. Die­ses Geschichts­bild zeig­te übri­gens ver­blüf­fen­de Ana­lo­gien zur staats­ge­lenk­ten Geschichts­schrei­bung der dama­li­gen DDR.

Bau­ers Ten­denz, histo­risch bedeut­sa­me Per­so­nen aus Deutsch­land gänz­lich anzu­schwär­zen, führ­te zu selt­sa­men Ver­wei­sen: Er emp­fahl den Deut­schen den ‚kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv’ als Schutz vor Wie­der­kehr des ver­gan­ge­nen Unrechts, auch zu Zivil­cou­ra­ge und Mut gegen die Herr­schen­den. Alle Welt weiß, dass der deut­sche Phi­lo­soph Imma­nu­el Kant die­ses ethi­sche Prin­zip in unüber­trof­fe­ner Klar­heit abge­lei­tet hat. Bau­er jedoch brauch­te Kant allein als Böse­wicht in sei­nem Stück und so schob er den Kant’schen Impe­ra­tiv einem unbe­kann­ten jüdi­schen Phi­lo­soph des Mit­tel­al­ters zu (S. 75). An die­se Beob­ach­tung knüpf­te eine wei­te­re Kri­tik an Bau­ers histo­ri­scher Schwarz­ma­le­rei: Kants kate­go­ri­scher Impe­ra­tiv und Schil­lers Frei­heits­dra­men waren den mei­sten Deut­schen bekann­ter — und somit wohl auch wirk­sa­mer ‑gewe­sen als die zitier­ten Refe­rats­stel­len.

Bau­er schob spä­ter die Erklä­rung nach, ange­sichts der schlep­pen­den „Bewäl­ti­gung der NS-Ver­gan­gen­heit“ in der Nach­kriegs­zeit habe er sei­nen Vor­trag als „Pro­vo­ka­ti­on zum Dia­log“ ange­setzt. Doch als Gegen­ent­wurf zur eta­blier­ten deut­schen Geschichts­schrei­bung war sei­ne Schrift mit den klot­zi­gen Typo­lo­gien, Setz­ka­sten­zi­ta­ten oder der ‚Psy­cho-Histo­rie’ nicht geeig­net, auch wegen der unhi­sto­ri­schen Unter­stel­lung der Kol­lek­tiv­schuld. Für den damals wirk­lich defi­zi­tä­ren Geschichts­un­ter­richt an Schu­len, in dem die NS-Geschich­te oft nur mar­gi­nal vor­kam und teil­wei­se auch gerecht­fer­tigt wur­de, war Bau­ers Pro­vo­ka­ti­ons­schrift mit gele­gent­lich pam­phle­ti­sti­schem Stil auch nicht hilf­reich, erst recht nicht als die ursprüng­lich geplan­te Lehr­mit­tel­bro­schü­re. Wenn der Buch­klap­pen­text der Neu­aus­ga­be von Bau­ers Refe­rat über­schrie­ben ist mit: „Fritz Bau­er gegen die Ewig­gest­ri­gen“, so wird die­ser Duk­tus bis heu­te fort­ge­führt.

Ver­wen­de­te Lite­ra­tur:

Fritz Bau­er: Die Wur­zeln faschi­sti­schen und natio­nal­so­zia­li­sti­schen Han­delns. Mit einer Ein­lei­tung von David Johst, Neu­aus­ga­be CEP Euro­päi­sche Ver­lags­an­stalt, in Zusam­men­ar­beit mit dem Fritz Bau­er Insti­tut, Frank­furt am Main 2016.

Text: Hubert Hecker
Bil­der: Autor

1 Kommentar

  1. Die ungu­ten Fol­gen der damals den Deut­schen ein­ge­re­de­ten kol­lek­ti­ven, nie­mals enden­den und histo­risch ein­ma­li­gen Schuld wir­ken bis heu­te nach. Die Sie­ger­mäch­te dage­gen haben ihre Kriegs­ver­bre­chen (z.B. die mili­tä­risch völ­lig über­flüs­si­ge Bom­ba­die­rung Dres­dens aus rei­ner Mord­lust) nie auf­ge­ar­bei­tet. Der gan­ze Asyl­irr­sinn wäre nicht mög­lich, ohne die damals erfolg­te Gehirn­wä­sche. Und bis heu­te wird immer wie­der die „Naz­i­keu­le“ geschwun­gen, wenn jemand zur Ver­nunft auf­ruft.

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